Liebesbeziehung zu Minderjähriger Kieler CDU-Landeschef vor Rücktritt

Erschütterung im Norden: Schleswig-Holsteins CDU verliert wohl ihren Hoffnungsträger für die Landtagswahl im Mai. Landeschef Christian von Boetticher steht offenbar wegen einer früheren Liebesbeziehung zu einer 16-Jährigen kurz vor dem Rücktritt.

Landesparteichef Boetticher: "Die richtigen Schlüsse ziehen"
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Landesparteichef Boetticher: "Die richtigen Schlüsse ziehen"

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Berlin - Christian von Boetticher hatte gerade zum Sprung angesetzt. Landesvorsitzender war er geworden, dann CDU-Spitzenkandidat für die Landtagswahl im Mai 2012. Jetzt wollte Boetticher die Nachfolge des amtsmüden Ministerpräsidenten Peter Harry Carstensen antreten.

So war das geplant. Doch es kommt wohl alles anders. Boetticher steht nach Informationen von SPIEGEL ONLINE kurz vor dem Rücktritt.

"Von Boetticher kündigt persönliche Erklärung an", heißt es auf der Homepage von Schleswig-Holsteins CDU. Der Parteichef habe den geschäftsführenden Vorstand für Sonntag, 18 Uhr einberufen. "Er sieht sich dazu veranlasst, weil er sich mit Gerüchten und daraus resultierenden Wertungen konfrontiert sieht, die zum Teil auf Spekulationen beruhen, die seine Privatsphäre berühren," schreibt die Partei in der Erklärung weiter. Bis zur Sitzung, so lässt CDU-Landesgeschäftsführer Daniel Günther ausrichten, gelte: "Kein Kommentar." Boetticher werde am Abend selbst vor die Presse treten.

Ernsthafte Liebesbeziehung

Spekulationen, die seine Privatsphäre berühren - das heißt im Klartext: Boetticher soll Anfang des Jahres 2010 eine Affäre mit einer 16-Jährigen gehabt haben. So berichtet es neben schleswig-holsteinischen Regionalmedien auch die "Bild am Sonntag". Demnach haben sich Boetticher und der Teenager Anfang des vergangenen Jahres auf Facebook kennengelernt. Der Politiker habe mit der Jugendlichen aus Nordrhein-Westfalen zunächst Mails ausgetauscht, ab März 2010 sei es dann zu mehreren Treffen gekommen. Es habe sich um eine ernsthafte Liebesbeziehung gehandelt. Als aber die Carstensen-Nachfolge auf ihn zukam, habe Boetticher die Affäre im Mai 2010 beendet.

Ausgerechnet Facebook. Boetticher hatte sich wegen seiner Aktivitäten im sozialen Netzwerk bereits früher Ärger von Parteifreunden eingehandelt. Im Juni berichtete der SPIEGEL, dass Boetticher eine Einladung zu einer politischen Diskussion ignoriert, aber auf Facebook gepostet hatte, er wolle sich am selben Abend "eine der längsten Mondfinsternisse dieses Jahrhunderts" ansehen. Und im vergangenen Jahr hatte er via Facebook viele Christdemokraten mit Protzmeldungen von der Promi-Insel Sylt ("Christian von Boetticher Polo on the beach") oder Wein-Prahlereien verstört: "Christian von Boetticher präsentiert heute einen Fuligni Brunello di Montalcino 2004 mit 95 Punkten von Parker." Über seine Arbeit im Parlament schrieb er am 30. April 2010 um 17.04 Uhr: "Christian von Boetticher sitzt jetzt seit 9 Uhr im Landeshaus in Kiel!!! Eine Sitzung nach der anderen. Es reicht!"

Nun aber geht es um ernstere Vorwürfe. Ministerpräsident Carstensen sagte der "Bild am Sonntag", er sei am 1. Juli dieses Jahres über Gerüchte aus Boettichers Privatleben informiert worden: "Ich habe ihn unverzüglich angerufen und ihn über diese Gerüchte informiert. Ich habe auf die Brisanz dieser Gerüchte hingewiesen und ihm empfohlen, sehr offen und sehr offensiv mit diesen Gerüchten umzugehen." Carstensen sehr deutlich: "Ich bin davon überzeugt, dass Christian von Boetticher auch aus diesen Gesprächen die richtigen Schlüsse ziehen wird."

Bundesland mit hoher Skandal-Quote

Boettichers Rücktritt vom Landesvorsitz sowie sein Verzicht auf die Spitzenkandidatur während des Krisentreffens am Sonntagabend gelten bereits im Vorfeld als ausgemacht. Die Haltung der Teilnehmer sei eindeutig, heißt es aus CDU-Führungskreisen. Zwar sei die Beziehung des damals 39-jährigen, unverheirateten Boetticher mit einer 16-Jährigen nicht strafbar, doch sei davon auszugehen, dass sie von den Bürgern als "gesellschaftlicher Tabubruch" wahrgenommen werde.

Boettichers angebliche Liebesbeziehung beschert dem kleinen Bundesland im Norden erneut einschlägige Aufmerksamkeit. Seit Jahren reiht sich in Schleswig-Holstein Skandal an Affäre an Polit-Intrige. Was man in der Landespolitik erlebe, sei "ein Trauerspiel", kommentiert die Zeitung "Schleswig-Holstein am Sonntag": "Affären, Heidemörder, Hahnenkämpfe der Parteichefs - und jetzt ein Spitzenkandidat, der negative Schlagzeilen macht. Das nördlichste Bundesland mag als Wirtschaftsstandort vorangekommen sein; was sein Image betrifft, sicher nicht."

Zur Erinnerung: Im Jahr 2005 erreichte die SPD-Kandidatin Heide Simonis in vier Wahlgängen im Landtag nicht die erforderliche Mehrheit, um als Ministerpräsidentin weitermachen zu können. Bis heute ist ungeklärt, wer der sogenannte Heidemörder war, also wer aus dem eigenen Lager der Politikerin die Stimme verweigerte. Ebenfalls umstritten ist bis heute die Todesursache des Ex-CDU-Ministerpräsidenten Uwe Barschel, der im Oktober 1987 in einem Genfer Luxushotel tot in der Badewanne aufgefunden wurde. Zuvor musste er wegen der nach ihm benannten Affäre um eine Verleumdungskampagne im Wahlkampf vom Amt zurücktreten.

Und nun Boettichers offenbar bevorstehender Rückzug. Nur neun Monate vor der Landtagswahl ist das ein Schock für die Christdemokraten und ihre schwarz-gelbe Koalition. Die SPD könnte profitieren. Nach einer Zeit voller Querelen um Landeschef Ralf Stegner entschied sich die Basis per Mitgliederentscheid im Februar für Kiels Oberbürgermeister Torsten Albig als Spitzenkandidaten für die Wahl. Die Chancen der Sozialdemokraten auf Übernahme der Regierung dürften nun weiter gewachsen sein.

Am Sonntag twitterte SPD-Chef Stegner bereits einen fröhlichen Morgengruß in die Welt hinaus: "Musiktipp: Rolling Stones 'Surprise, surprise'. Habt einen schönen Sonntag allerseits!"

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insgesamt 414 Beiträge
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Seite 1
KarlKäfer, 14.08.2011
1. ...
Wie soll eigentlich jemand, der sich offenbar vor erwachsenen Frauen fürchtet, eine Führungsposition richtig ausfüllen ?
Der Physiokrat 14.08.2011
2. Arm..
Armes Deutschland .... Wie spießig muss man eigentlich sein um die privaten Liebesbeziehungen eines anderen Mannes als Grundlage für Rücktrittsforderungen zu nehmen ? Wieso interessiert es überhaupt wie andere ihr Privatleben gestalten ? Freiheit und Toleranz sehen anders aus ..
b.oreilly 14.08.2011
3. lasst die leute doch in Ruhe!
es liegt kein straftatbestand vor. was soll das ganze. nur weil er führungspolitiker ist, wird eine hetzjagd auf ihn eröffnet!!! ist schon traurig. soll doch jeder nach seiner facon leben.
chewie1337 14.08.2011
4. Frage:
ich dachte sexueller Kontakt mit minderjährigen ist generell verboten? Wieso sollte es dann NICHT illegal sein, wenn ein 39 jähriger mit einer 16jährigen etwas anfängt?
punkorrekt 14.08.2011
5. Was ist aus Deutschland...
Zitat von sysopErschütterung im Norden: Schleswig-Holsteins CDU verliert wohl ihren Hoffnungsträger für die Landtagswahl im Mai. Landeschef Christian von Boetticher steht offenbar wegen einer früheren Liebesbeziehung zu einer 16-Jährigen kurz vor dem Rücktritt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,780157,00.html
... für ein verklemmtes Spießerland geworden. In einer Zeit, wo viele Mädchen mit 14 oder früher ihre ersten sexuellen Erfahrungen machen, soll einer wegen einer Afäre mit einer 16-jährigen zurücktreten. Politiker sollten bei Unfähigkeit oder Korruption zurücktreten, aber nicht wegen ihres Privatlebens. Einvernehmlicher Sex mit körperlich Erwachsenen geht niemand etwas an! Aber wir bewegen uns offenbar schon auf amerikanische Verhältnisse zu.
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