Linke Kaderschmiede: Die Sozis auf dem Schloss

Von Franz Walter

Es war eine Lehrstätte für Proletarier mit einzigartigem Flair: FKK im Schlosspark, spartanisches Leben - und bis heute eine Kaderschmiede ohne Gleichen. Eine ganze Generation junger Sozialisten wurde in der Weimarer Republik auf Schloss Tinz geprägt. Einige machten später groß Karriere.

Ein barockes Wasserschloss, 1748 in der Nähe der ostthüringischen Stadt Gera erbaut – das war das Zentrum der proletarischen Kaderschmiede in der Weimarer Sozialdemokratie. Vergessen das alles. Dabei hat das Leben und Lernen auf dem Schloss eine ganze Generation junger Sozialisten geprägt, von denen nicht wenige nach 1945 führend in den deutschen Parlamenten agierten. Und auch einige Gäste aus Skandinavien brachten es später zu Ministerpräsidenten oder Ministern ihrer Länder.

Also schauen wir zurück. Bis 1918 war das Schloss noch im Besitz des Duodezfürsten von Reuß. Doch der ungewöhnlich energische und entschlossene Arbeiter- und Soldatenrat in Thüringen enteignete ihn mit hohem juristischen Geschick während der Turbulenzen der Novemberrevolution. Die in Thüringen dominierenden Linkssozialisten richteten sodann im Schloss eine Heimvolkshochschule ein, die sich zwar ganz grundsätzlich zur "sozialistischen Betrachtungsweise" bekannte, aber parteipolitische Neutralität betonte.

Und so hielt man es zunächst auch, wenngleich allein auf das linke Spektrum beschränkt: Im Lehrerkollegium befanden sich Pädagogen der Mehrheitssozialdemokratie, der USPD und der KPD. Dank dieser parteiübergreifenden Zusammensetzung gelang es der damals linken thüringischen Landesregierung die im Prinzip marxistisch angelegte Nachwuchsbildung staatlich alimentieren zu lassen.

Partei spendierte Bildungskurse

Selbst Wilhelm Frick, der 1930 als erster Nationalsozialist zum Innenminister des Landes avancierte, vermochte die öffentlichen Zuwendungen nicht zu beschneiden. Das Aus für die linke Kaderschmiede kam erst mit der finalen Machtusurpation der Nationalsozialisten 1933. Fortan diente das Schloss als nationalsozialistisches Arbeitslager.

Doch zwölf Jahre lang herrschte ein anderer Geist in den einst aristokratischen Räumen. Für einen Jungsozialisten der Weimarer Zeit – damals gewiss kein Akademiker – galt es als höchstes Glück, ein Parteistipendium für die Bildungskurse in Tinz zu erhalten. Immerhin fünf Monate weilten hier in der Regel rund 50 junge Männer oder junge Frauen aus der Fabrikarbeiterklasse mit lediglich Volksschulvorkenntnissen, um sich mit Geschichte, Soziologie, Wirtschaftslehre, Literatur, Kunstgeschichte, Pädagogik und Psychologie vertraut machen zu lassen. Die Reise in das Ostthüringische und das Aufenthaltsgeld bezahlte entweder die zuständige Parteiorganisation oder der entsprechende Gewerkschaftsverband.

Unerfreulich war indes, dass es nach den fünf Monaten Tinz für die meisten jungen Kader beruflich zunächst nicht weiter ging, da die Arbeitgeber die Absolventen in marxistischer Theorie und Weltanschauung nicht eben gerade schätzten.

Splitternackt im Schnee

Der Alltag auf dem Schloss war unzweifelhaft spartanisch. In den ersten Jahren mussten sich jeweils neun Schüler einen der Schlafräume teilen, in denen weder Stühle noch Tische standen. Bitter beklagt wurde von den von Haus aus ja keineswegs übermäßig verwöhnten Jungsozialisten die frugale Kost. Der bescheidene Speiseplan führte zum einzigen Schülerstreik in jenen Dutzend Jahren: Die Teilnehmer des 9. Männerkurses 1926 hielten es einfach nicht mehr aus, Tag für Tag im Speisesaal einzig und allein Hering vorgesetzt zu bekommen.

Junge Sozialisten der Weimarer Jahre waren Lebensreformer. Und Lebensreform gehörte ebenfalls zur Konvention und Mission der Tinzer Pädagogik. Der Morgen begann in schöner Regelmäßigkeit mit einer halben Stunde gymnastischer Übungen. Auch im Winter hatte man splitternackt seine Kniebeugen über 30 Minuten lang im Schnee zu absolvieren.

Freikörperkultur war überhaupt Usus im Schlosspark. Auch versorgten sich Schüler und Lehrer mit einem Teil der Grundnahrungsmittel autark, da im Park Getreide angebaut, Kartoffeln gepflanzt und Brot selbst gebacken wurden.

Autoritäre Strukturen waren tabu

Zur Lebensreform gesellte sich die Schulreform. Autoritäre und frontale Lernstrukturen waren tabu; man praktizierte die so genannte arbeitsgemeinschaftliche Methode. Die Selbstständigkeit von Denken und Urteilen sollte gefördert werden. Ganz oben auf der Beliebtheitsskala der Fächer standen – so wurde es schlossintern evaluiert – die Module "Nationalökonomie" und "Geschichte der Arbeiterbewegung", während man die zunächst noch angebotenen Naturwissenschaften mangels Interesse und Nachfrage schließlich komplett vom Lehrplan herunternahm. Der Besuch von Museen, Kammermusikabenden, Galerien stand ebenfalls fest auf dem Programm. Die klassische sozialistische Arbeiterbewegung gab sich bekanntlich dezidiert kulturbeflissen, wollte das Proletariat an die "geistigen Schätze" vorangegangener Epochen "heranführen".

Die Namen der in Tinz unterrichtenden Pädagogen sind heute weithin vergessen. Als unbestrittener Liebling der Schüler galt Otto Jenssen, ein Sozialdemokrat des linken Flügels. Er war blind und darauf angewiesen, dass ihm die jungen Leute vorlasen. Nach 1946 gehörte er der SED an. Etwas distanzierter gestaltete sich das Verhältnis der Teilnehmer zum langjährigen Leiter der Schule, Alfred Braunthal, eher ein Mann der sozialdemokratischen Mitte, fast ein wenig schüchtern wirkend, jedenfalls kein furioser Rhetoriker, aber scharf und präzise in seinen Formulierungen.

Als Gastlehrer tauchten in Tinz von Zeit zu Zeit neben anderen immer wieder auch der linkskommunistische Theoretiker Karl Korsch, überdies der seinerzeit ziemlich bekannte Sexualreformer Max Hodann, schließlich der damalige Gewerkschaftssyndikus und später renommierte Politikprofessor Ernst Fraenkel auf.

Absolventen galten als überheblich

Für junge Menschen aus der Arbeiterklasse war das halbe Jahr Tinz unzweifelhaft bedeutend, lebensgeschichtlich zuweilen formativ. Im weiten Parteimilieu selbst stand es zeitgenössisch mit der Reputation von Tinz und den "Tinzern", wie man die Absolventen der Schule nannte, eher schlechter. Ganz offenkundig hatte der linkselitäre Avantgardismus in Weltanschauung nicht allen Teilnehmern rundum gut getan. Der eine oder andere kehrte ein gutes Stück arroganter in seine Heimatstadt zurück, als er sie wenige Monate zuvor noch in Richtung Ostthüringen verlassen hatte.

Mehrere produzierten sich in Ortsvereinssitzungen nun als Übertheoretiker und 150-Prozent-Marxisten. Nicht auszuhalten sei es dann, so lautete in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren vielfach die Klage genervter älterer Sozialdemokraten über die "Tinzer", die ganz offenkundig in wenigen Tagen die gesamte lokale Parteiorganisation umkrempeln und zur revolutionären Attacke aufstacheln wollten.

Tinz hatte alsbald den Ruf weg, eine "geistige Tretmühle der Linksopposition" zu sein, was sie in der Mehrheitsrichtung der deutschen Sozialdemokratie von 1933 immer unbeliebter machte. "Tinzist" zu sein galt im Übrigen dann auch nach 1946 als Schimpfwort, das im Osten Deutschlands - bei den früheren Kommunisten in der neuen SED des Walter Ulbricht - Karriere und Existenz gefährden konnte.

Die Einheitssozialisten griffen dann nach 1947 auch auf das Schloss zu und richteten dort eine Kreisparteischule ein. Auch im neu vereinten Deutschland setzte sich die Symbiose von Bildung und Barock fort, da nun eine architektonisch hochmoderne Berufsakademie auf dem Schlossterrain entstand. Doch stehen dort die "Geschichte der Arbeiterbewegung" oder die "Einführung in die sozialistische Philosophie" nicht mehr auf dem Stundenplan. Die Zeit eines autonomen linken Arbeiterbildungswesens ist – nicht nur in Tinz – vorbei und vergessen.

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