Logbuch al-Qaida Bitte nehmen Sie mich fest!

Die Innenministerkonferenz diskutiert einen neuen Straftatbestand: Das Herunterladen von Bombenbauanleitungen. Sinnvoller wäre es, die Sicherheitspolitiker würden sich Gedanken über den Ursprung von Radikalisierung machen.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Herr Schäuble, bitte lassen Sie mich festnehmen! Auf meinen SPIEGEL-ONLINE-Rechnern habe ich, grob überschlagen, zwei bis drei Dutzend Bombenbauanleitungen gespeichert - alle aus dem Internet heruntergeladen. Die meisten sind auch noch auf Arabisch. Und es ist sogar eine für eine Atombombe dabei!

Anleitung zum Bombenbau: Übertriebene Gefahr?

Anleitung zum Bombenbau: Übertriebene Gefahr?

Zugegeben, das ist polemisch: Erstens gibt es den Straftatbestand "Download von Bombenbauanleitungen" noch gar nicht; er wird erst diskutiert.

Und zweitens werden Journalisten und Wissenschaftler wahrscheinlich auch dann noch Bombenbauanleitungen herunterladen dürfen, wenn es eine entsprechende Regelung geben sollte.

Aber auch wenn man den Vorschlag ernsthaft diskutiert, ist ihm nicht viel abzugewinnen. Er steht für Aktionismus, wo durchdachte Strategien nötig wären.

Natürlich, wir haben mehr als einmal erleben müssen, dass Terroristen mit Internetanleitungen Bomben bauten - mal mit fürchterlichem Ergebnis wie in Madrid, mal erfolglos wie bei den Kofferbombern.

Aber jeden Tag laden sich Tausende Cyber-Dschihadisten Bombenbastelbögen herunter, ohne je eine zu bauen. Sie zu kriminalisieren, statt der Frage nachzugehen, warum sie sich überhaupt auf solchen Internetseiten herumtreiben, bedeutet, die Ursache des Problems zu ignorieren.

Arabische Anleitungen, westliche Quellen

Weiteres kommt hinzu: Zwar ist richtig, dass Bombenbauanleitungen im dschihadistischen Internet quasi an jeder Ecke feilgeboten werden. Ebenso wahr und selbst in Fachkreisen unreflektiert ist, dass ein großer Teil der Anleitungen kaum zu gebrauchen ist.

Die norwegische Expertin Anne Stenerson hat sich 2007 ausführlich mit der Frage beschäftigt, wie ernst man Abhandlungen über chemische und biologische Waffenbauanleitungen aus dem Umfeld von al-Qaida und Co. nehmen muss. Ihr Urteil: Die Handreichungen seien generell "bestenfalls ehrgeizig", meistens fehle es an ausreichend detaillierten Hinweisen, wie man den Sprengsatz sicher und effektiv herstellen kann. Die – bei biochemischen Kampfstoffen sehr wichtige – Frage, wie man die Produkte als Waffen einsetzen kann, werde in der Regel gar nicht beantwortet.

In mehreren Fällen weist Stenerson zudem nach, dass die arabischen Anleitungen zumindest in Teilen auf westlichen und öffentlich zugänglichen Quellen basieren. Drei dieser Quellen sind ein Einsatzheft der US-Armee, das "Poisoner's Handbook" von Maxwell Hutchkinson und ein Artikel, der sich auf der Website der US Food and Drug Administration finden ließ.

Und wer redet über Radikalisierungsprozesse?

Nun sind diese Erkenntnisse beileibe kein Grund, der Weiterverbreitung von teils durchaus praktikablen und tödlichen Bombenbauanleitungen tatenlos zuzusehen.

Aber sie illustrieren, dass al-Qaidas Fernuniversität im Internet nicht das einzige und auch nicht das größte Problem im "Kampf gegen den Terrorismus" ist. Das größte Problem ist die immer schneller ablaufende Radikalisierung von jungen Instant-Dschihadisten, wie mittlerweile recht gut dokumentierte und einschlägige Studien belegen.

Wenn man den Radikalisierungsprozess besser verstünde, wenn man eine genauere Vorstellung davon hätte, was die Propaganda von Dschihadisten so attraktiv macht und mit welchen Argumenten man ihr beikommen kann, dann könnte man den Terrorismus effektiver und nachhaltiger bekämpfen.

Zu Beginn seiner Radikalisierung kann man einen potentiellen Terroristen zudem vielleicht noch stoppen. Wenn er erst einmal so weit ist, dass er wirklich eine Bombe bauen will, dann dürfte ihm eine drohende Strafe wegen des Downloads der Anleitung herzlich egal sein - vor allem, falls er beabsichtigt, sich selbst mit in die Luft zu sprengen.

Es gibt in Deutschland aber bis heute keinen flächendeckenden Versuch, sich mit Radikalisierungsmechanismen und möglichen Antworten darauf zu beschäftigen. Es gibt bloß einen Flickenteppich verschiedener Ansätze, der von Comics über die Islamkonferenz bis zu Wanderausstellungen reicht.

Deshalb wäre es verdienstvoller, wenn die Innenminister sich einmal in Ruhe und ernsthaft mit den Fragen rund um dieses Thema auseinandersetzen würden. Aber dazu hat noch kein Innenminister einen Vorschlag gemacht. Entschlossenheit per Gesetzentwurf zu suggerieren ist eben einfach; zuzugeben, dass man ein Problem noch gar nicht ausreichend versteht, um sinnvoll handeln zu können, kostet dagegen Mut.



insgesamt 29 Beiträge
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robrobsen 18.04.2008
1. Warum dazu lernen
Wenn unsere Damen und Herrn da oben von anfang an genauso viel Energie in das Verstehen dieser Menschen hinein stecken würden, anstatt weiter unsere Grundrechte mit Füssen zu treten, währe dieses Problem schon längst im Griff. Leider sind sie zu Dumm dazu und verschlimmern nur das Problem. Was wir brauchen sind Politiker die auch an das Morgen und Übermorgen denken, und nicht nur wie sie Ihren eigenen Reichtum aud unsere Kosten vergrössern. Koruption und Hand aufhalten ist halt einfacher als denken.
WjaWa, 18.04.2008
2. Der Kampf gegen den Terror
Interessanter Beitrag mit einem Thema, mit dem sich schon mal jeder beschäftigt haben sollte, der den Begriff "islamistischen Terrorismus" auch nur in den Mund nimmt. Die Tatsache, dass viele Politiker soviel über jenen Terrorismus wissen, wie Pinguine vom Fliegen erschüttert mich noch heute. Es geht auch oft nicht um den Wissensstadt, sondern einfach um die Tatsache, dass dieses doch so wichtige Thema beiseite geschoben und nicht für wichtig betrachtet wird. Und wie man nahezu täglich - wenn auch zum Glück bisher nicht in der BRD - sieht mit fatalen Folgen. Es ist Zeit, dass sich unsere Politiker näher mit den Hintergründen, mit der Radikalisierung dieser jungen und oft verzweifelten Menschen befassen, um sie zu verstehen und um besser gegen diesen dummen, aber auch traurigen Prozess des Fanatismus anzukommen. Sonst bleibt es bei einer Politik der vielen Worte, aber umso weniger Ergebnissen.
thomas bode 18.04.2008
3. Aspirin oder Antibiotikum gegen Terror?
Download verbieten oder Gründe erforschen? Die Aussage des Artikels ist von gar nicht so seltener Sinnlosigkeit. Denn natürlich muss man BEIDES tun. So wie das Herunterladen von Kinderpornos zu Recht sanktioniert ist sollten auch Terror-Mordrezepte ein Stück weit beschwert werden. Das kann natürlich nicht ersetzt werden durch das "Erforschen der Ursachen". Jeder der sich ein wenig damit befasst hat weiss dass diese Ursachen nicht so erforscht werden können dass man demnächst - "Heureka" - den Terrorbazillus findet und vernichten kann. Zum Terroristen kann so ziemlich jeder werden - durch eine Vielzahl zusammenwirkender Faktoren die sich nicht staatlich kontrollieren oder nur registrieren lassen. Immer wieder findet man solche scheinbar scharfsinnigen Beiträge. Aber wenn man eine Grippe hat nimmt man Aspirin gegen Fieber und Schmerzen UND ein Antibiotikum. Da stellt auch niemand die Frage entweder - oder?
rama-6 18.04.2008
4. Radikalisierung
Wie kann man einen Gläubigen der alle Werte Ablehnt und nur seine Religion als Weltheil Ansieht in diesem Glauben auch noch durch Fanatiker Unterstützt wird Versuchen unsere Werte zu Vermitteln?Wir Leben ihnen doch vor,was Gleichberechtigung der Frauen ist,was Demokratie ist,was Trennung von Staat und Religion ist,was Menschenrechte sind,was Sozialgemeinschaft ist.Diese Leute sehen unseren Lebensstiel als Satanswerke an,gerichtet gegen seinen Glauben.Dieser Glaube muß bis zur Islamisierung der Welt Verfolgt werden.Nicht wir,sondern nur ihre Religionsgemeinschaften und Glaubensbrüder können durch Protest und Verachtung der Attentäter zum nachdenken Anregen.
chriwi, 18.04.2008
5. mehr verbote
ich weiß nicht was mit schäuble los ist. ich glaube der ist erst glücklich wenn er alle menschen einsperren kann um ihre freiheit zu schützen. was soll das bringen mit den bombenanleitungen? man kann genausogut mit einem auto in eine menschenmasse fahren, holzklötze von autobahnen werfen, brände legen. aber die bomben, jawohl die bomben sind unser größtes problem. man sollte sich wirklich mal gedanken machen warum leute auf die idee kommen in ihrem fanatismus menschen umzubringen. da muss man nicht mal weit laufen, denn in der bundesregierung finden sich auch einige die dem afghanistan krieg zugestimmt haben um fanatisch osama bin laden zu jagen. kein unterschied. oh doch einer mit einer armee kann man viel mehr menschen töten. die ist aber nicht verboten.
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