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Mahnwache für Möllemann: Der Mythos lebt

Von Holger Kulick

Einer wie Möllemann bringt sich nicht einfach um. Davon sind die meisten Teilnehmer der Mahnwache vor der FDP-Bundeszentrale felsenfest überzeugt. Und wer ein Interesse am Tod ihres Idols gehabt haben könnte, wissen sie auch ganz genau.

(Selbst)Mord? Legendenbildung bei Möllemann-Mahnwache vor der FDP-Bundeszentrale am Donnerstag
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(Selbst)Mord? Legendenbildung bei Möllemann-Mahnwache vor der FDP-Bundeszentrale am Donnerstag



Berlin - DMP habe sie heißen sollen, Partei der Demokratischen Mitte, davon habe Jürgen Möllemann geschwärmt und die Gründung vorbereitet. "Aber jetzt ist unser Zugpferd tot", klagt Helmut Zemin, ein liberaler Gefolgsmann Möllemanns aus Nordrhein-Westfalen, der seit vier Jahren in Berlin lebt. "Leider ist ein zweiter Polit-Profi wie Möllemann nicht in Sicht", fügt er hinzu. Zemin zählt am Donnerstagmittag zu den rund 40 Teilnehmern einer Mahnwache zu Ehren Jürgen W. Möllemanns vor der Berliner Bundeszentrale der FDP.

Der Aufruf zur Mahnwache kursierte nur im Internet und als Mund-zu-Mund-Propaganda: Donnerstag 12.30 Uhr, Treffen vor dem Thomas-Dehler-Haus. Dort sollte eine zweistündige Mahnwache "an das niederträchtige Verhalten der FDP-Spitze erinnern, das mitverantwortlich ist für den Tod des charismatischen Politikers". Mit diesen Zeilen wurden auf Möllemanns Homepage Mitglieder und Nichtmitglieder der Liberalen aufgerufen, sich vor dem Amtssitz von FDP-Chef Guido Westerwelle in ein kleines Kondolenzbuch einzutragen. Demonstrativ daneben postiert: das Buch "Klartext" von Jürgen Möllemann und alte Wahlplakate des langjährigen FDP-Politikers.

Mossad-Verschwörungstheorien

Auf den Plakaten klebt ein Aufdruck: "Klartext S.112" - das ist jene Buchpassage, in der Möllemann einer angebliche Begegnung Westerwelles mit einem Mossad-Agenten im Mai 2002 beschreibt. Wörtlich heißt es in Möllemanns Buch: "Ein Mann ohne Namen hatte ihm beim langen Warten auf die Audienz bei Ariel Scharon in unmissverständlichen Worten knallhart gesagt, dass die israelische Regierung meinen Kopf verlange. 'Wer war das?' fragte Dr. Westerwelle später dann einen seiner kundigen Begleiter. 'Der Mossad', erhielt er zur Antwort."

Diesen Mythos halten die meisten der Anwesenden hoch und tischen verwegene Verschwörungstheorien auf.

Mahnwache im Berlin - vor genau einem Jahr kamen zehnmal mehr Demonstranten zur FDP-Zentrale  - damals, um gegen Möllemann zu protestieren
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Mahnwache im Berlin - vor genau einem Jahr kamen zehnmal mehr Demonstranten zur FDP-Zentrale - damals, um gegen Möllemann zu protestieren

"Die Mörder sind unter uns", klagt etwa Lony Ackermann, eine Anfang der neunziger Jahre in Frankfurt am Main im Streit aus der FDP ausgeschiedene Lokalpolitikerin, "man will uns bloß Märchen erzählen". Und ihre Nachbarn pflichten bei: "Wer mit dem Fallschirm bewusst in den Tod springt, öffnet ihn doch nicht erst." Außerdem fehle vom Reserveschirm angeblich immer noch ein Teil. Und wer soll der Täter gewesen sein? "Sie kennen doch die weltweit Verdächtigen!", sagt Frau Ackermann.

Auch Initiator Ronald Gläser, ein junger ehemaliger Berliner FDP-Funktionär, sieht nur zwei Möglichkeiten. "Wenn es Selbstmord war, hat die Parteiführung Möllemann in den Tod getrieben, weil sie ihn wie einen Aussätzigen behandelt hat". Wegen diesem undemokratischen Kesseltreiben stehe man ja auch hier vor dem Dehler-Haus, "um nicht originär gegen die FDP, aber gegen das heuchlerische Verhalten einzelner FDP-Vertreter" zu demonstrieren.

Doch auch Gläser halt einen Selbstmord Möllemanns eigentlich für unvorstellbar: "Es kann doch auch sein, dass ihn jemand ausgeknipst hat", spekuliert er. Wer? "Das könnte ein Geheimdienst eines kleinen Landes im Nahen Osten gewesen sein." Denn hätte Möllemann erst seine neue Partei gegründet, so Gläsers Theorie, dann hätte sich die deutsche Außenpolitik wahrscheinlich geändert. Dann wäre Kritik an Israel nicht mehr aus übertriebener Political Correctness unterlassen worden.

Nationalliberales Stelldichein

Rechtes Treffen: Redner im Vordergrund Steve Schwittek von der Freiheitlichen Jugend, im Hintergrund links Mahnwache-Mitinitiator Roland Gläser aus dem konservativen Flügel der FDP-Tempelhof
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Rechtes Treffen: Redner im Vordergrund Steve Schwittek von der Freiheitlichen Jugend, im Hintergrund links Mahnwache-Mitinitiator Roland Gläser aus dem konservativen Flügel der FDP-Tempelhof

Das Gros der anwesenden Möllemann-Anhänger entpuppt sich in Gesprächen als Fans des eher rechtskonservativen FDP-Flügels aus Hamburg und Berlin. Mitinitiator Roland Gläser etwa leitete einen aufsässigen Ortsverein in Berlin-Tempelhof, der dem Berliner FDP-Chef Günter Rexrodt vorwarf, Mitgliederlisten manipuliert zu haben, um die Rechtsaußen in der FDP von der innerparteilichen Macht fernzuhalten.

Auch der Anmelder der Mahnwache, Steve Schwittek, stellt sich nicht als FDP-Mitglied, sondern als Vorsitzender der "Freiheitlichen Jugend" Deutschlands vor, für die er bei dieser Gelegenheit fleißig Mitglieder unter den Anwesenden wirbt und Beitrittszettel verteilt. Zu dem Verbund zählen mehrere nationalliberale und rechtskonservative Vereinigungen, auch mit Verbindung zu Jörg Haiders österreichischer FPÖ. Zuvor war Schwittek Parteifunktionär des Bunds Freier Bürger in Berlin-Marzahn - ohne besonders Aufsehen zu erregen. Jetzt genießt der gelernte Polizist und Journalist sichtlich seinen Auftritt vor den anwesenden Medien.

Er hätte sich gewünscht, dass Möllemann, statt eine Partei-Neugründung anzustreben, lieber Schills Partei der Rechtsstaatlichen Offensive oder den Freiheitlichen beigetreten wäre, nachdem er an der "Einengung der Demokratie in der FDP" so gescheitert sei. Ein Rücktritt von Guido Westerwelle müsse aus seiner Sicht eigentlich selbstverständlich sein, weil die FDP die "moralische Mitverantwortung" an Möllemanns Tod trage.

Die FDP-Führung selbst bleibt am Donnerstag lieber auf Distanz zu den Demonstranten. Einige Mitarbeiter lugen kurze Zeit aus Bürofenstern und verschwinden, sowie sie ein Fotograf erspäht. Nur Bundesgeschäftsführer Hans-Jürgen Beerfeltz tritt neugierig "zur Zigarettenpause" vor die Türe, verweigert aber jedweden Kommentar.

Nur stiller Beobachter: FDP-Bundesgeschäftsführer Beerfeltz (im hellen Sakko)
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Nur stiller Beobachter: FDP-Bundesgeschäftsführer Beerfeltz (im hellen Sakko)

Etwas abseits beobachten derweil Büromitarbeiter Jürgen Möllemanns aus Düsseldorf und Berlin die Szenerie und mokieren sich, dass Beerfeltz nicht mal hier die Gelegenheit ergreift, auf sie zuzugehen. Möllemanns Bürochef Hans-Joachim Kuhl berichtet von vielen Anrufern und Briefautoren, die sich jetzt erst recht für Möllemanns Parteigründung interessieren. "Es muss weitergehen", laute deren Appell, und Kuhl zeigt sich optimistisch, dass es in diesem Sinne auch weitergeht - als gehe es darum, ein Vermächtnis Möllemanns zu erfüllen. Immerhin 60.000 Adressen von Bundesbürgern lägen ihm vor, die sich schon früher bei Möllemann gemeldet hätten, um unter ihm Parteimitglied zu werden. Im Gegensatz zu vielen anderen der Anwesenden hält Kuhl seinen tödlich verunglückten Chef nicht für unersetzbar. "Ich hab da ein paar Ideen." Welche verrät er aber nicht.

"Das Lebenswerk fortsetzen"

Im Kondolenzbuch haben sich unterdessen rund 30 Gefolgsleute eingetragen. Tenor der Sprüche: "Unser Land ist um eine Hoffnung ärmer" und "Wir werden sein Lebenswerk fortsetzen".

 Durchhalteparolen im Kondolenzbuch
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Durchhalteparolen im Kondolenzbuch

Mangels Zustrom wird die Versammlung dann aber eine Stunde eher als geplant offiziell beendet, in dem Moment taucht verspätet noch eine parteilose Berlinerin auf, die zufällig im Internet auf die Ankündigung der Mahnwache stieß. Sie stellt eine Rose in einen der Kerzenständer und kramt ein selbst beschriftetes Laken aus ihrer Tasche. Die Aufschrift: "(Selbst)Mord? Wir trauern um Jürgen W. Möllemann".

Sabine Bleise stellt sich kurz als politikinteressierte, ehemalige Sekretärin vor und müht sich, ihr Transparent über dem Kondolenzbuch aufzuhängen. "Das ist aber nicht von uns bestellt oder abgesprochen", kommen die verunsicherten Organisatoren sofort auf die noch verbliebenen Journalisten zu und mühen sich, der Dame klar zu machen, dass die Demo eigentlich schon vorüber sei. Aber dann helfen sie ihr doch, den plakativen Vorwurf an die FDP-Fassade zu kleben.





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