Söders Aschermittwoch-Premiere Zurück an die Stammtische

Zahm gab sich die CSU zuletzt am politischen Aschermittwoch. Nun weckt Markus Söder Erinnerungen an selige Strauß-Zeiten. Mit Heimattümelei umwirbt er die "Wähler rechts der Mitte".

Aus Passau berichtet


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Zum Einmarsch spielen sie bereits den bayerischen Defiliermarsch für Markus Söder. Dabei ist Söder noch gar nicht Ministerpräsident, dem dieses Musikstück im Freistaat traditionell vorbehalten ist. Aber er soll es bald werden. "Ich komme damit emotional zurecht", sagt Söder grinsend zum protokollarischen Vorgriff.

Mittwoch Vormittag in Passau, die Dreiländerhalle ist ein modernes Gebäude für Veranstaltungen aller Art, das die CSU für ihren politischen Aschermittwoch zum überdimensionalen Stammtisch umdekoriert. Unten stehen lange Reihen von Bierbänken und -tischen - oben auf der Bühne haben sie sogar ein bayerisches Wirtshaus nachgebaut, mit viel Holz und blau-weißen Tischdecken. So traditionell sah es hier länger nicht mehr aus. Das Bier fließt in Strömen, dazu spielt die Passauer Stadtkapelle. Söder trägt Janker, dazu eine grüne Krawatte mit kleinen Hirschen drauf.

Fotostrecke

6  Bilder
Söder und die CSU: Zurück zu den Stammtischen

Mehr Lederhose als Laptop - das soll offenbar die Botschaft in diesem Jahr sein.

Als größten politischen Stammtisch der Welt rühmt die CSU ihren politischen Aschermittwoch ja schon immer, aber in den vergangenen Jahren ging es hier fast ein bisschen zu gesittet zu. Was vor allem an Nochministerpräsident und Parteichef Horst Seehofer lag, der eigentlich immer gefremdelt hat in Passau.

Brüllen und holzen, wie es sich hier gehört, das sind nicht die Disziplinen des Ironie-Großmeisters. Und dann sprach vor einem Jahr auch noch Martin Schulz - auf dem Gipfel seines Höhenflugs - gleichzeitig in Vilshofen bei der SPD. Bis heute hält sich das Gerücht, dass die Zahl seiner Zuhörer im Festzelt die bei der CSU übertraf.

Diesmal ist Seehofer erst gar nicht gekommen: Er hat Grippe. Das wird pflichtschuldigst von allen sehr bedauert - auch von dem Mann, der von ihm in den kommenden Wochen das Amt des Ministerpräsidenten übernehmen soll. Nun spielt Nochfinanzminister Söder, der im vergangenen Jahr gar nicht sprechen durfte in Passau, ganz allein die Hauptrolle. Den Aschermittwoch, das hatten Seehofer und Söder so besprochen, wollten sie diesmal eigentlich gemeinsam begehen - passend zur künftigen Machtteilung zwischen den beiden.

Ein bisschen wie "Die größte Illusionsshow der Welt"

Für die Stimmung im Saal ist es wohl besser so. Söder kann Passau. Er war lange genug Generalsekretär, dazu noch unter Edmund Stoiber, der hier regelmäßig auftrumpfte. Die mehreren Tausend CSU-Anhänger im Saal, teilweise aus dem ganzen Land angereist, sind an diesem Mittwoch jedenfalls begeistert von ihrem künftigen Regierungschef.

Dabei tritt er gar nicht so laut und so derb auf wie einst Franz Josef Strauß, der den Ruhm der Veranstaltung begründete. Söder will ja auch nicht retro sein, wie er sagt - er steht sozusagen für die 2018er Variante der Lederhose.

"Der Sozi ist an sich nicht dumm"

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil

Die Zeiten haben sich ja auch geändert, seit sich Strauß erst in Vilshofen, später dann in der Passauer Nibelungenhalle die politischen Gegner und dazu gleich einen großen Teil der Republik vorknöpfte. Da waberte noch Zigarrenrauch, die Luft war von Bierdunst erfüllt. Was die CSU heutzutage in der Dreiländerhalle veranstaltet, ist eher ein bisschen wie "Die größte Illusionsshow der Welt" des hier demnächst gastierenden Magiers Hans Klok, für die auf dem Weg zu den Toiletten auf Plakaten geworben wird.

Söder kann keine Zaubertricks - aber er beherrscht eine sehr emotionale Ansprache, was in der Politik ebenfalls Illusionen schaffen kann. Einen großen Teil seiner knapp 80-minütigen Rede spricht er über Themen wie Recht, Werte, Heimat. Denn, davon ist Söder überzeugt: "Die Union darf sich nicht nur in der Mitte drängeln." Es sei ein Fehler gewesen - und das ist wohl vor allem an die CDU und deren Chefin Angela Merkel gerichtet - , "die Wähler rechts der Mitte anderen zu überlassen".

"Wir dürfen die eigene Bevölkerung nicht mehr vergessen"

Natürlich geht es hier vor allem um die anstehende Landtagswahl in Bayern, bei der die CSU ihre absolute Mehrheit verteidigen will, von der sie in den Umfragen derzeit weit entfernt ist. Im Bund - von Söder auch gerne Berlin genannt - geht ja sowieso alles drunter und drüber, seine Partei sei dort die einzige wirklich regierungswillige, nun müsse man aber leider ja noch den Mitgliederentscheid der SPD abwarten. Die Genossen kriegen jede Menge verbale Haue von Söder, wie es sich in Passau gehört, genauso FDP und Grüne.

Aber zurück nach Bayern. Söders Rechnung geht ungefähr so: Wenn die CSU wieder die "Lufthoheit über den Stammtischen" erringt, dann kann ihr auch keiner was bei der Wahl im Spätsommer. Nein, "das ist kein Rechtsruck", sagt er. Eher ein Rückbesinnen auf die Frage, was die Partei sein will.

Beispiel Flüchtlingspolitik: Natürlich sei er stolz darauf, was Bayern an Aufnahme und Integration geschafft habe. Aber es könne doch nicht sein, dass die jährlichen Ausgaben des Landes dafür die Etats mehrerer Landesministerien übersteigen. "Wir dürfen die eigene Bevölkerung nicht mehr vergessen", sagt Söder unter großem Jubel. "Wir sind das einzige Land der Welt, in das man ohne Pass hinein-, aber nicht mehr hinauskommt" - noch so ein Satz, der gut ankommt. Den meisten Beifall allerdings bekommt er für seinen Appell, endlich besser und effektiver abzuschieben.

Söder will die Wähler von der AfD zurückholen. Aber ob das so einfach funktioniert? Bisher jedenfalls hat sich der harte Kurs in der Flüchtlingskrise nicht ausgezahlt.

Aber es geht ja noch weiter. Stichwort Heimat - der Islam oder gar die Scharia gehörten nicht zu Deutschland, diese hätten kulturgeschichtlich nichts mit Bayern zu tun, sagt Söder. Er plant nun sogar, die christliche Prägung Bayerns in der Landesverfassung zu verankern und in allen staatlichen Gebäuden Kreuze aufzuhängen. Für Ersteres bräuchte es laut Verfassung ein Plebiszit, Letzteres ist rechtlich schwierig.

Egal. Heimat sei "das wichtigste emotionale Gefühl unserer Bürger", glaubt Söder - da will er ran. Zurück zu den Stammtischen - das ist Populismus à la CSU. In der Dreiländerhalle kommt das bestens an, sie feiern Söder nach seiner Rede minutenlang.

Und draußen im Land? Das ist fürs Erste egal. Die CSU ist wieder bei sich - damit hat Söder schon mal einiges geschafft.



Sie wollen die Sonntagsfrage für den Bund beantworten? Stimmen Sie hier ab:



Zusammengefasst: Markus Söder feiert als designierter Ministerpräsident Premiere beim politischen Aschermittwoch der CSU in Passau. In seiner Rede attackiert er den politischen Gegner scharf, setzt auf Härte in der Flüchtlingspolitik und beschwört die Bedeutung von Heimat als "wichtigstem emotionalen Gefühl unserer Bürger". So will Söder auch Wähler zurückgewinnen, die die Union an die AfD verloren hat. Die CSU-Anhänger sind von seinem Auftritt begeistert.



insgesamt 41 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
general_0815 14.02.2018
1. Oh je....
erst treiben sie die Wähler in diese Richtung, da sie alle diesbezüglichen Entscheidungen unterstützt haben. Die Idee mit der Verfassungsklage wurde nicht umgesetzt. Jetzt wollen sie die Wähler zurück gewinnen? Wie denn? Doch nicht nur mit einer "schwammigen" Obergrenze. Typisch CSU, viel kläffen, aber ohne Substanz.
tulius-rex 14.02.2018
2. die zwiegespaltenen Hetzer von der Isar
In fast allen Bundesregierungen hocken, die Landesregierung seit gefühlt 60 Jahren bestimmen aber für mickrige Mindestlöhne, überhöhte Mieten, Umweltvergiftung, Dieselskandal, Wasservergiftung, Atommüll, Raserei auf den Straßen. etc. nicht verantwortlich sein, dafür auf der SPD herumhacken. Wie einfältig muss ein Mensch sein, diesen Maßkrugstemmern irgend etwas zu glauben. Die eigene Tasche füllen, die eigene Regierung in Berlin mit friendly fire unter Dauerbeschuss nehmen und sich jeden Tag selbst loben. Peinlicher geht es nicht. Das haben alle rechtschaffenden Bayern nicht verdient.
scratchpatch 14.02.2018
3. Da geht was nicht zusammen
Das war ja klar, dass Söder kein feinfühliger Politiker ist, sondern versuchen wird, stark und dominant aufzutreten. Im Nachbarland hat es ja auch geklappt, dass Kurz der FPÖ Stimmen geklaut hat, indem er einige ihrer Themen übernommen hat. Nur ist Söder kein Kurz, keine PR-Rakete mit freundlichem Gesicht, der Parteitraditionen wegwirft und alles auf seine Person abstellt, weil er mit seinem Charme einen Wahlkampf gewinnen kann (zumindest ein Mal, beim zweiten Mal wird dann vielleicht doch nach Leistungen gefragt). Ein paar populistische Losungen werden nicht ausreichen, dann wählen die Leute doch lieber das Original. Daher ist in meinen Augen die Gefahr groß, dass Söder versucht, in die CDU hineinzuwirken, dass der Anreiz, ihn zu wählen, darin bestehen soll, dass er dafür sorgen will, wieder angeblich konservative Werte wie Heimat, Familie, christliche Prägung in Deutschland durchzusetzen und zwar gegen Merkel. Wie die beiden zusammen in einer Union agieren sollen, wie lange das noch gut geht, ist die Frage. Schon Seehofer hatte ja gerne Orban eingeladen. Das verträgt sich nicht mit den liberalen Wählern, die Merkel gewonnen hat. Nicht nur die SPD ist eine Volkspartei, die zu zerbrechen droht.
mucki007 14.02.2018
4. Wieso Illusion
Auch wenn sich hier mal wieder über die CSU lustig gemacht wird und sogar Populismus vorgeworfen wird, steht Bayern trotzdem auf Platz 1. Die Genossen reden nur, was besser gemacht werden könnte und blamieren sich mit Projekten wie Berliner Flughafen, usw. In Bayern klappt merkwürdiger Weise alles schon lange. Die Integration von Flüchtlingen und deren Kinder (da gibt es extra Schulklassen), das Bildungsystem steht gut da, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, alle High-Tech Firmen sind in Bayern, usw. Also irgendwas müssen die wohl richtig gemacht haben.
Papazaca 14.02.2018
5. Eine rechte CSU ist besser als eine rechtsradikale AfD
Merkels Flüchtlingspolitik hat das gesamte Parteiensystem destabilisiert. War das gut? Wer was für Höcke über- hat, nickt sicher. Mir war das alte Parteiensystem lieber, eine SPD mit 2% mehr als die AfD finde traurig. Und die CDU bröckelt auch. Mir ist es lieber, wenn die traditionellen Parteien ihren traditionellen Markenkern besetzen. Die Menschen brauchen mehr denn je Orientierung, demokratische Orientierung. Und da ist mir eine rechte CSU lieber als eine zum Teil rechtsradikale Afd, die die 20% anvisiert. Und das sage ich als jemand, der für rechte Parteien nicht all zu viel Sympathien hat.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.