Linken-Wahlkampf im Saarland SPD-Anhänger flirten mit Lafontaine

In Berlin versucht sich die SPD als Gegnerin der Linkspartei zu profilieren - im Saarland strömen Sozialdemokraten zu Wahlkampf-Veranstaltungen der Rivalen. Linke-Chef Lafontaine umwirbt gezielt SPD-Stammwähler - zum Frust der Genossen.

Aus Friedrichsthal berichtet


Friedrichsthal - Einmal kann er sich einen Seitenhieb dann doch nicht verkneifen: Oskar Lafontaine sieht vom Rednerpult, wie sich ein Mann durch die Menge nach vorne schiebt. Der Linkspartei-Chef lächelt und ruft: "Ich begrüße Alfred Staudt." Jeder im Saal weiß: Staudt ist nicht nur Landesbezirksleiter von Ver.di, sondern auch Sozialdemokrat - und damit ein ehemaliger politischer Weggefährte Lafontaines.

Mittwochabend in Friedrichsthal, einer 11.000 Einwohner-Stadt, 15 Kilometer nördlich von Saarbrücken. Die Linkspartei hat zum jährlichen Betriebs- und Personalräteempfang geladen: Im Rechtsschutzsaal im Stadtteil Bildstock, dem ältesten Gewerkschaftshaus Deutschlands, haben sich 180 Gäste um die rot dekorierten Stehtische versammelt. Viele sind Mitglieder der Linken. Doch so wie Staudt sind auch andere Sozialdemokraten gekommen, um ihren früheren Parteichef Lafontaine reden zu hören.

Lafontaine (Archivfoto): "Ich appelliere an alle Sozialdemokraten"
Getty Images

Lafontaine (Archivfoto): "Ich appelliere an alle Sozialdemokraten"

Auf Bundesebene wäre das undenkbar. In Berlin geben sich die Sozialdemokraten als scharfe Gegner der Linkspartei, verweigern Lafontaine Gespräche. Aber Berlin ist weit weg, im Saarland ist das Miteinander normal: Hier begegnen sich viele Sozialdemokraten und Linkspartei-Politiker nicht nur respektvoll, sondern freundschaftlich - auch wenn das von der saarländischen SPD-Spitze nicht gewollt ist.

"Dieses Jahr sind die SPD-Leute zurückhaltender. Es gibt die Vorgabe, nicht die Säle der Linken vollzumachen", sagt Jürgen Trenz, ein freundlicher Mann mit Schnauzbart. Er ist Vorsitzender des Linkspartei-Ortsverbands Friedrichsthal.

In erster Linie Gewerkschafter

Ende August nächsten Jahres sind Landtagswahlen an der Saar. In keinem anderen westdeutschen Bundesland sind die Voraussetzungen für die Linke so günstig: Hier hat Lafontaine als sozialdemokratischer Oberbürgermeister und Ministerpräsident mehr als 20 Jahre lang die Politik geprägt - und will es jetzt wieder tun.

Lafontaine als linker Ministerpräsident? Für SPD-Landeschef Heiko Maas ein Unding. Er hat stets betont, dass er auf keinen Fall für eine mögliche rot-rote Landesregierung unter einem Regierungschef Lafontaine zur Verfügung stehen würde. Eine Koalition vielleicht schon, aber die Rolle des Juniorpartners lehnt Maas ab.

Sozialdemokrat Staudt gibt sich diplomatisch, eine Koalition sei "mit allen demokratischen Parteien" möglich. Er wolle lieber nicht spekulieren, "erst einmal wird gewählt". So richtig gern redet Staudt nicht über sein Parteibuch. Andere Sozialdemokraten wollen an diesem Abend lieber nichts sagen. So betont auch Staudt, er sei "in erster Linie" als Ver.di-Repräsentant gekommen. In der Einheitsgewerkschaft hätten "alle Parteien ihren Platz - "auch die Linkspartei".

Allerdings ist Staudt einer der wenigen, der an diesem Abend Lafontaine auch angreift: "Er kritisiert zu sehr ins sozialdemokratische Lager hinein - zu heftig, zu undifferenziert." So bezeichnet der Linkspartei-Chef an diesem Abend die Netzwerker der SPD als "beliebigen Karriereverein, bei dem es nicht um Inhalte geht." Für Staudt geht das zu weit.

"Begebt euch nicht in die Ypsilanti-Matschie-Falle"

Zu Beginn seiner Rede stellt Lafontaine zunächst fest: "Ich will mich an niemanden ranwanzen oder womöglich Gewerkschafter vereinnahmen." Aber man streite ja für die gleiche Sache: Gerechtigkeit und gute Bedingungen in den Betrieben. Die Botschaft ist klar: Die Linke ist die Partei mit dem besten Draht zu den Arbeitnehmervertretern im Land.

Lafontaines Auftritt - ein Heimspiel. Egal was er sagt: Applaus, sogar Bravorufe. Es sind solche Sätze, die besonders bei den Leuten ankommen: "Das große Geld regiert, und die Politik zappelt hinterher." Oder: "Früher gab es Pat und Patachon, heute Peer und Angelinchen." Lachen.

Oder: "Ich appelliere an alle Sozialdemokraten - und gucke dabei keinen hier an." Wieder Gelächter. "Begebt euch nicht in die Ypsilanti-Matschie-Falle". Lafontaines Stimme wird energisch. Gemeint ist Christoph Matschie, der SPD-Spitzenkandidat von Thüringen, der dort gegen Bodo Ramelow von der Linkspartei antritt. Ramelow ist zu Besuch im Saarland und klatscht wie alle Beifall.

Bergbau an der Saar fortsetzen

Linke und Sozialdemokraten hätten die meisten Überschneidungen, so Lafontaine weiter. "Wir wollen zusammenarbeiten." Das gemeinsame Ziel im Saarland laute: CDU-Ministerpräsident Peter Müller ablösen. Aber Lafontaine macht auch klar, wer den Machtwechsel bringen wird: "Ohne die Linke an der Saar gibt es keinen Regierungswechsel."

20 Prozent plus X lautet das Ziel seiner Partei für die Wahl im kommenden Jahr. Die Sozialdemokraten sehen nach den Umfragen schon jetzt ziemlich alt aus: In jüngsten Umfragen liegt die Linke bereits bei über 20 Prozent, die SPD hat nur noch ein bis zwei Prozentpunkte Vorsprung.

Es wird knapp für die SPD. Lafontaine weiß, wo er den Sozialdemokraten Stimmen streitig machen kann - bei den Bergleuten, ihren Familien und Zulieferern. Das sind Tausende Wähler. Und so ruft er: "Es ist doch ein Treppenwitz, sich von der Kohle zu verabschieden, wenn der Kohlepreis steigt." Beifall. Mit der Linken werde der Bergbau an der Saar fortgesetzt - "aber nur in Gebieten ohne Bebauung". Langer Applaus.

"Aus dem Herzen gesprochen"

Die Luft im Saal ist stickig. Die Leute wollen endlich etwas trinken und essen. Lafontaine macht nach einer halben Stunde Schluss - für seine Verhältnisse eine kurze Ansprache, aber der Gastredner von der IG-Metall Homburg-Saarpfalz hat vor ihm schon dreißig Minuten gesprochen. Über den Pilotabschluss mit den Arbeitgebern, über das Arbeitskampfgesetz, über Leiharbeit.

Auch wenn seine Rede kurz war, Lafontaine hat Winfried Jung "aus dem Herzen gesprochen". Knapp 3000 Mitglieder hat die Linkspartei im Saarland schon - mehr als doppelt so viele wie Anfang vergangenen Jahres. Im Juli traten 221 der 300 Busfahrer der Saarbahn GmbH geschlossen bei. Die Mitgliedsanträge überreichte Jung seinem Parteichef Lafontaine - ein Triumph für den Betriebsratsvorsitzenden der Saarbahn GmbH und die Linke.

Und der Triumph, da ist sich Jung sicher, geht weiter: "Bei den Wahlen werden wir vor der SPD liegen."

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.