Linkspartei Jagd auf den Verschwörer

Die zur Linkspartei mutierte PDS glaubt in einem ihrer schärfsten Kritiker einen Handlanger des Verfassungsschutzes erkannt zu haben: Der Wissenschaftler Patrick Moreau kommt in Erklärungsnöte.

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Hamburg - Es gibt Quellen, die zitiert der angebliche Münchner Politologe Peter Christian Segall besonders gern. Bücher von Patrick Moreau etwa. Immer wieder tauchen die Werke Moreaus in den Fußnoten der PDS-kritischen Aufsätze auf, die Segall für Institutionen wie die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung verfasst - und zwar immer als Beleg für die ernste Gefahr, welche die Linksgenossen für die Demokratie darstellten.

Segall und Moreau sind auch im richtigen Leben so nah beieinander, wie es nur geht: Der angebliche Wissenschaftler Segall existiert nicht, der Name ist Professor Moreaus Pseudonym. Der deutsch-französische Wissenschaftler - Autor des Standardwerkes "PDS. Anatomie einer postkommunistischen Partei" - nutzt sein Alter Ego, um bislang weitgehend unerkannt seine teils rüden Attacken gegen die Partei zu reiten.

Das Phantom Segall könnte jetzt freilich den deutschlandweit anerkannten Politologen Moreau diskreditieren, während die von ihm so vehement verfolgte Partei wieder in den Bundestag zieht: Die Doppel-Identität ist inzwischen gerichtsbekannt - und die Genossen der in "Linkspartei" umgetauften PDS glauben über den Fall Segall endlich nachweisen zu können, dass ihr profiliertester Kritiker vom Verfassungsschutz munitioniert wird.

Als Hauptindiz gilt eine Broschüre, die Moreau 1999 unter dem Namen Segall für die Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft (CDA) Thüringen verfasste. In dem Werk, das die Zusammenarbeit zwischen PDS und Gewerkschaftlern als "Verrat an der demokratischen Revolution in der früheren DDR und an Lehren der deutschen Geschichte" geißelt, taucht als besonders abschreckendes Beispiel der heutige Wahlkampfchef der Linkspartei Bodo Ramelow auf. Der war seinerzeit Thüringer Landeschef der Gewerkschaft HBV und wollte für die PDS in den Landtag ziehen - Moreau deckte pünktlich zum Wahlkampf Ramelows alte DKP-Kontakte auf.

In Gießen und Marburg sei Ramelow für seine DKP-Nähe bekannt, ist der Kampfschrift zu entnehmen. Moreau alias Segall will nach fast 15 Jahren noch Gastkommentare Ramelows in örtlichen DKP-Blättern gefunden haben sowie Unterschriften unter Solidaritätsaufrufe für DKP-Aktivisten, gegen die Berufsverbote ausgesprochen wurden. Selbst Ramelows Hochzeitsanzeige konnte der Wissenschaftler im Ausriss dokumentieren: erschienen am 22. Oktober 1982 in der DKP-Zeitung "UZ".

Die Genossen schäumten und vermuteten alsbald eine große Verschwörung - inzwischen beschäftigt sich das Verwaltungsgericht Weimar mit dem Fall, und dabei nimmt der Verdacht klarere Formen an. Ramelow klagt dort auf Offenlegung seiner Verfassungsschutzakte - und das Gericht prüft die Verbindung zwischen Moreau und dem Dienst. Denn heute ist klar: Es gab im Landesamt für Verfassungsschutz nicht nur eine Personenakte Ramelow, sondern auch eine ausführliche Stellungnahme des hessischen Dienstes zu dessen Aktivitäten in den Jahren 1982 bis 1990. Darin wird detailliert auf genau jene Hand voll DKP-Kontakte hingewiesen, die auch in der Segall-Broschüre auftauchten.

Der Dienst hat jetzt in Schreiben an das Gericht Kontakte zwischen dem Amt und Moreau eingeräumt. Der Wissenschaftler habe "auf Honorarbasis" Vorträge gehalten und in vom Amt verlegten Büchern Abhandlungen zur PDS veröffentlicht. Allerdings gebe es keinen Hinweis darauf, dass Informationen aus dem Dienst an Moreau geflossen sein könnten.

Doch sicher können sich die Schlapphüte da kaum sein, dreht sich beim Thüringer Verfassungsschutz dank zahlreicher Affären das Personalkarussell doch schnell: Die damals handelnden Beamten haben den Dienst verlassen, der einstige Amtschef wurde gerade wegen Untreue in 48 besonders schweren Fällen angeklagt. Das Gericht verlangt nun den kompletten Schriftverkehr zwischen dem Geheimdienst und Moreau - was das Amt bisher unter Hinweis auf Vertraulichkeit verweigert.

Patrick Moreau sitzt indes in seiner Leipziger Altbauwohnung zwischen Büsten von Marx, Lenin und Stalin und streitet ab, für den Dienst schmutzige Wäsche gewaschen zu haben. Sicher bekämpfe er die PDS, klar habe er Kontakte zum Verfassungsschutz - aber Dossiers der Geheimen habe er nie erhalten. Tonnenweise habe er selbst Material über die DKP gesammelt, und dabei sei er eben auf Ramelows Vergangenheit gestoßen. Ob er die Fundstellen mal kurz zeigen könne? Tja, da sei ja so viel Material im Keller, in Kisten. Nicht so einfach zu finden. Aber: "Ich bin ein Spezialist. Ich brauche den Verfassungsschutz nicht."

Und Segall? "Das war ein Spiel", beteuert Moreau. Da er gern und oft für CDU- und CSU-nahe Organisationen schrieb, sei er dem konservativen Lager zugeordnet worden. Einige Medien hätten ihn nicht mehr als unabhängigen Experten zitiert. Deshalb habe er sich das Pseudonym zugelegt. Und: Einen echten Segall habe es tatsächlich gegeben. Der Mann sei ein im Exil lebender Trotzkist gewesen.



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