Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Debatte über transparente Gehälter: Zeigt her eure Löhne

Ein Kommentar von

Büroangestellte bei der Arbeit: Über Geld spricht man nicht Zur Großansicht
Corbis

Büroangestellte bei der Arbeit: Über Geld spricht man nicht

Vielleicht müssen Unternehmen bald die Bezüge ihrer Mitarbeiter veröffentlichen. Die Wirtschaft protestiert zu Unrecht: Es gibt keinen guten Grund, Gehälter geheim zu halten.

Bisher laufen Gehaltsgespräche so: Ein Mitarbeiter geht am Jahresende zum Vorgesetzten, die Tür fällt zu. Wenig später geht die Tür wieder auf. Vielleicht ist er demnächst um ein paar Hundert Euro monatlich reicher, vielleicht auch nicht. Das werden seine Kollegen nie erfahren. Denn wer in einem Unternehmen wie viel verdient, das bleibt meist ein Geheimnis zwischen Chef und Angestelltem.

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) will das ändern. Sie wirbt für ein Gesetz, das es Mitarbeitern einer Firma ermöglicht, das Gehalt von gleichgestellten Kollegen in Erfahrung zu bringen. Auf diese Weise soll auch die Bezahlung zwischen Männern und Frauen angeglichen werden (mehr erfahren Sie im neuen SPIEGEL, den Sie hier herunterladen können).

Der Vorstoß ist richtig, weil er Ungerechtigkeiten beseitigen kann. Über das Gehalt entscheiden oft nicht nur Qualifikation und Engagement, sondern auch Hartnäckigkeit oder der gute Draht zur Chefetage. Im Kollegenkreis ist kaum bekannt, welche Spielräume es gibt und wie sich die Gehälter warum unterscheiden. Über das eigene Einkommen sprechen die Wenigsten.

Natürlich sollte sich jeder Mitarbeiter über branchenübliche Löhne informieren und versuchen, entsprechend zu verhandeln. Doch häufig finden Gehaltsgespräche ohne belastbare Grundlage statt. Hier müssen sich die Unternehmen öffnen. Es gibt keinen Grund, Gehaltsstrukturen unter Verschluss zu halten.

Das sehen Wirtschaftsvertreter anders: Nach Frauenquote und Mindestlohn drohe ein weiteres "Bürokratiemonster", kritisieren sie. Ein solches Gesetz schüre ein "Klima des Misstrauens", heißt es von Verbänden.

Nachvollziehbare Strukturen stärken das Vertrauen

Womöglich steckt dahinter die Furcht vor allzu selbstbewussten Angestellten. Denn mit einer Transparenzpflicht könnte jeder Mitarbeiter überprüfen, ob die eigene Bezahlung in etwa dem entspricht, was ein Kollege mit gleichen Aufgaben verdient. Größere Lohngefälle würden sichtbar, Forderungen gestellt.

Dabei überwiegen die Vorteile: Klares Personalmanagement mit nachvollziehbaren Strukturen stärkt das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und -nehmer, das bringt Vertrauen und Motivation.

Auch die Mehrbelastung dürfte sich in Grenzen halten. Die Gehälter ihrer Mitarbeiter zu anonymisieren, in Kategorien zu unterteilen und im Intranet hochzuladen - das klingt nicht viel komplizierter als das Erstellen einer Excel-Tabelle.

Wahrscheinlich müssten Unternehmen neue Stellen schon im Vorfeld in Gehaltsstufen einteilen, aber auch das wäre den Aufwand wert. Viele Firmen füllen ganze Aktenschränke mit Abrechnungen von Telefonrechnungen und Konferenzkeksen. Da sollte es möglich sein, auch noch den Wert der Jobprofile im eigenen Laden klar beziffern zu können.

SPD-Arbeitsministerin Andrea Nahles und SPD-Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel täten gut daran, Schwesig zu unterstützen. Denn bei diesem Gesetz geht es um mehr als Frauenförderung. Welche Differenzen es bei Gehältern gibt, das ist für männliche Arbeitnehmer ebenso interessant wie für weibliche.

Vote
Sollten Gehälter transparent sein?

Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) will die Lohnstruktur in deutschen Unternehmen per Gesetz transparent machen. Wie finden Sie diese Idee?


Zur Autorin
Jeannette Corbeau
Annett Meiritz ist Politik-Redakteurin im Parlamentsbüro von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Annett_Meiritz@spiegel.de

Mehr Artikel von Annett Meiritz

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 264 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Falsch
tigga_nb 02.03.2015
Ich halte diesen Vorschlag für falsch. Das hört sich alles erstmal einfach und plausibel an. Die Probleme beginnen aber schon mit der Frage, was vergleichbare Tätigkeiten sind. Für gleiche Jobs sind zumindest bei tarifgebundenen Unternehmen in der Regel die gleichen Entgeldgruppen hinterlegt, hier wird man keine großen Unteschiede finden. Über alles weitere kann man trefflich streiten. In dem Unternehmen, in dem ich arbeite gibt es hierfür einen Ausschuss mit Arbeitgeber und Betriebsrat, der die Eingruppierung nach Jobprofil festlegt. Die Einkommensuterschiede zwischen Einzelnen machen dann persônliche Merkmale wie Anzahl der Überstunden, Leistung etc. aus. Wer hier wirkliche Transparenz will, muss ehrlicherweise auch hierzu Daten veröffentlichen. Wollen wir also wirklich, daß von jedem die individuelle Leistung, die Bereitschaft für Überstunden, jegliche Zusatzqualifikationen, Anzahl der Krankheitstage, etc offengelegt wird? Das alles hat nämlich durchaus einen Einfluss auf die Entlohnung. Der Vorschlag der Offenlegung hat somit durchaus erhebliches Konfliktpotenzial. Nicht jeder durchschnittliche Arbeitnehmer hat die Fähigkeit, seine Mittelmäßigkeit zu akzeptieren und wird sich immer eher am Spitzenmann/-Frau orientieren. Man wird weiterhin finden, daß langjährige MA im Schnitt mehr verdienen als Junge. Das liegt daran, daß man als Vorgesetzter häufig mit kleinen Zuschlägen motivieren will. Das mag ungerecht sein, wird von vielen Mitarbeitern erwartet. Auch das wird dann erschwert. Ich bin gegen diesen Vorschlag. Er bringt wenig Vorteile und birgt erhebliches Potenzial für Unzufriedenheit.
2. Man merkt dass ...
Pinin 02.03.2015
... der Verfasser hier und auch diese Frau Schwesig noch nie in (einem Betrieb) gearbeitet haben: nach Anonymisierung soll hier noch irgend etwas vergleichbar sein? Schon mal gehört dass unterschiedliche Leute auf ähnlichen Arbeitsplätzen unterschiedliche Leistung erbringen?
3. Transparente Gehälter
kudammfischle 02.03.2015
Es gibt keinen guten Grund Gehälter geheim zu halten?? Kann ich mit leben! Nur-- gibt es einen GUTEN Grund sie öffentlich machen zu müssen. Erst Gehälter dann meine Gesinnung, sexuelle Orientierung, CDU- SPD- oä -wähler? Tut mir "leid" ich kann keinen Sinn in solchen Veröffentlichungen erkennen. Passt aber zu unserer Neidgesellschaft - mehr als völlig an der Realität vorbeigehende Gespräche in der Kantine auf dem Flur löst das nicht aus. "Befriedigt" werden dadurch nur Neugier und dadurch ausgelöst Neid. Kein wirklich kein Arbeitnehmer wird jemals wissen, warum der eine seinem Chef mehr wert ist als der andere. Deswegen hat mich das in 42 Berufsjahren auch nie interessiert wieviel Kollegen, Chefs verdienen und von Mitarbeitern wußte ich das sowieso. Kam aber nie einer der danach fragte. Da wird ein mM nach völlig überflüssiges Thema aufgemacht
4. Verdeckter Lohn
hj.binder@t-online.de 02.03.2015
Sicher ist das offizielle Gehalt, also das, was dem Finanzamt als Lohn gemeldet und in die ESt-Rechnung einfließt eine Sache. Die andere ist der verdeckte Lohn: "Dienstfahrzeug" zu Superkonditionen, Diensthandy, div. Kundenkarten mit riesigen Rabatten, Flüge, regelmäßige Arbeitsessen, alles Sachen, die sehr schnell ein regelmässiges zweites Nettogehalt ausmachen können. Während ein Hartz-IV-Empfänger von ein staatlichen Hilfen (399 €) den vollen Preis für ein Brot und für den ÖPNV bezahlen muss, genießen die Doppelbezieher das Privileg für Kfz-Fahrten und opulente Abendessen ebenfalls auf Staatskosten. Die hochsubventionierten Multi-Funktionäre der AG-Verbände sind sich nicht zu schade, arbeitenden Menschen den Hunger(Mindest)Lohn in Frage zu stellen und kassieren "Staatsknete" von denen die Millionen armen Schlucker nur träumen können. Vielleicht muss "Lohn" einfach mal so diskutiert werden.
5. hmm
RainerCologne 02.03.2015
sollten die Gehälter im kleingeisitgen Deutschland veröffentlicht werden brennt die Vorstadt. Ich bin 28, Arbeite in der Eventbranche und verdiene 45.000Euro im Jahr bei 30 Urlaubstagen und 38,5 Stunden. Bildungsstand: abgeschlossene Berufsausbildung, kurz vor Abschluss eines nebenberuflichen Studiums.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Bundestagsradar
Anzeige
  • Alexander Osang (Hrsg.):
    Angela Merkel

    Porträts und Interviews aus dem SPIEGEL.

    SPIEGEL E-Book; 2,99 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.

Interaktive Grafik


SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: