Linke-Wahlkämpferin Kipping Chefin, zweite Reihe

Sie ist Deutschlands mächtigste Linke. Theoretisch. In der Praxis jedoch steht Linke-Chefin Katja Kipping im Schatten von Spitzenkandidatin Sahra Wagenknecht. Wie lange noch?

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Aus Dresden berichtet


Wahlkampf ist auch Gemüsesuppe. Katja Kipping, Chefin der Linken, will ihre Partei wieder zur drittstärksten Kraft im Bund machen. Jetzt schnippelt sie energisch die Schale von einer Kartoffel. Links ein Topf mit Kochwasser, rechts ein Stapel mit Programmflyern. "Die Suppe dauert noch. Aber unsere tollen Inhalte sind schon fertig", scherzt Kipping.

Niemand lacht.

Kipping ruckelt das Mikrofon an ihrer Wange zurecht. Aus einem Lautsprecher scheppert es über den Platz, der eigentlich ein etwas breiterer Gehweg ist. Eine Handvoll Journalisten ist da.

Ansonsten ist der Platz leer.

Die Kochtour ist eine alte Aktion der Linken. Man kommt leichter mit den Menschen ins Gespräch, so die Idee, wenn es zuerst um Möhren und Pfeffer geht. Diesmal in Dresden-Prohlis, DDR-Platte, eigentlich Linken-Terrain. Und Kippings Wahlkreis.

Die Genossen haben ihr Zelt vor einer Tafel für Bedürftige aufgeschlagen. Doch die wenigen Besucher des Marktes sitzen vorerst lieber ein paar Meter entfernt im Schatten.

Kipping tut trotzdem so, als hörte ihr jemand zu. Mit Rico Gebhardt, Landeschef in Sachsen, wechselt sie Wortwitze.

"Wem würdest du gerne mal die Suppe versalzen", fragt Gebhardt.

Wenn schon, dann der FDP, sagt Kipping.

Eine ältere Frau mit Einkaufstüte wackelt vorbei. Sie schüttelt den Kopf. "So ein Quatsch, diese Linken." Es ist ein unwürdiges Schauspiel.

Parteichefin seit 2012

Klar, der Gehweg in Prohlis ist kein belebter Marktplatz. Doch Kipping kennt diese Situationen. Zu ihren Kundgebungen kommen oftmals nur ein paar Dutzend Menschen. Dabei ist sie formal Deutschlands mächtigste Linke. Mit Bernd Riexinger führt sie seit 2012 eine Partei mit rund 60.000 Mitgliedern.

Kipping beim Kochen im Wahlkampf
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Kipping beim Kochen im Wahlkampf

Doch der große Star der Linken ist eine andere: Sahra Wagenknecht, ausgerechnet Kippings schärfste Rivalin.

Wenn die Fraktionschefin irgendwo auftaucht, wird sie sofort umringt von Menschen, die Fotos mir ihr machen wollen. Personenschützer weichen ihr nicht von der Seite. Kipping dagegen fährt in vollen Straßenbahnen durch Dresden und bleibt unerkannt.

Wagenknecht ist wohl eine der besten Rednerinnen der Republik. Wenn Kipping laut spricht, fällt sie in ein leichtes, sich überschlagendes Sächsisch.

Auf Facebook folgen Kipping rund 60.000 Menschen - bei Wagenknecht sind es mehr als sechsmal so viele.

"Ich muss nicht drängeln"

Kipping sagt, ihr mache das nichts aus. "Ich habe genug Aufmerksamkeit für alles, was mir wichtig ist. Ich bin in meinem Alter Parteivorsitzende. Ich habe nicht das Gefühl, drängeln zu müssen."

Natürlich muss sie das nicht. Kipping ist erst 39 Jahre. Sie ist erfolgreich, obwohl sie keinem der beiden mächtigsten Parteiflügeln angehört, nicht den linken Fundis, Wagenknechts Lager. Nicht den Reformern.

Wagenknecht in Schwerin
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Wagenknecht in Schwerin

Unter Kippings Führung wurden die üblichen Reibereien bei den Linken zumindest seltener offen ausgetragen. Sie hat sich als Sozialpolitikerin etabliert. Sie kann zuhören, mitfühlen, in der Flüchtlingskrise etwa hat sie den Kurs vorgegeben: Empathie. Und Kipping bemüht sich, die Partei zu öffnen: für die hippe Großstadtjugend etwa. Und für SPD und Grüne.

Im Frühjahr trafen sie und Riexinger sich mit dem SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz. Über den Inhalt schwiegen die Vorsitzenden auch intern - zum Ärger mancher Genossen. Doch das hatten sie Schulz versprochen. Es heißt, die beiden seien mit einem guten Gefühl aus der Runde gegangen. Die Hoffnung auf Rot-Rot-Grün war da.

Nächster Karriereschritt?

Kipping arbeitete fortan auf ein Bündnis hin. Sie informierte sich bei den regierungserfahrenen Landesverbänden, wie das so geht mit den Koalitionsverhandlungen; sie präsentierte ein penibel durchgerechnetes Wahlprogramm, um den möglichen Partnern die verbreitete Angst zu nehmen, dass man bei den Linken nicht weiß, woran man ist.

In einer Regierung wäre Kipping eine ziemlich sichere Kandidatin fürs Kabinett. Es wäre nicht nur ihr nächster Karriereschritt. Regierung, das hieße für Kipping auch mehr Rampenlicht - neben Wagenknecht.

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Katja Kipping: Linke, Chefin, zweite Reihe

Nun, da Rot-Rot-Grün unmöglich erscheint, sagt die Parteichefin zu einem solchen Linksbündnis nur: "Die Frage stellt sich jetzt nicht." Da schwingt auch Enttäuschung mit.

Wenig Gemeinsamkeiten

Viele in der Partei nehmen ihr die Gelassenheit in Wagenknechts Schatten nicht ab. "Natürlich wurmt sie das", sagt ein Spitzengenosse.

Das ist auch nicht verwunderlich. Die Frauen können sich nicht leiden, persönlich nicht, politisch nicht. Zwar stammen beide aus der DDR - das war es aber schon mit den Gemeinsamkeiten. Wagenknecht wuchs als Einzelgängerin auf, Kipping war Schülersprecherin.

Kipping, Riexinger
DPA

Kipping, Riexinger

Wagenknecht steht für Klassenkampf, die klassische Linke, wenn man so will. Kipping spricht auch gerne mal über die Digitalisierung.

Dazu der alte Parteikonflikt: Kipping will regieren, Wagenknecht sieht Bündnisse mit der SPD skeptisch. In der Flüchtlingskrise warb Kipping für einen offenen Kurs, Wagenknecht sprach von verwirkten "Gastrechten".

Und letztlich geht es auch um die Machtfrage. Wer hat bei den Linken das Sagen? Das Karl-Liebknecht-Haus, die Partei? Oder doch die Fraktionsspitze im Bundestag?

Der Wahlkampf der Linken war deshalb von Anfang an auch ein Kampf zwischen Kipping und Wagenknecht.

Streit um Spitzenkandidatur

Im Herbst kam es in der Spitzenkandidatenfrage zum Eklat. Kipping wollte antreten, Wagenknecht aber nicht mit Kipping. Die Folge: heftige Vorwürfe aus beiden Lagern. Die einen sagen, Wagenknecht habe der Parteichefin die Pistole auf die Brust gesetzt. Kipping habe die Situation bewusst eskalieren lassen, die anderen.

Wagenknecht und der Reformer Dietmar Bartsch setzten sich am Ende durch. Kipping und Riexinger sind nur Teil eines "Spitzenteams". Eine gesichtswahrende Lösung für Kipping, mehr nicht.

Riexinger, Kipping, Bartsch, Wagenknecht
imago/ Christian Schroedter

Riexinger, Kipping, Bartsch, Wagenknecht

Die politischen Entscheidungen lägen bei den Vorsitzenden, betont Kipping immer wieder. Auf den Wahlplakaten sind auch sie und Riexinger zu sehen. "Katja unterläuft die Entscheidung vom Herbst", heißt es aus dem Wagenknecht-Flügel.

Es drängt Kipping an die Öffentlichkeit. ARD, ZDF, Sat.1 - in den vielen TV-Runden vor der Wahl sitzt nicht Riexinger, sondern sie. Kipping bereitet sich stets akribisch vor, probt immer und immer wieder ihre Auftritte. Die Parteichefin ist erfolgreich, wenn sie die Karten selbst legen kann. Geschickt, nennen das ihre Anhänger, sie sei eine gute Netzwerkerin. Andere beschreiben sie als kühle Taktikerin, als autoritär, gar als intrigant.

Im Zweifel keine Scheu

Dass sie im Zweifel hart durchgreift, zeigte Kipping bereits auf dem denkwürdigen Skandal-Parteitag von Göttingen im Jahr 2012. Als Außenseiterin nutzte sie den Flügelstreit zwischen Reformern und Linken. Am Ende stand sie selbst an der Spitze. Ihr machttaktisches Meisterwerk.

Den Streit scheut sie auch heute nicht. Als sich Kipping in der entscheidenden Vorstandssitzung vor dem Parteitag Anfang Juni in Hannover mit ihrer Forderung nach einem konkreten Einwanderungsgesetz nicht durchsetzen konnte, soll sie mit ihren Leuten aus Protest kurzerhand den Raum verlassen haben. So berichten es Teilnehmer der Runde. Kipping selbst spricht von üblichen Pausen in einer stundenlangen Sitzung.

Nur, was will sie?

Immer wieder wird im linken Flügel dieses Gerücht gestreut: Kipping habe es selbst auf den Fraktionsvorsitz abgesehen. Das Amt von Wagenknecht. Fraglich, ob das stimmt - zumindest für den Moment. Denn Voraussetzung wäre eine Pleite der Linken bei der Wahl. Diese wiederum würde sicher auch den Linken-Chefs angekreidet, also auch Kipping.

Sie selbst sagt: "Ich bin gerne Parteivorsitzende, und ich will 2018 auch wieder für dieses Amt kandidieren."

Gut möglich, dass das funktioniert. Viele Linke sind froh, dass in der jetzigen Machtkonstellation der Laden nicht wieder völlig auseinanderfliegt. Für Kipping selbst wäre die Wiederwahl ein bisschen wie Gemüsesuppe: Schmeckt gut. Aber macht auf Dauer nicht richtig satt.

Anmerkung: Wir haben den Namen von Sahra Wagenknecht und, an einer Stelle, die Ortsangabe zu Dresden-Prohlis korrigiert.



insgesamt 73 Beiträge
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Seite 1
sir wilfried 15.09.2017
1. Sie ist das Problem
Katja Kipping ist m.E. eher ein Problem der LINKEN. Während Frau Wagenknecht und Hr. Lafontaine in Analyse und Handhabung politischer Situationen und Probleme außerordentlich intelligent und unaufgeregt wirken, kommt Frau Kipping meist oberflächlich und weinerlich rüber. Oft hat man das Gefühl, sie sei in der falschen Partei.
wimjonk 15.09.2017
2. Dresden-Pöhlsen?
Gibt's nicht!
schwaebischehausfrau 15.09.2017
3. Nicht nur Welten...
Intellekturell liegen nicht nur Welten, sondern ganze Galaxien zwischen Wagenknecht und Kipping. Wenn die LINKE Kipping in irgendeine Polit-Talkshow schickt, dann fragt sich der Zuschauer spätestens nach 10 Minuten, was die arme Frau da verloren hat. Wie ein Sprech-Roboter, der jedes Mal die gleichen 2, 3 eingeübt Standard-Phrasen runterleiert. Egal zu welchem Thema. Wenn man das mit dem Kaliber von Gysi, Lafonataine oder eben Wagenknecht vergleicht, dann sind die Bundesliga und Kipping ist Kreisklasse.
schreinerkh 15.09.2017
4. Einigkeit macht stark
So gerne die politischen Gegner und die Medien sich den Eklat wünschen - KK wird im eigenen Intersse und dem der Partei sicher so klug sein, die Führungsrolle von SW zu akzeptieren.
El pato clavado 15.09.2017
5. Wie lange noch ?
was soll die Frage? Abwarten, das wird sich historisch entwickeln.
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