Mai-Kundgebungen Müntefering mit Eiern beworfen

Trotz Kapitalismuskritik wurde SPD-Chef Müntefering bei der Mai-Kundgebung in Duisburg nicht nur umjubelt. Wütende Demonstranten bewarfen ihn mit Eiern. Gewerkschafter forderten die Regierung auf, der Kapitalismuskritik des SPD-Chefs jetzt Taten folgen zu lassen.


Eiattacke auf Müntefering: "Geht weg von den alten Parolen"
REUTERS

Eiattacke auf Müntefering: "Geht weg von den alten Parolen"

Duisburg/Frankfurt am Main - Getroffen wurde Müntefering während der Mai-Kundgebung in Duisburg von den Eiern nicht. Die Polizei schützte den SPD-Chef nach der Attacke, während er seine Rede fortsetzte, berichteten Augenzeugen.

In seiner Rede zum Tag der Arbeit forderte Müntefering die Unternehmen erneut auf, Verantwortung für den Standort Deutschland zu übernehmen. Von lautstarken Protesten und vereinzeltem Beifall begleitet betonte er, dass Wirtschaft und Kapital für den Menschen da sein müssten und nicht umgekehrt. "Seid nicht beleidigt und setzt euch zusammen, um Arbeitsplätze zu schaffen", sagte Müntefering an die Adresse der Arbeitgeber gerichtet.

Mit deutlichen Worten distanzierte sich Müntefering von den Forderungen kommunistischer Gruppierungen, die mit Protestplakaten und Trillerpfeifen nach Duisburg gekommen waren. Der Kommunismus sei schon einmal in die Knie gegangen, die Forderungen deshalb von gestern, so Müntefering. "Geht weg von den alten Parolen, wir kämpfen für sozialen Fortschritt."

Vor wenigen Wochen hatte Müntefering mit seiner Kritik am Verhalten einiger Unternehmer die umstrittene Kapitalismus-Debatte angestoßen. IG-Metall-Chef Jürgen Peters verlangte auf einer Mai-Kundgebung in Frankfurt am Main von der Bundesregierung nun konkrete Konsequenzen. Müntefering habe zu Recht die Finanzinvestoren angeprangert, die skrupellos Unternehmen ausschlachteten, sagte Peters. Den Worten von Müntefering müssten jetzt aber auch Taten folgen.

Der IG-Metall-Vorsitzende rügte in seiner Rede das Verhalten in den Chefetagen der deutschen Wirtschaft. Während die Nettoeinkommen seit 1991 gesunken seien, hätten sich "viele Manager üppig bedient". So sei allein 2003 das durchschnittliche Grundgehalt der Vorstandschefs von Dax-Unternehmen um elf Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen.

"Es herscht die nackte Gier"

Der DGB-Vorsitzende Michael Sommer kritisierte bei der Hauptkundgebung in Mannheim vor tausenden Zuhörern, in den Vorstandsetagen herrsche "die nackte Gier". Manche Topmanager seien nicht einmal mit 20 Prozent Kapitalrendite zufrieden, sagte der DGB-Vorsitzende. Die Rechte der Arbeitnehmer seien in Gefahr, weshalb die von Müntefering gestartete Debatte zu konkreten Gegenmaßnahmen führen müsse. "Falschen Entwicklungen muss man sich in den Weg stellen", forderte Sommer, und verlangte Nachbesserungen bei der Arbeitsmarktreform Hartz IV sowie eine europaweite Harmonisierung der Unternehmensteuern.

Mai-Kundgebung (in Hamburg): Arbeitsplätze rücksichtslos geopfert
DPA

Mai-Kundgebung (in Hamburg): Arbeitsplätze rücksichtslos geopfert

Sommer sagte, Schuld an der Massenarbeitslosigkeit seien Unternehmer und Manager, die nicht investierten. Arbeitgeberverbänden, Union und FDP warf Sommer eine rückwärts gewandte Politik vor und lehnte Einschnitte in den Kündigungsschutz, die Tarifautonomie und die Mitbestimmung kategorisch ab. Die Arbeitnehmer dürften nicht zu Menschen zweiter Klasse werden, niemand dürfe sie zu reinen Kostenfaktoren degradieren und ihnen die Würde nehmen.

"Obszöner Renditewettbewerb"

Auch der Vorsitzende der Gewerkschaft Ver.di, Frank Bsirske, griff die Spitzen der deutschen Wirtschaft scharf an. Die Unternehmen und ihre Verbände wollten die Erfolge der Arbeitnehmerbewegung der vergangenen 50 Jahre zunichte machen, sagte Bsirske auf einer Mai-Kundgebung in München.

Der Chef der IG Bergbau-Chemie-Enegie, Hubertus Schmoldt, forderte in Ludwigshafen, die Würde des Menschen dürfe nicht zur Restgröße wirtschaftlichen Handelns werden. Die großen Unternehmen böten sich mittlerweile "einen geradezu obszönen Wettbewerb um die höchste Steigerung der Rendite", sagte Schmoldt laut Redetext. In den Vorstandstagen breite sich "eine Unkultur der Raffgier" aus. Arbeitsplätze würden rücksichtslos geopfert. Dem würden sich die Gewerkschaften entgegenstellen.

Zum Tag der Arbeit am 1. Mai haben die Gewerkschaften für Sonntag in Nordrhein-Westfalen zu fast 80 Kundgebungen, Demonstrationszügen und anderen Veranstaltungen aufgerufen.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.