S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Der letzte aufrechte Despot

Die Monarchie gilt in Deutschland seit 1918 als abgeschafft. Das ist ein Irrtum: Ausgerechnet in der Bastion linken Denkens, dem deutschen Theater, hat sie sich bis heute erhalten. Ihr herrlichster Herrscher: Intendant Claus Peymann vom Berliner Ensemble.

Regisseur Claus Peymann: Aus Kulturpolitiker einen "Lebenszwerg" gemacht
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Regisseur Claus Peymann: Aus Kulturpolitiker einen "Lebenszwerg" gemacht

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In der "Welt" habe ich gelesen, Berlin sollte endlich Claus Peymann rausschmeißen. Es sei jetzt genug mit Peymann. Er sei ohnehin schon viel zu lange im Amt. Außerdem benehme er sich für sein Alter zu schlecht.

Anlass für den Kündigungsaufruf ist ein Interview, das Peymann der "Zeit" gegeben hat und in dem er den Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner als "nettes, weißes Hemd" verhöhnt, als "Lebenszwerg", "Nichtwisser" und "Niete", der vom Theater nichts, aber auch rein gar nichts verstehe. "Wenn man Gespräche mit ihm führt, ist man nach einer halben Stunde am Ende", sagt Peymann über den Kulturpolitiker: "Es wird einem langweilig, der Mann ist ja leer." Auf ein Wort wie "Lebenszwerg" muss man erst einmal kommen, das wird der arme Staatssekretär so schnell nicht wieder los.

Peymann ist jetzt 77. Wenn sein Vertrag beim Berliner Ensemble endet, ist er 80. Einen "feisten Revolutionsopa" nennt ihn die "Welt", er selber nennt sich einen dieser "idiotischen Greise, die es bald nicht mehr gibt". Ich kenne Herrn Renner nicht. Soviel ich weiß, hat er mal was mit Musik gemacht, bevor er in der Berliner Kulturverwaltung anheuerte. Aber ich kenne Peymann. Ich finde, wer im hohen Alter noch so austeilen kann wie er, verdient nicht Verachtung, sondern Anerkennung.

Das Theater, die letzte Bastion der offenen Despotie

Kaum jemand versteht es so virtuos, auf anderer Leute Kosten den linken Bajazzo zu geben. Seit 1999 ist Peymann Intendant des Berliner Ensembles, er hat in dieser Zeit mit seinem Theater gut über hundert Millionen Euro an Steuergeldern bezogen, was ihn aber nicht hindert, sich bis heute als Feind des Systems zu sehen. Wenn man ihn fragt, ob es den Gestus der Unangepasstheit nicht ein wenig entwertet, wenn man ihn sich vom Staat bezahlen lässt, bekommt man zur Antwort, dass er im Gegenteil noch viel zu wenig Geld verdiene. Die meisten Linken würden nach einer Ausrede suchen, so etwas käme Peymann nie in den Sinn.

Peymann ist nicht Sozialist, sondern Monarchist. Darin gleicht er vielen Theaterdirektoren, allen politischen Bekundungen zum Trotz. Das Theater ist vermutlich die letzte Bastion der offenen Despotie, was jedem Reaktionär per se Respekt abnötigen muss. Im übrigen Land mögen sie so viele Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsdebatten führen, wie sie wollen, hier herrscht noch der Geist des 19. Jahrhunderts, wo das Wort des Patriarchen alles ist, was zählt. Nur die Bühnenarbeiter sind vor den Zumutungen und Nachstellungen des Theaterkönigs sicher: Über ihre Arbeitszeit und Vergütung wacht das strenge Auge von Ver.di, weshalb kein Handschlag außer der Reihe ohne Zustimmung der Gewerkschaft erfolgt. Für den Rest der Truppe gilt der fröhliche Aufruf zur Selbstausbeutung.

Wie wenig man in der Direktion von der Gleichheit hält, deren Loblied die Kompanie in treuer Büchner-Nachfolge zur Aufführung bringt, zeigt schon ein Blick aufs Gehaltsgefüge. Die einzigen, die am Theater ordentlich verdienen, sind der Intendant und der kleine Kreis der in seiner Gunst stehenden Regisseure. Mehr muss man nicht wissen, um darüber zu entscheiden, was man von der Systemkritik halten soll, die zum Wesenskern jeder engagierten deutschen Kultureinrichtung gehört. Wie es heißt, dürfen sich Dramaturgen im Berliner Ensemble nur im Laufschritt fortbewegen.

Die Vorzüge der Monarchie

Seit vierzig Jahren kommt kein Spielplan ohne die Abrechnung mit dem Kapitalismus aus. Auf jeder Bühne, die etwas auf sich hält, wird Abend für Abend brav der Neoliberalismus zu Grabe getragen. Wirklich provokant wäre zur Abwechslung mal ein Loblied der Klassengesellschaft, das würde die Leute wirklich von den Stühlen hauen. Dass die Revolution im eigenen Haus schon an der Intendantenloge endet, ist natürlich eine wahnsinnige Demütigung. Vielleicht ist das deutsche Theater deshalb traditionell so schlecht gelaunt.

Es gibt bei älteren Herrschaften einen Hang zur Altersradikalität, die sich in Traktaten äußert, die Titel wie "Was jetzt zu tun ist" tragen und in denen allen Bescheid gestoßen wird, die zu mutlos agieren. Leider erscheinen diese Klartext-Texte immer erst zu einem Zeitpunkt, an dem die Autoren nicht mehr selbst an ihren Worten gemessen werden können. Den Vorwurf kann man Peymann nicht machen. Peymann redete über andere immer schon so, wie Thomas Bernhard schrieb. Seine Selbstgerechtigkeit ist zudem für alle, die nicht mit ihm arbeiten müssen, ungeheuer vergnüglich. Das unterscheidet ihn übrigens auch von einem anderen großen Rechthaber, der gerade mit viel Aplomb zu Grabe getragen wird.

Doppelmoral wäre für all das der falsche Begriff. Ich würde es eher die Kapitulation vor der menschlichen Natur nennen. Leute wie Peymann weisen in schöner Offenheit darauf hin, dass man ein Schauspielhaus nun einmal nicht nach demokratischen Prinzipien führen könne. Damit haben sie zweifellos Recht. Wie sie allerdings auf die Idee kommen, dass dies in anderen Unternehmen anders sein sollte, lassen sie lieber unbeantwortet. So viel Bekenntnis zu den Vorzügen der Monarchie wäre dann doch zu gewagt.

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insgesamt 84 Beiträge
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mercutiool 14.04.2015
1. Herrlich, Herr Fleischhauer!
"Das unterscheidet ihn übrigens auch von einem anderen großen Rechthaber, der gerade mit viel Aplomb zu Grabe getragen wird." Zack, das saß. Wundervoll, er kann's einfach. Danke für einen wirklich gelungenen Artikel über einen (bzw. im von mir zitierten Abschnitt zwei) der größten Kultur-Schwadroneure, die Deutschland zu "bieten" hat. Hoffentlich bleibt die hier dargestellte Hauptperson in Berlin, da passt er hin wie die Faust auf's Auge.
mapsjanhere 14.04.2015
2. Andererseits
koennte man natuerlich auch sagen das hier ein oeffentlich-rechltich finanziertes Unternehmen wie ein Privatunternehmen gefuehrt wird. Und da man sich ueber Kunst nun mal nicht streiten darf, macht das auch Sinn. Ansonsten wuerde das Theater bald nur noch "Klassiker" zeigen die dem Volksgeschmack entsprechen. Sehr demokratisch, aber auch sehr langweilig.
Dr. Kilad 14.04.2015
3. Herr Fleischhauer argumentiert wie meine Oma
Die meinte immer, Linke dürften nicht Autofahren, nichts vom Kapitalismus annehmen, schon gar nicht Steuergelder usw. Doch was ich aufgrund ihres Alters meiner Oma nachsah, finde ich bei so einen noch rüstigen Menschen wie Herrn Fleischhauer, etwas befremdlich. Niemand zwingt Herrn Fleischhauer sich in den Theatergefilden von Herrn Peymann zu bewegen. Wie wär's mit den Wagner Festspielen?
LorenzSTR 14.04.2015
4. Natürlich
Sicher, Herr Fleischhauer, absolut. Am besten privatisieren wir alle phösen linken Kultur- und Denkeinrichtungen, gekürzt wird da ja sowieso schon überall. Disney-Musicals, Ronald McDonald und vielleicht noch ein bisschen Privatfernsehen - welcher brave Konsument oder Neoliberaligiöse braucht schon mehr Kultur und Horizont? Dann schaffen wir all die phösen Fächer an den Unis ab, die evt. zu kritischem Denken anstatt dumpf-alternativloser Anpassung verleiten. Und wer selbst in den wirtschaftsnahen Gebieten Zweifel am herrschenden System hegt oder einfach nur Fakten und Realitäten analysiert, dieser Piketty etwa, der wird öffentlich zur Buße gezwungen und bekommt mit Glück von Fleischhauer und seinen Freunden bei der Springer-Presse die Beichte abgenommen. Amen.
mpitt 14.04.2015
5. Das Wasser und der Wein
Es ist die alte Geschichte vom Wasser, das diese Herrschaften zu predigen pflegen und dem Wein, den sie recht gerne selber zu sich nehmen. Das Theater, das dort, und nicht nur dort, gespielt wird, hat dem Publikum schon lange nichts mehr zu sagen und schmort eigentlich nur im eigenen Saft. Man darf das, was Peymann treibt, mit Fug und Recht Salonbolschewismus nennen. Auf die Spitze hat er es getrieben, als er den RAF-Mann Klar als Praktikanten anheuern wollte. Klar hatte allerdings die Hosen voll und trat das Praktikum nicht an. Das wäre ein schönes Thema für ein Theaterstück gewesen.
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