Mangelnde Qualifikation Opposition kritisiert Pflegeheim-Einsatz von Arbeitslosen

Sie sollen Demenzkranke betreuen und zurück in den Beruf finden: In der Opposition regt sich Widerstand gegen das Vorhaben, Langzeitarbeitslose in Heimen einzusetzen. FDP-Generalsekretär Niebel kritisiert, es handele sich um eine "arbeitsmarktstatistische Scharlatanerie".


Berlin - Heftiger Widerstand: "Allein der Umstand der Arbeitslosigkeit ist keine Qualifikation für einen Pflegeberuf", kritisierte FDP-Generalsekretär Dirk Niebel das Vorhaben in der "Bild am Sonntag". Die Pflege alter und kranker Menschen sei "zu wichtig für eine solche arbeitsmarktstatistische Scharlatanerie".

Unterstützung für das Pflegepersonal: Die Bundesagentur für Arbeit will Tausende Langzeitarbeitslose in Heimen einsetzen
DPA

Unterstützung für das Pflegepersonal: Die Bundesagentur für Arbeit will Tausende Langzeitarbeitslose in Heimen einsetzen

Die Bundesagentur für Arbeit sucht derzeit unter den Langzeitarbeitslosen bis zu 10.000 Bewerber für den Einsatz als Pflegeassistenten. Diese Stellen wurden mit der seit 1. Juli geltenden Pflegereform neu geschaffen. Die Pflegeassistenten sollen zusätzlich zu regulären Pflegern eingesetzt werden, um den meist altersverwirrten Patienten beispielsweise vorzulesen, mit ihnen zu sprechen oder kleine Besorgungen zu übernehmen.

Dafür sollen sie mit 160-Stunden-Kursen und in Praktika vorbereitet werden. Vergleichbare Lehrgänge in der Vergangenheit hätten dagegen 900 Stunden Schulung vorgesehen, kritisierte ein Sprecher der Deutschen Alzheimergesellschaft. Skeptisch äußerte sich auch der Münchner Pflegeexperte Claus Fussek: "Man kann nicht jeden in so einen Beruf schicken".

Die Grünen-Pflegeexpertin im Bundestag, Elisabeth Scharfenberg, kritisierte: "Man muss sich für diesen Beruf entscheiden und kann nicht hinein-entschieden werden."

"Möglichkeit des Wiedereinstiegs in den Beruf"

Nach dem neuen Pflegegesetz dürfen Pflegeheime für Demenzkranke zusätzliches Personal einstellen; die Kosten tragen die Pflegekassen. Derzeit würden überall in Deutschland Bewerberpools gebildet, sagte eine BA-Sprecherin dazu der "Süddeutschen Zeitung". Teilnehmen könne jeder, der sich für die Arbeit in einem Heim interessiere und für eine Weiterbildung in Frage komme.

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hat die Pläne verteidigt. "Für viele Arbeitslose ist der Einsatz in einem Pflegeheim die Möglichkeit eines Wiedereinstiegs in den alten Beruf", sagte Schmidt. "Das gilt vor allem für Frauen."

Kritik von Fachverbänden und aus der FDP wies Schmidt zurück. "In dieser Debatte schwingt auch Arroganz gegenüber Arbeitslosen mit", sagte die Ministerin. "Viele Arbeitslose zeigen sich ausgesprochen engagiert, wenn es um soziales Engagement auch im Pflegebereich geht." Auch verfügten viele Arbeitssuchende über gute Vorkenntnisse.

Schmidt wies darauf hin, dass viele Demenzkranke bislang von ehrenamtlichen Helfern betreut werden, die keinerlei Schulung von der Arbeitsverwaltung erfahren hätten.

Die neue Betreuung von Demenzkranken in Pflegeheimen sei "ein großer Schritt voran", sagte Schmidt. Sie werde von vielen Heimen gewünscht und von den Angehörigen vieler Demenzkranker erwartet. "Wir wollen ein flächendeckendes Angebot gut geschulter Menschen, so dass eine Betreuung unter Anleitung des Fachpersonals erfolgreich durchgeführt werden kann."

han/AFP/dpa



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