Markus Söder Fast am Ziel

Markus Söder wird Horst Seehofer als bayerischer Ministerpräsident beerben. Nach seinem Sieg im Machtkampf muss er als Regierungschef beweisen, dass er die CSU im Freistaat wieder stark wie früher machen kann.

Markus Söder
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Markus Söder


"Gestern war gut", sagt Markus Söder. "Mal sehen was heute bringt. In einem Tag kann in der CSU viel passieren." Söder wartet auf den Aufzug zum Fraktionssaal der CSU. Er steht so breitbeinig da wie Cristiano Ronaldo vor einem Freistoß. Er ist ziemlich sicher, dass heute auch wieder gut für ihn verlaufen wird.

Ein paar Stunden und eine Fraktionssitzung später ist klar: Söder ist fast da, wo er immer hinwollte, nämlich ganz oben. In der CSU ist das das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten. Im "ersten Quartal" will Horst Seehofer die Regierungsgeschäfte übergeben. Die Fraktion hat Söder einstimmig als Nachfolger nominiert.

Söder ist der Beleg für die alte Politikerregel, dass man ein Spitzenamt wirklich wollen muss, um es zu bekommen. Es ist nicht so, dass der Finanzminister der beliebteste Politiker der CSU wäre. Innenminister Joachim Herrmann, Wirtschaftsministerin Ilse Aigner oder der Europapolitiker Manfred Weber können da durchaus mithalten. Aber niemand wollte so unbedingt Ministerpräsident werden wie Söder.

Seit Jahren arbeitet er auf nichts anders hin. Er hat noch den letzten Ortsverein besucht, die langweiligste Talkshow mit seiner Anwesenheit beehrt, den albernsten Facebookeintrag ("Spargel wächst sehr gut in Franken.") in die Welt gesendet, nur um der bayerischen Staatskanzlei näher zu kommen. In Zeiten, in denen für Politiker angeblich das Wohl des Landes alles und das eigene gar nichts gilt, ist Söder ein Solitär. Er hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass ihm sein Wohlergehen sehr am Herzen liegt.

Verspottet als "Fallbeilchen"

Wenn man Söder bei Auftritten sieht, dann wirkt er immer ein wenig wie aus der Zeit gefallen. Seine deftige Rhetorik, die Grundaggressivität, die er mit seinen fast zwei Metern ausstrahlt, bilden einen erfrischend deutlichen Gegensatz zur Politik der Kanzlerin, deren oberstes Ziel es ist, niemanden zu verschrecken. Söder erinnert eher an Angela Merkels Vorgänger Gerhard Schröder, der aus seinem Machtwillen auch nie einen Hehl machte und an der Absperrung des Kanzleramts ruckelnd rief: "Ich will hier rein."

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Markus Söder: Der Seehofer-Shrek

Söder hat einen klassischen Politikeraufstieg hinter sich: Mit 27 Jahren wurde er Landtagsabgeordneter, mit 36 Jahren Generalsekretär unter Edmund Stoiber, mit 40 Minister. Weil er seinem Vorbild Stoiber nacheiferte, der in der Partei den Ehrentitel "Das blonde Fallbeil" trug, wurde er spöttisch "das Fallbeilchen" genannt. Es hat ihm nicht geschadet.

Söder hat stets dafür gesorgt, dass inhaltliche Überzeugungen seinen Karriereplänen nicht im Wege standen. Positiv ausgedrückt könnte man sagen, er ist kein Ideologe. Wenn die Umstände es erfordern - und die öffentliche Meinung ist für Söder stets ein besonderer Umstand - dann zeigt er eine beachtliche Flexibilität. Nach dem Reaktorunglück von Fukushima etwa erklärte der überzeugte Atomkraftbefürworter Söder plötzlich, er sei nie "Kernkraftfetischist" gewesen. Damit steht Söder in einer Traditionslinie mit großen CSU-Politikern wie Franz Josef Strauß, Stoiber oder Seehofer. Inhaltliche Beweglichkeit galt in der Partei seit jeher als Ausweis von Führungsqualität.

Seit ein paar Jahren haben die Umstände dafür gesorgt, dass Söder hauptamtlich für das Konservative in der CSU zuständig ist. Er legte den Griechen während der Eurokrise den Austritt aus der gemeinsamen Währung nahe ("Irgendwann muss jeder bei Mama ausziehen, und bei den Griechen ist es jetzt so weit."). Er trieb während der Flüchtlingskrise Horst Seehofer mit rechten Äußerungen vor sich her, sodass dieser den richtigen Zeitpunkt verpasste, sich wieder mit Angela Merkel zu versöhnen. In den Talkshows war das ein bewährtes Mittel, den politischen Gegner auf die Palme zu bringen. Wenn sich dann wieder ein Sozialdemokrat oder ein Grüner über ihn empörte, dann hatte Söder sein Ziel erreicht.

Viele in der Partei haben ihm seine Angriffe auf Seehofer übelgenommen. Es spricht für Söders Härte und Cleverness, dass er sich gegen den Parteichef durchgesetzt hat, obwohl dieser geschworen hatte, ihn als Nachfolger zu verhindern. Allerdings ist ein Sieg in einem innerparteilichen Machtkampf etwas anders als ein Erfolg bei Wahlen. Ob Söder den auch kann, muss sich zeigen.

Es gibt nicht wenige in der CSU, die fürchten, dass Söders bullige, unsubtile Art vor allem Frauen und ein großstädtisches Publikum abschreckt und den politischen Gegner erst recht mobilisiert. Es hätte Alternativen gegeben. Mit Ilse Aigner wäre die CSU weiblicher, liberaler und verbindlicher geworden. Das wollte eine Mehrheit in Parteiführung und Fraktion nicht.

Die CSU geht nun einen anderen Weg. Söder hat wie kein anderer darauf bestanden, dass das Strauß'sche Diktum weiter gilt, wonach es rechts von der Union keine demokratisch legitimierte Kraft mehr geben dürfte. Er ist die Verkörperung des Glaubens, dass die alten Rezepte noch funktionieren. Er muss jetzt beweisen, dass man mit Polarisierung, konservativen Sprüchen und kernigem Auftreten die Rechtspopulisten zurückdrängen kann. Wenn das nicht gelingt, ist Söder der Ministerpräsident, mit dem der Abstieg der CSU begann. Es kann auch ein Fluch sein, sein Ziel endlich erreicht zu haben.

Im Video: Seehofer-Rückzug



insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
phe70 05.12.2017
1.
Allein die Tatsache, das das ganze Theater mitten in der Regierungsbildung erfolgen muß zeigt doch, welche Prioritäten diese Politiker-Typen haben ;)
Zaunsfeld 05.12.2017
2.
Zitat von phe70Allein die Tatsache, das das ganze Theater mitten in der Regierungsbildung erfolgen muß zeigt doch, welche Prioritäten diese Politiker-Typen haben ;)
Naja, Söder war bei der ganzen Regierungsbildung gar nicht beteiligt. Der bayerische Ministerpräsident ist auch nicht Teil der Bundesregierung. Und es steht ja nirgendwo geschrieben, dass das ganze Land still stehen muss, nur weil in Berlin eine mehrmonatige Regierungsbildung stattfindet ... so sie denn stattfindet.
williwupp 05.12.2017
3. Hinterhältig
ist das wohl von Seehofer. Denn es ist davon auszugehen, das bei der Landtagswahl 2018 die absolute Mehrheit verlorengeht. Und die CSU akzeptiert alles, nur nicht den Verlust der abs. Mehrheit in Bayern und dann wird Söder der am kürzesten regierende MP in Bayern sein. Willi
Schlumperli 05.12.2017
4.
Söder wird die AfD nur dann zurückdrängen können, wenn er sich bei Merkel durchsetzt, besonders bei der Grenzsicherung und Flüchtlingspolitik. Seehofer hat das nicht geschafft. Im Gegenteil: Nach der BT-Wahl hat er verkündet "Wir haben verstanden" und hat sich dann an Sondierungsgesprächen mit den Grünen beteiligt. Was zeigt: Seehofer hat null verstanden. Mal sehen, ob Söder begreift, was bisherige CSU-Wähler zur AfD treibt.
diorder 05.12.2017
5. Wofür steht Söder ?
Nur für sich selbst ? Auch, aber vor allem für das Programm: Die AfD rechts zu überholen. Das wird angesichts des Rechtsrucks in der AfD ja schwierig. Die AfD hat recht : Wir müssen nur weiter provozieren und abwarten wie die Mini-GroKo ( 53%) sich und Deutschland weiter spaltet, dann fällt uns die Teilhabe an Macht von alleine zu. Warum soll man noch CDU/CSU wählen, wenn die schrittweise die Positionen der AfD übernehmen? Bei einer Minderheitsregierung müßten die Aggeordneteten der AfD endlich Farbe bekennen.
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