Website für NS-Raubkunst Jäger der verlorenen Kunstschätze

Tausende Kunstwerke wurden im Krieg von den Nazis geraubt oder von Bomben zerstört. Über die Website Lost Art suchen die Nachkommen der früheren Besitzer heute nach diesen Schätzen - häufig vergebens, denn Museen wie Privatbesitzer haben die Herkunft vieler Werke bis heute nicht geklärt.

DPA

Von Steffen Winter


Fast 70 Jahre nach Kriegsende suchen noch immer Hunderte Menschen nach im Krieg abhandengekommenen Kunstwerken. Bei der Internet-Datenbank Lost Art der Koordinierungsstelle Magdeburg, einer Einrichtung von Bund und Ländern für Kulturgutdokumentation und Kulturgutverluste, suchen derzeit 469 Privatpersonen aus aller Welt nach 23.800 NS-Raubkunst-Stücken. Die Kunstwerke können sich heute in Museums- oder Privatbesitz befinden, sie können aber auch in den Kriegswirren vernichtet worden sein.

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Heft 5/2013
Die Geschichte eines schändlichen Erbes

Lost-Art-Chef Michael Franz sieht es als Aufgabe und Verantwortung aller Beteiligten, die Diskussion um Raubkunst in den Kunsthäusern weiter voranzutreiben. "Der Dialog auch mit den einstigen NS-Verfolgten ist wichtig", sagte Franz. Zuvor hatten bereits der einstige Kulturstaatsminister Michael Naumann und der CSU-Bundestagsabgeordnete Peter Gauweiler von den Museen mehr Anstrengungen bei der Herkunftsforschung ihrer Exponate gefordert. Der SPIEGEL hatte diese Woche berichtet, dass die Suche nach Raubkunst in den Kunsthäusern der Bundesrepublik nach wie vor nur schleppend vorangeht und noch weitere Jahrzehnte dauern wird.

"Ein Ende der Aufarbeitung ist momentan nicht abzusehen", stellt Michael Franz fest. Er verzeichnet ein über die Jahre stetig steigendes Engagement auch der Museen an Provenienzforschung - flankiert von finanziellen Hilfen des Bundes. Hätten im Jahr 2002 nur 13 Einrichtungen 750 möglicherweise geraubte Kunstgüter in der Datenbank gemeldet, seien es aktuell 106 Institutionen mit 18.200 fraglichen Objekten. Monatlich gebe es inzwischen 1,6 Millionen Zugriffe auf das Portal. "Das Engagement der Häuser ist stetig gestiegen", so Franz. Allerdings gibt es in Deutschland mehr als 6000 Museen, die alle ihre Bestände auf mögliche Raubkunst der Nationalsozialisten hin durchforsten müssten.

Nicht nur eine Frage des Geldes

Auch Privatpersonen würden sich mehr und mehr für die Herkunft geerbter Kunstgüter interessieren. Mehr als 50 Menschen hätten über 300 Kunstgegenstände aus eigenem Besitz gemeldet, deren Herkunft ihnen unklar ist. So gab ein Kanadier eine Holzstatue an die Stiftskirche Kleve zurück, die sein Vater als Soldat im Krieg mitgenommen hatte.

Der Berliner Historiker Jürgen Lillteicher kritisiert ein immer noch mangelndes Engagement und eine abwehrende Haltung der deutschen Museen in Sachen Raubkunst. Durch Ablehnung von Ansprüchen seien die Opfer gezwungen, Anwälte zu beauftragen, was eine Kostenspirale in Gang setze. "Die Anwälte sind teuer, am Ende müssen die Kunstwerke versteigert werden, was den Erben auch noch vorgeworfen wird", so Lillteicher. Lillteicher, der zur Rückerstattung jüdischen Eigentums nach Ende des Zweiten Weltkriegs promovierte, fordert ebenfalls verstärkte Anstrengungen bei der Provenienzforschung.

Der Bochumer Restitutionsexperte Constantin Goschler zieht das Fazit, dass viele Museen in der Vergangenheit auch aus Kostengründen kein Interesse daran gehabt hätten, ihre Kunstgegenstände auf ihre Herkunft hin klären zu lassen. "Es mag an fehlendem Problembewusstsein gelegen haben, in manchen Fällen wird man aber auch die Absicht dahinter vermuten dürfen, die Herkunft solcher Objekte im Ungewissen zu lassen."

Heute sei der Umgang mit dem braunen Erbe nicht nur eine Frage des Geldes. Es müsse darüber nachgedacht werden, stärkere Verbindlichkeiten bei der Provenienzforschung einzuführen. Es reiche nicht aus, auf freiwillige Forschungsprojekte der betroffenen Museen zu hoffen. Goschler sitzt als Sachverständiger im Beirat der bundeseigenen Arbeitsstelle für Provenienzrecherche- und -forschung.



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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
32. 31.01.2013
1. Unfassbar
Wer Kriege verliert bezahlt, so was es schon immer. Was passiert mit den Kunstschätzen der Deutschen, welche zu hunderttausenden in die USA und Russland, Frankreich gelangten? Da kräht kein Hahn danach. Oder die Enteignung und Tötung von Freimaurern. Die Enteignung von Kirchengütern? Die Enteignung des kleinen Mannes? Ein seltsames Rechtsmepfinden. Ich bezahl sicher nicht für die Taten meiner Urgroßväter. Wenn es nach dieser Logik geht, sind noch ganz andere Rechnungen offen.
intenso1 31.01.2013
2. Tausende...
Zitat von sysopDPATausende Kunstwerke wurden im Krieg von den Nazis geraubt oder von Bomben zerstört. Über die Website Lost Art suchen die Nachkommen der früheren Besitzer heute nach diesen Schätzen - häufig vergebens, denn Museen wie Privatbesitzer haben die Herkunft vieler Werke bis heute nicht geklärt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/lost-art-hilft-privatpersonen-auf-der-suche-nach-ns-raubkunst-a-880529.html
Tausende Kunstwerke wurden im Krieg von den Nazis geraubt oder von Bomben zerstört... oder von den Angehörigen Siegermächten "in Sicherheit gebracht". Immer wider tauchen Kunstschätze auf, die dann von deutschen Musen für viel Geld zurückgekauft werden.
Na Sigoreng 31.01.2013
3. Nazi-Kunst ....
Was für eine Diktion ! Ich wusste gar nicht, dass die Nazis so begnadete Künstler waren !? Kann man es nicht einfach als Kundt bezeichnen ..... die durch die Nazis geraubt, enteignet o.ä. wurde ? Mir fehlt bei den ganzen Debatten die Neutralität !
fridericus1 31.01.2013
4. Räuberhöhlen
Der Louvre oder das Britische Museum sind nach heutigen Maßstäben die reinsten Räuberhöhlen. Käme jemand auf die Idee, die dort gesammelten und mit großem Aufwand bewahrten Kulturschätze in ihre Herkunftsländer zu schaffen? Sicher nicht. Käme ein ernstzunehmender Mensch auf die Idee, heute die Nofretete den Ägyptern zu übergeben? Sicher auch nicht. Und nebenbei: nicht jede Erwerbung zwischen 1933 und 1945, die von Deutschen getätigt wurde, ist Raubkunst. Und das Argument "die müssen teure Anwälte beauftragen und dann zwingend die Kunstwerke versteigern, um die Kosten zu decken" ist sehr fadenscheinig, denn es gibt mittlerweile Anwaltskanzleien, die das Aufspüren von vermeintlicher oder tatsächlicher Raubkunst mit anschließender Vermarktung sehr professionell betreiben.
Hermann Pückler 31.01.2013
5. optional
es ist sehr verdienstvoll, dass sich mein Freund Peter Gauweiler dieses Themas - NS Raubkunst - einmal wieder angenommen hat. Nach 1945 hat sich das gleiche unter den kommunistischen Verbrechern der sog. DDR abgespielt. Auch hier ist noch sehr viel aufzuarbeiten. Museen, Bibliotheken und auch Amtsstuben und Privathäuser beherrbergen widerrechtlich gestohlenes Kunstgut. Auch hier ist noch einiges aufzuräumen, zumal die Täter noch unter uns sitzen.
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