Linkspartei 193 Stimmen für Lafontaine und eine für Karl Marx

Ein paar kritische Stimmen, aber bei den Abstimmungen gab es kein Wackeln: Bei ihrer Landesmitgliederversammlung in Essen hat sich die nordrhein-westfälische PDS in die Linkspartei umbenannt - und mit überwältigender Mehrheit Oskar Lafontaine als Spitzenkandidat für die Bundestagswahl gewählt.

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Lafontaine: "Diffamierungskampagne"
DDP

Lafontaine: "Diffamierungskampagne"

Essen - Dragan Randelovic trägt ein enges, schwarzes T-Shirt, seine Haare sind frisch gegelt und er ist im Zug unterwegs von Hagen nach Essen zum Messegelände - "die Hütte wird voll", sagt der 27-Jährige. Er könnte unterwegs sein zu einem Pop-Konzert, aber auf seinem T-Shirt prangt nicht der Name einer Band, darauf steht sein politisches Bekenntnis: "Socialist". Randelovic fährt zur Mitgliederversammlung der nordrhein-westfälischen PDS, wo die Landespartei Oskar Lafontaine zu ihrem Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl wählen und sich - wie von der Bundespartei bereits beschlossen - in Linkspartei umbenennen will.

PDS und Nordrhein-Westfalen, das war bislang nicht gerade eine Erfolgsgeschichte. Rund 1200 Mitglieder hat die Partei in dem bevölkerungsreichsten Bundesland, bei der Landtagswahl im vergangenen Mai gab es 0,9 Prozent der Stimmen - das reichte für den Status von politischen Sektierern, aber seitdem die PDS und die Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) ein Linksbündnis beschlossen haben und in Umfragen als drittstärkste Kraft gehandelt werden, ist die PDS eben auch an Rhein und Ruhr ein Thema: Der Saal "Deutschland", den die Partei für die Essener Veranstaltung reserviert hat, füllt sich schon am frühen Vormittag.

Wie beim Mode-Shooting

Mehr als 250 Mitglieder sind gekommen, und Katja Kipping, stellvertretende Bundesvorsitzende der Linkspartei/PDS, wird von Fotojournalisten umlagert. Sie ist jung, noch keine dreißig, sieht gut aus und ist deshalb ein geeignetes Gesicht für den Erfolg des Linksbündnisses, vor dem sich die etablierten Parteien fürchten. Mal steht sie mit verschränkten Armen vor den Objektiven, dann geht sie leicht in die Hocke, ein Fotograf legt sich flach auf den Boden. Es wirkt wie ein Mode-Shooting für den Sommerkatalog, aber Kipping steht nicht vor Palmen und rauschender Brandung, sondern vor einem schnöden, weißen Plakat: "Die Linke. PDS. Für eine neue soziale Idee" steht darauf.

Kipping, Lafontaine: "Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist"
DDP

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Die Partei dürfe sich jetzt "nicht taumelig reden" angesichts der guten Umfrageergebnisse, sagt Kipping in ihrer Rede. Damit das Linksbündnis nicht eine "Eintagsfliege" werde, müssten WASG und PDS vertrauensvoll und ehrlich zusammenarbeiten. "Die Menschen setzen eine große Hoffnung auf eine sich einigende Linke", sagt Kipping und versucht mögliche Bedenken gegen die Umbenennung der Partei zu zerstreuen.

"Das geht mir alles viel zu schnell"

Es gibt einige in der NRW-Partei, die nicht wissen, ob das Linksbündnis der richtige Weg ist. "Das geht mir alles viel zu schnell", sagt Dragan Randelovic im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. 1999 ist er der Partei beigetreten und heute zweifelt er, ob Lafontaine der richtige Kandidat an der Spitze des Linksbündnisses ist. Und Manfred Weber, gelernter Metzger und Rentner aus Hagen, will nur ungern das Kürzel PDS aufgeben. "Ich bin inne PDS", sagt er und die Aufgabe des Namens würde seiner Partei ein Stück Identität nehmen. Am Ende votieren 185 Mitglieder und nur sieben gegen die Umbenennung, sechs enthalten sich. Es wird geklatscht, die Partei feiert sich - und wenige Minuten später Oskar Lafontaine.

Um kurz nach halb zwei tritt er ans Mikrofon - und er muss sich die Unterstützung des Saales nicht erst erkämpfen. Fast jeder seiner Sätze zündet. Von einer "Diffamierungskampagne" gegen das Linksbündnis spricht Lafontaine und liefert gleich eine Analyse mit: "Den Gegner gehen die Argumente aus." Er fordert Mindestlöhne, ein Ende des "Sozialdumpings", höhere Steuern für Spitzenverdiener und ein Ende "der neoliberalen Politik". Union und SPD hätten mit ihrer Politik "die Axt an die Wurzel der Gesellschaft" gelegt und den "Sozialstaat ruiniert". Es sind bekannte Ausführungen, mit denen Lafontaine seit einiger Zeit durch die Republik tourt - wie etwa vor wenigen Wochen beim WASG-Parteitag in Kassel. Auch die Grünen kritisiert Lafontaine. Er nenne sie jetzt nur noch die "Verwelkten", weil sie ihre Überzeugungen über Bord geworfen hätten.

Im Saal wird gelacht. Da stört es auch nicht weiter, dass einige Mitglieder von "Solid", der PDS-nahen Jugendorganisation, ein Transparent auf die Bühne tragen wollen, um Lafontaine zu kritisieren. "Links ist, wo keiner fremd ist", lautet der Aufdruck und soll an Lafontaines umstrittenen "Fremdarbeiter"-Äußerungen erinnern. Lafontaine selbst schenkt dem Transparent keine große Beachtung, nur so viel will er dazu sagen: Er bedauere, dass er mit dem Begriff den Eindruck vermittelt habe, die Arbeitnehmer seien für die Misere auf dem Arbeitmarkt verantwortlich. "Aber wir machen die Unternehmer dafür verantwortlich", sagt er, die wahren Lohndrücker seien "die Kapitalisten". Ob Lafontaine, sollte er ein Bundestagsmandat erhalten, andere Verpflichtungen aufgeben und ausschließlich als Politiker arbeiten werde, will eine Frau wissen. Er könne nicht ausschließen, dass er auch in Zukunft als Publizist tätig sein werde sagt er. In der Vergangenheit habe er die kritischsten Anti-Kriegskommentare in Deutschland geschrieben.

"Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist", sagt Lafontaine am Ende seiner Rede. 193 Parteimitglieder wählen Lafontaine als ihren Spitzenkandidaten, auch Dragan Randelovic schenkt ihm sein Vertrauen. 26 stimmen für Lafontaines Gegenkandidaten Axel Gonder von der PDS aus Kleve - einer schreibt den Namen Karl Marx auf den Wahlzettel. Der Saal "Deutschland" setzt seine Hoffnungen in Lafontaine - der muss jetzt nur noch den Rest des Landes überzeugen.



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