Mai-Krawalle Autonome zünden Autos an, Polizeichef flieht vor Demonstranten

Brennende Autos, Schlagstöcke, Wasserwerfer: Bei einer Demo gegen Neonazis lieferten sich Linksextreme in Hamburg eine Straßenschlacht mit der Polizei. Die Behörden bezeichneten auch die Rechten als aggressiv wie lange nicht mehr. In Berlin griffen Autonome den Polizeipräsidenten mit Flaschen und Steinen an.


Nürnberg/Hamburg/Berlin - Schwere Krawalle bei Demonstrationen gegen rechts. Vor allem in Hamburg gab es am 1. Mai massive Ausschreitungen von Seiten linker Demonstranten. Am Abend kam es dann auch in Berlin zu Krawallen, nachdem eine Demonstration mit etwa 10.000 Teilnehmern im Stadtteil Kreuzberg zunächst friedlich verlaufen war.

Als sich Polizeipräsident Dieter Glietsch gegen 20.30 Uhr ein Bild von der "Revolutionären 1.-Mai-Demo" in Kreuzberg machen wollte, bedrängten ihn linksextreme Demonstranten. Personenschützer brachten den Polizeipräsidenten in Sicherheit und fuhren ihn mit einem Kastenwagen weg. Die Autonomen bewarfen daraufhin das Auto mit Flaschen, Steinen und Stühlen -Polizisten wehrten die Angreifer mit Pfefferspray ab. Kurz darauf flogen auch an anderen Stellen Flaschen, Steine und Fahrräder auf Beamte und Einsatzwagen. Die Polizei nahm gezielt Randalierer fest. Die Demonstration in Kreuzberg ist seit Jahren immer wieder Ausgangspunkt von Ausschreitungen.

In Hamburg standen sich die Anhänger der rechtsextremen NPD und zahlreiche Gegendemonstranten S-Bahnhof Alte Wöhr zunächst stundenlang fast in Sichtweite gegenüber - getrennt nur von Polizeiketten und Wasserwerfern. Als die Rechten ihren angekündigten Aufmarsch durch das ehemalige Arbeiterviertel Barmbek nach stundenlanger Verspätung schließlich begannen, entlud sich die aufgeheizte Stimmung: Die linken Gegendemonstranten zündeten Autos an und errichteten Barrikaden. Steine flogen, Müllcontainer wurden in Brand gesteckt, Rauchbomben und Knallkörper gezündet. Verletzte gab es auf Seiten der Rechten, der Linken und der Polizisten.

Ein Polizeisprecher beschrieb die Stimmung als so aggressiv wie lange nicht mehr. Den Behörden zufolge protestierten 6600 Menschen gegen die NPD, an dem Aufmarsch der rechtsextremen Partei beteiligten sich 1100 Sympathisanten. Immer wieder lösten sich laut Beobachtern einzelne NPD-Anhänger aus dem Demonstrationszug und griffen Journalisten an. Eine Fotografin wurde demnach zu Boden geworfen und verletzte sich, ein Team des NDR wurde nach Angaben des Senders abgedrängt.

Wasserwerfer und Polizeikessel

Die Polizei, die mit mehreren Hundertschaften vor Ort war, setzte Wasserwerfer ein. Nach Angaben von Augenzeugen kesselten die Beamten einige vermummte Demonstranten ein. Einem Polizeisprecher zufolge wurde ein Streifenwagen umgekippt, mehrere Beamte wurden von Demonstranten bedrängt.

Zuvor hatten linke Demonstranten laut Polizei an den Bussen, mit denen die rechten Demonstranten anreisen wollten, Scheiben zerstört. Die Rechten wurden deshalb unter Polizeischutz zu ihrem Veranstaltungsort gebracht.

Gegen 17 Uhr erreichte der Demonstrationszug seinen Endpunkt. Die Polizei drängte die beiden Lager in verschiedene Richtungen auseinander: die Rechtsradikalen in die S-Bahn, die Gegendemonstranten eine Straße hinunter. "Die stöbern in Gruppen durch die Stadt", beschrieb ein Polizeisprecher die Lage. Laut Behördenangaben wurden in Barmbek mehr als 200 Demonstranten festgenommen.

Am Abend kam es dann zu Ausschreitungen im Schanzenviertel: Angehörige der linken Szene bewarfen ein Sparkassengebäude mit Steinen und errichteten Barrikaden. Eintreffende Polizisten attackierten die Autonomen laut Augenzeugenberichten mit Feuerwerkskörpern und Steinen. Die Polizei ging mit Wasserwerfern gegen die Randalierer vor.

Gitter zwischen den Lagern

Auch in Nürnberg, wo 3000 NPD-Gegner auf den Straßen sind, kam es zu Übergriffen. Nach Angaben eines Polizeisprechers warfen die dortigen Demonstranten Steine gegen Polizisten, die Beamten setzten Schlagstöcke ein. Die zumeist schwarz gekleideten Autonomen sollen am Mittag versucht haben, eine Polizeikette zu durchbrechen, um den NPD-Aufmarsch zu stoppen. Dabei hätten linke Demonstranten mit Feuerwerkskörpern auf Polizeibeamte geworfen, berichten Beobachter. Die Polizei habe mit Pfefferspray und einem Schlagstockeinsatz geantwortet. Mehrere Demonstranten sollen Platzwunden am Kopf erlitten haben.

"Es gab ein Katz-und-Maus-Spiel", sagte ein Polizeisprecher. Die Lage habe sich aber rasch wieder beruhigt. Beide Gruppierungen waren durch Absperrgitter voneinander getrennt. Die Polizei hatte am Morgen die rund vier Kilometer lange Demo-Strecke der NPD komplett abgeriegelt, um eine Konfrontation rechts- und linksextremer Demonstranten zu verhindern. Die Polizei hatte rund 3000 Kräfte im Einsatz.

Bereits im Vorfeld hatte der Zentralrat der Juden heftige Kritik daran geübt, dass der NPD der Marsch durch Nürnberg gestattet wurde. In der ehemaligen Stadt der NS-Reichsparteitage bilde der jetzige NPD-Aufmarsch eine "unheilvolle Parallele" zu den damaligen Ereignissen, kritisierte Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch.

Dem bundesweiten Anti-NPD-Protest schloss sich auch SPD-Chef Kurt Beck an: "Alt- und Neonazis darf kein Raum für ihre menschenverachtende Ideologie gelassen werden", sagte er auf der zentralen Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Mainz. DGB-Chef Michael Sommer ergänzte: "Es ist nicht hinnehmbar, dass Justiz und Verwaltungen nicht in der Lage sind, Nazi-Provokationen an unserem 1. Mai zu verhindern."

Angriffe auf Polizisten in der Walpurgisnacht

Im Hamburger Schanzenviertel war bereits in der Walpurgisnacht randaliert worden. Dabei wurden vier Randalierer festgenommen. Demonstranten hatten dort zunächst eine Sparkassenfiliale mit Flaschen und Steinen beworfen. Später zündeten sie unter anderem Altpapiercontainer an und zogen einen Bauzaun über die Straße. Ein Polizeibeamter wurde leicht verletzt.

Auch in Leipzig und Cottbus kam es in der Nacht zum Donnerstag zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Randalieren. In Leipzig seien die Beamten nach einem Konzert am Völkerschlachtdenkmal aus einer Gruppe von mehreren hundert gewaltbereiten Personen mit Flaschen beworfen worden, teilte die Polizei mit. In Cottbus griffen bei einem Fackelzug von mehr als hundert Rechtsextremisten Teilnehmer die eintreffenden Polizisten an. 45 mutmaßliche Täter wurden vorläufig festgenommen, teilte die Polizei am Donnerstagabend mit. Gegen sie wurden unter anderem Strafverfahren wegen schweren Landfriedensbruchs eingeleitet.

In Berlin verlief die Walpurgisnacht dagegen ohne größere Störungen. Die Polizei sprach von den friedlichsten Feiern der vergangenen zehn Jahre. Als die Polizei im Mauerpark im Prenzlauer Berg versuchte, ein Feuer in der Anlage zu löschen, warfen jedoch einige Besucher Steine und Flaschen auf die Einsatzkräfte. In der Nähe brannten später zwei Autos. Die Lage beruhigte sich innerhalb kurzer Zeit aber wieder. Die Polizei nahm bis zum Morgen insgesamt 24 Personen fest.

ler/tno/AFP/dpa/AP/ddp



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