Von Philipp Wittrock
Berlin - Ein "Tag des Zorns" soll es werden. Das jedenfalls steht in weißen und roten Lettern auf dem schwarzen Transparent am Lautsprecherwagen. So rufen sie in Nordafrika auch immer zu Demonstrationen gegen ihre ungeliebten Regime auf. Und so hätten es die Veranstalter der berüchtigten 1. Mai-Demonstration in Berlin also auch gern. Dass die Bürger von Ägypten, Tunesien, Syrien und Co. nun wirklich bessere Gründe haben, um für mehr Freiheit auf die Straße zu gehen - was soll's. Immerhin rund 10.000 Menschen wollen an diesem Sonntagabend auch in der deutschen Hauptstadt die Revolution.
Sie bleibt aus, wie in den vergangenen 23 Jahren auch schon. Darauf ist Verlass. Genauso wie darauf, dass sich der gewaltbereite Teil der linken Demonstranten früher oder später mit der Staatsmacht anlegt. Es kommt zu Ausschreitungen, Randale, Festnahmen und Verletzten. Unterm Strich lässt sich aber auch sagen: Es war schon mal schlimmer.
Das liegt wohl auch daran, dass sich die Polizei, die mit rund 6000 Kräften an diesem Wochenende in Berlin im Einsatz ist, beim Protestzug lange zurückhält. Außer den Mannschaftswagen und der Polizeikette an der Spitze der Demo sind zunächst kaum Beamte zu sehen. Die martialisch uniformierten Einsatzhundertschaften stehen weit zurückgezogen in Seitenstraßen bereit oder laufen in einigen hundert Metern entfernt in Parallelstraßen mit dem Zug mit.
Viele der Demonstranten tragen das Outfit des schwarzen Blocks. Mancher versteht die Uniform allerdings wohl weniger politisch denn als besondere Mode für einen besonderen Tag. Da wird dann gern auch in schicker North-Face-Jacke und Ray-Ban-Brille gegen Verarmung und Perspektivlosigkeit angebrüllt. Dennoch: Die Stimmung unter den Demonstranten ist zum Teil aggressiv. "Ganz Berlin hasst die Polizei", skandieren sie immer wieder. Doch die lässt sich erst einmal nicht blicken.
Später aber treffen Demonstranten und Polizei doch noch aufeinander: Steine, Flaschen und Feuerwerkskörper fliegen auf die behelmten Sicherheitskräfte, die antworten mit Pfefferspray, Tränengas und Schlagstöcken. Die Stimmung ist nun aufgeheizt, immer wieder kommt es zu Zusammenstößen, der Demo-Zug wird mehrfach aufgehalten oder durch den Einsatz von Polizeistoßtrupps auseinandergerissen. Die Beamten ziehen sich nun nicht mehr zurück, sondern marschieren offensiv links und rechts der Demonstranten auf. Die beiden am Hermannplatz bereitstehenden Wasserwerfen kommen nach ersten Erkenntnissen aber nicht zum Einsatz.
Die Veranstalter erklären die Demo, die in diesem Jahr erstmals nicht allein durch Kreuzberg, sondern auch durch das angrenzende Neukölln zog, schließlich wegen der Zusammenstöße vorzeitig für beendet. Noch einmal kommt es zu Auseinandersetzungen, Rauchbomben werden gezündet, die Polizei greift gezielt Randalierer aus der Menge heraus und geht dabei auch mit den Umstehenden nicht zimperlich um. Immer wieder eilen Sanitäter jungen Menschen zur Hilfe, die Pfefferspray abbekommen haben.
Scharmützel am Kottbusser Tor
Nach dem Ende des Protests ziehen die Teilnehmer wieder zurück nach Kreuzberg. Sicherheitskräfte riegeln zunächst die Zufahrtsstraßen ab und kontrollieren die Taschen der Rückkehrer. So soll verhindert werden, dass gewaltbereite Linksradikale mit Wurfgeschossen auf das "myfest" gelangen, auf dem seit dem Morgen Zehntausende vor zahlreichen Bühnen zu Musik von HipHop bis Punk den 1. Mai feiern. Rund um das Kottbusser Tor, das schon in den vergangenen Jahren stets Schauplatz von Gewalt war, kommt es am späten Abend dennoch immer wieder zu Scharmützeln mit der Polizei.
Inwiefern hier allerdings wirklich noch Autonome Zoff suchen, ist unklar. Denn die Berliner Mai-Krawalle in Kreuzberg ziehen Jahr für Jahr auch immer mehr Jugendliche an, die im Schutz der Massen und Dunkelheit gerne mal eine Flasche auf ihr vermeintliches Feindbild schleudern. Eine Bilanz der Randale dieses Jahres liegt am späten Abend noch nicht vor.
In Hamburg zählt die Polizei in einer vorläufigen Wochenendbilanz bis zum späten Sonntagabend mindestens 14 verletzte Polizisten. Mehr als 50 Demonstranten werden vorläufig festgenommen, weitere 70 kommen in Gewahrsam. Die befürchteten schweren Ausschreitungen bleiben allerdings auch in der Hansestadt aus. Mehr als 2000 Menschen demonstrieren hier bei der "Revolutionären Mai-Demo", Sicherheitskräfte stoppen den Zug mehrfach, weil Böller aus der Menge fliegen und sich einige Teilnehmer nicht an das Vermummungsverbot halten wollen. Die Polizei spricht jedoch von einer insgesamt ruhigen Lage.
Der "Tag des Zorns" bleibt aus, in Hamburg und in Berlin.
Mit Material von dapd
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