Linke in Berlin Die Avocado-Genossen

Hip, jung, urban: In Berlin zeigt sich, wie sich die Linke verändert. Doch was in der Hauptstadt funktioniert, sehen manche Genossen als Gefahr.

Klaus Lederer
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Stefan Liebich erinnert sich noch genau an seine erste Wohnung in Prenzlauer Berg. Der Putz bröckelte von den Wänden, in der Ecke bollerte eine Ofenheizung. "Alles sah ganz furchtbar aus. Aber für Leute wie mich war das eine Chance."

Leute wie er, das waren junge Menschen, Studenten, Lebenskünstler mit wenig Geld. In den Neunzigerjahren besiedelten sie die verfallenen Altbauten im Berliner Zentrum, in denen sonst kaum jemand leben wollte. Die Neuen brachten Leben und Kultur in die Kieze. Dann kamen die Investoren. Heute wollen zwar viele hier leben, doch immer mehr haben Mühe, das auch zu bezahlen.

Liebich, 45, modische Brille, T-Shirt, ist Abgeordneter im Bundestag. An einem heißen Julitag sitzt er vor einem Café in Pankow. Das Lokal gibt es seit wenigen Jahren, die Holzstühle sind auf alt gemacht. Auf der Karte stehen Avocadobrötchen und Biotee. Liebich wohnt um die Ecke.

"Solche Läden gab es hier früher nicht", sagt er und wirft einen Blick die Straße hinunter. Fast alle Häuser seien saniert. "Im Grunde wurde die Bevölkerung einmal ausgetauscht."

Das heißt: Gebildete, Aufstrebende und Wohlhabende kamen für Arbeiter und Arbeitslose. Berlins angesagte, früher wilde Kieze sind auf gewisse Weise bürgerlich geworden. Vieles ist anders. Nur: Politiker wie Stefan Liebich bleiben trotzdem erfolgreich.

Und das, obwohl seine Partei eigentlich immer für andere Milieus stand.

Kümmerer im Osten

Die Linke, das war früher die Partei der sozial Abgehängten, der Wendeverlierer, sie war Anlaufstelle für DDR-Nostalgiker und Westskeptiker, Kümmerer im Osten.

Zu PDS-Zeiten führte Liebich den Berliner Verband als Landeschef in eine Koalition mit der SPD. Das war 2002. Zuvor hatten 47,6 Prozent in Ost-Berlin für die Sozialisten gestimmt. Im Westen waren es 6,9.

Stefan Liebich
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Stefan Liebich

Hier Volkspartei, dort die Aussätzigen. Die Verhältnisse waren damals klar in Berlin.

Heute ist die Linke in der Hauptstadt wieder an der Macht, seit 2016 regiert sie mit SPD und Grünen. Doch nicht nur das: Die Genossen haben die Konkurrenz abgehängt, liegen in Umfragen konstant über 20 Prozent - auf Rang eins.

Es sind andere Menschen als früher, bei denen die Linke punktet. Bei ihrer klassischen Klientel im Osten verliert die Partei. In Berlin kann man das besonders deutlich sehen.

Bei der Abgeordnetenhauswahl vor zwei Jahren holte sie hier nur noch 23,4 Prozent. Bei der Bundestagswahl sah es ähnlich aus. Stefan Liebich konnte als Einziger der vier direkt gewählten Berlin-Linken zulegen.

Sein Wahlkreis Pankow gehört auch zum alten Ostteil der Stadt, ist aber anders als die Hochburgen in den Plattensiedlungen von Marzahn oder Lichtenberg. Er umfasst große Teile von Prenzlauer Berg, reicht weit ins gentrifizierte Herz der Hauptstadt. Liebich ist ein zugänglicher Mann, ein liberaler Realo, kein unverbesserlicher Kommunist und auch kein Linksradikaler. Das passt. Fast 30 Prozent holte er 2017.

"Eher in Ballungsräumen"

"Wir gewinnen neue Mitglieder eher in Ballungsräumen", heißt es in einer Präsentation der Bundesgeschäftsstelle. Die neuen Genossen kämen vorrangig aus "sozial gefestigten Gebieten" oder Orten "mit Aufwärtstrend". Das Milieu sei oftmals "akademisch, links/linksgrün geprägt".

Klaus Lederer
DPA

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Tatsächlich verändert sich etwas. 2017 waren 64 Prozent der Neumitglieder der Bundes-Linken nicht älter als 35 Jahre. Nur noch jeder Fünfte jener, die sich online registrierten, arbeitet in Produktionsberufen, die meisten im Dienstleistungssektor: Krankenpfleger, Erzieher, Bürokaufleute - aber auch Lehrer, Wissenschaftler, Ärzte. Und: Über 70 Prozent kommen aus dem Westen.

Die Linke gewinnt da, wo das urbane Leben blüht. Auch in Berlin. Im Westen der Stadt kam sie im Herbst auf 13,5 Prozent. Selbst im eleganten Charlottenburg war sie zuletzt zweistellig. "Wir sind hier inzwischen eine total normale Partei", sagt Liebich.

Auch eine andere Partei?

"Wem gehört die Stadt" - so lautete 2016 der Slogan der Berliner Linken. Sie präsentierten sich als Kämpfer gegen überteuerte Mieten und für den Schutz von Minderheiten, als weltoffene Modernisten. Das kommt an im Kiez. Offenbar selbst bei jenen, die mit dafür sorgen, dass alles teurer wird.

Verluste an die AfD

Für manche ist all das ein Problem. Sie fürchten, die Linke könnte alte Wähler an die AfD verlieren. "Weltoffenheit, Antirassismus und Minderheitenschutz sind das Wohlfühl-Label, um rüde Umverteilung von unten nach oben zu kaschieren", sagte Fraktionschefin Sahra Wagenknecht. Es war auch ein Angriff gegen die Berlin-Linken.

Der beliebteste Politiker der Hauptstadt sitzt in seinem Büro in Berlin-Mitte an einem langgezogenen Konferenztisch. Klaus Lederer ist Senator für Kultur und Europa. Wenn die Umfragen so bleiben, könnte er 2021 Regierender Bürgermeister werden. Er selbst winkt ab: "In drei Jahren kann viel passieren."

Eigentlich hat seine Partei jede Menge Probleme. Die rot-rot-grüne Koalition läuft nicht rund. Ständig gibt es Ärger, vor allem mit der SPD. Manche Genossen träumen schon von einer Koalition ohne die Sozialdemokraten: Dunkelrot-Grün.

Mit Lederer verkörpert die Linke nach außen ein offenes Lebensgefühl, das sie immun gegen die Wirren des tagespolitischen Klein-Kleins zu machen scheint.

Lederer hat sich sein lockeres Auftreten als Politiker bewahrt. Er trägt Ohrringe und gern auch mal Trainingsjacke statt Sakko. Kürzlich hat er seinen Partner geheiratet, ein Foto mit Regenbogenfahne gab es auf Facebook.

Beim Parteitag im Juni schimpfte Lederer: Wer "eine nationale Arbeiterschaft" von Migranten, der Queer-Szene, Akademikern oder urbanen Milieus abgrenzen wolle, betreibe Sektiererei. Es war klar, wen er meinte: Sahra Wagenknecht und ihren Ehemann Oskar Lafontaine.

Kernfrage der Linken

Es geht um eine Kernfrage der Partei: Ist es ein Widerspruch, wenn man liberale Internationalisten und potenzielle AfD-Wähler zugleich ansprechen will?

Lederer sagt, man dürfe die Gruppen nicht gegeneinander ausspielen. Aber: "Wer aus rassistischen Gründen die AfD wählt, den werden wir kaum gewinnen. Allen, die eine offene Gesellschaft wollen, muss eine Linke Angebote machen."

Stefan Liebich sagt: "Wir stehen an der Seite der Benachteiligten. Aber das heißt noch lange nicht, dass der Kampf für Lesben und Schwule nicht genauso wichtig ist."

Judith Benda sagt: "Dort wo die Linke aktiv und sichtbar ist, ist sie erfolgreich."

Judith Benda
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Judith Benda

Benda gehört zwar nicht zum Lager der dominierenden Pragmatiker der Berlin-Linken, die Regierung sieht sie durchaus kritisch. Andererseits ist sie aber genau eines jener Gesichter, die die neuen Großstadt-Linken inzwischen prägen - und vor allem bei jungen Leuten leichtes Spiel haben: Sie ist 31 Jahre, rebellisch, in Initiativen sozialisiert. Mit grauem SED-Sozialismus hat auch sie nichts zu tun.

Bendas Wahlkreis: Neukölln. "Das Armenhaus Deutschlands", sagt sie.

Bei der Bundestagswahl hat sie hier das Mandat mit 16,6 Prozent verpasst. In ihrem eigenen Bezirk im Norden Neuköllns stimmten dagegen fast 40 Prozent für die Linken.

Nur: Der Norden ist mittlerweile auch eine dieser aufstrebenden Gegenden. Längst steigen auch hier die Mieten, Google will in der Nähe einen Campus eröffnen.

Benda sagt: "Auch viele Studenten leben in prekären Verhältnissen."

Sie findet, die Linke müsse mehr Protestpartei werden - gerade in Gegenden, wo die Partei früher stark gewesen sei. Doch auch ihr fällt es schwer, bei diesen Menschen durchzudringen.

Denn ohne den Süden Neuköllns, ohne die grauen Wohnklötze am Stadtrand, wo die AfD stärker ist als die Linke - ohne sie säße Judith Benda längst im Bundestag.



insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
Anna156464641156 23.08.2018
1.
Ich versteh dieses Loblied auf Hipster nicht. Sich nur des eigenen Images (damit man besonders intentional und weltoffen wirkt) um Minderheiten zu kümmern bedeutet im Umkehrschluss das ja der Rest super läuft. Mit zwei Kindern eine große Wohnung in verkehrsberuhigter Lage in Berlin zu bezahlen. Kein Problem. Bafög gestrichen bekommen, weil man ein Semester drüber ist. Kein Problem. Marode Schulen und kaputte Klos. Kein Problem. Unendliche Wartezeiten bei jedem Amt besuch. Kein Problem. Ein Flughafen der niemals fertig wird und Unsummen verschlingt. Kein Problem. Schlechtes Internet. Kein Problem. Streikende S-Bahnen und marode Straßen. Kein Problem. Aber die Linken sind ja weltoffene Modernisten. BTW. Viertel in denen das urbane Leben blüht und sich das Milieu oftmals akademisch, links/linksgrün geprägt nennt, ist alles andere als Links. Das ist Kapitalismus in Reinkultur. Biotee Läden die es vorher dort nicht gab, können nur existieren weil sich dort Hipster reinsetzen und ihre Mate trinken. Diese nur auf Konsum ausgerichteten Geschäftsmodelle haben mit Links sein so wenig wie es nur irgendwie geht zu tun.
syracusa 23.08.2018
2. unwählbar für linke Demokraten
Zitat: "Weltoffenheit, Antirassismus und Minderheitenschutz sind das Wohlfühl-Label, um rüde Umverteilung von unten nach oben zu kaschieren", sagte Fraktionschefin Sahra Wagenknecht. Solange die Linke solche Positionen vertritt, solange sie Nationalismus verteidigt und den aggressiven Imperialismus des putinistischen Russland, solange sie das Unrecht des DDR-Faschismus nicht ganz grundlegend ablehnt, solange ist die Linke keine linke Partei, solange ist sie für linke Internationalisten und die linken Verteidiger einer offenen, freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft unwählbar.
Mittelalter 23.08.2018
3. Erinnern wir uns an Herrn Günther (MP SW)
Zitat von Anna156464641156Ich versteh dieses Loblied auf Hipster nicht. Sich nur des eigenen Images (damit man besonders intentional und weltoffen wirkt) um Minderheiten zu kümmern bedeutet im Umkehrschluss das ja der Rest super läuft. Mit zwei Kindern eine große Wohnung in verkehrsberuhigter Lage in Berlin zu bezahlen. Kein Problem. Bafög gestrichen bekommen, weil man ein Semester drüber ist. Kein Problem. Marode Schulen und kaputte Klos. Kein Problem. Unendliche Wartezeiten bei jedem Amt besuch. Kein Problem. Ein Flughafen der niemals fertig wird und Unsummen verschlingt. Kein Problem. Schlechtes Internet. Kein Problem. Streikende S-Bahnen und marode Straßen. Kein Problem. Aber die Linken sind ja weltoffene Modernisten. BTW. Viertel in denen das urbane Leben blüht und sich das Milieu oftmals akademisch, links/linksgrün geprägt nennt, ist alles andere als Links. Das ist Kapitalismus in Reinkultur. Biotee Läden die es vorher dort nicht gab, können nur existieren weil sich dort Hipster reinsetzen und ihre Mate trinken. Diese nur auf Konsum ausgerichteten Geschäftsmodelle haben mit Links sein so wenig wie es nur irgendwie geht zu tun.
Der hat die LINKE ja schon mal zur normalen Partei erklärt. Und schwups - steht das auch auf SPON. Bei dieser Einordnung wird dann dieses „Loblied“ wieder verständlich. Warum sich noch mit der Herkunft des Parteivermögens der Linlen beschäftigen? Warum Hinterfagen, ob es inhaltliche Kontinuität zur SED gibt? Warum darüber reden, wie diese Partei mit ihrer Vergangenheit umgeht? Es geht um die Macht und darum, diese gegen die AfD zu sichern. Da muss man dann schon mal flexibel sein.
apopluto 23.08.2018
4.
Schon Karl Marx soll davon gesprochen haben, dass Migration das Elendsprekariat erhöht. Ist der jetzt ein Rassist? Hier wird nix gegeneinander ausgespielt, hier werden Probleme angesprochen. Mir geht das langsam auf den Sack, dass Diskussionen damit abgewürgt werden, dass man wahlweise als Rassist oder Antisemit tituliert werden kann, nur weil eine andere Meinung vertreten wird. Bekommen wir Linken eine Gesinnungspolizei? Dass der Fanatismus innerhalb der Linken zunimmt, zeigte das schöne Beispiel mit der Mühlheimer Veranstaltung über Meinungsfreiheit, das von einem anderen Kreisverband kritisiert und gemaßregelt wurde. Dass mein Kommentar gegen solches Verhalten nicht veröffentlicht wurde, zeigt nur, mit welchen Methoden hier gearbeitet wird. Meine Nachfrage warum, wurde von ruhrbarone.de nicht beantwortet. Der kritisierende Kreisverband war sich für eine Antwort auch zu schade. Siehe ruhrbarone.de - Linke protestieren gegen antiisraelische Veranstaltung der Linkspartei Mülheimvom - vom 23. April 2018.
alsterherr 23.08.2018
5.
Die übliche Frage an die Linke: Wie wollt ihr Euer Weltbild finanzieren? Bitte keine volkswirtschaftlich kurzsichtigen Floskeln wie "Umverteilung von oben nach unten" sondern konkrete Vorschläge, Danke!
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