Linken-Parteitag: Offener Streit zwischen Gysi und Lafontaine
Die zerstrittene Linke kämpft auf ihrem Parteitag erbittert um ihre Positionen - in Göttingen grenzt sich Fraktionschef Gysi deutlich von seinem langjährigen Weggefährten Lafontaine ab. Nur die Sorge vor einem Bruch eint die beiden noch.
Gregor Gysi erlaubt sich auf dem Göttinger Parteitag der Linken nur einen einzigen Witz - und das gleich zu Beginn seiner Rede. Ein halb gefülltes Wasserglas seines Vorredners steht vor dem Bundestagsfraktionschef. "Darf ich hier den Rest trinken?", fragt er. "Immerhin." Viele Genossen in der Göttinger Lokhalle lachen.
Da ahnen die rund 500 Delegierten noch nicht, was folgen wird. Gysi-Reden sind auf Parteitagen oft voll von klugem Humor, aber an diesem Samstag hat der Berliner keine Witze im Gepäck. Neun Manuskriptseiten liegen vor Gysi. Er liest seine Rede weitgehend ab - auch das ist ungewöhnlich für den brillanten Redner.
Wort für Wort, Satz für Satz wird deutlich, dass sich der Berliner in Göttingen ummissverständlich mit der Krise der Linken auseinandersetzen und dabei klare Position in dem Konflikt beziehen will, der seit Monaten vor allem zwischen Genossen im Westen und Osten schwelt. Und hier, in Göttingen, auch zwischen Gregor Gysi und Oskar Lafontaine, das wird an diesem Samstagnachmittag deutlich.
Die Linke, so Gysi, benötige nun eine Spitze, die die Partei zusammenführe. Und dann dies: Gelinge die Einigung nicht, bleibe nur die Spaltung übrig. "Dann wäre es sogar besser, sich fair zu trennen als weiterhin unfair, mit Hass, mit Tricksereien, mit üblem Nachtreten und Denunziation eine in jeder Hinsicht verkorkste Ehe zu führen."
Lafontaine wird wenig später zum direkten Gegenangriff übergehen. "Es gibt keinen Grund, das Wort Spaltung in den Mund zu nehmen", sagt er in seiner wütenden Rede im Anschluss an den Auftritt Gysis. Die beiden Linken-Schwergewichte personifizieren in Göttingen den Riss, der durch die Partei geht.
Die Kritik aus den westdeutschen Landesverbänden erinnere ihn "an die Arroganz der alten Bundesländer bei der Wiedervereinigung", sagt Gysi. Der Vorwurf, die ostdeutsche Linke ähnele zu sehr der SPD, sei unzutreffend, so Gysi.
Gysi wirkt emotional angegriffen
Im Westen setzt die Partei mehrheitlich auf einen scharfen Kurs gegen die SPD, im Osten dagegen plädieren die Genossen für eine Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten - so regiert die Partei in Brandenburg mit der SPD, auch in Berlin gab es bis zur Wahlniederlage der Linke im vergangenen September eine rot-rote Koalition.
Man sieht es Gysi am Samstag an, dass ihm seine offenen Worte nicht leicht fallen. Manchmal holt er tief Luft, die Rede strengt ihn offensichtlich emotional an. Und ein paar Schritte weiter unten im Parteitagssaal stockt einem anderen Linken der Atem: Oskar Lafontaine. Wenn in der Lokhalle Beifall für Gysi von den Ost-Delegierten aufbrandet, sitzt der Saarländer reglos da. Kein Applaus, dafür ein versteinerter Gesichtsausdruck. Denn die Kritik Gysis gilt auch und vor allem Lafontaine und seinen engsten Vertrauten.
Schließlich sind es Lafontaine und seine Anhänger, die sich vehement für einen scharfen Abgrenzungskurs der Linken von der SPD stark machen. "Was jetzt?", fragt der scheidende Linke-Vorsitzende und Lafontaine-Vertraute Klaus Ernst den Saarländer, als Gysi seine Abrechnung vorträgt. Lafontaine: "Da muss ich überlegen."
"Im Bundestag herrscht auch Hass"
Doch Gysi ist noch lange nicht fertig. Er sei die ständigen Flügelkämpfe in der Linken leid. "In unserer Fraktion im Bundestag herrscht auch Hass", sagt Gysi. Er habe seit Jahren versucht, die unterschiedlichen Teile zusammenzuführen. Dabei könne man "zermalmt werden".
Lafontaine muss einen weiteren Seitenhieb einstecken: Ausdrücklich lobt Gysi Dietmar Bartsch, der zuletzt wochenlang in einem Machtkampf mit Lafontaine steckte. Der frühere Bundesgeschäftsführer habe zu den Erfolgen der Linken beigetragen und trage nicht die Verantwortung dafür, dass es zuletzt zu keiner Einigung in der Auseinandersetzung gekommen sei, sagte Gysi.
Der Konflikt zwischen Bartsch und Lafontaine ist der schärfste, unter dem die Partei seit Wochen leidet. Lafontaine hatte eine Rückkehr an die Parteispitze davon abhängig gemacht, dass Bartsch seine Kandidatur für den Parteivorsitz zurückzieht. Aber Bartsch blieb bei seiner Bewerbung für den Göttinger Parteitag. Daraufhin erklärte der Saarländer in der vergangenen Woche, nicht mehr für ein Spitzenamt zur Verfügung zu stehen.
Das Verhältnis der beiden gilt seit langem als zerrüttet. 2010 hatte der Ostdeutsche seinen Posten als Bundesgeschäftsführer geräumt, nachdem ihm Illoyalität gegenüber dem damaligen Parteichef Lafontaine vorgeworfen worden war.
"Kein Grund, das Wort Spaltung in den Mund zu nehmen"
Die Fronten zwischen ost- und westdeutschen Linken haben sich seitdem weiter verhärtet.
Eine Spaltung sei nur bei gravierenden programmatischen Differenzen gerechtfertigt, sagt Lafontaine. Das Programm der Linken sei im vergangenen Jahr aber mit großer Mehrheit verabschiedet worden. Befindlichkeiten seien kein Grund, ein politisches Projekt in Frage zu stellen. Lafontaine wehrt sich auch gegen den Vorwurf, die Linke verweigere im Westen jede Regierungsbeteiligung. So habe es in Hessen und Nordrhein-Westfalen Angebote zur Zusammenarbeit an die SPD gegeben - die Sozialdemokraten hätten dies aber abgelehnt. "Warum dieses dumme Gerede von Regierungsunwilligkeit. Das ist doch nicht mehr nachzuvollziehen."
Noch nie in der Geschichte der 2007 aus Linkspartei.PDS und WASG geformten Linken sind die Konflikte so deutlich und massiv auf einem Parteitag zutage getreten. Zwar machten sich sowohl Gysi und Lafontaine dafür stark, weiter für eine gemeinsame Linke zu kämpfen. Doch der Bruch zwischen den beiden war nicht zu übersehen.
Völlig offen ist, wer die Partei künftig führen wird. In Göttingen will die Linke einen neuen Vorstand wählen. Für das Reformerlager kandidiert unter anderem Bartsch - gegen ihn will der baden-württembergische Landesvorsitzende Bernd Riexinger antreten, der als Freund Lafontaines gilt. Die nordrhein-westfälische Landesvorsitzende Katharina Schwabedissen hat inzwischen ihre Bewerbung für den Bundesvorsitz zurückgezogen. Sie wird nicht gemeinsam mit Parteivize Katja Kipping für eine weibliche Doppelspitze kandidieren.
Noch am Samstagabend ist völlig offen, wie die Wahl ausgehen wird - es wird bis zur letzten Minute taktiert.
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