Gysi-Nachfolge bei der Linken Warum es auch mit Wagenknecht geht

Die Linke ohne Gregor Gysi: Eine rot-rot-grüne Regierung 2017 wird damit noch unwahrscheinlicher, sagen jetzt viele. Aber stimmt das eigentlich?

Wagenknecht auf dem Bielefelder Parteitag: "Sie wäre ein Risiko, aber auch eine Chance"
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Wagenknecht auf dem Bielefelder Parteitag: "Sie wäre ein Risiko, aber auch eine Chance"

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Das war's also. Die letzte Mini-Chance auf eine rot-rot-grüne Koalition ab 2017 ist am Sonntag geplatzt: Nach dem angekündigten Rückzug Gregor Gysis vom Linken-Fraktionsvorsitz winken viele Kommentatoren ab. Und in der SPD ist selbst der linke Parteivize Ralf Stegner skeptisch. "Ohne ihn wäre ein rot-rot-grünes Bündnis noch viel schwerer anzugehen", sagt er zum Gysi-Abgang. SPD-Politiker Karl Lauterbach, auch er ein Parteilinker, urteilt über Gysis mögliche Nachfolgerin: "Wagenknecht knechtet ihre Partei in die Bedeutungslosigkeit, Selbstgerechtigkeit."

R2G mit einer Linkspartei von Sahra Wagenknechts Gnaden? Unvorstellbar.

So wirkt es allerdings nur auf den ersten Blick. Sicher, für eine Koalition von SPD, Linken und Grünen ab 2017 im Bund bauen sich immer noch riesige Hürden auf - in der Außenpolitik, in der Wirtschaft, bei den Steuern. Aber die könnten mit dem wahrscheinlichen künftigen Fraktionschef-Duo Wagenknecht und dem erfahrenen Realo Dietmar Bartsch einfacher zu überwinden sein als mit Gysi.

Wagenknecht hat zwar erst am Wochenende im SPIEGEL und auf dem Linken-Parteitag in Bielefeld deutlich gemacht, dass sie die SPD in aktueller Gestalt und angeführt von Sigmar Gabriel nicht für koalitionsfähig hält. In zehn Minuten ging es gegen die "trübe Brühe" von CDU, SPD und Grünen, gegen US-Terror und Ukraine-Nazis. Aber was sagen Politiker nicht alles vor und auf Parteitagen.

Zudem ist Gabriel ein geschmeidiger Politiker - und seine Partei eine wandelbare. Bis zur nächsten Bundestagswahl kann noch viel passieren. Und auch bei den Grünen setzen zwar einflussreiche Vertreter auf eine Koalition mit der Union ab 2017, aber ausgemacht ist das lange nicht.

Wagenknecht könnte Rot-Rot-Grün verhindern - oder ermöglichen

Klar ist, dass Wagenknecht für den Fall, dass eine Regierungsbeteiligung tatsächlich einmal anstünde, einen viel besseren Zugriff auf den Fundi-Flügel hätte als Gysi. Mit anderen Worten: Wagenknecht könnte Rot-Rot-Grün, Gysis eigentliches Ziel, verhindern, aber eben auch ermöglichen - als eine Art Brückenbauerin nach linksaußen.

Damit käme ihr in der Linken eine ähnliche Rolle zu wie in den vergangenen Jahren Jürgen Trittin bei den Grünen: Nur Trittin als Kopf des linken Flügels seiner Partei hätte 2013 der Garant für ein Bündnis mit der Union sein können. (Aber dafür hätten er und die Grünen gestärkt aus der Bundestagswahl hervorgehen müssen.) Frei nach der Politikerweisheit: "Only Nixon could go to China."

Noch ist ja nicht einmal sicher, ob Wagenknecht zusammen mit Bartsch ab Herbst die Fraktionsführung übernimmt, wie es sich viele Parteifreunde wünschen. Anfang kommender Woche wird der Linken-Parteivorstand wohl eine Empfehlung abgeben, vieles spricht für das Duo.

Selbst diejenigen in der Fraktion, die inhaltlich mit ihr über Kreuz liegen, glauben, dass Wagenknecht Bewegung in die Linke bringen und die Regierungsperspektiven ab 2017 verbessern könnte. Einer von ihnen ist der Außenpolitiker Stefan Liebich. "Sahra Wagenknecht wäre als Fraktionsvorsitzende für die Diskussion über Rot-Rot-Grün sicher ein Risiko, aber ebenso eine Chance", sagt er.

Hoffnung bei den linken Reformern

Es sei "hilfreich, wenn unser regierungskritischer Flügel über Frau Wagenknecht in der Spitze eingebunden wird und wenn auch sie Verantwortung für die Gespräche mit SPD und Grünen trägt", sagt der Bundestagsabgeordnete vom Reformer-Flügel. "Frau Wagenknecht würde dann eine andere Rolle spielen."

Die Hoffnung in der Ecke Liebichs: Wagenknecht könnte es sich nicht mehr so leicht machen wie in der Bielefelder Stadthalle. Also am Rande stehen, gegen SPD und Grüne wettern und dafür Beifall einheimsen. Und hätte sie als Fraktionsvorsitzende im Alltag immer wieder mit Amtskollegen von SPD und Grünen zu tun, würde sie automatisch beweglicher und zugänglicher.

Machtbewusst ist Wagenknecht jedenfalls. Sonst würde die Linken-Politikerin nun nicht ernsthaft die Gysi-Nachfolge erwägen, die sie im März noch ausgeschlossen hatte.

Auch bei SPD und Grünen setzt mancher auf Wagenknecht. Diese könne sich jetzt eben nicht mehr hinter Gysi verstecken, meint der SPD-Linke Frank Schwabe.

Und Trittin sagt: "Sahra Wagenknecht muss sich entscheiden: Hat sie den Mut, Veränderungen in einer Regierung zu gestalten oder will sie das Dauer-Abo von CDU und CSU mit markigen Reden bloß begleiten?" Trittin prophezeit: "Dieser Verantwortung wird sie sich nicht entziehen können."

insgesamt 118 Beiträge
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eryx 08.06.2015
1.
Allerdings vergessen Sie, dass Frau Wagenknecht keine Brückenbauerin ist, sondern in erster Linie eine Spalterin - vor allem auch in ihrer eigenen Partei. Sie ist auch keine Reformerin, sondern vor allem mal ein Betonkopf. Von daher ist die Annahme, dass damit rot-rot-grün erstmal keine Option ist, schon richtig.
Das Grauen 08.06.2015
2. Mit der Linken geht es generell nicht.
Und das liegt noch nicht mal so sehr and der radikalen, aber auch intelligenten, Sara Wagenknecht, sondern an der Masse der radikalen, aber deutlich weniger intellenten Parteimitglieder. Bei denen herrscht eine Wirtsaftskompetenz a la Klein Erna vor. Damit kann man ein Land ruinieren (siehe den Katastrophenstaat Hellas), aber nicht erfolgreich regieren. Rotrotgrün kann nicht das Ziel für 2017 sein, stattdessen muß die SPD endlich wieder mit überzeugender sozialdokratischer Politik punkten, anstelle mit unausgegoren wirtschaftsliberalen Ideen a la FDP die Wähler zu vergraulen (damit meine ich Sie, Frau Nahles)! Ich schlage ein Wohnungsbauprogramm als wichtiges Profilierungsthema vor. Nicht Mangel verwalten, sondern bezahlbaren Wohnraum schaffen, damit gewinnt man Wähler und drückt die SED-Nachfolgepartei unter 5%!
Enguerrand de Coucy 08.06.2015
3. Ich richte mich schon mal auf
Schwarz-Grün im Jahr 2017 ein. Dann lösen die grünen Opportunisten die roten ab - und für Knallrot bleibt kein Platz mehr.
trick66 08.06.2015
4. Pfeifen im Walde
R2G kommt nicht. Die Mär von der strukturellen linken Mehrheit hat sich doch längst erledigt, vor allem da sich ein Grossteil der SPD an Muttis Rockzipfel sehr wohl fühlt. Und bei der nächsten Wahl werden auch nicht wieder knapp 10% rechts-liberaler Stimmen an der 5%-Hürde scheitern.
neptun680 08.06.2015
5. Kompromisse
Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie befürchtet zu viele ihrer Ideale in Kompromissen zu opfern. Andererseits glaube ich nicht, dass ihre Seele schaden nehmen wird wenn sie sich dafür entscheidet nur ein wenig von den Idealen real werden zu lassen. Sie sollte sich für die Verantwortung entscheiden.
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