Lob und Empörung Merkels Multikulti-Absage sorgt für weltweites Aufsehen

Multikulti - für Angela Merkel ist das ein gescheitertes Konzept. Was die Kanzlerin für eine nüchterne Analyse hält, sorgt im Ausland für großes Aufsehen: Indische Medien und manche europäische Zeitung stellen die Regierungschefin unter Populismus-Verdacht, andere Publikationen loben ihre Äußerungen.

Kanzlerin Merkel bei Deutschlandtag der Jungen Union: "Multikulti ist gescheitert"
dapd

Kanzlerin Merkel bei Deutschlandtag der Jungen Union: "Multikulti ist gescheitert"


Berlin - Welche Wellen das Thema in Indien schlägt, davon kann Außenminister Guido Westerwelle seiner Chefin persönlich berichten. Mehrfach wurde Westerwelle in diesen Tagen bei seinem Besuch auf dem Subkontinent auf Angela Merkels Absage an das Multikulti-Konzept angesprochen, zuletzt unmittelbar vor seiner Abreise am Dienstag. "Der Ansatz für Multikulti ist gescheitert, absolut gescheitert!" - diese Worte hatte die Kanzlerin am Samstag beim Deutschlandtag der Jungen Union gebraucht.

Ein Satz, der im Ausland in den vergangenen Tagen für großes Aufsehen gesorgt hat - und der Kanzlerin wie in Indien mitunter harsche Kritik einbringt. So schreibt die "Times of India" zu Merkel: "Die starken Aussagen der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel über das völlige Scheitern des Multikulturalismus in Deutschland sind symptomatisch für einen breiteren, unbehaglichen Trend, der durch Europa fegt." Normalerweise werfen indische Medien kaum einen Blick auf Ereignisse in Deutschland - doch die "Times" spricht jetzt Klartext Richtung Berlin: "Für Deutschland, das eine bedeutende türkische Migrations-Bevölkerung hat, war die politische Artikulation der Anti-Immigrations-Gefühle nur eine Frage der Zeit. Allerdings steht sie auf wackligem Boden." Die Zeitung schreibt weiter: "Multikulturalismus ist ein Segen, bei dem Europa gut beraten wäre, ihn zu bewahren."

Ähnlich kritisch kommentiert die spanische Tageszeitung "El País" Merkels Analyse. "Die Versuchung des Populismus hat nun auch Deutschland erfasst", schreibt die Zeitung. "Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte die multikulturelle Gesellschaft für gescheitert. Die Äußerung ist zweideutig und deckt alle möglichen Richtungen in der künftigen Politik der Bundesregierung ab. Merkel wollte damit Risse innerhalb ihrer Regierungskoalition schließen." Das Blatt macht sich angesichts von Merkels Rede ernsthafte Sorgen über den politischen Kurs in Westeuropa. "Nicolas Sarkozy beging den Fehler, aus wahltaktischem Kalkül auf die populistische Linie des italienischen Regierungschefs Silvio Berlusconi einzuschwenken. Merkel läuft nun Gefahr, dasselbe zu tun wie der französische Präsident. Die europäische Politik schwenkt in eine gefährliche Richtung. Die Frage ist, wann die Alarmglocken schrillen."

Lobende Kommentare aus Europa und Kanada

Allerdings gibt es auch eine Reihe europäischer Zeitungen, die Merkels Multikulti-Absage positiv kommentieren. So schreibt die niederländische "De Volkskrant" zu den Aussagen der Kanzlerin: "Angela Merkel hat eingestanden, dass in Deutschland die multikulturelle Gesellschaft 'absolut' gescheitert ist - eine Äußerung, mit der sie noch vor ein paar Jahren ihr politisches Schicksal besiegelt hätte. Nun legitimiert Merkel die Diskussion über ein äußerst sensibles Thema." Vor dem Kontext der starken rechtspopulistischen Kräfte in den Niederlanden meint die Zeitung weiter: "Sie (Merkel) will damit auch verhindern, dass eine neue politische Partei, rechts von ihrer CDU, ihre Daseinsberechtigung mit der Integrationsproblematik begründen kann."

Auch die spanische Zeitung "El Mundo" lobt die Analyse der Kanzlerin. "Angela Merkel hat mit aller Klarheit gesagt, was die Ideologie des politisch Korrekten zu verbergen versucht: Eine multikulturelle Gesellschaft ist ein Mythos und in der Realität zum Scheitern verurteilt. Die Bundeskanzlerin hat damit den Finger in eine Wunde gelegt, die Europa immer stärker zu schaffen macht." Ähnlich sieht es der italienische "Corriere della Sera", der mit Merkels Eingeständnis Multikulti in ganz Europa für gescheitert erklärt. Die Worte der Kanzlerin, schreibt die Zeitung, seien "ein Schock für all jene, die das Land über die Jahrzehnte geführt haben, und auch für Europäer, die Berlin als Modell multikultureller Politik ansehen".

Auch die kanadische Tageszeitung "The Globe and Mail" findet positive Worte für Merkels Äußerungen. "Tatsächlich sagte sie lediglich das, was die meisten Deutschen ohnehin bereits glauben." Die Annahme, "dass Multikulturalismus gescheitert ist, ist heute weitverbreitet in ganz Europa und überschreitet Parteigrenzen", schreibt das Blatt.

Unentschiedener gibt sich der britische "The Daily Telegraph". Merkel habe "eine hitzige Debatte ausgelöst", schreibt die Zeitung. "Es ist ein Thema, dessen Diskussion politische Führer normalerweise umgehen - und Frau Merkel zahlt vielleicht noch einen Preis dafür, dass sie es angesprochen hat. Aber die Alternative wäre, die Debatte ausschließlich den Extremisten zu überlassen." Auch die schwedische Zeitung "Svenska Dagbladet" gibt sich zurückhaltend. "Merkels wichtigster Punkt ist nicht das Herausheben von Problemen, sondern dass die Menschen in Deutschland besser lernen müssen, zusammenzuleben. Hoffentlich ist diese Mischung aus Realismus und Idealismus für CDU-Mitglieder und Wähler attraktiver als der Populismus des Seehofer-Modells."

flo/dpa

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 189 Beiträge
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Seite 1
gsm900, 19.10.2010
1. Sie hat einfach recht
Zitat von sysopMultikulti - für Angela Merkel ist das ein gescheitertes Konzept. Was die Kanzlerin für eine nüchterne Analyse hält, sorgt im Ausland für großes Aufsehen: Indische Medien und manche europäische Zeitung stellen die Regierungschefin unter Populismus-Verdacht, andere Publikationen loben ihre Äußerungen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,723993,00.html
aber das schnmeckt Parteien die immer recht haben (wollen) und ihren Helfern natürlich nicht.
Fritz Katzfuß 19.10.2010
2. Ohne Multikulti
würden wir heute noch Eisbein fressen und Gäsneklein. Merkels Stern sinkt.
abita 19.10.2010
3.
Dass die Aussage der Kanzlerin so ein Echo im Ausland findet, ist schon erstaunlich. Dabei hat sie nur eine Binsenwahrheit ausgesprochen.
Baracke Osama, 19.10.2010
4. --
Zitat von sysopMultikulti - für Angela Merkel ist das ein gescheitertes Konzept. Was die Kanzlerin für eine nüchterne Analyse hält, sorgt im Ausland für großes Aufsehen: Indische Medien und manche europäische Zeitung stellen die Regierungschefin unter Populismus-Verdacht, andere Publikationen loben ihre Äußerungen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,723993,00.html
Das Konzept Merkel ist das was gescheiter ist.
Reformhaus, 19.10.2010
5. Multikulturelle Gesellschaften
Toterklärte leben länger. Die Kunst einfach zu formulieren, bleibt Frau Merkel bisweilen verborgen. Sie produziert eher einfältige Sätze. Wenn "Multikulti" absolut tot wäre, dann wären multikulturelle Gesellschaften anderswo auf dem Planeten in ihrer Existenz gefährdet. Sieht Frau Merkel den Zusammenhalt der Gesellschaft in den Vereinigten Staaten auch als "absolut tot" an? Anscheinend können Deutsche alles, nur nicht andere in Frieden lassen.
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