Linke im Saarland Oskar im Comeback-Kampf

Es soll, es muss ein Triumph für Oskar Lafontaine werden: Der Chef der Linken will bei der Landtagswahl im Saarland mindestens 20 Prozent der Stimmen erobern - und die SPD zur Zusammenarbeit zwingen. Allein so kann er die Kritiker in der eigenen Partei zum Schweigen bringen.

Aus Saarbrücken berichtet


Ein Klicken, dann surrt es kurz und dieses knapp acht mal acht Zentimeter große Stück Papier rutscht langsam aus dem Gerät, erst farb- und kontrastlos, ehe es Konturen gewinnt. Zu sehen ist darauf ein Paar, beide um die sechzig, er im blauen Polo-Shirt, sie im geblümten Sommerkleid. Und dann ist da noch dieser Mann links neben ihnen auf dem Bild. Die grauen Haare streng gescheitelt, die oberen Knöpfe seines kurzärmligen hellblauen Hemds geöffnet, dazu eine dunkle Hose, er guckt zufrieden.

"Schönes Foto", sagt er und gibt es dem Paar mit auf den Weg.

Dieser Mann ist Oskar Lafontaine. Er macht Wahlkampf, und einige seiner wichtigsten Helfer wenige Tage vor der Landtagswahl im Saarland sind von Polaroid: Klobige Kameras im Plastikgehäuse, die nach längst vergangenen Zeiten aussehen.

Im Wahlkampf benötige man heutzutage schnelle Botschaften, sagen Politprofis, sie sprechen von Internet und Amerikanisierung - Oskar Lafontaine, der sich selbst einen "Internetmuffel" nennt, geht auf Marktplätze und Dorffeste, setzt sich zu Ausflugsgruppen an Café-Tischen dazu. Ein kurzes Gespräch über dies und das, "machen wir noch ein Foto", sagt der 65-Jährige dann, einer seiner Parteiassistenten von der Linken hat sich längst in Position gebracht: Klick, zzzzzzt, Lafontaine schreibt seinen Namen und das Datum auf den Bildrand, "in einer Minute ist es fertig". Die Damen und Herren von Polaroid könnten es nicht besser demonstrieren.

"Der beste Mann im Saarland"

So hat es Lafontaine auch früher schon gemacht. Giuseppe, 73, Markthändler aus Sizilien und seit 52 Jahren in Saarbrücken, hat noch heute ein Bild, das ihn, seinen kleinen Sohn Ferruccio und Lafontaine im Jahr 1981 zeigt. "Er ist der beste Mann im Saarland", sagt Giuseppe über Lafontaine.

1981 war Lafontaine Oberbürgermeister in Saarbrücken und wenn er in diesen Tagen angereiste Journalisten durch die Stadt führt, spricht er mit Stolz über diese Zeit. "Haben wir gemacht", sagt er etwa über den Platz mit Brunnen am St. Johanner Markt in der Stadtmitte, früher sei dort eine Straße entlanggelaufen. Und weiter oben, die Fußgängerzone - da wollte er eigentlich ein langes Glasdach drüberziehen, so sehe es eben sehr gewöhnlich aus, "aber ich kam ja nicht mehr dazu".

Es ging eben weiter für ihn, vom Oberbürgermeister zum Ministerpräsidenten, 13 Jahre lang regierte er an der Saar, wurde Kanzlerkandidat, SPD-Chef, Finanzminister unter Kanzler Gerhard Schröder und dann folgte diese so oft erzählte Geschichte vom Zerwürfnis mit den Sozialdemokraten: Rücktritt von seinen Ämtern, Austritt aus der SPD, Comeback bei der WASG, die später mit der PDS zur Linken fusioniert, Wiedereinzug in den Bundestag, Chef der Linken.

Und jetzt noch einmal der Versuch, Ministerpräsident zu werden.

Mehr als eine gewöhnliche Landtagswahl

Es wird mehr als eine gewöhnliche Landtagswahl sein am 30. August. Weil es auch um die Frage geht, ob die SPD erstmals in einem westdeutschen Bundesland mit der Linken paktiert. Die letzten Umfragen sehen weder eine Mehrheit für die CDU mit ihrem Ministerpräsidenten Peter Müller und die FDP, noch für SPD und Linke. Es könnte auf die Grünen ankommen, die sich jede Koalitionsmöglichkeit offen halten und nur eines ausschließen: Lafontaine zum Ministerpräsidenten zu wählen, womit sie den 65-Jährigen verärgert haben. Auch die SPD schließt das aus, wäre aber zu einem rot-roten Bündnis mit ihrem Spitzenkandidaten Heiko Maas als Regierungschef bereit.

Vor allem wird es am 30. August mehr als eine gewöhnliche Landtagswahl sein, weil Lafontaine dabei ist. Ohne ihn stünde seine Linke nicht bei den 18 Prozent, die ihr in der letzten Umfrage zugeschrieben wird. Von solchen Werten träumt die Partei sonst im Westen, die Vergangenheit der Linken steckt eben vor allem in der ehemaligen PDS.

Lafontaine weiß genau, dass er es ist, der so den Wahlkampf spannend macht und kann das auch ganz unbescheiden formulieren: "SPD und Grüne müssten mir eigentlich jeden Tag eine Kerze vor die Tür stellen."

Lafontaines One-Man-Show

Tun sie aber nicht. Maas wirft der Linken vor, "landespolitisch profillos" zu sein, der grüne Spitzenkandidat Hubert Ulrich hält sie "nicht für regierungsfähig". Die Saarland-Linke sei eine One-Man-Show, weiteres qualifiziertes Personal neben Lafontaine sei in der Partei so gut wie nicht vorhanden. Und Lafontaine, so Ulrich, sei etwa mit seinem Engagement gegen das für 2012 vorgesehene Ende der Kohleförderung "ein Mann von vorgestern".

Verehrt wird Lafontaine dafür von seinen Anhängern. Rund 800 Gäste kommen zum Sommerfest der Linken nach Saarbrücken-Burbach an einem Freitagnachmittag und feiern den Spitzenkandidaten der Linken. "Wenn nicht du, wer sonst?", singt eine Band in dem stickigen Festzelt, als Lafontaine zwischen Biertischen entlang zum Mikrofon läuft, die Leute rufen "Oskar, Oskar".

Die Rollen in der Linken sind klar geregelt: Es gibt Lafontaine - viel mehr nicht. Rolf Linsler, Chef der Saarland-Linken, spricht in Burbach drei knappe Sätze, ansonsten steht er klatschend an der Seite Lafontaines und reicht ihm ein Glas mit Mineralwasser, wenn der Obergenosse zwischen seinen Angriffen auf Ministerpräsident Müller ("hat versagt"; "gehört abgewählt") und die Grünen ("stehen für Hartz IV, Praxisgebühr und andere soziale Ferkeleien"; "haben ohne Not die Zusammenarbeit mit mir aufgekündigt") eine Atempause braucht.

Der letzte Wahlkampf mit Polaroid

20 Prozent plus x sei das Ziel am 30. August, sagt Lafontaine. Dann könne die Linke "vielleicht als zweitstärkste Kraft ins Ziel gehen, dann werden wir die Regierung bilden" - die Linke vor der SPD, so stellt sich Lafontaine das Wahlergebnis vor, um die in Umfragen deutlich führende, aber schwächelnde CDU abzulösen.

Kritiker glauben ihm gar nicht erst, dass er es ernst meint mit seiner Kandidatur. Sie halten diesen Schritt für ein durchsichtiges Manöver, um mit Hilfe von Lafontaines Popularität das bestmögliche Ergebnis für die Linke zu erzielen. So sagt das auch Maas: Lafontaine wolle gar nicht im Saarland regieren. "Deswegen kandidiert er vier Wochen nach der Landtagswahl für den Bundestag."

Lafontaine selbst hat zudem mehrfach betont, dass er nur als Regierungschef im Saarland bleiben wolle und sonst seine Rolle weiter in Berlin sehe. Er könne doch nicht unter Heiko Maas arbeiten, den er selbst einst ins Kabinett holte.

Aber auch in Berlin würde Lafontaine ein gutes Ergebnis im Saarland nützen. In seiner Partei werden die Stimmen der Skeptiker lauter, die die Machtposition des Vorsitzenden beschränken wollen. Ein Triumph im Saarland würde die parteiinternen Kritiker verstummen lassen, so das Kalkül im Lafontaine-Lager. 20 Prozent plus x, das wäre ein solcher Triumph, eine Regierungsbeteiligung der Linken ein noch größerer Coup.

Die Sofort-Kameras sind auch beim Sommerfest der Linken im Einsatz. Klick, zzzzzzt, ein Frau steckt sich ihr Foto, das sie neben dem Chef der Linken zeigt, in die Tasche. "Ich mag den Oskar", sagt sie.

Für Lafontaine dürfte es der letzte Wahlkampf mit Polaroid-Bildern gewesen sein. Bis Ende des Jahres sollen die letzten Filme dieser Art über die Ladentheke gehen, dann will das Unternehmen ganz auf Digitaltechnik setzen.



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