Mai-Demos Berlin rüstet sich fürs Randale-Ritual

25 Jahre nach den ersten Mai-Krawallen rüstet sich Berlin für Protestaktionen rund um den Tag der Arbeit. Polizei und Behörden beschwören einen friedlichen Verlauf. Doch es gibt auch Unsicherheit: Erstmals zieht die gewaltanfällige "Revolutionäre 1. Mai-Demo" aus Kreuzberg ins Herz der Hauptstadt.

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Berlin/Hamburg - Wie alles anfing, darüber wird heute noch munter diskutiert. War es die Razzia bei Volkszählungsgegnern? War es der umgekippte Polizeiwagen? War es die harte Reaktion der Sicherheitskräfte? Fest steht: Es endete in einem Gewaltrausch. Am 1. Mai 1987 brannte Berlin-Kreuzberg. Steine und Flaschen flogen, an die tausend meist junge Menschen verwüsteten den Kiez, in den Straßen hingen Tränengas-Schwaden, die völlig überforderte Polizei musste sich zeitweise zurückziehen. Ein geplünderter und abgefackelter "Bolle"-Supermarkt wurde zum Symbol der Ausschreitungen in jener Nacht.

25 Jahre ist das nun her, geknallt hat es seither immer wieder am Abend des 1. Mai in Berlin, mal mehr, mal weniger. Könnte es nun, im Jubiläumsjahr, besonders schlimm kommen? Berliner Politik und Polizei gehen nicht davon aus - zumindest beschwören sie öffentlich einen friedlichen Verlauf der zahlreichen Protestaktionen rund um den Tag der Arbeit. In den einschlägigen Internetforen gebe es keine Anzeichen für eine außergewöhnliche aggressive Mobilisierung, heißt es. "Ich erwarte einen friedlichen 1. Mai", sagt Innensenator Frank Henkel (CDU).

Das sind ungewöhnlich zurückhaltende Töne. Henkel galt einst als Hardliner, als einfacher Abgeordneter ließ er kaum eine Gelegenheit aus, um dem inzwischen abgelösten rot-roten Senat Versäumnisse in der Sicherheitspolitik vorzuwerfen oder bürgerkriegsähnliche Zustände an die Wand zu malen. Im neuen Amt aber hat sich Henkel gewandelt. Er weiß: Der 1. Mai 2012 wird für ihn zur persönlichen Bewährungsprobe. Allein dass seit Jahren wieder ein CDU-Mann Innensenator ist, fassen weite Teile der linksextremen Szene als Provokation auf. Im Internet hat man Henkel einen "feurigen Empfang" versprochen. Der Innensenator hat es vermieden, darauf mit martialischen Ankündigungen zu reagieren.

Um Gewalt zu verhindern, setzt er auf die Deeskalationsstrategie, die sich unter seinem SPD-Vorgänger Ehrhart Körting weitgehend bewährt hat. Henkel nennt sie nur anders. Er spricht lieber von Doppelstrategie - "viel Kommunikation auf der einen Seite, aber auch gezieltes Vorgehen gegen Gewalttäter auf der anderen Seite". Rund 7000 Polizisten, 3000 davon als Unterstützung aus anderen Bundesländern, sind im Einsatz. Sie werden wohl nicht nur gegen gewaltbereite Linksextremisten vorgehen müssen. In den vergangenen Jahren war die Randale zunehmend auch von Krawall-Touristen und Betrunkenen ausgegangen.

Protest im "politischen Zentrum der Macht"

Die Behörden haben vor allem die traditionelle "Revolutionäre 1. Mai Demonstration" am Dienstagabend im Blick, die stets besonders gewaltanfällig ist. Der Aufzug unter dem Motto "Der Druck steigt - für die soziale Revolution" startet auf dem Lausitzer Platz in Kreuzberg, dort, wo vor 25 Jahren die Krawalle begannen. Die Veranstalter erwarten bis zu 15.000 Teilnehmer, im vergangenen Jahr kamen fast 10.000.

Ein Unsicherheitsfaktor für die Sicherheitskräfte: Erstmals zieht die Demo ins Herz der Hauptstadt nach Berlin-Mitte. Es sei das Ziel, den "Protest gegen die Krisenbewältigungspolitik der Bundesregierung in das politische Zentrum der Macht zu tragen", erklären die Veranstalter. Bis zum Boulevard Unter den Linden soll es gehen, vorbei an Autohäusern, Banken und dem Bundesfinanzministerium - Objekte, die sich Gewalttäter als Zielobjekte für Wurfgeschosse aussuchen könnten. Den Vorbeimarsch am Sitz des Axel-Springer-Verlags untersagten die Behörden.

Ein erstes Indiz über die Gewaltbereitschaft der Szene könnte die Walpurgisnacht am Vorabend des 1. Mai liefern, in der es in der Vergangenheit ebenfalls immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Randalierern und der Polizei kam. Auch hier gibt es in diesem Jahr Veränderungen: Erstmals trifft man sich im Problembezirk Wedding. Schon ab 14 Uhr sollte hier am Montag die "Antikapitalistische Walpurgisnacht" starten, für den Abend ist eine Demonstration gegen steigende Mieten und Gentrifizierung angemeldet - Motto: "Nimm, was dir zusteht". Die Veranstalter hatten im Vorfeld erklärt, dass Farbbeutel- und Flaschenwürfe gegen ein an der Demo-Route liegendes Jobcenter "durchaus möglich" seien.

"Potential ist da, wir sind auf alles vorbereitet"

Ein anderer Schwerpunkt der Mai-Krawalle war in den vergangenen Jahren immer wieder Hamburg. Doch auch dort hofft man in diesem Jahr auf ruhigere Stunden. "Es gibt keine konkreten Hinweise auf Störungen", heißt es bei der Polizei. Auch diesmal sind wieder mehrere Hundertschaften aus Hamburg rund um den Feiertag im Einsatz. Kräfte aus anderen Bundesländern wurden aber nicht angefordert.

Wie in Berlin gilt auch hier die "Revolutionäre 1. Mai-Demonstration" am Dienstagabend als möglicher Brennpunkt. "Potential ist da, wir sind auf alles vorbereitet", sagt Polizeisprecherin Sandra Levgrün. Unter dem Motto "Keine Alternative zur Revolution" wollen sich rund tausend Teilnehmer an den St. Pauli-Landungsbrücken versammeln und dann über die Reeperbahn weiter in den Stadtteil Ottensen ziehen. Die Polizei rechnet mit Demonstranten aus dem "überwiegend linksextremistischen Spektrum, nicht mit bürgerlichem Klientel".

Vor zwei Jahren hatten Hunderte Hooligans Geschäfte, Bars und Banken im Schanzenviertel zerstört. Vor allem Krawall-Touristen lieferten sich Straßenschlachten mit Polizisten. Mehr als 30 Beamte wurden dabei verletzt. Im vergangenen Jahr riegelte die Polizei deshalb die Schanze ab. Ein sogenanntes Gefahrengebiet, in dem Beamte ohne konkreten Verdacht Menschen durchsuchen, in Gewahrsam nehmen und Platzverweise erteilen können, ist dieses Mal nicht geplant.



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