Parteivorsitz: Linke-Chefin Lötzsch tritt zurück

Sie habe lange überlegt, am Dienstagabend verkündete sie dann ihre Entscheidung: Gesine Lötzsch tritt als Linke-Vorsitzende zurück. Grund sei eine Erkrankung ihres Mannes. Ganz aus der Politik wird sie sich jedoch nicht verabschieden.

Berlin - Linke-Chefin Gesine Lötzsch tritt vom Vorsitz der Partei zurück. Als Grund nannte sie in einer über die Bundesgeschäftsstelle verbreiteten Mail die Erkrankung ihres Mannes. Sie habe sich nach reiflicher Überlegung entschieden, das Amt der Parteivorsitzenden niederzulegen, heißt es in der Nachricht vom Dienstagabend. Die Entscheidung sei ihr nicht leicht gefallen. "Meine familiäre Situation lässt jedoch eine häufige Abwesenheit von meinem Wohnort Berlin nicht mehr zu."

Künftig werde sie sich auf ihr Mandat als Berliner Bundestagsabgeordnete konzentrieren, schreibt die 50-Jährige. Ihrer Nachfolgerin wünsche sie Gesundheit und Erfolg. Ein Sprecher der Partei bestätigte den Rücktritt. Seit dem 15. Mai 2010 führte Lötzsch gemeinsam mit Klaus Ernst die Partei. Sie erhielt damals 92,8 Prozent der Stimmen.

Noch im Oktober hatte Lötzsch angekündigt, dass sie bei der Wahl des neuen Vorstands im Juni erneut für den Parteivorsitz kandidieren wolle. Ihre Entscheidung hatte für Verwirrung gesorgt, ihre Chancen auf eine Wiederwahl galten als äußerst gering. Ernst hat sich in dieser Frage bisher nicht festgelegt.

Der Linken-Vorsitzende bedauerte den Rücktritt seiner Co-Chefin Lötzsch. Er respektiere den Schritt, sagte Ernst am Mittwoch in Berlin. "Wir haben in einer schwierigen Zeit vertrauensvoll und mit gegenseitigem Respekt zusammengearbeitet." Dafür danke er Lötzsch und wünsche ihr und ihrer Familie Kraft und Gesundheit für die kommende Zeit.

Lötzsch gilt in der Partei als umstritten. Sie wird entscheidend mitverantwortlich gemacht für das schlechte Erscheinungsbild der Linken. So geriet die Partei etwa wegen einer von Lötzsch ausgelösten Kommunismusdebatte in Bedrängnis, aber auch wegen eines umstrittenen Glückwunschtelegramms an den kubanischen Revolutionsführer Fidel Castro.

Von 1984 bis 1990 war die gebürtige Ost-Berlinerin Lötzsch Mitglied der SED. Nach der Wende arbeitete sie sich in der von der SED über die PDS bis zur Linke mehrfach gewandelten Partei kontinuierlich nach oben: vom Bezirksparlament Lichtenberg über den Vizefraktionsvorsitz der vereinigten Partei Die Linke im Bundestag - bis zum Parteivorsitz.

Rückkehr von Lafontaine?

Der überraschende Schritt von Lötzsch kommt für die Linke in einer ausgesprochen ungünstigen Situation: Ursprünglich hatte sich die Partei darauf verständigt, bis zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 13. Mai nicht weiter über Personalien zu diskutieren. Erst dann sollten mögliche weitere Kandidaturen für die Vorstandswahl auf dem Göttinger Parteitag Anfang Juni geklärt werden. Bisher hatte neben Lötzsch lediglich Bundestagsfraktionsvize Dietmar Bartsch eine Kandidatur angekündigt.

In den vergangenen Wochen wurde immer wieder über eine mögliche Rückkehr von Ex-Linke-Chef Oskar Lafontaine an die Spitze der Partei spekuliert - der Saarländer hat sich bisher zu dieser Frage nicht geäußert. Auch über eine mögliche Kandidatur seiner Lebensgefährtin Sahra Wagenknecht wurde gemutmaßt. Die stellvertretende Parteichefin hatte in der Vergangenheit aber signalisiert, dass sie nicht in eine Kampfkandidatur gegen Lötzsch treten wolle.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Wagenknecht oder Lafontaine jetzt für den Spitzenposten zur Verfügung stehen könnten, dürfte mit dem Rücktritt von Lötzsch gestiegen sein.

Die Linke blutet aus

Die Partei steckt seit Monaten in der Krise. Bei der Landtagswahl im Saarland verlor sie trotz der Spitzenkandidatur von Lafontaine mehr als fünf Prozentpunkte, bei den Wahlen im vergangenen Jahr gab es etliche Pleiten, so ging etwa die Regierungsbeteiligung in Berlin verloren. Auch bei den kommenden Abstimmungen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen sieht es für die Genossen in Umfragen düster aus: In beiden Fällen droht ihr ein Rutsch unter die Fünfprozenthürde.

Ein Blick auf die Entwicklung der Mitgliederzahlen sorgt für zusätzliche Negativstimmung. Wie der SPIEGEL Anfang April berichtete, ist die Linke erstmals seit der Fusion von Linkspartei.PDS und WASG im Jahr 2007 unter den Wert von 70.000 Parteimitgliedern gesunken.

aar/hen/heb/dpa/dapd/Reuters/AFP

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insgesamt 94 Beiträge
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1. jetzt wird es "Ernst"
wehwehwehdievernunft 11.04.2012
Lafo bitte übernehmen!
2. Sahra?
tollhans 11.04.2012
Frau Lötzsch war integer und aufrichtig. Dafür ist sie zu loben trotz einiger unbegreiflicher Klöpse, die sie sich geleistet hat. Erzähl mir aber keiner, dass ihr Rückzug nichts mit Parteiräson zu tun hat. Oskar, ick hör Dir trapsen.
3. Ein "Die Linke"-Wähler sagt: Endlich!
Flari 11.04.2012
Zitat von sysopSie hat lange überlegt, am Dienstagabend verkündete sie dann ihren Beschluss: Gesine Lötzsch tritt als Linke-Vorsitzende zurück. Grund sei eine Erkrankung ihres Mannes. Ganz aus der Politik wird sie sich jedoch nicht verabschieden. Parteivorsitz: Linke-Chefin Lötzsch tritt zurück - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,826716,00.html)
Ein "Die Linke"-Wähler sagt: Endlich! Auch wenn es schon viel zu spät erfolgte. Und mit einer unglaubwürdigen Begründung! Diese Frau hat viel Schaden angerichtet. Und das nicht nur für die Partei.
4. Billige Ausrede, aber so sind sie, unsere lieben PolitikerInnen
radio_engineer 11.04.2012
Zitat von sysopSie hat lange überlegt, am Dienstagabend verkündete sie dann ihren Beschluss: Gesine Lötzsch tritt als Linke-Vorsitzende zurück. Grund sei eine Erkrankung ihres Mannes. Ganz aus der Politik wird sie sich jedoch nicht verabschieden. Parteivorsitz: Linke-Chefin Lötzsch tritt zurück - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,826716,00.html)
Welche Ausrede hätte sie benutzt, hätte ihr Mann keinen Frühjahrsschnupfen gekriegt ? Und wie gut, dass er ihn noch so pünktlich vor den anstehenden Wahlen bekommen hat. Jetzt ist Oskar wieder dran, er wartet ja nur darauf, gebeten zu werden, wieder das Ruder zu übernehmen und wird 'schweren Herzens' dem Ruf der Partei folgen.
5. sed /pds/"die linke"/
paolo.pinkel 11.04.2012
sed ist ein unix befehl für "suche und ersetze" Titel bedeutet: lediglich der Name "pds" wurde durch "die Linke" vertauscht.
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