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Lindner-Rücktritt: Der liberale Chefstratege gibt auf

Dieser Paukenschlag stürzt die FDP noch tiefer in die Krise: Christian Lindner tritt als Generalsekretär der Liberalen ab, die Gründe bleiben auch nach einer Erklärung des 32-Jährigen offen. Die Opposition höhnt über das "Bauernopfer" und spekuliert über weitere Rücktritte.

Getty Images

Berlin - Die Lage der FDP wird immer dramatischer. Mit Christian Lindner verlieren die Liberalen einen Hoffnungsträger, an diesem Mittwochvormittag hat er völlig überraschend seinen Posten als Generalsekretär geräumt. In der Parteizentrale der Liberalen äußerte sich der 32-Jährige nun zu seinem Rücktritt - aber ohne konkrete Gründe zu nennen.

Der sichtlich angespannte Lindner verlas eine Erklärung, aus der die Nachrichtenagentur dpa schon vorab zitiert hatte. Darin heißt es: "Es gibt den Moment, in dem man seinen Platz frei machen muss, um eine neue Dynamik zu ermöglichen." Die Ereignisse der vergangenen Tage und Wochen hätten ihn in dieser Einschätzung bestärkt. Das Verhältnis zum Vorsitzenden Philipp Rösler galt schon seit längerem als angespannt. Lindner war noch von Röslers Vorgänger Guido Westerwelle in das Amt geholt worden. Er habe sich "aus Respekt vor der Partei und auch vor dem eigenen Engagement" entschlossen, sein Amt aufzugeben, so Lindner.

Weiter sagte er: "Auf den Tag genau zwei Jahre habe ich als Generalsekretär die Politik meiner Partei in schwieriger Zeit erklärt, verteidigt und mit zu gestalten versucht. Ich bin dankbar für die Zusammenarbeit mit den Bundesvorsitzenden Guido Westerwelle und Philipp Rösler. Vor allem aber danke ich den vielen Mitgliedern meiner Partei, die mir ihr Vertrauen ausgesprochen haben."

Durch den Rücktritt ermögliche er es dem Parteichef, "die wichtige Bundestagswahl 2013 mit einem neuen Generalsekretär vorzubereiten und damit auch mit neuen Impulsen zu einem Erfolg für die FDP zu machen".

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Christian Lindner: Turbo-Aufstieg, tiefer Fall
Deutschland brauche eine liberale Partei dringender denn je, fügte Lindner noch hinzu, bevor er mit den Worten "Auf Wiedersehen" die Bühne räumte. Nachfragen waren nach der wenige Minuten langen Erklärung nicht zugelassen.

Pannen beim Euro-Mitgliederentscheid

Die Parteispitze war im Zusammenhang mit dem Euro-Mitgliederentscheid unter Druck geraten. Rösler und Lindner hatten die Befragung bereits am Wochenende - vor Ablauf der Frist - für gescheitert erklärt. Zudem hatte der Generalsekretär kräftig gegen den Initiator Frank Schäffler ausgeteilt: "Er ist so etwas wie der David Cameron der FDP." Der Ausgang des Entscheids war zuvor immer wieder an Röslers Schicksal als Parteichef geknüpft worden.

Mit dem Mitgliederentscheid, der ab Donnerstag ausgezählt werden soll, wollen die Initiatoren um den Finanzpolitiker Frank Schäffler den Euro-Rettungskurs der Regierung kippen. Es gilt als wahrscheinlich, dass die Mindestbeteiligung von 30 Prozent nicht erreicht wird.

Lindner wurde in der eigenen Partei die Verantwortung für Pannen bei der Organisation des Entscheids zugeschrieben. Kritiker monierten, dass in der Mitgliederzeitschrift "Elde" nicht klar genug auf das Verfahrensprozedere hingewiesen worden sei. Dadurch habe es zahlreiche ungültige Stimmen gegeben. Am Montag hatte sich der Generalsekretär bei einer Sitzung des Bundesvorstands noch verteidigt.

Lindner war seit April 2010 Generalsekretär seiner Partei. Nachdem Guido Westerwelle den Vorsitz der FDP abgeben musste, galt auch Lindner kurze Zeit als möglicher Nachfolger.

Hirsch: "Das muss einen anderen Grund haben"

Der Alt-Liberale Burkhard Hirsch kritisierte den Rückzug: "Ich halte die Entscheidung nicht für richtig", sagte der Mitinitiator des Mitgliederentscheids im TV-Sender Phoenix. Er bezeichnete Lindner als "eine der Hoffnungen der Liberalen" und sagte: "Ich wünsche und hoffe, dass er weiter der Partei zur Verfügung steht." Hirsch zeigte sich überzeugt, dass nicht parteiinterner Druck rund um den Mitgliederentscheid "alleine der Anlass für einen derartig spektakulären Schritt" sei. "Das muss einen anderen Grund haben als die Auseinandersetzung der letzten Tage", mutmaßte Hirsch.

NRW-FDP-Chef Daniel Bahr sagte: "Ich bedaure diesen Schritt menschlich und politisch." Er habe Lindners gute Arbeit als Generalsekretär jederzeit geschätzt und unterstützt, sagte der Bundesgesundheitsminister.

SPD sieht liberale Partei vor dem Verfall

Die Opposition in Berlin reagierte umgehend auf die Nachricht: Lindner sei ein "Bauernopfer" für FDP-Chef Rösler, sagte SPD-Parlamentsgeschäftsführer Thomas Oppermann in Berlin. Der liberale Generalsekretär ziehe mit seinem Rücktritt die Konsequenzen aus dem "Desaster des Mitgliederentscheids" um den Euro-Rettungsschirm. Mit seinem Schritt versuche Lindner, Parteichef Rösler "noch ein paar Tage im Amt zu halten".

Auch SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles sieht die eigentliche Verantwortung beim Liberalen-Chef: "Die FDP steht vor dem Verfall, und der hat einen Namen: Philipp Rösler." Statt Lindner wäre es an Rösler gewesen, zurückzutreten, so Nahles. Rösler sei "der Kopf einer jungen Führungsriege, die gescheitert ist". Mit Lindner verliere die FDP "nicht nur einen klugen Kopf, sondern auch den letzten Rest an Glaubwürdigkeit".

jok/heb/dpa/Reuters/AFP/dapd

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1. Ziellos
MütterchenMüh 14.12.2011
Zitat von sysopDieser Paukenschlag stürzt die FDP noch tiefer in die Krise: Christian Lindner tritt als Generalsekretär der Liberalen ab, die Gründe bleiben auch nach einer Erklärung des 32-Jährigen offen. Die Opposition höhnt über das "Bauernopfer" und spekuliert über weitere Rücktritte. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,803633,00.html
Die Überschrift lautete: "..........der liberale Chefstratege gibt auf....."! Da nach Westerwelles Rückzug keine Strategie mehr registriert werden konnte, ausser der uneinsichtigen weltfremden Forderung nach Steuersenkungen, war der Schritt die einzige logische Konsequenz. Kein Programm, keine Strategie einfach nur ziellos. Die FDP war und bleibt eine Klientelpartei, Mutter Merkel hat die FDP benutzt und kleingehalten, wie damals die SPD in der GroKo. Und ohne Programm braucht kein Mensch die FDP, ausser den paar ......................und meinem Apotheker.
2. noch ein schritt auf dem weg zu 1,8 %
lini71 14.12.2011
Zitat von sysopDieser Paukenschlag stürzt die FDP noch tiefer in die Krise: Christian Lindner tritt als Generalsekretär der Liberalen ab, die Gründe bleiben auch nach einer Erklärung des 32-Jährigen offen. Die Opposition höhnt über das "Bauernopfer" und spekuliert über weitere Rücktritte. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,803633,00.html
Wie heißt es schön: Die Ratten verlassen das sinkende Schiff.. Und tschüß
3. "Chefstratege"? … STRATEGE???
kulinux 14.12.2011
ROFL!! You made my day, SPON. Wenn der Mann ein "Stratege" ist, ist Rösler ein "alter weiser Mann" … oder was? *lach*
4. Gut so ...
WOLF in USA 14.12.2011
Lindner gilt als Sympathietraeger. Das duerfte der Sargnagel fuer die FDP sein, die man eigenlich umbenennen muesste: F(ast)Z(wei)P(rozent) ...
5. die Dynamik der FDP
johnny.bravo 14.12.2011
"Es gibt den Moment, in dem man seinen Platz frei machen muss, um eine neue Dynamik zu ermöglichen." es wird meiner Meinung keine neue Dynamik geben, sonder die schon vorhandene wird sich nur noch verstärken, Richtung 1%.
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