Wagenknechts Spitzenkandidatur Macht oder nichts

Auf ihrem Weg nach oben schreckt Sahra Wagenknecht auch vor einem offenen Affront gegen die Linken-Führung nicht zurück. Nun formiert sich der Widerstand gegen ihren Vorstoß für die Spitzenkandidatur.

Sahra Wagenknecht
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Die entscheidenden Worte kommen zum Schluss: Die Spitzenkandidaten müssten unterschiedliche Milieus ansprechen, heißt es im letzten Absatz eines Papiers, das am Donnerstag bei den Linken kursiert. "Das gemeinsame Gewicht unserer Partei- und Fraktionsvorsitzenden ist dazu eine geeignete Lösung."

Das heißt: Katja Kipping und Bernd Riexinger sollen die Linke gemeinsam mit Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch in den kommenden Bundestagswahlkampf führen. 30 Politiker haben die Forderung unterzeichnet, darunter Mitglieder des Bundesvorstands.

Das, was hier niedergeschrieben wurde, ist nicht bloß eine Idee, ein Vorschlag. Das Papier ist Ausdruck eines offenen Machtkampfs in der Linkspartei, es ist gemeint als Widerspruch. Die Unterzeichner erteilen jener Frau eine Absage, die die Linke mit einem überraschenden Manöver vor vollendete Tatsachen stellen wollte: Sahra Wagenknecht.

Überraschender Auftritt

Rückblick: Es ist eigentlich ein gewöhnliches Treffen am Montag im Karl-Liebknecht-Haus, der Zentrale der Linken in Berlin. Der Vorstand ist da, Vertreter der Landesverbände - und, für viele überraschend, auch die beiden Fraktionschefs aus dem Bundestag.

Es geht um Strategisches, um die Analyse der vergangenen Wahlen, um die künftige Taktik. Dann leitet Parteichefin Katja Kipping zum dritten Tagesordnungspunkt über, zur Frage, wer die Linke in die Bundestagswahl 2017 führen soll. Der Fahrplan ist ausgemacht. Bis zum traditionellen Jahresauftakt Mitte Januar soll das Thema geklärt werden - gemeinsam.

Doch davon wollen Wagenknecht und Dietmar Bartsch offenbar nichts mehr wissen. Wagenknecht ergreift das Wort. Und fast beiläufig erklärt sie, so berichten es Teilnehmer der Runde, dass sie gemeinsam mit ihrem Co-Fraktionschef die Spitzenkandidatur beanspruche. Für eine andere Variante stünden sie nicht zur Verfügung.

Schockiert und fassungslos

Es ist ein offener Affront gegen die Parteispitze, die üblicherweise in dieser Frage den Vorschlag macht. Wagenknecht und Bartsch lassen Kipping und Riexinger auflaufen. Viele in der Runde sind schockiert, reagieren fassungslos. Von "Erpressung" ist noch in der Sitzung die Rede, später von einer "Selbstkrönung".

Denn eigentlich sind noch zwei andere Konstellationen im Gespräch: Eine Doppelspitze mit Wagenknecht und Parteichefin Kipping; und eben eine Vierer-Lösung unter Beteiligung von Bartsch und Bernd Riexinger, der neben Kipping der Partei vorsteht - sozusagen das Wohlfühlmodell, in dem sich alle wichtigen Flügel wiederfänden und für das die Autoren des Widerstandspapiers plädieren.

Wagenknecht wäre als prominentestes Gesicht der Linken gesetzt, daran gibt es keine Zweifel. Doch sie wollte im Dauerzwist mit der Parteispitze die Muskeln spielen lassen - und freie Fahrt für sich selbst. So deuten einige in der Partei ihr Manöver. Denn klar ist: So wie sie Dietmar Bartsch in der Fraktionsführung nach außen hin überstrahlt, so wäre es wohl auch im Wahlkampf. Für Bartsch wiederum bleibt das Duo die einzige Möglichkeit, nicht weiter ins zweite Glied zu rücken.

Der Reformer, so war es bei der Abstimmung in der Fraktion vor einem Jahr eigentlich gedacht, sollte der Gegenpart zu der linken Hardlinerin sein. Doch längst macht sich Enttäuschung unter den Pragmatikern breit. Bartsch verteidige Wagenknecht zu häufig, heißt es aus der Partei.

Schon immer fremd

Denn, auch das gehört zu dieser Geschichte, Wagenknecht ist Teilen der Linken schon immer fremd - und in den vergangenen Monaten noch ein bisschen mehr. Ihre Aussagen zur Flüchtlingskrise, die nach Rechtspopulismus klangen, ihre Versuche, die Partei auf harten Protestkurs zu lenken, haben immer wieder für Entsetzen in den eigenen Reihen gesorgt.

Dazu kommt: Mit der oft schwerfälligen Partei, so nehmen es manche Linke wahr, hat Wagenknecht sowieso ihre Probleme. Ihr Verhältnis zu Kipping gilt als angespannt, mehrfach waren die beiden Frauen in der Vergangenheit aneinandergeraten.

Wagenknechts Schritt vom Montag zeigt, dass sie offenbar keine Rücksicht mehr nehmen will. Sie wagt den Alleingang. Von einer "One-Woman-Show" ist die Rede. Dazu passt die Kampagnen-Webseite, die in dieser Woche online gegangen ist. "Team Sahra" steht darüber, es geht um "Widerstand mobilisieren" oder darum, dass man sich "von Mainstream-Medien und führenden Politikern" nicht länger "für dumm verkaufen" lasse. Im Impressum steht Wagenknechts Berliner Büro.

Die harten Sätze zeigen einmal mehr, wie schwer es für die Regierungspragmatiker bei den Linken würde, unter einer übermächtigen Wagenknecht im kommenden Herbst ein rot-rot-grünes Bündnis zu schmieden.

Widerstand in den eigenen Reihen

Nachdem die Vorgänge aus der Sitzung durchgesickert sind, formiert sich der Widerstand. "Ein Ultimatum ist nicht akzeptabel", sagte Parteivize Axel Troost SPIEGEL ONLINE. "Ich halte nichts von Schnellschüssen." Linken-Chef Riexinger betonte im "Tagesspiegel": "Wir sind ganz am Anfang eines Prozesses." Eisig auch die Reaktion Kippings: "Fakt ist, das entscheidet bei uns die Partei." Man habe die Bewerbungen zur Kenntnis genommen. Linken-Außenexperte Jan van Aken twitterte:

Die Linke steckt nun in einer schwierigen Situation. Nickt die Parteiführung Wagenknechts und Bartschs Vorstoß ab, steht sie als Verlierer im internen Machtkampf da.

Die Fraktionschefs dagegen haben eine klare Linie gezogen, die sie ebenfalls nicht so leicht wieder überschreiten können. Am Ende könnte das stehen, was in der Linken eigentlich alle vermeiden wollten: eine Kampfabstimmung der Mitglieder.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 118 Beiträge
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Seite 1
i.dietz 29.09.2016
1. Kipping und Riesinger die beiden
kann doch kein Mensch wählen. Zumindest Frau Wagenknecht mit Herrn Bartsch im Schlepptau ist wählbar !
rudolfo.karl.von.wetterst 29.09.2016
2. Es wäre wirklich schade
... wenn Frau Wagenknecht nicht gewählt wird
zauberschlumpf 29.09.2016
3. Die übermächtige Wagenknecht ...
Also wenn jemand rot-rot-grün zielsicher zu verhindern weiß, dann das Fachpersonal der SPD. Dafür braucht es keine Sarah Wagenknecht, das hat doch bereits die letzte Bundestagswahl gezeigt.
Schlumperli 29.09.2016
4. Immerhin
Die Linken haben es gut. Wäre es die AfD, würden die Medien jetzt sagen, dass so ein Machtkampf das Ende der Partei bedeutet ;-)
sogehtdasnicht 29.09.2016
5. Ein Quartett kriegt nichts gebacken.
Einfach vier Kandidaten aufzustellen ist keine Lösung des Konflikts. Dann versucht man, keinen zu kränken, aber man bekommt eine Spitzenkandidatur ohne Profil, weil am Ende alle Profile im Brei sind vertreten sind. Am Ende zählt das Wahlergebnis, und da nimmt man diejenigen, die für klare Kante stehen. Aber interessant zu sehen, dass hier auf Wagenknecht rumgeritten wird. Ist ja nicht so, dass Bartsch da nun Unbeteiligter ist. Aber der ist als Vertreter der gemäßigten ja nicht so Anti-Establishment, oder? Allein daran sollten die Linken-Mitglieder sehen, dass Wagenknecht die richtige Wahl wäre.
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