Interview mit FDP-Hoffnung Lindner "Einladung zum Spott"

Die FDP steht nach dem Rauswurf aus dem Bundestag vor einer schwierigen Zukunft. Christian Lindner will Parteichef werden - im Interview benennt er die größten Fehler und Schwächen seiner Partei.

Von

DPA

Berlin - Christian Lindner soll es richten. Der 34-Jährige Landes- und Fraktionschef der nordrhein-westfälischen FDP hat nach dem katastrophalen Ergebnis von 4,8 Prozent bei der Bundestagswahl seine Kandidatur für den Bundesvorsitz angekündigt. Nun muss der Hoffnungsträger der Liberalen aus den Trümmern der Partei wieder eine Formation machen, die in vier Jahren in den Bundestag zurückkehren kann. Zum Umgang mit der alten Führung sagt er: "Ich bin für eine Aufarbeitung mit unserer Basis, aber gegen eine persönliche Abrechnung."

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

SPIEGEL ONLINE: Herr Lindner, 1971 hat Ihr Vorbild Karl-Hermann Flach, einst FDP-Generalsekretär, ein Buch mit dem Titel "Dem Liberalismus noch eine Chance" geschrieben. Mit ihm gesprochen - hat die FDP noch eine Chance?

Lindner: Ich bin davon überzeugt, dass es eine Chance für eine liberale Partei gibt, wenn sie sich in der Mitte der Gesellschaft wieder Respekt erarbeitet. Für eine Partei, die für einen fair geordneten Markt steht, der die Fleißigen und nicht die Rücksichtslosen belohnt. Für eine Partei, die für eine vielfältige Gesellschaft eintritt und für einen Staat, der den Menschen Lebensentwürfe nicht diktiert, sondern Chancen eröffnet. Für eine Partei, die darauf achtet, dass der Staat die Bürger weder finanziell schröpft noch ausspioniert. Dieses klassische liberale Profil ist verschüttet - das müssen wir wieder freilegen.

SPIEGEL ONLINE: Erstmals seit Gründung der Bundesrepublik ist die FDP nicht mehr im Bundestag. Was sind die Gründe?

Lindner: Es gibt viele, aber klar ist - wir haben zu viel von dem, was wir 2009 angekündigt haben, nicht umsetzen können. Im Koalitionsvertrag mit der Union haben wir uns zu oft mit Prüfaufträgen zufrieden gegeben - Papier ist aber geduldig. Außerdem war es zu kurzsichtig, angesichts der Staatsschuldenkrise in Europa auf Steuersenkungen zu bestehen. Wir wollten ja unbedingt Wort halten, das hat aber in der finanziellen Lage inkompetent und uneinsichtig gewirkt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Fehler hat die FDP-Führung um Philipp Rösler gemacht?

Lindner: Ich bin für eine Aufarbeitung mit unserer Basis, aber gegen eine persönliche Abrechnung. Unsere Mitglieder haben viel aushalten müssen. Gerade deshalb muss eine neue Parteiführung ihnen jetzt zuhören, denn sie sind das Fundament für einen Neuanfang.

SPIEGEL ONLINE: Zeitweise war die FDP nur mit sich selbst beschäftigt.

Lindner: Die Personaldebatten haben uns geschadet. Selten ist uns ein kollegiales Miteinander gelungen. Das gilt auch für das Verhältnis zum Koalitionspartner.

SPIEGEL ONLINE: In der letzten Woche vor dem 22. September haben Rösler und der FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle mit "Jetzt geht's ums Ganze" um Zweitstimmen geradezu gebettelt. Ein Fehler?

Lindner: Alle Parteien werben um Zweitstimmen. Eine Einladung zum Spott war bei uns aber der Eindruck, wir würden nur noch für Frau Merkel antreten. Das war unwürdig.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in Nordrhein-Westfalen nur 5,2 Prozent bekommen, obwohl Sie im Bundestagswahlkampf mit ihrem NRW-Spitzenkandidaten Guido Westerwelle zusätzliche Einsätze gemacht haben. Ist Ihre Ausgangsbasis in NRW also auch schmal?

Lindner: Dass wir in NRW über fünf Prozent liegen, ist nur ein schwacher Trost. Nirgendwo konnte sich die FDP dem Trend entziehen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Reaktionen bekommen Sie?

Lindner: Ich habe seit Montag inzwischen Hunderte Mails und Briefe erhalten. Selbst FDP-Mitglieder haben mir geschrieben, sie hätten uns diesmal aus Notwehr nicht gewählt, um einen Neuanfang ihrer Partei zu erzwingen. Kaum je habe ich so erschütternde Zuschriften erhalten. Zugleich haben wir auch viele Eintrittserklärungen bekommen. Das bestärkt mich in meiner Überzeugung, dass neues Vertrauen wachsen kann und die Menschen uns nicht aufgegeben haben.

SPIEGEL ONLINE: Wäre eine Hoffnung der FDP auf eine Rückkehr in den Bundestag nicht baldige Neuwahlen?

Lindner: Darüber spekuliere ich nicht. Ich nehme stattdessen wahr, welche Angebote die Union der SPD bei Steuererhöhungen machen will, obwohl noch nicht einmal förmlich Koalitionsverhandlungen aufgenommen wurden. Vier Tage sind seit der Wahl vergangen und die CDU wechselt bereits den Kurs. Die Bürger werden diese Wende einordnen können.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt ein Image der FDP in der Öffentlichkeit - Partei der Hoteliers, der Immobilienmakler, der Pharmabranche, der Zahnärzte, der Glückspielbetreiber. Wie wollen Sie davon weg kommen?

Lindner: Die kommunikativ völlig verunglückte Hotel-Steuer, die im Prinzip alle Parteien im Programm hatten, war der Urgrund dieses Vorwurfs. Am Ende waren wir nahezu machtlos, diese Vorhaltungen auszuräumen. Dabei hat die FDP beispielsweise größte Einsparungen bei der Pharmabranche durchgesetzt, während die SPD-Gesundheitsministerin in dieser Frage zuvor zahnlos war. Die FDP ist von ihrer Mitgliedschaft und Wählerschaft her immer eine Partei gewesen, die in der Mitte der Gesellschaft zu Hause ist. Das muss wieder stärker zum Tragen kommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie?

Lindner: Wir hätten zum Beispiel vernehmbarer erklären müssen, dass wir uns für kleine und mittlere Betriebe einsetzen, weil dort die Arbeits- und Ausbildungsplätze sind. Und nicht, weil wir die Interessenvertreter allein der Unternehmer sein wollten. Eine kluge Arbeitnehmerpolitik in Deutschland ist Mittelstandspolitik. Denn hier geht es um die Vielen, nicht um die Wenigen.

SPIEGEL ONLINE: Bei den Europawahlen im Mai 2014 hat die FDP mit der AfD eine starke Konkurrenz, allein 440.000 FDP-Wähler haben bei der Bundestagswahl die Anti-Euro-Partei gewählt. Wollen Sie die zurückholen?

Lindner: Wir sind eine Europa-Partei, wir wenden uns an 62 Millionen Wahlberechtigte in Deutschland. Wir machen unsere Vorschläge - aber wir rennen keiner Partei hinterher, die sich außenpolitisch ernsthaft noch auf Bismarck beruft. Die FDP will, dass Europa eine Stabilitätsunion wird. Das heißt, Strukturprobleme können nicht mit deutschem Geld zugeschüttet werden, Europa braucht Reformen für mehr Wettbewerbsfähigkeit. Nach dem Regierungswechsel ist nun aber zu befürchten, dass dieser Kurs abgeschwächt wird.

SPIEGEL ONLINE: Als möglicher neuer FDP-Chef müssen Sie die Partei personell neu aufstellen. Wolfgang Kubicki will Parteivize werden, ein Mann deutlicher Worte. Wie wollen Sie und der Feuerkopf aus dem Norden zusammenarbeiten?

Lindner: Machen Sie sich keine Sorgen. Die FDP ist eine vielfältige Partei mit unterschiedlichen Temperamenten, das muss sich auch künftig im Außenbild stärker widerspiegeln.

SPIEGEL ONLINE: Der FDP-Bundesvize Holger Zastrow aus Sachsen hat erklärt, er habe Vorbehalte gegen Sie, er habe Ihren Rücktritt als FDP-Generalsekretär 2011 nicht vergessen.

Lindner: Ich habe damals den Kurs meiner Partei nicht mehr als Generalsekretär vertreten wollen, das stimmt. Meine jetzige Kandidatur ist das Angebot, die Partei zu erneuern und wieder in den Deutschen Bundestag zu führen. Als Liberaler fürchte ich den Wettbewerb aber nicht.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 197 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
xxbigj 26.09.2013
1. optional
"Erstmals seit Gründung der Bundesrepublik ist die FDP nicht mehr im Bundestag. Was sind die Gründe?" MÖVENPICK, Hoteliers bevorzugung, 1000 beamte Neu einstellen in eigens gescahffenen Behörden, den politischen Gegner zu behandeln als ob sie Verbrecher wären etc das wären mal ehrliche Antworten. Lindner hat auch gar nicht begriffen. SO GIBT ES KEINEN NEUANFANG!!!
glen13 26.09.2013
2.
Zitat von sysopDPADie FDP steht nach dem Rauswurf aus dem Bundestag vor einer schwierigen Zukunft. Christian Lindner will Parteichef werden - im Interview benennt er die größten Fehler und Schwächen seiner Partei. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/lindner-will-keine-abrechnung-mit-der-alten-fdp-fuehrung-a-924609.html
Ein Interview das Hoffnung macht. Christian Lindner ist erst 34 Jahre alt und er wirkt professionell, sympathisch und fachlich auf dem neuesten Stand. Alles was Rösler fehlt. So wie Lindner seine FDP beschreibt, hätte sie eine Chance. Eine solche FDP hat eine Daseinsberechtigung.
Einfacher Bürger 26.09.2013
3. Zahnloses Interview
Es wurde nicht mal ansatzweise hinterfragt, welche Qualifikation Christian Lindner hat. Nämlich nur die eines Bankrotteurs und Fahnenflüchtigen, sobald es schwierig wird. Die FDP zahlt seinen Lebensunterhalt.
nikolaus1962 26.09.2013
4. Einladung zum Spott für die FDP?
Lieber Spiegel, das ist sehr nett von Euch und ich danke recht Herzlich für die Einladung aber jetzt muss es auch mal gut sein. Die FDP ist für die nächsten vier Jahre tod und man muss niemanden töter als tot machen. Vielleicht beteht für Christian Lindner und Wolfang Kubicki in vier Jahren wieder die Auferstehung mal sehen, was sie dann für Inhalte haben und wenn mir die Inhalte nicht gefallen und der Wähler, wählt sie erneut ab, dann komme ich in vier Jahren auf Ihre Einladung zum Spott zurück.
saywer,tom 26.09.2013
5. Nicht wirklich
Lindner: "Außerdem war es zu kurzsichtig, angesichts der Staatsschuldenkrise in Europa auf Steuersenkungen zu bestehen. " Nein, war es nicht. Man hätte z. B. die allgegenwärtige Steuerverschwendung mal angehen können (Beispiele gibt es ja mehr als genug) oder eine Steuerstrukturreform, um die Steuern mit weniger Aufwand, dafür aber flächendeckend (ohne Schlupflöcher) deinziehen zu können. Aber Westerwelle hat es vorgezogen, das AA zu übernehmen in der Hoffnung, dort werde er unvermeidbar everybody's darling.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.