Rücktritt von Linke-Chefin Lötzsch: Bahn frei für Wagenknecht und Bartsch

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Der Rücktritt von Linken-Chefin Lötzsch hat selbst Parteifreunde überrascht,  dennoch kommt der Schritt manchen Genossen gelegen: Der Streit über die künftige Führung könnte sich so von selbst lösen. Vieles spricht jetzt für das Duo Wagenknecht und Bartsch, mit Oskar Lafontaine als Spitzenkandidat.

Zurückgetretene Linken-Chefin Gesine Lötzsch Zur Großansicht
dapd

Zurückgetretene Linken-Chefin Gesine Lötzsch

Hamburg/Berlin - Ein dreiminütiges Statement, keine Nachfragen für Journalisten: Es war ein kurzer Auftritt von Gesine Lötzsch, in dem die 50-Jährige am Mittwoch ihren sofortigen Rücktritt als Linke-Chefin begründete, den sie am späten Dienstagabend überraschend erklärt hatte.

Ihr 80-jähriger Mann sei "altersbedingt" erkrankt, sagte Lötzsch, sie habe ihn am 31. März in die Notaufnahme eines Berliner Krankenhauses gebracht. Ihre familiäre Situation lasse künftig keine häufige Abwesenheit von ihrem Wohnort zu. Die Rücktrittsentscheidung sei ihr nicht leichtgefallen, betonte Lötzsch, sie habe aber "nicht vor, halbe Sachen zu machen".

Damit ist eine nicht ganz zweijährige Amtszeit beendet, die in der Partei als eher glücklos gilt. Mit dem Rückzug Lötzschs stellt sich unweigerlich die Frage, wer künftig an der Spitze der Partei stehen wird - schließlich hatte die 50-Jährige, anders als ihr Co-Chef Klaus Ernst, bereits ihre erneute Kandidatur für den Parteitag in Göttingen am 2. und 3. Juni angekündigt. Neben Lötzsch hatte bislang lediglich Fraktionsvize Dietmar Bartsch Interesse an einem Posten in der Doppelspitze angemeldet.

Seit Wochen fallen vor allem zwei Namen

Seit Wochen fallen in der Partei vor allem zwei weitere Namen, wenn es um die Frage geht, wer eine wichtige Aufgabe für die bei Wahlen und in Umfragen schwächelnde Linke übernehmen könnte: Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht. So wurde der 68-jährige Saarländer zuletzt für den Parteivorsitz gehandelt, ihm wird aber auch Interesse an einer Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl 2013 nachgesagt. Der frühere Chef der Linken hat es in den vergangenen Wochen stets abgelehnt, sich zu Personalfragen zu äußern.

Wagenknecht gilt schon lange als Kandidatin für höhere Aufgaben. Die 42-Jährige hatte im vergangenen November erklärt, auf keinen Fall in Konkurrenz zu Lötzsch treten zu wollen: "Ich werde definitiv nicht in eine Kampfkandidatur gegen Gesine Lötzsch gehen", hatte die frühere Wortführerin der Kommunistischen Plattform in einem Zeitungsinterview erklärt.

Zwar hatte Wagenknecht damals auch erklärt, dass der Parteivorsitz nicht ihr Ziel sei - in der Partei rechnen aber viele damit, dass die Lebensgefährtin Lafontaines zur Verfügung stehen würde, wenn sie gerufen würde.

Als zunehmend wahrscheinlich gilt in der Partei folgendes Szenario: Wagenknecht und Bartsch kandidieren gemeinsam für die Chefposten, Lafontaine beschränkt sich auf die Spitzenkandidatur bei der Bundestagswahl. Vertreter von Realos und Fundamentalisten, der gegnerischen Parteilager in der Linken, hatten zuletzt mehrfach hinter vorgehaltener Hand signalisiert, dass es Zustimmung für dieses Modell gebe. Bartsch gehört zum Reformerlager, Wagenknecht gilt als Vertreterin des Linksaußen-Flügels der Partei.

Ramelow macht sich für Duo Wagenknecht/Bartsch stark

Lötzsch waren vor ihrer überraschenden Rücktrittserklärung kaum noch Chancen auf eine Wiederwahl eingeräumt worden. Die Berlinerin hatte unter anderem wegen einer Kommunismus-Debatte, umstrittener Äußerungen zum Mauerbau und eines Glückwunschtelegramms zum Geburtstag von Fidel Castro für Ärger gesorgt.

Bodo Ramelow war am Mittwoch der erste Genosse, der sich wenige Minuten nach der Rücktrittserklärung Lötzschs zu Personalfragen äußerte: Der Chef der Thüringer Linksfraktion sprach sich für Wagenknecht und Bartsch als künftige Parteispitze aus. Beide würden thematisch gut zusammenpassen, betonte Ramelow - und fügte hinzu: "Ein Duo Wagenknecht/Lafontaine an der Parteispitze halte ich für schwierig."

Offiziell will die Partei allerdings erst nach der nordrhein-westfälischen Landtagwahl am 13. Mai über Personalien diskutieren. Das Thema dürfte aber bereits beim turnusgemäßen Treffen des Parteivorstands am kommenden Samstag zur Sprache kommen.

Sie wünsche ihrer Nachfolgerin "Gesundheit und Erfolg", sagte Lötzsch am Mittwoch. Sie selbst wolle jetzt keine Bilanz zu ihrer Amtszeit ziehen, dafür gebe es beim Parteitag in Göttingen Gelegenheit.

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1. Keine anderen Sorgen?
MasaGemurmel 11.04.2012
Spiegel, vor Sumatra gab es ein Erdbeben der Stärke 8,7 Dazu gibt es irgendwo eine Meldung. Aber Ihr titelt in großen Lettern über die Linke... merkwürdige Priorisierung. Davon abgesehen, Lötzsch ist aus ganz privaten persönlichen Gründen zurückgetreten. Nicht an den Spiegel, sondern die anderen: Lasst doch mal diese dummen Spekulationen und Unterstellungen. Sonne im MoMa: "Dieser Rücktritt kommt zur Unzeit" oder andere Spekulationen, Lafontaine würde dahinterstecken. Furchtbar. Murmel.
2. Auf Nimmerwiedersehen
hirn_einschalten 11.04.2012
Eine demokratieverachtende Sozialistin geht. Rückt jetzt die demokratieverachtende Stalinistin an ihre Stelle?
3. Ein würdiger Rücktritt
tsitsinotis 11.04.2012
Alles Gute für Ihren Mann und Sie, Frau Lötzsch! Herzlich willkommen, Frau Wagenknecht und Herr Bartsch!
4. Gute Nacht
riolouco 11.04.2012
Zitat von hirn_einschaltenEine demokratieverachtende Sozialistin geht. Rückt jetzt die demokratieverachtende Stalinistin an ihre Stelle?
Immerhin wird es mit Frau Wagenknecht keine halbherzigen Bekenntnisse zum Kommunismus mehr geben. Ihre Position ist ja als Mitbegründerin der kommunistischen Plattform hinreichend geklärt. Mit Ihr und Oskar wird die Partei in der Bedeutungslosigkeit versinken. Zum Glück.
5. ....
suddendeath_1978 11.04.2012
Zitat von rioloucoImmerhin wird es mit Frau Wagenknecht keine halbherzigen Bekenntnisse zum Kommunismus mehr geben. Ihre Position ist ja als Mitbegründerin der kommunistischen Plattform hinreichend geklärt. Mit Ihr und Oskar wird die Partei in der Bedeutungslosigkeit versinken. Zum Glück.
Wie schon seit 20 Jahren. Nichts Neues im Westen...
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