Live-Blog "Ich liebe alle Steuerzahler"

Will er nur provozieren? Wie meint Thilo Sarrazin seine Sätze über Juden - und wie findet er muslimische Steuerzahler? Bei der Vorstellung seines umstrittenen Buches nahm der SPD-Politiker Stellung. Lesen Sie das Geschehen im Live-Blog von SPIEGEL ONLINE nach.

REUTERS

Von Veit Medick (vme) und Florian Gathmann (flo)

[12.52 Uhr] Nicht einmal ein Schuhwerfer war zu finden

Sarrazin ist fertig. Gemessen an der hitzig geführten Debatte der vergangenen Tage war das ein eher harmonischer Termin - ohne große Höhepunkte, ohne große Proteste im Saal. Kein Plakat wurde entrollt, kein Sprechchor angestimmt, und nicht einmal ein Schuhwerfer war zu finden. (vme)

[12.50 Uhr] SPD-Pläne irritieren Sarrazin

Mit Verwunderung nimmt Sarrazin zur Kenntnis, dass die SPD ihn ausschließen will. Die Partei solle doch erstmal etwas vorlegen, was einen Ausschluss rechtfertige. "Es wird in dem Buch nicht zu finden sei", sagt er trocken. (vme)

[12.45 Uhr] Sarrazins Frau liest Korrektur

Sarrazin verteidigt nochmal sein Buch. "Es ist ausgewogener als meine Originalsprache", sagt er unter dem Lachen einiger Zuhörer. Auch deshalb, weil seine Frau das Buch intensiv gegengelesen habe. (vme)

[12.39 Uhr] Sarrazin auf heiklem Terrain

Warum er sich denn auf das Parkett der genetischen Intelligenz bewegt habe? Er wisse, dass das ein Thema sei, mit dem man "sorgsam umgehen muss", sagt Sarrazin. Er sei auch kein Experte auf diesem Gebiet. Aber in der einschlägigen Literatur sei davon die Rede, dass Intelligenz bis zu 80 Prozent angeboren sei. Insofern müsse man sich fragen, wieviel die Bildungspolitik überhaupt erreichen können. "Bildung ist das Mantra der Gegenwart" kritisiert er. Es ist ein Punkt, für den Sarrazin besonders hart angegangen wurde. Auch FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher widmete sich am Wochenende auf einer ganzen Seite den Intelligenz-Thesen des Bundesbankers. Sarrazin verschweige teilweise seine Quellen, kritisierte Schirrmacher. (vme)

[12.29 Uhr] Schlagfertige Antwort

Die niederländischen Kollegen sind besonders eifrige Frager heute. Kein Wunder, daheim gibt es seit Jahren ähnliche Debatten. "Lieben Sie muslimische Steuerzahler?", fragt ein Holländer. Sarrazin zeigt sich diesmal schlagfertig: "Als ehemaliger Berliner Finanzsenator liebe ich alle Steuerzahler", sagt er und grinst. (vme)

[12.24 Uhr] "Wollten Sie provozieren?"

Ein Journalist fragt nach den polemischen Äußerungen Sarrazins in den vergangenen Tagen: "Wollten Sie provozieren?" Sarrazin weicht aus. Eine emotionale Debatte sei doch völlig normal. "Das Stammhirn gibt das Kommando." So sei das bei den Menschen. (vme)

[12.17 Uhr] Sorge über Zulauf für rechtsnationale Parteien

Sarrazin spricht jetzt über rechtsnationale Parteien in anderen Ländern. Mit Sorge beobachte er den immer stärkeren Zulauf. Aber man dürfe nicht jedes Problem der Rechtspopulisten zum Nicht-Problem erklären, nur weil es von der falschen Person angesprochen wird. "Wenn mir jemand sagt, die Erde ist rund, dann sage ich ja nicht, die Erde ist eckig. Dann sage ich: Die Erde ist rund und du bist trotzdem ein Arschloch." Gelächter. (vme)

[12.10 Uhr] Stirnrunzeln im Publikum

Die erste Frage zu seiner umstrittenen These, alle Juden hätten ein bestimmtes Gen. Was sich denn verändere im Genom einer Christin, wenn sie per Hochzeit zum Judentum übertrete, wird Sarrazin gefragt. Der Autor drückt sich und weist stattdessen darauf hin, dass er sich bei dieser These auf aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt habe. Stirnrunzeln bei einigen im Publikum. (vme)

[12.05 Uhr] Sarrazin will nicht zurücktreten

An Rückzüge irgendeiner Art denke er nicht, das macht Sarrazin gleich klar. Die SPD will ihm diese Entscheidung abnehmen - sie hat soeben beschlossen, ein Parteiordnungsverfahren einzuleiten. Ob er auch in einem Jahr noch Bundesbank-Vorstand sei, wird er von einem dänischen Journalisten gefragt. Wenn er keinen Herzinfarkt bekomme - ja, antwortet Sarrazin. (vme)

[12.02 Uhr] Jetzt folgt die Fragerunde

Er sei interessiert am öffentlichen Diskurs, sagt Sarrazin. "Wäre das nicht so, hätte ich das Buch nicht geschrieben." Der Bundesbanker beendet die erste Runde, es gibt zaghaften Applaus. Jetzt folgt die Fragerunde. (vme)

[12.01 Uhr] Sarrazin nennt Migranten eine "Bereicherung" für Deutschland

Nanu? Ein Lob für Migranten? Diese seien eine "Bereicherung" für Deutschland, sagt Sarrazin. Doch dann kommt er auf die von ihm diagnostizierten Probleme zu sprechen und gibt ein paar Thesen zum besten. Bildungsbeteiligung und Arbeitsmarktbeteiligung seien vor allem bei muslimischen Migranten unterdurchschnittlich, der Sozialstaat überfordert, die Debatte über Migration sei "hektisch", viele Migranten würden das Land volkswirtschaftlich mehr kosten, als sie Mehrwert brächten - es sind die umstrittenen Thesen aus seinem Buch "Deutschland schafft sich ab." (vme)

[11.56 Uhr] Sarrazin zeigt sich verwundert über heftige Reaktionen

Verwundert äußert sich Sarrazin über die heftigen Reaktionen vor Erscheinen des Buches. "Ich lade alle ein, Unstimmigkeiten und blinde Stellen zu finden", sagt er. "Aber das wird nicht leicht möglich sein." (vme)

[11.52 Uhr] An diesen Sätzen dürften sich die Kritiker stoßen

Sarrazin liefert einen ein nüchternen Vortrag, ein bisschen wie ein Referat im Proseminar. Trotzdem dürften seine Kritiker sich an den Sätzen stoßen. Mehrfach redet er vom "deutschen Volk", vom "Staatsvolk", auch von "autochthonen Deutschen". (vme)

[11.50 Uhr] "Ich war nie illoyal"

Das Buch sei Folge jahrzehntelanger politischer Arbeit und persönlicher Beobachtung, sagt Sarrazin. Zeit seines Lebens habe er versucht, eine "Gesamtlogik" zu entwickeln. "Illoyal war ich nie, aber unabhängig immer." Die These seines Buches fasst Sarrazin zusammen mit dem Satz, Deutschland erfahre eine quantitative und qualitative Schwächung. (vme)

[11.43 Uhr] Ein großer Redner ist Sarrazin nicht

Sarrazin steht jetzt am Pult. Ein großer Redner ist er nicht, aber immerhin sitzt die Anfangs-Pointe. "So ein Buch ist Arbeit, und wie ich jetzt sehe, auch ein Risiko", sagt er. (vme)

[11.39 Uhr] Weitere Spitze gegen Sarrazins Kritiker

Kelek kommt zum Abschluss und endet nochmal mit einer Spitze gegen Sarrazins Kritiker: "Hier hat ein verantwortungsvoller Bürger bittere Wahrheiten ausgesprochen und sich um das Land einen Kopf gemacht. Um diesen Kopf soll er jetzt offenbar kürzer gemacht werden." (vme)

[11.30 Uhr] Eine "Steilvorlage für die Politik"

Kelek würdigt das Buch, nennt es "eigentlich eine Steilvorlage" für die Politik. Stattdessen werde es als biologistisch "diffamiert". Den Vorwurf des Rassismus halte sie "mit Verlaub für Unkenntnis". (vme)

[11.26 Uhr] Kelek kritisiert die Debatte

Auch Necla Kelek ist gekommen. Die türkischstämmige Soziologin stellt das Buch vor - und kritisiert ebenfalls die Debatte. "Das politische Berlin" habe sich offenbar bereits eine Meinung gebildet, sagt sie. Allen anderen Interessierten wolle sie nun das Buch näher bringen. (vme)

[11.23 Uhr] Verteidigung für Sarrazin

Der Verlagsrepräsentant verteidigt Sarrazin: Ob man dessen Thesen teile oder für verfehlt halte - es sei doch immerhin klar, dass Sarrazin "relevante Fragen" dieser Zeit anspricht. Der Bundesbank-Vorstand sei "ernsthaft besorgt um die wirtschaftliche und kulturelle" Zukunft des Landes. (vme)

[11:20 Uhr] Verlag gibt sich überrascht von den Reaktionen

Der Verlagschef setzt zur Vorrede an. Und kritisiert gleich mal die Reaktionen vor Erscheinen des Buches. Diese hätten den Verlag "überrascht". Jetzt müsse die Debatte versachlicht werden. (vme)

[11.12 Uhr] Die Veranstaltung beginnt

Sarrazin betritt den Pressesaal. Es wird ruhig, dann klatschen plötzlich ein paar Leute. Sarrazin setzt sich vor eine blaue Wand, es gibt minutenlanges Blitzlichtgewitter. (vme)

[11.04 Uhr] Rot wie ein SPD-Grundsatzprogramm

"Mit ins Grab" wolle er das SPD-Parteibuch nehmen, sagte Sarrazin am Wochenende. Wenn man sein Buch anschaut, glaubt man es: Es ist rot - so rot wie ein SPD-Grundsatzprogramm. (vme)

[11.00 Uhr] Noch immer stehen Dutzende vor den Türen des Saals

Der Andrang ist riesig. Gleich geht's los - und noch immer stehen einige Dutzend Journalisten vor den Türen des Saals. So langsam sind es wohl mehr Pressevertreter als Demonstranten. (vme)

[10.55 Uhr] Warten auf Thilo Sarrazin

Ein paar Dutzend Fotografen und Kameraleute umlagern bereits das Podium - obwohl von Sarrazin noch nicht zu sehen ist. (flo)

[10.45 Uhr] Grüne schließen sich den Protesten an

Jetzt sind auch die Grünen zu den Protestlern gestoßen. Von der SPD ist den Fahnen nach zu Urteilen niemand gekommen. Aber dafür tüfteln die Genossen in Sarrazins Berliner Landesverband bereits an einem neuen Partei-Ausschlussverfahren. (vme)

[10.41 Uhr] Großer Andrang in der Bundespressekonferenz

Die Journalistenschlange geht bis vor die Tür der Bundespressekonferenz. "Der macht sogar der Kanzlerin Konkurrenz", sagt einer angesichts des Andrangs. (flo)

[10.40 Uhr] Proteste vor der Bundespressekonferenz

Die Linkspartei, Verdi und andere Gewerkschaften haben mobilisiert. Rund 200 Leute protestieren vor der Bundespressekonferenz gegen Sarrazin. Sie schwenken Fahnen und blasen Trillerpfeifen. Ein Polizeiaufgebot begleitet die Demonstranten. "Herr Bundesbank-Chef Weber, nehmen Sie sich des Problems Sarrazins an!", sagt ein Mann am Mikrofon. (vme)

[10.37 Uhr] Weber kündigt Erklärung zu Sarrazin an

Bundesbank-Chef Weber kündigt eine Erklärung zu Sarrazin an - damit sei aber frühestens am Nachmittag zu rechnen, da sich Weber noch auf dem Rückweg aus den USA befinde, sagte ein Sprecher. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte der Bundesbank am Wochenende nahegelegt, die Personalie Sarrazin zu diskutieren. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), ging noch einen Schritt weiter. Sie forderte die Entlassung Sarrazins. "Die Bundesbank ist jetzt am Zug", sagte sie am Montag im ARD-"Morgenmagazin". Sarrazin preche nicht nur als Privatmann und müsse gehen, so Böhmer. Eine Entlassung Sarrazins aus der Bundesbank ist allerdings kompliziert: Nur der Bundespräsident kann ein Vorstandsmitglied abberufen - wenn eine "weitreichende Verfehlung" vorliegt.

hut/vme/flo

Forum - Nimmt die Islamfeindlichkeit in Deutschland zu?
insgesamt 6335 Beiträge
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Seite 1
Benjamin1965 28.08.2010
1. Nun ja
Zitat von sysopDie Diskussion um Ausländer-Integration fokussiert sich immer häufiger auf die Gruppe der Muslime. Zeigen radikale Thesen eine fatale Wirkung? Nimmt dadurch die generelle Islamfeindlichkeit in Deutschland zu?
Ich glaube eher, dass die Feindlichkeit gegenueber Leuten zunimmt, die sich nicht in dieses Land integrieren wollen. Deutschland braucht keine lebenslangen Sozialleistungsempfaenger, die ungebildet sind und z.B. weder Deutsch noch Englisch lesen udn schreiben oder grundsaetzlich rechnen koennen. Leider wollen sich viele Muslime einfach nicht integrieren. Sie halten die Deutschen sogar fuer Weicheier, weil sie sich das alles so gefallen lassen.
Bert2501 28.08.2010
2. Nein
Die Islamfeindlichkeit nimmt nicht zu, sondern a) das Selbstbewusstsein der Bevölkerung, seine Meinung offen zu sagen, ohne gleich Angst davor zu haben, als Nazi beschimpft zu werden. b) die kritische Haltung jedweder Gruppierung gegenüber, egal ob Religion oder Nation, die unsere Freiheit und Sicherheit, die Säulen unserer demokratischen Grundordnung gefährden und unsere Lebensweise ablehnen. c) das Bewusstsein, dass unser "Reichtum" nur eine Illusion ist. Wir haben Schulden bis über beide Ohren, und somit nichts zu verschenken an Menschen, die unser soziales Netz ausnützen. d) die Dummheit und/oder mangelhafte Bildung und das fehlende Interesse der jungen Generation, etwas daran zu ändern. Das muss man leider jeden Tag aufs Neue feststellen. Das betrifft aber auch, jedoch nicht in so großem Maße wie bei manchen anderen Nationalitäten, die deutsche Jugend.
Moralinsaurer 28.08.2010
3. Sicher nimmt die zu,
man muss sie aber anders interpretieren: Islamfeindlichkeit ist die Feindlichkeit des Islam gegen die europäischen christlichen Gesellschaften.
MonaM 28.08.2010
4. Es kommt darauf an
Zitat von sysopDie Diskussion um Ausländer-Integration fokussiert sich immer häufiger auf die Gruppe der Muslime. Zeigen radikale Thesen eine fatale Wirkung? Nimmt dadurch die generelle Islamfeindlichkeit in Deutschland zu?
Das scheint mir eine ganz natürliche Konsequenz der Tatsache zu sein, dass sich ein Teil der in D lebenden Muslime am deutlichsten von der autochthon-deutschen Mehrheitsbevölkerung unterscheidet, d.h. als eigene Gruppe erkennbar ist und sich auch bewusst abgrenzt (Stichwort: Parallelgesellschaft). Warum wohl gibt es keine Diskussion um die - sagen wir - Vietnamesen- oder Japaner-Integration in D? Nein. Der Vorwurf der generellen Islamfeindlichkeit ist wie jeder Pauschalvorwurf falsch. Liberal und demokratisch orientierte Muslime haben auch im säkularen Europa keine Probleme. Was es gibt ist allerdings ein Grundmisstrauen gegenüber allen Gruppen, die demonstrativ archaische Denk- und Lebensweisen praktizieren und sich offensichtlich nicht in die moderne, westlich-demokratische Gesellschaft, in der sie leben, integrieren wollen. Feindschaft gegenüber einem archaisch-fundamentalistischen Islam, der z.B. die Menschenrechte nicht anerkennt und Frauen benachteiligt, ist legitim.
TC Matic 28.08.2010
5.
Zitat von sysopDie Diskussion um Ausländer-Integration fokussiert sich immer häufiger auf die Gruppe der Muslime. Zeigen radikale Thesen eine fatale Wirkung? Nimmt dadurch die generelle Islamfeindlichkeit in Deutschland zu?
Nur in Deutschland? In ganz Europa bilden sich Fronten gegen eine Religionsgesellschaft, die sich die nichtislamische Gesellschaft (und davon eine nicht unerhebliche Anzahl an Atheisten) durch das massive Vorpreschen des Islam ausbreiten sieht. (Islamisch-)Religiöse "Vorschriften" haben bereits in weiten Bereichen des täglichen Lebens Einzug gehalten (werden vehement von den Islam-Verbänden eingefordert und von den verantwortlichen Politikern vorbehaltlos zugestanden) und beeinträchtigen nicht unerheblich die bisher religionsfreie Lebensführung eines großen Teils der Bevölkerung. Das massiv-auffällige Hineindrängen von Religiosität in die Öffentlichkeit wird als aufdringliche Frömmelei empfunden, die in die privaten Räumlichkeiten oder die entsprechenden religiösen Stätten gehört. In Schulen sind nichtislamische Schüler einem Spießrutenlaufen ausgesetzt ( siehe http://www.zitty.de/magazin-berlin/63190/ und viele andere Quellen). Der Islam wurde von (den) Politikern für unantastbar erklärt, die "restliche" Bevölkerung dazu verdonnert, sich der Etablierung islamischer "Eigenheiten" widerstanslos zu beugen, anderenfalls sie zu rassisten und fremdenfeinde erklärt (kriminalisiert) wird. Die Menschen haben die Nase voll von grundgesetzwidriger Bevorzugung einer bestimmten Personengruppe.
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