Lisa Ortgies im Interview "Die Frauen müssen die Machtfrage stellen"

Mehr Männer als erwartet nutzen das neue Elterngeld für eine Babypause. Doch dann folgt die Ernüchterung: Küche, Kind, Krabbelgruppe - und die Männer jammern. Die designierte "Emma"-Chefin Lisa Ortgies fühlt im SPIEGEL-ONLINE-Interview mit: "Die müssen das ja erstmal verarbeiten."


SPIEGEL ONLINE: Die Nachfrage nach dem neuen Elterngeld wächst. Bis Ende September letzten Jahres waren bundesweit 9,6 Prozent der Antragsteller Männer. Damit hat sich die Zahl der Väter in Elternzeit verdreifacht. Die Familienministerin ist begeistert. Sind das die sogenannten "Neuen Väter"?

Ortgies: Früher war es für viele Väter gar nicht vorstellbar, sich mit einem Kind zu beschäftigen, das kaum mehr als schreien und in die Windeln machen kann. Langweilig und fremd fanden die Männer so ein Baby. Heute interessieren sich mehr und mehr Männer für ihre Rolle als Vater. Sie interessieren sich für ihr Kind, für ein Leben vor und nach dem Job. Das ist jedenfalls neu.

SPIEGEL ONLINE: Besonders zäh sind sie nicht, die "Neuen Väter". In der aktuellen Ausgabe der Frauenzeitschrift "Brigitte" jammern schon die ersten über ihre Doppelbelastung als berufstätige Väter und Hausmänner.

Ortgies: Ich finde es sehr amüsant, dass Männer sich über einen Lebensumstand beschweren, mit dem Frauen seit Jahrzehnten zu kämpfen haben. Frauen haben den Stress mehr oder weniger im Stillen ertragen, auch unter großen körperlichen Anstrengungen. Aber kaum sind Männer betroffen, wird das Problem zu einem gesellschaftlichen Skandal. Ich habe gehört, es gibt schon die erste Beratungsstelle für gestresste Väter mit Burnout-Syndrom. Trotzdem, diese Männer haben mein Mitgefühl. Die kommen ja zum ersten Mal in Berührung mit Küche, Kind und Krabbelgruppe. Das müssen die erst mal verarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: 90 Prozent der Männer verweigern bislang noch den Dienst am Herd. Wie kommt das?

Ortgies: Um Elternzeit zu bitten, das ist ein emotionales Statement im Job. Ein persönlicher Wunsch. So etwas kommt nicht gut an beim Arbeitgeber. Die meisten Männer ziehen da schon in vorauseilendem Gehorsam den Kopf ein. Selbst die Männer, die sich trauen, verkaufen ihre Eltern-Auszeit gerne als Sabbatical, als Urlaub oder Notfall.

SPIEGEL ONLINE: Kann man denn dann überhaupt die Vätermonate als großen Wurf auf dem Weg zur Gleichberechtigung bezeichnen?

Ortgies: Auf jeden Fall. Entscheidend ist die Signalwirkung. Die Männer lernen in ihrer Elternzeit - und sei sie auch noch so kurz -, welch ein Fulltimejob es ist, den ganzen Tag ein Baby zu versorgen. Und wenn sie dann zurück ins Büro kommen, sprechen sie mit Kollegen und Mitarbeitern über ihre Erfahrungen, spüren plötzlich, wie familienfeindlich die Rahmenbedingungen in der Arbeitswelt sind. Erkennen, wie unsinnig Konferenzen am späten Abend sind, wie überflüssig die weit verbreitete Anwesenheitskultur, frei nach dem Motto: Wer zuletzt das Büro verlässt, hat gewonnen.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Väter im Kinderzimmer so wichtig?

Ortgies: Nur so wird sich das Rollenverhalten langfristig ändern. Solange es nach wie vor Frauen sind, die das ganze Pflegerische und Fürsorgliche in der Familie übernehmen, werden die Kinder sich das abgucken. Wenn aber kleine Kinder künftig ihre Väter regelmäßig am Wickeltisch und hinter dem Herd erleben, dann werden kleine Jungs bald auch öfter mit Puppen spielen. Dieser unsinnige Biologismus, die Mär, dass das Rollenverhalten angeboren ist, all das wird sich in Luft auflösen.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt eine Menge Paare, die ganz glücklich mit der traditionellen Rollenverteilung sind, auch mit dem Argument, das Kind sei am besten bei der Mutter aufgehoben. Warum sollten diese Paare von der bewährten Tradition abrücken?

Ortgies: Bei manchen ist der Rollenwandel einfach noch nicht angekommen. Die heiraten alle noch lustig und lassen sich auf dieses Vertrauensmodell ein. Doch bei diesem Modell sind die Frauen nach dem neuen Unterhaltsrecht die Gekniffenen.

SPIEGEL ONLINE: Nach einer Scheidung steht den Frauen in der Regel nur noch bis zum dritten Lebensjahr ihrer Kinder Unterhalt zu. Was sollten Frauen also tun?

Ortgies: In Zukunft werden die Frauen die Machtfrage stellen müssen. Denn die Aufteilung der Familienarbeit ist nichts anderes als ein Machtkampf. Da geht es nicht nur um zwei, vier oder sechs Monate Elternzeit, sondern um ihre ganze Lebensplanung. Da geht es um Geld, um soziale Stellung, um Prestige. Wer darf in der Partnerschaft seine Privilegien behalten, wer wechselt die Windeln? Und wer darf weiter auf die Anerkennung und den Zuspruch im Job zählen? Wer endet nach der Trennung als Harz IV-Empfänger? Frauen haben jahrzehntelang Übung darin, diesen Knick zu erleben. Für Männer ist das komplett neu, das wird hart.

SPIEGEL ONLINE: Hätte die Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen die Elternzeit dann nicht auch gerecht teilen und sogar sieben Vätermonate zur Pflicht machen müssen? Demnach bekämen Paare, bei denen nur ein Partner Elternzeit nimmt, nur sieben Monate lang Elterngeld?

Ortgies: Im Grunde müsste man es so machen. Aber das hat sich der Gesetzgeber nicht getraut. Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen hatte ja schon große Schwierigkeiten, zwei Vätermonate bei ihren Parteikollegen durchzusetzen. Wichtiger wäre es, eine vernünftige Infrastruktur zu schaffen für das Leben nach der Elternzeit: Krippenplätze, Hortplätze, Ganztagsschulen. Sonst landen die Frauen doch spätestens dann in der Teilzeit-Falle.

SPIEGEL ONLINE: Von der Leyen sieht das Ziel bei 25 Prozent der Väter in Elternzeit. Reicht das?

Ortgies: Das Ziel sind 50 Prozent. Das wäre Gleichberechtigung. Das sollte man anpeilen. Realistisch sind 25 Prozent.

Das Interview führte Ulrike Demmer.


Lesen Sie zum Thema auch die Reportage "Die Familienmanager" in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL.



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