Deutsche Verrohung Was ist nur aus diesem Land geworden?

Deutschland könnte die Flüchtlingskrise bewältigen, ohne seine Zivilisation preiszugeben. Stattdessen liegt eine Wirtshausschlägereistimmung über dem Land. Wenn es so weitergeht, herrscht bald ein Klima der Verrohung wie zuletzt in Weimarer Zeiten.

Ein Kommentar von

Syrerin auf der Flucht, wartend nahe der grenznahen Ortschaft Hanging (Österreich), 3. November 2015
DPA

Syrerin auf der Flucht, wartend nahe der grenznahen Ortschaft Hanging (Österreich), 3. November 2015


Ich habe einige Zeit als Korrespondent in Amerika gelebt. Seit ein paar Wochen bin ich zurück in Deutschland. Seither gehöre auch ich zu den besorgten Bürgern. Meine Angst ist, dass Deutschland verroht.

In Amerika war ich oft entsetzt über die Brutalität einer Gesellschaft, die mit großer Mehrheit die Todesstrafe befürwortet und es Polizisten gestattet, Menschen in den Rumpf zu schießen, von denen keine konkrete Gefahr ausgeht. Ich kann nichts dafür, dass ich Deutscher bin, aber für einige Zeit war ich ganz zufrieden mit diesem Schicksal. Ich war stolz, nicht stolz auf Deutschland, sondern auf dessen Bürger, die es offenbar geschafft hatten, emphatischer und zivilisierter zu sein.

Zur Not "mit Waffengewalt" gegen Flüchtlinge

Nun bin ich in ein anderes Land zurückgekehrt. In ein Land, in dem der AfD-Vorsitzende von Nordrhein-Westfalen erklärt, man müsse die deutsche Grenze zur Not "mit Waffengewalt sichern", was nichts anderes heißt, als dass auf Flüchtlinge geschossen werden darf.

In ein Land, in dem der Journalist Helmut Schümann mitten im ach so bürgerlichen Berlin-Charlottenburg von hinten mit den Worten "Du linke Drecksau" niedergeschlagen wurde, weil er tags zuvor in einer Kolumne die kritische Frage "Ist das noch unser Land?" aufgeworfen hatte.

In ein Land, in dem die Kandidatin für das Amt der Oberbürgermeisterin von Köln mit einem Messer lebensbedrohlich verletzt wurde, weil dem Täter ihre Flüchtlingspolitik nicht passte.

In ein Land, in dem wie am Wochenende in Magdeburg 30 Deutsche syrische Flüchtlinge mit Baseballschlägern jagen und verprügeln.

In ein Land, an dessen Stammtischen, den realen wie den digitalen, Ängste vor Fremden geschürt werden, gegen die selbst Donald Trumps Hetze gegen Einwanderer harmlos wirkt.

Als einen der ersten Leser-Kommentare unter diesem Text erwarte ich diesen: "Dann hau doch wieder ab, du Vaterlandsverräter."

Vergangenen Sonntag wartete eine Gruppe Taxifahrer am militärischen Teil des Flughafens Tegel. Die Verteidigungsministerin war gerade im Regierungsairbus aus Bahrain zurückgekehrt. Die Taxifahrer waren offenbar davon ausgegangen, dass es sich um Angela Merkel handelte. Er hätte mit den Kollegen bereits Pläne geschmiedet, verriet mir einer der Fahrer stolz: Wenn einer von ihnen Frau Merkel als Fahrgast bekommen hätte, hätte er sie zu einem benachbarten Gewässer gefahren, um sie mit Steinen an den Füßen im See zu versenken. Wegen ihrer Flüchtlingspolitik.

Kritik nicht im Gespräch, sondern mit der Faust

Was ist nur aus diesem Land geworden? Rechtfertigt der plötzliche Zustrom Hunderttausender Flüchtlinge etwa, fast alles zu vergessen, was uns einmal wichtig war? Natürlich ist die Flüchtlingskrise eine Herausforderung. Sie zu lösen wird Zeit, Geld und Kraft kosten. Aber Deutschland hat all diese Ressourcen, es könnte die Krise bewältigen, ohne seine Zivilisation preiszugeben. Stattdessen liegt nun eine Wirtshausschlägereistimmung über dem Land. Wenn es so weitergeht, herrscht bald jenes Klima der Verrohung, das es bei uns zuletzt in den Zwanzigerjahren gab, zu Zeiten der Weimarer Republik, jenem rüden deutschen Jahrzehnt, das den Boden bereitete für das brutalste Jahrzehnt der Weltgeschichte.

Auch damals wurden Kritik und Unbehagen nicht im Diskurs vorgebracht, sondern auf der Straße und mit der Faust. Wir wissen heute, dass diese Kultur der Verrohung maßgeblich zum Scheitern der ersten deutschen Demokratie beigetragen hat. Am Ende hatten die Lauten und Brutalen das immer verletzliche Band der Zivilisation durchtrennt. So weit sind wir noch lange nicht. Es ist nicht die Mehrheit, die dieser Tage unsere Zivilisation bedroht, aber es sind schon zu viele. Die Bundesrepublik hat in den Jahrzehnten nach Hitler eine funktionierende Demokratie errichtet, seine Bürger waren zurecht stolz auf die politische Kultur. Aber es sollte sich niemand sicher sein, dass diese Errungenschaft für immer gesichert ist.

Völlig paradox ist übrigens, dass viele der neuen Asozialen tatsächlich die Begriffe "Kulturnation Deutschland" oder das "Land der Dichter und Denker" bemühen, um ihr Handeln zu rechtfertigen. Denn nichts wäre den toten Dichtern und Denkern peinlicher als jene Herrschaften, die heute Ressentiments gegen Ausländer schüren, Schießbefehle ausgeben oder Frau Merkel wahlweise ertränken oder erhängen wollen.

Der große deutsche Dichter und Denker Heinrich Heine etwa schrieb einst in seinem Wintermärchen: "Fatal ist mir um das Lumpenpack, das, um Herzen zu rühren, den Patriotismus trägt zur Schau, mit all seinen Geschwüren."

Zum Autor
Maurice Weiss
Markus Feldenkirchen ist politischer Autor des SPIEGEL in Berlin und leitet das Meinungsressort.

E-Mail: Markus_Feldenkirchen@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 386 Beiträge
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Seite 1
pb-sonntag 03.11.2015
1.
"Klima der Verrohung wie zuletzt in Weimarer Zeiten" - vielleicht ist heute wie damals auch die Politik daran Schuld.
mborevi 03.11.2015
2. In diesem Land ...
... war braune Gesinnung schon immer verbreitet. Jetzt kommt sie durch die Umstände zum Vorschein. Man traut sie sich wieder zu zeigen. Nicht die Flüchtlinge greifen die Kultur Deutschlands an. Es sind vielmehr die rechten Horden und ihre Mitläufer. Die Geschichte wiederholt sich. Jetzt sind es halt nicht mehr die Juden, sondern die Gläubigen des Islam.
ramuz 03.11.2015
3. Falls dies der erste Beitrag ist...
.. dann soll er auch deutlich sein: "Hauen Sie bloss nicht ab!" Tragen Sie dazu bei, dass Pegidioten, Stammtischquartalssäufer, rechte Hetzer und andere Dummköpfe NICHT lautstark ihr vermeindliches "Recht" behalten. Tragen Sie dazu, Internationalität, Denkvermögen, Verstand und Logik dieser Menschen zu bilden und BLEIBEN SIE HIER!
Eduschu 03.11.2015
4.
Sie glauben aus der anekdotischen Aufzählung der Verhaltensweisen einiger böser Menschen auf das ganze Land schließen zu können. Sind Sie ein Rassist? Ich erlebe Deutschland anders als Sie. In meinem Deutschland kommen täglich einige Tausend Menschen an, die von staatlichen und zivilen Helfern versorgt und untergebracht werden. Ist Deutschland deshalb ein Land voll von Altruisten? Nein. Wenn ich jedoch so argumentierte wie Sie, dann schon.
danduin 03.11.2015
5. Damit war zu rechnen, egal in welchem Land
Der plötzliche Ansturm von hunderttausenden von Flüchtlingen in ein Land, ohne Ordnung Einlaß zu gewähren. Dazu noch zu erleben wie andere europäische Länder die Jahre lang mit unserer Unterstützung rechnen konnten, sich nicht Einbinden lassen in die Asylantenaufnahme. Das läßt in jeder Gesellschaft Volksaufläufe und Massenproteste aufkommen. Die Politiker haben den Bürger immer alles abverlangt, auch bzgl. europäischer Solidarität, aber nichts zurück gegeben. Jetzt soll er alle Emigranten der Welt aufnehmen und für Sie sorgen. Das kann keiner Verlangen. Wir brauchen eine europäische Lösung und eine geordnete Aufnahme mit den gleichen Leistungen für jeden Asylanten in allen europäischen Ländern.
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