Jugendarbeitslosigkeit: Linke lehnt Lehrstellen für Südeuropäer in Deutschland ab

Linken-Politikerin Wagenknecht: "Eine Ohrfeige für Hunderttausende junge Menschen, die in Deutschland leben" Zur Großansicht
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Linken-Politikerin Wagenknecht: "Eine Ohrfeige für Hunderttausende junge Menschen, die in Deutschland leben"

Junge Südeuropäer bekommen in ihren Ländern häufig keine Lehrstelle. Wirtschaftsminister Rösler hat sie deshalb nach Deutschland eingeladen - sehr zum Unmut der Linkspartei. Erst müssten die deutschen Jugendlichen gefördert werden, sagt Fraktionsvize Sahra Wagenknecht.

Berlin - Die Linkspartei lehnt es ab, Lehrstellen an arbeitslose Jugendliche aus Südeuropa zu vergeben. Bevor "Talente aus anderen Ländern" abgeworben würden, müsse eine Ausbildungsoffensive in Deutschland starten, sagte die Linken-Bundestagsabgeordnete Sahra Wagenknecht der "Welt".

Die Fraktionsvizechefin im Bundestag und stellvertretende Parteivorsitzende verwies auf interne Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Nach denen waren im Mai knapp eine Million Menschen zwischen 15 und 35 Jahren arbeitslos. Die Hälfte von ihnen hatte keine abgeschlossene Berufsausbildung. Die Einladung von Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) an junge Südeuropäer, in Deutschland eine Ausbildung zu beginnen, sei "eine Ohrfeige für Hunderttausende junge Menschen, die in Deutschland leben und von denen viele nie eine Chance bekommen haben", so Wagenknecht.

Der EU-Gipfel hatte am Freitag in Brüssel eine "Jugendgarantie" beschlossen. Diese soll junge Europäer schneller in Jobs bringen. Sechs Milliarden Euro werden dafür für die Jahre 2014 und 2015 bereitgestellt. Die Einzelheiten der Hilfspakete wollen die EU-Arbeitsminister sowie Staats- und Regierungschefs am Mittwoch ausarbeiten.

Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) hatte am Wochenende an junge Menschen in den südeuropäischen Krisenstaaten appelliert, eine Berufsausbildung in Deutschland zu machen. "Kommt nach Deutschland!", sagte er der "Welt am Sonntag". In der deutschen Wirtschaft gebe es Zehntausende freie Ausbildungsplätze. Für Schulabgänger sei es sicher keine leichte Entscheidung, mindestens drei Jahre in ein fremdes Land zu gehen. "Aber die Tür für junge Südeuropäer steht auf, sie sind willkommen. Wir müssen deutlich machen, dass sie die Perspektive haben, als Fachkräfte zu bleiben - auch mit doppelter Staatsbürgerschaft."

Während die Jugendarbeitslosigkeit in einigen EU-Staaten extrem hoch ist, suchen deutsche Unternehmen zum Teil Auszubildende. Deutschland weist mit 7,5 Prozent eine extrem niedrige Jugendarbeitslosigkeit auf, der Durchschnitt aller 27 EU-Staaten lag im April bei 23,5 Prozent.

Dabei spielen aber auch Recheneffekte eine Rolle: Die EU-Statistiker rechnen Studenten oder Auszubildende aus der Gruppe der unter 25-Jährigen heraus. Dadurch macht sich jeder junge Arbeitslose in dieser Bezugsgruppe stärker bemerkbar, als es bei der Gesamtbevölkerung der Fall ist.

Traurige Rekorde schreiben insbesondere Griechenland (62,5 Prozent Jugendarbeitslosigkeit), Spanien (56,4 Prozent), Portugal (42,5 Prozent) und Italien (40,5 Prozent). Auch in der Slowakei, in Zypern, Bulgarien, Polen, Ungarn, Irland und Frankreich war zuletzt mehr als ein Viertel aller jungen Menschen ohne Job.

heb/dpa/AFP

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insgesamt 256 Beiträge
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1. Linke lehnt nicht pauschal ab, sondern stellt Bedingungen
johannestreblin 01.07.2013
Ich bin selbst Vorsitzender eines Vereins für aufsuchende Jugendarbeit und habe die Erfahrung gemacht, dass viele Jugendliche bei uns gefördert werden können. Ein Beispiel: Die Nachhilfe durch das Bildungspaket endet sehr häufig schon nach einem halben Jahr, wenn sich die Zensuren gebessert haben. Danach werden die Zensuren oft wieder schlechter, weil ein halbes Jahr Nachhilfe nicht ausreicht, um die fehlenden Grundlagen aufzuarbeiten. Hier sollte bei uns tatsächlich - wie von den Linken gefordert - zumindest parallel eine Bildungsoffensive für Jugendliche bei uns stattfinden. Dass die Linkspartei eine differenzierte Forderung aufgestellt hat, ist okay. Dass SPON und Welt online daraus eine pauschale Ablehnung machen ist nicht okay.
2. seltsame Logik
captain 01.07.2013
Was ist so verkehrt, wenn man ausländische Jugendliche mit einem guten Bildungsabschluß hier Berufsausbildung ermöglicht, die deutsche Jugendliche mangels Bildungsabschluß nie erfüllen könnten? Die gleiche Partei findet nichts dabei, dass man jedem Flüchtling aus Afrika, der das Wort Asyl buchstabieren kann, ohne Brimborium hier belässt. Sollen wir also nur Leute reinlassen die unsere Sozialsysteme belasten, die aber aussperren, die diese unterstützen?
3. Entlarvend
Jaywalker 01.07.2013
Entlarvendes Wahlkampfgeschwätz. In Deutschland suchen diverse Branchen händeringend nach Auszubildenden für Jobs für die sich Deutsche anscheinend zu Schade sind. Ich bin mal gespannt, was Die Linkspartei in den nächsten Monaten noch so für krudes Zeug absondert.
4.
gazettenberg 01.07.2013
Wer mit 35 noch keine abgeschlossene Berufsausbildung hat, zeigt sehr deutlich, dass er/sie kein Interesse an einer Erwerbstätigkeit hat. Warum sollte man für diese Arbeitslosen Ausbildungsplätze freihalten, auf die engagiertere Menschen warten? Die Linke/PDS zeigt mal wieder, dass sie von der zunehmend globalen Arbeitswelt keine Ahnung hat. Erstmal gegen alles sein ist dort Programm.
5.
Hermes75 01.07.2013
Zitat von sysopJunge Südeuropäer bekommen in ihren Ländern häufig keine Lehrstelle. Wirtschaftsminister Rösler hat sie deshalb nach Deutschland eingeladen - sehr zum Unmut der Linkspartei. Erst müssten die deutschen Jugendlichen gefördert werden, sagt Fraktionsvize Sahra Wagenknecht. Linke lehnt Lehrstellen für Südeuropäer in Deutschland ab - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/linke-lehnt-lehrstellen-fuer-suedeuropaeer-in-deutschland-ab-a-908677.html)
Auch auf der politischen Landkarte gilt: Wenn man weit genug nach links geht, kommt man rechts wieder heraus. Wenn das nächste Mal Linke-Abgeordnete nach Griechenland reisen um ihre "Solidarität" mit den Genossen dort zu demonstrieren, wird sie Frau Wagenknechts Forderung mit Sicherheit begleiten ;-)
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