Linke Sammlungsbewegung Die betagten Idole der Sahra Wagenknecht

Das Politikerpaar Wagenknecht/Lafontaine träumt von einer neuen linken Bewegung - und orientiert sich an prominenten Altgenossen aus dem Ausland: Mélenchon, Corbyn, Sanders. Taugen sie als Vorbilder?

Sahra Wagenknecht, Jean-Luc Mélenchon
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Sahra Wagenknecht, Jean-Luc Mélenchon

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Die Mitteilung der Linken war ungewöhnlich lang: vier Seiten zum 55. Jahrestag des Elysée-Vertrags, darin 15 Forderungen für die deutsch-französische Zusammenarbeit. Ein Grundsatzpapier, unterzeichnet von den Fraktionschefs Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch. Und von Jean-Luc Mélenchon.

Mélenchon - allein der Name des Franzosen genügt dieser Tag, um bei den deutschen Linken Fantasien zu erzeugen. Ob es sich nun um das Manifest einer neuen Sammlungsbewegung handele, wollte die linke Zeitung "Neues Deutschland" von Bartsch gar wissen. Der wiegelt ab: "Quatsch."

Fraktionschef Bartsch ist wie viele Genossen genervt von der Idee einer linken Sammlungsbewegung oder gar einer neuen linken Volkspartei, wie sie Wagenknecht und ihr Ehemann Oskar Lafontaine seit einiger Zeit propagieren. In der Partei werten das viele als Aufruf zur Spaltung der bisherigen Linken.

Immer wieder verweisen Lafontaine und Wagenknecht auf den französischen Linkspopulisten Mélenchon und dessen neue Bewegung "La France insoumise". Dass nun genau er ein Vorbild sein soll, dass er kürzlich als Stargast beim Jahresauftakt der Fraktion geladen war, macht hierzulande viele Linke misstrauisch. Denn Mélenchon war zuerst bei den Sozialisten, dann gründete er eine neue Linkspartei, dann startete er seine Bewegung. Wenn man sich an Mélenchon orientiert, was heißt das dann für die Zukunft der deutschen Linken?

Mélenchon ist nicht der einzige ausländische Politiker, den sich Wagenknecht und Lafontaine zum Vorbild nehmen. Der frühere Parteichef nannte zuletzt auch den britischen Labour-Anführer Jeremy Corbyn. Und dann wäre da noch Bernie Sanders, dessen Name in der Debatte immer wieder fällt - einen Politiker seines Typs hatte sich Wagenknecht zumindest schon mal an die Spitze der SPD gewünscht. Einer der genannten sieht sich selbst durchaus als Vorbild: "Drei alte, weiße Männer", sagte Mélenchon kürzlich, "ich, Jeremy Corbyn in Großbritannien und Bernie Sanders in den USA - wir haben die Jugend erreicht".

Aber können die "drei alten, weißen Männer" wirklich Idole für die deutsche Linke sein?

Jean-Luc Mélenchon

Mélenchon
AFP

Mélenchon

Man kann Mélenchons Auftritte befremdlich finden: Mit seiner donnernden Stimme, den großen Gesten, mit all dem Pathos wirkt er manchmal wie aus der Zeit gefallen. Einerseits. Anderseits kommt die geballte Ladung Emotion an. In Frankreich begeisterte er die Massen, Zehntausende kamen zu einzelnen Kundgebungen, bei der Präsidentschaftswahl holte er fast 20 Prozent.

Mélenchons Bewegung "La France insoumise" ist voll auf ihn zugeschnitten, Kritiker in der Linkspartei fürchten deshalb eine vergleichbare "Liste Wagenknecht", in der Personenkult innerparteilichen Diskurs ersetzen könnte. Mélenchon bemüht sich um Distanz zur traditionellen Linken: Auf seinen Veranstaltungen dominiert die Farbe Blau statt Rot, gesungen wird die Marseillaise anstelle der Internationalen. Zeichen eines zunehmend linksnationalen Kurses. Der Franzose verschärfte seine Linie in der Migrationspolitik und drohte mit Austritt aus der EU.

Doch die Strategie sei "nicht einfach importierbar", sagt Joachim Schild, Frankreich-Experte von der Universität Trier. Der Grund: Das französische System ist auf einen Präsidenten ausgerichtet, das macht es starken Einzelpersonen im Wettstreit in Frankreich leichter als in Deutschland. Bei den Nationalratswahlen im vergangenen Sommer kam "La France insoumise" wiederum auf lediglich elf Prozent - kaum mehr als die Linke bei der Bundestagswahl.

Und: Mélenchon steht eher für eine Fragmentierung der französischen Linken. Seinem starkem Ergebnis steht eine in der Bedeutungslosigkeit versunkene sozialistische Partei gegenüber, und der Erfolg von Emmanuel Macron, den Linke als neoliberalen Gegner betrachten. Das linke Lager in Frankreich insgesamt ist nicht gestärkt.

Jeremy Corbyn

Corbyn
imago/ ZUMA Press

Corbyn

Jeremy Corbyn ist der Star der britischen Politik. Das allein ist schon kurios, denn der heute 68-Jährige galt jahrzehntelang als zauseliger Hinterbänkler im Wollpulli, nicht bekannt als begnadeter Redner. Und trotzdem jubeln ihm die Massen zu, vor allem junge Briten sehen in seinem unkonventionellen Auftreten ein Gegenmodell zum Establishment.

Hunderttausende Linke traten in den vergangenen Jahren der Labour-Partei bei, um Corbyn erst an die Spitze zu wählen und dann dort zu halten. Ein Grund: Corbyn steht für die Rückbesinnung auf die alten Werte der Arbeiterpartei. Damit konnte er sowohl in strukturschwachen Gegenden als auch im urbanen Milieu punkten. Getragen wurde Corbyn von einer Bewegung, Momentum, der immer wieder vorgeworfen wird, Labour mit Linksextremen unterwandern zu wollen. Mit Momentum gelang es, im Wahlkampfendspurt, die Corbyn-Euphorie durchs Land zu tragen.

Eine gesellschaftliche Bewegung und eine glaubwürdige Führungsfigur - in Großbritannien haben sie für den Wandel innerhalb einer bestehenden Partei gesorgt. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Corbyn sein gutes Ergebnis bei der jüngsten Unterhauswahl erst auf den letzten Metern eingefahren hat. Noch wenige Wochen vorher lag Labour abgeschlagen bei weit unter 30 Prozent - da war Corbyn schon lange im Amt und die meisten Neumitglieder schon dabei.

Mit seinem linken, innenpolitisch ausgerichteten Hardliner-Programm gelang es Corbyn die eigene unklare Haltung beim Brexit zu kaschieren. Vor allem aber profitierte er von etwas, für das er selbst gar nichts kann: vom überraschend miesen Pannen-Wahlkampf seiner Kontrahentin, Premierministerin Theresa May. Und: Seine eigene Partei ist unter ihm zerrissener den je. Denn diejenigen, die sich in der Mitte verorten, sind mit Corbyns Linksruck nicht verschwunden.

Bernie Sanders

Sanders
REUTERS

Sanders

Fast hätte er bei den Vorwahlen der US-Demokraten Hillary Clinton geschlagen: Bernie Sanders ist für viele Amerikaner immer noch ein Exot. Dabei gehört der heute 76-Jährige schon lange zum politischen Establishment. Und seine sozialpolitischen Forderungen sind zwar für amerikanische Verhältnisse radikal - in Deutschland würde man ihn jedoch eher als normalen Sozialdemokraten einordnen. In Einzelfällen hatte er sich in der Vergangenheit sogar auf die Seite der Waffenhändler geschlagen - hierzulande kaum vorstellbar.

Die europäischen Linken hätten sich früher auch nie sonderlich für Sanders interessiert, sagt der Berliner Politikwissenschaftler Christian Lammert. Das änderte sich mit seinem furiosen Wahlkampf. Sanders erkannte, dass es eine Sehnsucht nach Emotionalität gab, nach einer unverstellten, nicht weichgewaschenen Führungsfigur. Er habe sich daraufhin umso mehr als linker Revoluzzer inszeniert, sagt Lammert.

Die Rechnung ging auf. Doch in den USA gelten andere Voraussetzungen als in Deutschland. Die sozialen Probleme, das Gesundheitssystem und die teure Bildung boten Anlass zum Protest. Und: Wahlkämpfe in den USA sind voll auf Personen ausgerichtet, sagt Lammert. Wer dagegen in Deutschland an die Macht will, ist viel stärker in Parteistrukturen gebunden.


Zusammengefasst: Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine betonen immer wieder die Erfolge von Jean-Luc Mélenchon in Frankreich und Jeremy Corbyn in Großbritannien. Auch der Name von Bernie Sanders aus den USA wird immer wieder genannt. Was sie eint: Personenkult. Alle drei Männer werden als authentische Führungsfiguren gesehen, die das Anti-Establishment verkörpern. Alle drei erreichen die Jugend und stehen für eine Rückbesinnung auf alte linke Werte. Allerdings liegen die Gründe für ihre Erfolge vielschichtiger - im jeweiligen politischen System, in landesspezifischen Debatten und in unvorhersehbaren Dynamiken des Wahlkampfs. Und: Mitunter haben sie das linke Lager eher gespalten. Eine Blaupause für eine widererstarkte Linke in Deutschland können sie deshalb nur bedingt sein.



insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
p-rich 29.01.2018
1. na und,
dann sind das halt "drei alte weiße Männer". Hätte kein Problem einen hundertjährigen zu wählen, wenn die Richtung stimmt.
keine-#-ahnung 29.01.2018
2. Linke Sammlungsbewegung?
Wenn ich beim Pilzesammeln instinktiv ahne, dass die zwei Pfifferlinge links am Waldrand das Einzige sein wird, was ich heute finde, dann lasse ich die Teile erstmal stehen, um nicht unnütz Natur zu zerstören. Meist habe ich recht, und das war das Ende dieser Sammlungsbewegung. Die Linken sollten lieber anfangen, für sich selber zu sammeln. Das könnte man ja auschliesslich auf linken Fusswegen organisieren ... :-)
enforca 29.01.2018
3. Yes we´re lame
Mit den Menschen in Deutschland ist kein Wechsel, keine Veränderung, kein Aufbruch möglich. Die Bürger wählen CDU und kaufen Volkswagen. Komme was wolle.
hermy 29.01.2018
4. Ganz
im Gegensatz dazu sehe ich die junge Garde, z.B. die z.Z. über die GroKo verhandelt. Da wimmelt es von jungen, dynamischen Verhandlern. Sie sind völlig unverbraucht und werden die ganz neuen Wind in die Politik bringen. Da wird sich viel bewegen. Wir werden uns noch wundern.
Badischer Revoluzzer 29.01.2018
5. Sarah Wagenknecht
gehört zu den wenigen wählbaren Politikern in Deutschland. Sie hat Sachverstand. Wenn ich Talk shows oder politische Sendungen mit Gästen anderer Parteien ansehe, gehen ihre Kontrahenten regelmäßig baden. Am liebsten sehe ich Sarah Wagenknecht in der Diskussion mit CDU-, SPD-, FDP- oder Grünen-Vertretern. Es ist ein Hochgenuß, wie sie politischen Gegner zerlegt. Danke.
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