ThemaFDPRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Liberale in der Krise FDP-Frauen starten Putsch gegen Westerwelle

FDP-Chef Westerwelle: Offene Rücktrittsrufe nach WahldebakelnZur Großansicht
AP

FDP-Chef Westerwelle: Offene Rücktrittsrufe nach Wahldebakeln

Der FDP-Führungsstreit als Geschlechterkampf: Die jungen Männer um Christian Lindner und Philipp Rösler wagen sich gegen den angeschlagenen Parteichef Westerwelle nicht aus der Deckung. Mehrere liberale Frauen sind mutiger. Einige fordern ihn offen zum Rückzug auf.

Berlin - Ein Treffen mit Chinas Führungsspitze und die Eröffnung einer Kunstausstellung in Peking: Außenminister Guido Westerwelle (FDP) ist auf dem Weg nach Asien, um am Wochenende die deutsch-chinesischen Beziehungen zu pflegen. Für drei Tage ist er aus der Schusslinie der Kritik seiner eigenen Partei - doch die Diskussion um Westerwelles Führungsqualitäten nach einer Reihe von Wahldebakeln reißt nicht ab. Immer mehr FDP-Politiker melden sich mit Kritik am Liberalen-Chef zu Wort.

Auffallend dabei ist: Nachdem eine Riege von Jungpolitikern und Hoffnungsträgern der Partei vor einem Aufstand bislang zurückschreckt, wagen sich nun vor allem liberale Führungsfrauen mit deutlicher Kritik nach vorne.

Die stellvertretende bayerische FDP-Landesvorsitzende Renate Will forderte Parteichef Westerwelle an diesem Donnerstag offen zum Rücktritt auf. Nach den Misserfolgen bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz reiche es nicht, "nur ein paar Stellvertreter auszutauschen", sagte Will der "Süddeutschen Zeitung".

Westerwelle solle beim Parteitag im Mai sein Amt selbst zur Verfügung stellen. Für die Nachfolge nannte sie Bayerns FDP-Chefin Leutheusser-Schnarrenberger. Die Bundesjustizministerin stehe für das "breite Spektrum eines ganzheitlichen Liberalismus". "Bei ihr passen Person und Inhalt zusammen", sagte Will.

Leutheusser-Schnarrenberger selbst attestierte ihrer Partei am Donnerstag ein Glaubwürdigkeitsproblem. "Man darf nicht alles auf die Atomkatastrophe in Fukushima schieben", sagte Leutheusser-Schnarrenberger der "Mittelbayerischen Zeitung". "Wenn die FDP nach Antworten sucht und Konsequenzen zieht, muss sie berücksichtigen, dass wir schon vorher in einer schwierigen Situation waren."

"Ganz klar Absicht"

Die bayerische FDP-Landesvorsitzende sprach sich als Konsequenz für eine offene, personelle und inhaltliche Debatte in der Partei aus. "Unsere korrigierte und präzisierte Politik muss von den passenden Leuten verkörpert werden", sagte sie.

Die Justizministerin unterstützte zugleich FDP-Generalsekretär Christian Lindner in der Frage des Atomausstiegs. Er hatte gefordert, die acht ältesten Reaktoren in Deutschland dauerhaft abzuschalten und war damit in die Kritik geraten. "Er ist in dieser Frage nicht vorgeprescht. Das ist ganz klar die Absicht."

Lindner verteidigte seinen Vorstoß zu einer Atomwende seiner Partei ebenfalls: "Politische Führung sollte Ängste ernst nehmen. Sonst verliert sie irgendwann ihren Führungsanspruch", sagte er dem "Handelsblatt". Der FDP-Politiker wird von manchen als potentieller Nachfolger des angeschlagenen Parteichefs Guido Westerwelle gesehen, hat sich bisher aber nicht dazu bereiterklärt. Nach Angaben eines anonymen FDP-Führungsmitglieds in der "Süddeutschen Zeitung" war sein Atom-Vorstoß zumindest in der Tragweite nicht mit Westerwelle abgesprochen.

Lob für Lindner

Die Hamburger FDP-Fraktionsvorsitzende Katja Suding forderte ein neues inhaltliches und personelles Gesamtkonzept für ihre Partei. Ein "Weiter so" dürfe es nicht geben, sagte Suding dem "Hamburger Abendblatt". "Dabei stehen prinzipiell alle Ämter und Themen zur Disposition." Sie selbst werde auf dem Parteitag im Mai für ein Amt im Bundesvorstand kandidieren, kündigte die FDP-Politikerin an.

Den Liberalen war Ende Februar mit der Spitzenkandidatur Sudings der Wiedereinzug ins Hamburger Parlament gelungen. Ihre Popularität im Wahlkampf hatte Suding nicht zuletzt einigen medienwirksamen Auftritten mit Westerwelle zu verdanken. Nun spricht die Fraktionschefin in der Hansestadt offen über Westerwelles mögliche Nachfolge: Suding kritisierte, auf manche große Fragen wie die Kernenergie habe die FDP keine befriedigende Antwort gefunden oder habe es nicht geschafft, sie entsprechend zu kommunizieren.

Es sei nun eine thematisch breitere Aufstellung nötig - und die verkörpere niemand mehr als Generalsekretär Lindner. "Christian Lindner hat sicherlich das Potential, einmal Parteivorsitzender zu werden", sagte die FDP-Politikerin.

Lob erhielt der Generalsekretär auch vom niedersächsischen Wirtschaftsminister Jörg Bode (FDP). "Christian Lindner ist ein guter Mann, dem in der FDP noch eine große Zukunft bevorsteht", sagte Bode der Zeitung.

Brüderle will Brot-und-Butter-Kurs

Westerwelles Vorgänger Wolfgang Gerhardt rief zu einem Generationswechsel seiner Partei auf. "Es muss jeder, der Bundesvorsitzender oder Mitglied des Präsidiums ist, für sich selbst entscheiden, ob er die Aufgabe in der Zukunft noch wahrnehmen will", sagte Gerhardt. "Es gibt Zeiten, wo man sich selbst prüfen muss." Nach der Schlappe bei den Landtagswahlen könne nichts so bleiben, wie es ist, sagte der Ex-FDP-Chef, der Ehrenvorsitzender der Liberalen ist.

Auch Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle kritisierte das Erscheinungsbild seiner Partei, ohne Westerwelle namentlich zu nennen. Die Partei müsse sich auf das besinnen, was sie bei der vergangenen Bundestagswahl so stark gemacht habe. "Wir brauchen einen klaren Kurs. Gefragt sind unsere Brot-und-Butter-Themen: Soziale Marktwirtschaft, Bildung, Bürgerrechte und Steuergerechtigkeit", sagte Brüderle der "Bild"-Zeitung.

Einen schnellen Ausstieg aus der Kernenergienutzung in Deutschland lehnte er erneut ab. "Die Energiewende muss zügig kommen, sie muss aber machbar und sicher sein", sagte Brüderle Bild.de. Die FDP wolle so schnell wie möglich ins Zeitalter der Erneuerbaren Energien. "Aber wir müssen den Menschen ehrlich sagen: Ohne neue Leitungen wird es nicht gehen. Und vermutlich auch nicht zum Nulltarif", sagte Brüderle.

Der hessische Parteivorsitzende Jörg-Uwe Hahn bekräftigte im "Darmstädter Echo" seine Forderung, die Freidemokraten müssten "anders aufgestellt werden, inhaltlich und personell". Auf die Frage, ob Westerwelle zurücktreten müsse, antwortete Hahn: "Er muss nicht zurücktreten, weil seine Amtszeit am 13. Mai dieses Jahres ausläuft."

Neuer Koalitionsvertrag?

In der "Financial Times Deutschland" konstatierte er auch eine enge Verbindung zwischen den Euro-Rettungsschirmen und den schlechten FDP-Wahlergebnissen - eine Attacke auf Westerwelle auch als Außenminister. "Wir haben in der Euro-Krise die ordnungspolitischen Grundsätze der FDP verraten", kritisierte Hahn, der in Hessen Europaminister ist. Künftig müsse wieder gelten: "Jeder Staat ist für seine Schulden selbst verantwortlich, niemand darf herausgekauft werden."

Unter Liberalen werden auch erste Rufe nach einer Überarbeitung des schwarz-gelben Koalitionsvertrags laut. "Man muss sich fragen, was gemeinsames Ziel der Koalition für den Rest der Legislaturperiode bis 2013 ist", sagte das FDP-Vorstandsmitglied Christian Ahrendt. "Die bürgerliche Koalition ist bei wichtigen Reformen, für die sie gewählt worden ist, nicht vorangekommen", sagte Ahrendt. Als Beispiele nannte er eine "nachhaltige Gesundheitsreform und eine durchschlagende Arbeitsmarktreform".

Ahrendt, der auch FDP-Landesvorsitzender in Mecklenburg-Vorpommern ist, verlangte einen Parteitagsbeschluss der FDP zum rascheren Ausstieg aus der Kernenergie. Dies sei nicht allein Sache der Bundestagsfraktion. "Hier geht es um die Glaubwürdigkeit der gesamten Partei."

Einreiseverbot für Schriftsteller Spengler

All das wird Westerwelle am Donnerstag nur aus der Ferne beschäftigen: Zum Auftakt seiner China-Reise steht ein Treffen mit Vizeministerpräsident Li Keqiang auf dem Programm, der als wahrscheinlicher künftiger Regierungschef gilt. Westerwelles China-Besuch wird von einem Einreiseverbot gegen den Schriftsteller und Sinologen Tilman Spengler überschattet. Das Außenministerium in Peking hatte Spengler als "keinen Freund des chinesischen Volkes" erklärt und ihm ein Visum verweigert.

Spengler hatte im vergangenen September bei der Verleihung der Hermann-Kesten-Medaille an den chinesischen Bürgerrechtler Liu Xiaobo die Laudatio auf den späteren Friedensnobelpreisträger gehalten. Der Dissident ist in China inhaftiert.

Geplant sind am Freitag auch Treffen mit Ministerpräsident Wen Jiabao und Außenminister Yang Jiechi.

amz/dpa/AFP/dapd

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
insgesamt 128 Beiträge
Seifen 31.03.2011
denn seine Qualitäten sind als Oppositionsführer durchaus unbestritten. Als Außenminister ist er ein Versager.
denn seine Qualitäten sind als Oppositionsführer durchaus unbestritten. Als Außenminister ist er ein Versager.
warmumsherz 31.03.2011
Wieso sollte sich Westerwelle zurückziehen? Wenn alle immer bei Unfähigkeit bzw. chronischer Erfolglosigkeit zurücktreten, dann ist das das Ende der Demokratie. Vor jeder Wahl sollte sich der Wähler und das gilt auch bei [...]
Wieso sollte sich Westerwelle zurückziehen? Wenn alle immer bei Unfähigkeit bzw. chronischer Erfolglosigkeit zurücktreten, dann ist das das Ende der Demokratie. Vor jeder Wahl sollte sich der Wähler und das gilt auch bei Parteitagen, gut überlegen wen oder was er da wählt und mit den Konsequenzen leben. Für Grenzfälle kann man ja immer noch sowas wie Scheidungen durch ein (Schieds)Gericht einführen. Herr Westerwelle entspricht genau meinen Erwartungen, die ich vor den entsprechenden Wahlen hatte. Er ist rhetorisch halbwegs fit, kann aber sonst nichts besonders gut. Deshalb habe ich ihn auch nie gewählt. Alle anderen sollten sich bedeckt halten und in Zukunft ihre Entscheidungen besser abwägen. Aus China könnte er sich aber sehr wohl gut verteidigen, so groß ist die Welt nicht mehr. Es soll dort sogar Telefone und Fernsehen geben. Vielleicht kann er dort ja Freiwillige(re) rekrutieren, die in Fukushima mal auskehren und feucht durchwischen. Die Jungs in den Todeszellen müssen ja nicht unbedingt nur die Happy Meal Beilagen zusammenbasteln. Die würden bestimmt richtig strahlen, wenn sie mal was sinnvolles zu tun bekommen.
mai78 31.03.2011
die FDP hat ihre Doktrin der Spaßgesellschaft längst nicht aufgegeben. Darin liegt ihr Scheitern.
die FDP hat ihre Doktrin der Spaßgesellschaft längst nicht aufgegeben. Darin liegt ihr Scheitern.
Kontrastprogramm 31.03.2011
wäre das definitive Ende der Partei. Identitätskrise nennt man das wohl. Und in der Politik geht damit eine Vertrauenskrise einher.
wäre das definitive Ende der Partei. Identitätskrise nennt man das wohl. Und in der Politik geht damit eine Vertrauenskrise einher.
hilfloser 31.03.2011
Außenministers ist politisch vorbei. Er hat seine Chancen gehabt, sie nicht genutzt, hat viel Verwirrung gestiftet, Deutschland im Ausland teilweise lächerlich gemacht und oft kopflos agiert. Aber bitte auch nicht vergessen das, [...]
Außenministers ist politisch vorbei. Er hat seine Chancen gehabt, sie nicht genutzt, hat viel Verwirrung gestiftet, Deutschland im Ausland teilweise lächerlich gemacht und oft kopflos agiert. Aber bitte auch nicht vergessen das, für mein dafürhalten, die FDP traditionell hervorragende Außenminister aufgestellt hatte. Westerwelle war halt ein Fehlgriff. Jetzt schnell einen Wechsel um die Reputation Deutschlands in der Welt wieder etwas zu heben. Ich denke da macht ein neues Gesicht schon mal einen Guten Anfang. Ich hätte da einen Vorschlag: Den Herrn Guttenberg der ist bei den Amis seeehr beliebt ;-)
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland
alles zum Thema FDP

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Atomkraft in Deutschland
Leistung älterer deutscher Kernkraftwerke
Kraftwerk Betriebs-
start
Defekte Netto-
leistung
in MW
Brunsbüttel 1977 80 771
Isar 1 1979 44 878
Neckarwestheim 1 1976 47 785
Philippsburg 1 1980 39 890
Biblis A 1974 66 1167
Biblis B 1976 78 1240
Unterweser 1978 49 1345
Gesamt 7076
Quelle: Bundesumweltministerium, Bundesamt für Strahlenschutz, IAEA - Power Reactor Information System, Informationskreis KernEnergie


Mitglieder der neuen Energie-Kommission
Vorsitzende

Klaus Töpfer: Bundesumweltminister (1987 bis 1994), Chef des Uno-Umweltprogramms (1998 bis 2006)
Matthias Kleiner: Präsident der Deutschen Forschungsgesellschaft

Weitere Mitglieder

Ulrich Beck: Soziologe
Klaus von Dohnanyi: Bundesbildungsminister (1972 - 74) , Erster Bürgermeister von Hamburg (1981 - 88)
Ulrich Fischer: Landesbischof der Badischen Landeskirche
Alois Glück: Vorsitzender des Zentralkomitees der deutschen Katholiken
Jürgen Hambrecht: Vorstandsvorsitzender BASF
Walter Hirche: Präsident der Deutschen Unesco-Kommission
Reinhard Hüttl: Präsident der Akademie der Technikwissenschaften
Weyma Lübbe: Professorin für Praktische Philosophie
Reinhard Kardinal Marx: Erzbischof von München und Freising
Lucia A. Reisch: Rat für Nachhaltige Entwicklung
Miranda Schreurs: Leiterin Forschungszentrum für Umweltpolitik FU Berlin
Michael Vassiliadis: Vorsitzender der Gewerkschaft IG BC




TOP



TOP