Libanesen in Berlin Wo bitte geht's hier zur Hisbollah?

Rund 900 Mitglieder hat die Hisbollah in Deutschland, etwa 150 in Berlin. In der Hauptstadt ist es nun verboten, Fahnen und Poster der Miliz zur Schau zu stellen. Doch verbieten kann man die Hisbollah nicht - weil es sie gar nicht gibt.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Sieht so eine Brutstätte des Hasses aus? Eine Doppeltür öffnet sich zu einem ordentlichen, weiß getünchten Innenhof. Geradeaus liegt der Gebetsraum. Rechts und links schließen sich die obligatorischen Waschgelegenheiten für Männer und Frauen an. Eine Holztreppe führt in den zweiten Stock, wo das Büro der Imam-Reza-Moschee und des dazu gehörigen "Solidaritätsvereins" liegt. Pflanzen ranken sich an den Wänden entlang. Idyllisch wirkt das.

Demonstration gegen Israel am vergangenen Samstag in Berlin: Eine Frau hält ein Plakat des Hisbollahführers im Libanon, Hassan Nasrallah.
DDP

Demonstration gegen Israel am vergangenen Samstag in Berlin: Eine Frau hält ein Plakat des Hisbollahführers im Libanon, Hassan Nasrallah.

Doch genau hier, in der Reuterstraße im Berliner Stadtteil Neukölln, soll eine informelle Zweigstelle der libanesischen Hisbollah bestehen, jener islamistischen Miliz, die vor drei Wochen zwei israelische Soldaten entführte - und seitdem mit der israelischen Armee einen Krieg ausficht. Von konspirativen Treffen zwischen libanesischen Islamisten und iranischen Diplomaten ist zum Beispiel die Rede. Der Imam der Moschee, Sabahattin Türkyilmaz, will davon nichts wissen: "Nur weil wir Schiiten sind, werden uns solche Verbindungen unterstellt", klagt er mit sanfter Seelsorgerstimme.

Und selbst wenn ein Hisbollah-Mitglied sich, trotz der türkischen und nicht etwa arabischen Predigt, hierher verlieren solle, würde er ihn gar nicht erkennen, fährt der junge Mann fort: "Wer sagt schon: Ich gehöre zur Hisbollah?"

Eine gute Frage. Nach Schätzungen der Sicherheitsbehörden leben in Deutschland etwa 900 Hisbollah-Mitglieder, rund 150 in der Hauptstadt. Seit im Libanon Krieg herrscht, und seit am vergangenen Samstag etwa 3500 Menschen in Berlin demonstrierten und dabei auch Hisbollah-Fahnen geschwungen wurden, rücken sie in den Fokus der Aufmerksamkeit. Wer aber sind diese 900 Personen? Stellen sie eine Gefahr dar? Wie soll man mit ihnen umgehen?

Aus Mitgliedern werden "Terroristen"

Die Imam-Reza-Moschee ist ein Beispiel für die mit diesen Fragen verbundenen Schwierigkeiten. Es gibt, weder hier noch anderswo in Deutschland, ein Klingelschild, auf dem Hisbollah stünde. Genau so wenig wie Mitgliederkarteien oder Spendenquittungen mit dem Schriftzug der Truppe, die zu je einem Drittel militante Organisation, politische Partei und Sozialwerk ist. Die Hisbollah-Strukturen in Deutschland sind informell, die Mitgliedschaft oder Unterstützung kann nur mit Hilfe von Indizienketten unterstellt werden. Immer wieder wird die iranische Botschaft verdächtigt, die Fäden zu führen. Von allerlei Tarnvereinen ist die Rede. Bestimmte Moscheen werden genannt. Aber die Beweislage bleibt stets schlecht.

So ist es auch bei Imam Türkyilmaz: Die Journalistin und Islamismus-Expertin Claudia Dantschke berichtet zum Beispiel, dass die Gemeinde von Türkyilmaz die alljährliche Berliner Kuds-Demo dominiert. Dabei handelt es sich um eine von Iran inspirierte, israelfeindliche und zumindest latent Hisbollah-freundliche Veranstaltung. Der Kleriker kooperiere dabei mit der "Netzwerkfigur" der "Iran-treuen Berliner Schiiten", Yakup Kilic, seines Zeichens "Musiker und Mitarbeiter der Kulturabteilung der iranischen Botschaft". Türkyilmaz bestreitet aber, etwas mit der Hisbollah zu tun zu haben. Er spricht nur von einer grundsätzlichen schiitischen Solidarität. Deswegen habe er auch am vergangenen Samstag mitdemonstriert. Aber ein Nasrallah-Plakat, sagt er, würde er nie in die Hand nehmen, "nur religiöse Parolen" wie etwa das Glaubensbekenntnis.

Es liegt an solchen Zuordnungsproblemen, dass die Hisbollah in Deutschland offiziell nicht einmal verboten ist - denn es gibt sie gar nicht. Denkbar sind, bei fehlenden Straftaten, deshalb nur niederschwellige Sanktionen gegen Individuen. Am Dienstag etwa verbot die Stadt Berlin bei Demonstrationen Werbung für die Hisbollah. Schon die nächste Stufe, ein "Betätigungsverbot", ist aber so gut wie undurchführbar: "Wem wollen Sie das denn zustellen?", fragt spöttisch ein hochrangiger Verfassungsschützer. Dass das Bundesinnenministerium seit Jahren "regelmäßig prüft", aber nie entscheidet, ein solches Verbot zu erlassen, spricht ebenfalls Bände.

Bei der aktuellen Diskussion fällt auf, dass die Sicherheitsbehörden wesentlich gelassener reagieren als die wahlkämpfenden Berliner Politiker - und einige Tageszeitungen. "Hass-Prediger und Terroranhänger können wir in der deutschen Hauptstadt nicht dulden", erklärte etwa Friedbert Pflüger, Spitzenkandidat der CDU für die im September stattfindende Wahl zum Abgeordnetenhaus. Aus 900 Mitgliedern, deren Gewaltbereitschaft unklar ist, machte die "B.Z." gleich "1000 Hisbollah-Terroristen". Im vorläufigen Verfassungsschutzbericht 2005 heißt es dagegen lapidar, die Anhänger des Scheich Hassan Nasrallah zeigten "in Deutschland nur wenig Interesse an einer aktiven Mitarbeit in den örtlichen Hisbollah-Vereinen".

"Wir sind hundertprozentig für Hisbollah"

Auch nach nunmehr drei Wochen Krieg teilen die meisten deutschen Sicherheitsbehörden die scheinbar naheliegende Sorge noch nicht, die Hisbollah könnte ihre Wut über Israels Bomben mittels Anschlägen im Ausland ausdrücken. Erst wenn die Truppe ihre Existenz gefährdet sähe, müsse man damit rechnen, wird vermutet. Kopfschmerzen bereiten den Beamten eher emotionalisierte Einzeltäter, die nicht einmal aus dem Umfeld der Hisbollah stammen müssen. Zwar wissen sie, dass einige der 900 Mitglieder gut trainiert und kampferprobt sind; aber "Anschläge außerhalb des Libanon würden derzeit dem Image der Hisbollah schaden", ist ein Verfassungsschützer überzeugt.

Freilich schließt das nicht aus, dass die 900 deutschen Hisbollah-Mitglieder und ihre Anhänger hier Geld sammeln - mit dem die Zentrale dann möglicherweise Katjuscha-Raketen kauft.

Sympathisanten der Miliz, die zu Spenden bereit sind, kann man in Berlin-Neukölln verhältnismäßig einfach finden. "Wir sind alle hundertprozentig für Hisbollah", erklärt etwa Jusuf* bei einer Wasserpfeife. An der Wand neben ihm hängt ein Aufruf zu der Demonstration vom Samstag. Wie sein Bruder Hani* ist er Sunnit. Und trotzdem kämpft Hani zur Stunde in den Reihen der schiitischen Hisbollah gegen die Israelis, erklärt Jusuf. Auch an den Schlachten von Marun al-Ras und Bint Dschbeil in der vergangenen Woche habe Hani teilgenommen, sei ihm aus dem Libanon zugetragen worden. Er bete für den Märtyrertod seines Bruders. "Es geht nicht um Religion", sagt Jusuf, "es geht um den Kampf gegen einen Besatzer." Wenn Israel die Scheba-Farmen und die libanesischen Gefängnisinsassen zurückgebe, könne es sogar Frieden und eine entwaffnete Hisbollah geben. Dass die Hisbollah Katjuschas auf israelische Zivilisten abfeuert, will hier niemand diskutieren - Israels Vorgehen wird als wesentlich gravierender eingestuft.

"Wir finden Hisbollah gut, aber wir wollen keinen Ärger in Deutschland machen", sagt der Palästinenser Subhi*, der in einem Flüchtlingslager im Libanon aufwuchs und am Samstag, mit palästinensischer Flagge, auf der Demo mitmarschiert ist. "Wir halten uns an eure Gesetze. Keine Hisbollah-Fahnen mehr? Gut, dann eben nicht, kein Problem. Aber wir sind trotzdem wütend auf Israel, wir trauern, und wir unterstützen den Kampf der Hisbollah." Klar, es sei nicht auszuschließen, "dass einer aus Wut mal eine Scheibe eintritt oder so. Aber mehr wird hier nicht passieren. Wir leben ja hier!" Ob er das weiß, weil er mit Hisbollah-Kadern gesprochen hat? Nein, lächelt er unsicher und behauptet: "Ehrlich gesagt: Ich kenne überhaupt niemanden von denen."

*Namen auf Wunsch der Betreffenden geändert.

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