Mächtige Souffleure Der unbekannte Überkanzler

Unter den vielen Souffleuren der deutschen Kanzler sah einer das Regieren als parteiübergreifenden Job für Experten - abseits vom Gezänk. Ludger Westrick war Einflüsterer von Ludwig Erhard und hatte ein Amtsverständnis, das sich heute manche wünschen. Nur ist er daran gescheitert.

Von Franz Walter


Die Kanzler-Souffleure der Bundesrepublik: Hans Globke war unter ihnen die Shpinx der Effizienz - die Graue Eminenz im Kanzleramt der Adenauer-Ära, die Maßstäbe setzte für die Administration der Regierungspolitik in der Bonner/Berliner Republik. Globke war also das Lehrbeispiel für die Handhabe politischer Macht in Deutschland. Doch als Lehrbeispiel taugt ebenfalls sein Nachfolger im Amt: der heute weithin vergessene Ludger Westrick, Chef der Regierungszentrale unter Ludwig Erhard. Westrick zeigte den politischen Ehrgeiz, den Globke aufgrund seiner Vergangenheit als Kommentator der Rassengesetze im nationalsozialistischen Regime nie demonstrieren durfte.

Westrick vor Erhard-Porträt(SPIEGEL-Titel von 1966): Viel Neid auf seine starke Stellung im Kanzleramt
DER SPIEGEL

Westrick vor Erhard-Porträt(SPIEGEL-Titel von 1966): Viel Neid auf seine starke Stellung im Kanzleramt

Westrick begriff Politik so, wie auch viele Bürger das nach wie vor gern sähen: parteiübergreifend, als Sache von in bürgerlichen Berufen ausgewiesenen Experten, dem Gezänk der Interessengruppen entzogen. Indes: Gerade deshalb scheiterte Westrick vor 40 Jahren; deshalb stürzte bald danach auch Ludwig Erhard; deshalb endete auf längere Zeit die Ära rein bürgerlicher Bundesregierungen. Darum mag es sich lohnen, von Ludger Westrick zu erzählen.

Als Konrad Adenauer 1963 die Bühne verließ, trat auch sein Globke ab. Und mit Ludwig Erhard kam der langjährige Staatssekretär aus dem Wirtschaftsministerium Ludger Westrick in das Kanzleramt. Einen Generationswechsel bedeutete das nicht. Westrick war im Gegenteil noch vier Jahre älter als sein Vorgänger, er war 1894 geboren. So gehörten also beide, Westrick wie Globke, der Frontgeneration des Ersten Weltkrieges an. Doch war das nicht die einzige Gemeinsamkeit zwischen Westrick und Globke. Beide waren sie ausgebildete Juristen. Beide hatten sie im selben Jahr, 1921, ihre Referendariatsexamen abgelegt. Im Übrigen waren beide tiefgläubige Katholiken, wenngleich Westrick dem westfälischen und nicht dem rheinischen Katholizismus entstammte. Indes: Viel mehr Übereinstimmungen oder auch nur Ähnlichkeiten wird man zwischen den beiden schwerlich finden können.

Mehr Offenheit, mehr Diskussion, mehr Kollegialität

Westrick war anders als Globke. Er kam aus der Wirtschaft, war in der Weimarer Jahren Verkaufsleiter der Vereinigte Stahlwerke AG, avancierte nach 1933 zum Vorstandsvorsitzenden und Generaldirektor der Vereinigten Industrie-Unternehmen. Im Unterscheid zu Globke war Westrick durchaus kein Schweiger. Westrick plauderte gern, versprühte dabei auch viel Charme, war meist fröhlich, zeigte Humor, strahlte Wärme aus. Er hatte nichts von dem gedrückten, reservierten, unterkühlten, undurchdringlichen Wesen seines Amtsvorgängers. Zunächst gefiel das der Öffentlichkeit. Westrick hatte in den ersten Wochen seiner Amtszeit eine durchaus wohlwollende Presse. Dort war man froh, dass das strenge patriarchalische Regiment des greisen früheren Kanzlers vorüber war. Verbreitet war in jenen frühen sechziger Jahren auch die freudige Hoffnung auf mehr Offenheit, mehr Diskussion, mehr Kollegialität in der Politik.

Dafür stand Erhard, dafür stand aber auch Westrick. Er hatte schon als Wirtschaftsstaatssekretär die Öffentlichkeit gesucht, hatte schon damals an einigen ehrgeizigen politischen Projekten gearbeitet. Er wollte nun auch als Kabinettschef Politik im großen Maßstab betreiben, wollte konzipieren, gestalten und kreieren, wollte keineswegs nur demütig dienen.

Eben deshalb stieß Westrick auch auf Bedenken, gerade bei den Granden mit eigenem Ehrgeiz in der CDU und im Bundeskabinett. Sie wussten von Anfang an, wie schwach der neue Kanzler war. Sie betrachteten mit Verdruss, wie sehr Erhard sich seit eh und je auf Westrick verließ, ihn eigentlich als Einzigen ganz nahe an sich heranließ. Westrick war Erhards politischer Souffleur seit den frühen fünfziger Jahren. Er genoss so eine Sonderstellung, zeigte das auch gern - und schuf sich dadurch eine Menge Neider und Gegner.

Unwillen erregte ebenfalls, dass Westrick nicht wie zuvor Globke im Rang eines beamteten Staatssekretärs stand, sondern ein Ministeramt inne hatte. Doch anders konnte Erhard seinen Kompagnon und Ratgeber nicht ins Amt bekommen. Denn Westrick stand bei seiner Inthronisierung zum Kanzleramtschef schon kurz vor dem 70. Geburtstag; es gab folglich nach dem Beamtengesetz keine Möglichkeit mehr, ihn vor der Pensionierung zu bewahren. Es half allein die Ernennung zum Minister. Doch das schuf Missgunst und Misstrauen in der christdemokratischen Partei und Fraktion, die Westrick sowieso nicht als verlässlichen Kampfgenossen betrachteten. Denn der neue Kanzleramtsminister gehörte der Partei nicht an. Er gehörte auch der Fraktion nicht an. Westrick gefiel das. Und auch Erhard mochte es. Denn so verstanden und schätzten die beiden Politik: Als sachverständige Entscheidung unabhängiger Experten über alle Niederungen des Parteienzwistes hinweg.

An den Niederungen des Parlamentarismus gescheitert

Aber diese Niederungen waren doch die wirkungsmächtige Realität im bundesdeutschen Parlamentarismus. Und an dieser Realität scheiterten der Volkskanzler und sein Amtschef.

Als die Regierung ins Wanken geriet, bot die Partei, die von Erhard und Westrick so geringschätzig behandelt worden war, keinen Halt mehr. Im Gegenteil: Die christdemokratische Partei half beim Sturz der beiden noch mit. Vor allem Westrick war von Beginn der Regierungskrise an die Hauptzielscheibe der Kritik aus Fraktion und Unionsparteien. Es rächte sich, dass Westrick weder hier noch dort Fundament und Rückhalt besaß. Und es rächte sich, dass Westrick anders als Globke drauf verzichtet hatte, über personelle Netzwerke Einfluss auf die politisch-parlamentarischen Institutionen zu nehmen.

Auch hatte Westrick im Unterschied zu Globke eine Abneigung gegen oberservierende Erkundungen der eigenen Reihen. So erfuhr er nicht, jedenfalls nicht rechtzeitig, was sich in der christlichen Bundestagsfraktion an oppositionellen Stimmungen, an Ressentiments und Intrigen allmählich aufbaute und gegen den Kanzler richtete. Westrick taugte nicht als Frühwarnsystem.

Doch lag die Hauptursache für das schnelle Scheitern des Gespanns Westrick-Erhard darin, dass sich die beiden zu ähnlich waren. Denn ein guter Kanzleramtsleiter sollte seinen Regierungschef zusätzlich ergänzen, komplettieren, sollte da Stärken besitzen, wo der Kanzler Schwächen zeigt, sollte am besten die politischen und konzeptionellen Vorstellungen des Regierungsführers in die Bahnen administrativer Effizienz lenken und auf einen sicheren gesetzgeberischen Weg bringen.

Zwei Idealisten mit deckungsgleichen Stärken und Schwächen

Im Duo Erhard-Westrick aber deckten sich Stärken und Schwächen. Kanzler und Kanzleramtschef waren beide Idealisten, vielleicht auch Konzeptionalisten im Großen, hatten beide jedenfalls schöne und interessante Ideen von Politik, dachten dabei aber stärker in Kategorien der Wirtschaft oder der Wirtschaftswissenschaften als in der Komplexität des parteipolitischen, parlamentarischen und gouvernementalen Institutionalismus.

Auch Adenauer hatte sich nicht lange mit den Details des regierungstechnischen Verfahrens aufgehalten. Dafür hielt er sich schließlich seinen Globke. Der aber fehlte Erhard. Denn Westrick war wie sein Kanzler kein Freund der Administration, des bürokratischen Regelwerkes, des Aktenstudiums. Zwischen den prätentiösen politischen Konzepten der Erhard-Riege und ihrer gouvernemental-administrativen Übersetzung tat sich eine riesige Kluft auf. Für das praktische Regieren fehlte dem Kanzler der Beamte, der Diener, der Staatssekretär, der Kanzleramtschef à la Globke oder später Schüler, Schäuble, Steinmeier.

Stattdessen führte sich Westrick wie ein Überkanzler auf. Er kokettierte mit der Rolle des eigentlichen Premierministers, der die Entscheidungen fällte, die der Kanzler lediglich verkündete.

Am Ende war das Kanzleramt desorganisiert und gelähmt

Jedenfalls war Westrick im Umfeld des Regierungschefs allgegenwärtig. Er war bei allen wesentlichen Gesprächen des Kanzlers im In- und Ausland dabei. Er konnte jederzeit und ohne Anmeldung in Erhards Büro hineinplatzen. Und Westrick tat das auch. Selbst Minister und prominente CDU-Politiker kamen nur durch das Westricksche Nadelöhr an den Kanzler heran.

Meistens blieben sie bei Westrick hängen, der seinen Besuchern lange und ausschweifende Vorträge hielt, ein immer schlechterer Zuhörer wurde. Auch das unterschied ihn von Globke, der genau hinhörte, nur wenig selber sprach, dann aber knapp, präzise und pointiert formulierte.

Am Ende hatte Westrick gerade in den eigenen politischen Reihen unzählige Gegner. Sie hatten es leicht zu argumentieren, denn das Kanzleramt befand sich 1966 in einem heillosen, desorganisierten, gelähmten Zustand. Der Globke-Mythos bekam in dieser Zeit viel neue Nahrung.

Westrick hatte zu viel Macht und Einfluss angestrebt, dies dann auch noch zu sehr zur Schau gestellt, sich nicht - wie Jahrzehnte später ganz ähnlich Bodo Hombach - mit der Rolle des Administrator oder wenigstens mit der des Strippenziehers im Hintergrund bescheiden wollen. Deswegen scheiterte er. Vor nun 40 Jahren, am 15. September 1966, trat Westrick zurück.



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