Mächtige Souffleure Schreckenberger, der Unglücksrabe

Unter den vielen Souffleuren der deutschen Kanzler agierte einer besonders unglücklich: Waldemar Schreckenberger, der Schulfreund und erste Kanzleramtschef von Helmut Kohl.

Von Franz Walter


Die Ernennung Waldemar Schreckenbergers zum Kanzleramtsvorsteher im Oktober 1982 war eine ganz typische Helmut-Kohl-Entscheidung. Das politische Bonn war überrascht und ein wenig ratlos, als es den Namen des neuen Kanzleramtschefs erfuhr. Kaum jemand kannte ihn. Doch bald sprach sich herum, dass Schreckenberger ein alter Schulfreund aus den frühen Mainzer Tagen des neuen Kanzlers war. Solche alten Verbundenheiten und Freundschaften hatten bekanntlich Gewicht bei Kohl.

Schreckenberger war durchaus kein Greenhorn in Politik und Verwaltung. Er war seit 1969 Leiter der Abteilung Gesetzgebung und Verwaltung in der Mainzer Staatskanzlei, zu deren Chef er 1976 avancierte. Fünf weitere Jahre danach ernannte ihn der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz zum Justizminister des Landes. Zudem lehrte Schreckenberger seit 1978 als Professor für Rechts- und Staatsphilosophie an der Verwaltungshochschule in Speyer. Das waren keine rundum schlechten Grundlagen für die Arbeit in der Bonner Regierungszentrale.

Daher reagierte die mediale Öffentlichkeit zwar nicht enthusiastisch auf die Kür Schreckenbergers zum Kanzleramtschef, aber auch nicht sonderlich unfreundlich. Schließlich benahm der neue Mann sich zwar ein wenig zurückhaltend, im Ganzen aber doch recht freundlich und höflich, zuweilen nachgerade liebenswürdig, in jedem Fall angenehm bescheiden. Auch war er erkennbar fleißig, da man ihn jeden Morgen um acht Uhr in das Amt schreiten sah, das er meist erst kurz vor Mitternacht wieder verließ, um sich in schöner Regelmäßigkeit mitunter in der Ratlosigkeit des zerstreuten Intellektuellen auf die Suche nach seinem Auto zu begeben.

Von der Regionalliga in die Champions League

Eine Anfangschance gab es für Schreckenberger schon. Aber viel Geduld hatten die politischen Kommentatoren, hatten auch seine politischen Freunde dann doch nicht mit ihm. Ein Jahr nach dem Kanzlerwechsel von Schmidt zu Kohl wurde Schreckenberger gleichsam das personifizierte Symbol für alle Pannen, Missgriffe und Konfusionen in der neuen Regierung. Ganz gerecht war das nicht. Denn im Grunde widerfuhr Schreckenberger das, was jedem ersten Kanzleramtschef einer neuen, bis dahin lange oppositionellen Regierungspartei passierte: Sie wurden durchgängig die Sündenböcke für all das, was einfach schief gehen muss, wenn man politisch-administrativ gleichsam von der Regionalliga in die Champion League katapultiert wird.

Schließlich muss sich eine neue Regierung im Amt erst finden, muss Strukturen erst aufbauen, muss sich mit dem alten Beamtencorps zusammenraufen, muss die optimale Koordination zwischen dem Amt, den Ressorts, der Bundestagsfraktion und den Regierungsparteien erst lernen, muss ganz unvermeidliche Störungen, Friktionen, Disharmonien allmählich abbauen. In den ersten Monaten nach einem Regierungswechsel kann es im Grunde gar nicht reibungslos laufen. Doch die politische Öffentlichkeit ist gerade in mediengesellschaftlichen Zeiten nicht sehr nachsichtig und schon gar nicht gerecht.

Andererseits gab es bei Schreckenberger tatsächlich einige strukturelle Mängel. Ein Manko war in jedem Fall, dass das politische Parkett in Bonn für Schreckenberger weitgehend unbekannter Boden war. Schreckenberger kannte und sah nicht die vielen Fallgruben von Missgunst, Intrigen und Zynismen, die sich in Bonn weit auftaten. Der parteilose Schreckenberger kannte nur wenige aus der christlichen Bundestagsfraktion; ihm fehlten ebenfalls die Kontakte zur CDU-Bundeszentrale. Er hatte in Bonn keine Mannschaft, die sich für ihn in schwierigen Lagen schlug. Er hatte keine Wasserträger, keine Zuarbeiter und Informanten, die ihn mit Stimmungsberichten oder gar Personaldossiers aus den politisch relevanten Gremien und Institutionen versorgten, die Verbindungen herstellten, Koordination erleichterten, die Moderation von Konflikten möglich machten, Kontrolle erlaubten. Schreckenberger fehlten, kurzum, die personellen Netzwerke, die ein Kanzleramtschef braucht, um früh Bescheid zu wissen und rechtzeitig Einfluss zu nehmen.

Abneigung gegen Kungeleien

In einer gewissen Weise erinnerte Schreckenberger an Ludger Westrick, den Schattenmann Ludwig Erhards. Auch Schreckenberger hatte eine Abneigung gegen den Parteienbetrieb, gegen die Kungeleien, Tricks und Händel in den parlamentarischen Kommissionen. Kohls erster Kanzleramtsminister war mehr Wissenschaftler als Politiker. Er wünschte sich die Politik wie die Wissenschaft, streng logisch, systematisch und konsistent. Doch die Politik spielte anders ab, war oft Trick, Kuhhandel oder auch Täuschung, im Ergebnis jedenfalls meist nur ein Kompromiss. Das war nicht Schreckenbergers Welt. Aber er steckte mitten drin, stand im Zentrum und an der Spitze – und wirkte auf traurige Weise fehlplatziert.

Schreckenberger war wohl auch zu exakt für den politischen Posten, den er zwischen 1982 und 1984 bekleidete. Er wollte alle Vorgänge und Angelegenheiten, die sich im Kanzleramt sammelten, analytisch gründlich durchdringen. Das kostete ungeheuer viel Zeit. Und auf Schreckenbergers Arbeitsplatz türmten sich die Akten, Vermerke und Schreiben. Kohls Amtschef mühte und plagte sich, saß bis tief in die Nacht tief gebeugt über den Schreibtisch und kam doch den Eingängen nicht mehr hinterher.

Die Beamten im Kanzleramt sprachen nun spöttisch vom "Bermuda-Dreieck", das da im Büro Schreckenbergers existiere, denn die Akten gelangten wohl in das Arbeitszimmer des Staatssekretär, aber sie tauchten dann nicht wieder auf. So erzählte man sich das jedenfalls im redseligen Bonn dieser frühen Kohl-Jahre.

Andere hatten einen intimeren Zugang zu Kohl

Außerdem litt Schreckenberger an Kohl selbst. Präziser: Er litt an dessen Arbeitsweise, die sich nicht in das bürokratische Regelwerk des Apparats im Kanzleramt einpassen wollte. Kohl war bekanntlich ein großer Telefonierer, ein Meister des Vieraugen-Gesprächs, Liebhaber spontaner Ad-hoc-Entscheidungen, ein Politiker personenorientierter Improvisation, nicht aber – wie sein Vorgänger Helmut Schmidt – ein Manager des rationalen, geregelten Verfahrens. Was immer Kohl bei seinen Kontakten in kleinen Kreisen oder am Telefon aushandelte, Schreckenberger erfuhr es nur von Fall zu Fall.

Kohls politische Entscheidungen in interpersonaler Kommunikation flossen zumindest in dieser Anfangszeit seiner Regierung nur selten in den administrativen Verarbeitungsprozess des Kanzleramts ein. Es gab andere, die zum Kummer Schreckenbergers einen privilegierteren und intimeren Zugang zum Kanzler hatten. Schreckenberger bekam infolgedessen oft genug nicht mit, was wirklich lief im engsten Zirkel der Regierungsmacht. Das Amt stand bei wichtigen politischen Debatten, die in Kohls Küchenkabinett geführt wurden, außen vor.

So schmolz die Autorität des Kanzleramtschef dahin. Und deshalb nutzte es Schreckenberger auch nichts, dass er durchaus Kompetenzen und Eigenschaften besaß, die sonst einen guten Kanzleramtschef ausmachten. Schreckenberger war loyal, er hatte auch unbestreitbare administrative Fähigkeiten; er agierte lieber im Hintergrund der Politik als auf der offenen Bühne. Aber an der Aura der Hintergründigkeit fehlte es ihm. Man traute ihm nicht zu, dass er im Hintergrund die Strippen zog, dass er graue Eminenz war, dass er vieles wusste, was anderen schaden konnte, dass er kühl und selbstbewusst Regie führte.

Kanzleramtschefs sollten schon ein bisschen gefürchtet werden, zumindest respektiert. Das ist wohl nötig, um in der politischen Schlangengrube der Bundeshauptstadt die Handlungsfähigkeit an der Schaltstelle der Macht zu behalten. Schreckenberger war nicht der Typus dafür. So ging die Leitung der Regierungszentrale 1984 auf Wolfgang Schäuble über.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.