Lügendetektor-Spielchen Warum Ute Vogt über ihr Sexualleben plauderte

Müssen Politiker öffentlich über ihr Intimleben sprechen? In einem Radio-Interview hat jetzt die baden-württembergische SPD-Spitzenkandidatin Vogt frisch und frei auf Fragen zu ihrem Sexualleben geantwortet. Morgen ist CDU-Ministerpräsident Oettinger dran.

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München - "Guten Morgeeen", ruft Ute Vogt ins Radiomikrofon. Die sozialdemokratische Spitzenkandidatin setzt auf gute Laune im Wahlkampf von Baden-Württemberg. Vielleicht hat sie sich auch deshalb bereit erklärt, bei der "Woche der Wahrheit" des Privatsenders Hit-Radio Antenne 1 mitzumachen. "Wir wollen Fragen jenseits des politischen Blabla stellen", sagt Programmchef Alexander Heine, "Fragen, die sich noch keiner getraut hat".

SPD-Kandidatin Ute Vogt: Verplaudert
REUTERS

SPD-Kandidatin Ute Vogt: Verplaudert

Und deshalb sendet der Privatsender seit heute Morgen ein Gespräch von Ute Vogt, die während des Interviews an einen Lügendetektor angeschlossen wurde. "Was glauben Sie, Frau Vogt, können Frauen besser als Männer?", fragt Moderator Oliver Ostermann. Der SPD-Spitzenkandidatin hört man die Freude an der Antwort an, sie scheint geradezu die Fäuste zu ballen beim Reden: "Frauen", sagt Ute Vogt, "sind einfach viel lebenspraktischer, Frauen reden nicht so lange um den heißen Brei herum, sie sagen ihre Meinung, und da weiß man, woran man ist." Sie hätte auch sagen können "ich" statt "Frauen", denn Ute Vogt stichelt im Wahlkampf gegen den drögen CDU-Ministerpräsidenten Günther Oettinger und kokettiert mit ihrem frischen und offenen Image.



Nach Vogts "Frauen"-Satz hört man die Radioredakteure im Hintergrund: "Hohoho". Ein gewagter Ausspruch. Moderator Ostermann: "Okay, Frau Vogt, Sie sind jetzt an den Lügendetektor angeschlossen." Ob sie sich denn ein erotisches Abenteuer mit einer Frau vorstellen könne? Frau Vogt scheint jetzt nicht mehr die Fäuste zu ballen, eher die Stirn zu runzeln: "Nein..... warum fragen Se mich so was?" Flucht in Gelächter. "Ok, Frau Vogt, es wird noch härter, sage ich jetzt schon, das ist die Woche der Wahrheit."

"Ehrliche Antwort, ehrliche Reaktion"

"90 Prozent der Frauen haben laut einer Studie schon mal einen Höhepunkt vorgetäuscht, Sie auch?", fragt Ostermann seine Delinquentin am Lügendetektor. Und Ute Vogt sagt ziemlich schnell ziemlich trocken: "Ja." Dann ist erstmal Ruhe im Studio, nur das Piepen des Lügendetektors füllt die Sekunden. "Ehrliche Antwort", sagt dann der Moderator, "ehrliche Reaktion." Wieder das Gelächter, das Menschen lachen, die sich gerade einer Peinlichkeit bewusst werden. Er wolle ja jetzt nicht indiskret sein, sagt Ostermann, ist es dann aber doch: Wann das denn gewesen sei mit dem vorgetäuschten Orgasmus. Wieder ist Ute Vogt blitzschnell: "Das ist schon länger her." - "Schon länger her, alles klar", notiert der Moderator.

Warum macht Ute Vogt da mit? Warum haben in den Tagen zuvor ihre politischen Konkurrenten von FDP und Grünen ebenfalls sehr privates ausgeplaudert? Baden-Württembergs Grünen-Chef Winfried Kretschmann hatte am Dienstag das Volk über Hit-Radio Antenne 1 wissen lassen, dass er in seiner Studentenzeit mal 38 Halbe Bier zu sich genommen und danach noch Posaune in einer Kapelle gespielt habe. Und FDP-Justizminister Ulrich Goll bekannte, als Professor mal in eine Studentin verliebt gewesen zu sein.

"Frau Vogt wusste, dass private Fragen kommen", sagt Antenne-Programmchef Alexander Heine zu SPIEGEL ONLINE. Allerdings sei man doch auch überrascht, "wie offen sie darauf reagiert hat, sie hätte uns ja auch einfach einen Korb geben können". Dass sie das nicht tat, sorgt in der eigenen Partei für Verwirrung. Peter Struck, SPD-Fraktionschef im Bundestag, hält Vogts Orgasmus-Geständnis für "nicht besonders klug". Als Politiker mache man "solche Spielereien eigentlich nicht mit". Er hätte das Studio verlassen, so Struck. Ute Vogt aber ging nicht.

Gegenüber dem Nachrichtensender N24 sagte Vogt heute über das Interview: "Ich find's nicht lustig. Ich find's ziemlich doof. Aber als Politikerin muss man manchmal schmerzfrei sein. Ich habe auf eine Frage eine ehrliche Antwort gegeben. Aber ich habe auch nicht gedacht, dass man so viele Jahre nach Oswald Kolle da noch solche Schlagzeilen machen muss."

Zur Kritik ihres Parteifreundes Struck sagte Vogt: "Es war eine relativ spontane Situation. Und ich fand auch, dass man da jetzt nicht unbedingt rausrennen musste. Natürlich hätte ich sagen können, ich beantworte das nicht. Aber so dramatisch fand ich's auch nicht, wenn man eine ehrliche Antwort gibt. Ich denke, dass viele Frauen jedenfalls das gut nachvollziehen können."

"Hinter die Fassade schauen, die Kandidaten privat erwischen"

In Stuttgart derweil ist Programmchef Heine richtig begeistert. Den ganzen Tag werde man die insgesamt 20 Minuten des Interviews in die verschiedenen Sendungen einbauen. Heine scheint in der Orgasmus-Frage tatsächlich ein Politikum zu sehen, ganz ernst: Man müsse bedenken, die Studie der Berliner Humboldt-Universität, 90 Prozent der Frauen. Der Moderator würde "hinter die Fassade schauen, die Kandidaten privat erwischen".

Für Hit-Radio Antenne 1 ist es ein großer Tag. "Seit 6 Uhr steht das Telefon nicht still", sagt Heine, "uns überrollt das Ganze gerade ein bisschen." Sogar auf die Titelseite der "Bild" hat es das Privatradio geschafft: "Erste Politikerin beichtet Orgasmus-Lüge", steht da heute in großen Lettern. "Einen 'Bild'-Aufmacher, das hat man nur einmal, das muss man sich ja fast an die Wand hängen", sagt Programmchef Heine.

Ministerpräsident Oettinger am Lügendetektor: "Bis maximal ein Uhr"
Hit-Radio ANTENNE 1

Ministerpräsident Oettinger am Lügendetektor: "Bis maximal ein Uhr"

Zum Abschluss der "Woche der Wahrheit" wird morgen ein Interview mit Ministerpräsident Oettinger gesendet. Weil es bereits vorliegt und das Medieninteresse so groß ist, lassen die "Antenne"-Macher schon mal Einzelheiten durchblicken. Auf die Frage, ob er sich eine Nacht mit Herausforderin Ute Vogt vorstellen könne, sage Oettinger: "Ja, sie ist eine junge, attraktive Frau." Allerdings wolle er die Nacht mit Vogt "nur in der Kneipe bei einem Glas Wein, nur bis maximal ein Uhr" verbringen, "danach gehe ich zu meiner Frau".

Baden-Württemberg scheint ein sehr modernes Land zu sein, so ohne Scheu wie hier lassen nirgends sonst in der Republik Politiker die Hosen runter. Darüber ist selbst Radiomacher Heine ein bisschen erstaunt: "Wie unverkrampft die hier alle sind, eigentlich hatten wir gedacht, wir würden an Grenzen des Verständnisses kommen."



Forum - Ihre Meinung: Wie privat dürfen Politiker sein?
insgesamt 94 Beiträge
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Carrie, 23.03.2006
1.
---Zitat von sysop--- In einem Radio-Interview hat die baden-württembergische SPD-Spitzenkandidatin Vogt unbefangen auf Fragen zu ihren Sexualleben geantwortet. Dafür kassiere sie aus der eigenen Partei sogleich Kritik. Wie private dürfen sich Politiker in der Öffentlichkeit geben? ---Zitatende--- Jeder nach seinem Gusto;) Ich bin nicht unbedingt scharf auf die Einzelheiten des Sexuallebens fremder Menschen, aber wenn man konkret danach gefragt wird kann man auch konkret drauf antworten. PS: Wichtigere Fragen gibts nicht an Politiker?;)
n0 by, 23.03.2006
2. Wie privat dürfen Politiker ...
je privater desto mehr Verfassungsschutz wie Lafontaine beweisen konnte °:-)
Hallo Pinoccio, 23.03.2006
3.
---Zitat von sysop--- In einem Radio-Interview hat die baden-württembergische SPD-Spitzenkandidatin Vogt unbefangen auf Fragen zu ihren Sexualleben geantwortet. Dafür kassiere sie aus der eigenen Partei sogleich Kritik. Wie private dürfen sich Politiker in der Öffentlichkeit geben? ---Zitatende--- Das sollte jeder selbst entscheiden. Der Politiker muss sich natürlich darüber im Klaren sein, dass alles auch gegen ihn verwendet werden kann, und der jeweilige politische Gegner sich nicht scheuen wird, solches Wissen zu nutzen.
SaT 23.03.2006
4.
Wowereit und Westerwelle machen vor, wie man mit seiner Sexualität prima Wahlkampf machen kann. Mich interessiert das zwar nicht die Bohne (bin schon verheiratet) scheint aber allgemein anzukommen :-(
Kunigunde, 23.03.2006
5. Wer...
...mit seinem eigenen Sexualleben meint Wahlkampf machen zu müssen, beweist schlechten Stil und legt den Verdacht nahe, daß er in der politischen Sache nichts auf der Pfanne hat. Viele Grüße Kunigunde
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