100 Tage Söder Ein Mann macht sich zum Horst

Kreuze in Behörden, Bayern im Weltall, die Kanzlerin unter Dauerfeuer: Die bayerische Regierung legte einen breitbeinigen Start hin. Chef Söder eifert in Lautstärke und Vehemenz Vorgänger Seehofer nach. Und will doch ganz anders sein.

Markus Söder
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Markus Söder

Von , München


100 Tage Schonfrist gewähren Journalisten in der Regel neu gewählten Amtsinhabern, um deren Einstand zu beurteilen. Die Debütanten sollen sich in die Abläufe einarbeiten dürfen. Man braucht zudem ausreichend Stoff, über den man schreiben kann, besonders in der Landespolitik, wo eigentlich nicht viel passiert.

In Bayern ist genügend Stoff da: Wohl selten dürfte eine Landesregierung (das ist sie auch im Freistaat immer noch) lauter ins Amt gepoltert sein als die dort seit Kurzem amtierende unter Ministerpräsident Markus Söder. Einer selbstbewussten Regierungserklärung ("Bayerische Kavallerie", Raumfahrtprogramm "Bavaria One", eigene Grenzpolizei) folgte die Debatte um das Kreuz in den Behörden. Die ging nahtlos in den Showdown mit der CDU in Berlin über, der zu wesentlichen Teilen in München spielt.

Und Söder wäre nicht Söder, würde er das Urteil den Journalisten überlassen. Bei einem Pressetermin zog der Regierungschef am Freitag selbst eine Zwischenbilanz. Tenor: Nicht weniger als ein "Gegenmodell zu Berlin" sei seine Regierung, man habe ein "klares Profil" und sei sich intern "so einig wie seit Jahren nicht mehr". Weiterhin: "Mir gegenüber hat keiner Richtlinienkompetenz."

Am 16. März 2018 hatte Söder seinen Amtseid im bayerischen Landtag abgelegt, an diesem Sonntag sind seine ersten 100 Tage voll. Zugleich naht die Halbzeit zwischen Amtsantritt und der Landtagswahl am 14. Oktober. Falls es jemand noch nicht gemerkt hat: Die CSU kämpft an diesem Tag um ihre bislang unbestrittene Vormacht in Bayern.

Durch Horst Seehofers verspäteten Rückzug aus dem Amt des Ministerpräsidenten blieb seinem Nachfolger bislang nicht viel Zeit, um sich zu präsentieren. Dafür hatte der Kronprinz einige Zeit, sein Programm zusammenzustellen. Die Folge: Wenn die Politik der ruhigen Hand eine Variante des Regierens ist, dann verfolgt Söder bislang eher die entgegengesetzte, man könnte es die Politik des bewegten Fußes nennen.

Video: Sechs Lektionen für den politischen Erfolg

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Der 51-jährige Ministerpräsident belegt in seiner eigenen Zwischenbilanz, wie rastlos er bislang agiert hat: 40.000 Kilometer habe er seit Amtsantritt schon in seinem Bundesland zurückgelegt, 300 Termine wahrgenommen, bei 40 Großveranstaltungen gesprochen. Von den hundert versprochenen Einzelmaßnahmen seien bereits 62 auf dem Weg.

Von sich selbst und seinen Mitstreitern verlange er einen "starken physischen Einsatz", die Regierung solle sich nicht in München verbarrikadieren, sondern "hinaus zu den Bürgern" gehen. Und wie häufig hat Söder einen Fußballvergleich parat: "Wer sich nicht bewegt, kann nicht erfolgreich sein" - eine Performance wie die der deutschen Nationalmannschaft im ersten WM-Spiel soll Söder nicht passieren.

Inzwischen liegt auch die Strategie der CSU offen da, mit der sie die absolute Mehrheit verteidigen will: Die Option, das Thema Asyl klein zu fahren und auf eigene Erfolge zu verweisen, haben die CSU-Strategen einstweilen zurückgestellt.

Sie glauben erkannt zu haben, dass sie mit einer Wohlfühl-Bilanz beim Wähler derzeit nicht durchdringen. Dabei belegt das Bundesland in allen Rankings Spitzenplätze, von der Wirtschaftskraft über die Sicherheit bis zu den Schulvergleichen. Söder selbst war als Fachminister in mehreren Ressorts erfolgreich.

"Show und Größenwahn"

Auch von der Opposition hat Söder wenig zu befürchten: Die SPD ist in Bayern schwach, die Grünen erstarken, aber auf niedrigem Niveau. Den Freien Wählern - sie attestieren Söder "Show und Größenwahn" - nimmt die CSU ihre Themen weg. Die FDP wird um den Wiedereinzug in den Landtag kämpfen müssen, sie hofft vor allem auf von der CSU genervte bürgerliche Wähler.

Angst macht der CSU ein bislang weitgehend unsichtbarer Gegner, auf den sie mit emotionalen Themen reagiert: die AfD. Der Albtraum der Christsozialen ist der eigene Stammwähler, der heimlich das Kreuz bei der AfD macht. Ihn will Söder zurückgewinnen, indem er etwa grassierenden "Asyltourismus" in Europa kritisiert.

Nach Söders Analyse wird die Wahl in der kurzen Phase unmittelbar vor dem Urnengang entschieden. Dass die Partei in den Tagen so abschmiert wie vor der Bundestagswahl im vergangenen Jahr, soll den Christsozialen nicht noch einmal passieren.

Daher werden Söder und sein Team durchziehen bis zum Herbst mit Terminen und Initiativen. Eine Sommerpause wird es nicht geben, so kündigt er es an. Söder hat sogar eigens zwei außerordentliche Plenartage im September ansetzen lassen, um versprochene Gesetze verabschieden zu lassen. Teure Wohltaten wie das bayerische Familiengeld werden noch vor der Wahl ausgezahlt.

Die CSU hat schon viel Pulver verschossen

In der Asylpolitik wird die CSU nach den Zurückweisungen an der Grenze auf mehr Sachleistungen drängen, ein ebenfalls konfliktreiches Thema. Und sonst?

Entgegen der eigenen Analyse vom Zeitpunkt der Wahlentscheidung hat die CSU schon viel Pulver verschossen. Rhetorisch setzen Christsoziale beinahe täglich auf schweres Geschütz, es drohen Ermüdungserscheinungen.

Geht es im Tempo der ersten 100 Tage weiter, dann müssten in der nächsten Stufe wohl bayerische Marines kommen, die den Inn schwimmend kontrollieren, eine bayerische Interkontinentalrakete oder ein bedingungsloses bayerisches Grundeinkommen für alle Einheimischen.

Söder wird jedenfalls nicht ruhen.



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insgesamt 102 Beiträge
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Seite 1
BettyB. 22.06.2018
1. Interessant
Scheinbar geht es um die kommende Wahl in Bayern, vor der sowohl Seehofer als auch Söder Angst haben, die sie gerade durch Großmannsgehabe überspielen wollen, eigentlich befürchten beide aber hauptsächlich, lebenslang nicht an ihre Vorgänger Strauß und Stäuber als ehemalige gescheiterte CSU-Kanzlerkandidaten heranzukommen, ja sie auch nie tatsächlich mit dem ersehnten Titel zu übertreffen. Was ihnen bleibt, wäre wenigstens die Ankündigung der Ausdehnung der CSU in die anderen Bundesländer noch vor der bayrischen Wahl. Wetten möge, wer immer will...
geboren1969 22.06.2018
2. Wohnungsnot in Bayern.
Herr MP Söder hat als " erfolgreicher" Finanzminister von Bayern tausende staatseigene Wohnungen in bayerischen Großstädten an Immobilienhaie verscherbelt und tingelt jetzt durchs Land und erzählt überall wir brauchen wieder mehr bezahlbare Wohnungen. Das sagt alles über den Politikstil von Söder und der CSU.
keine-#-ahnung 22.06.2018
3. Ein angenehm unaufgeregter Beitrag ...
... über einen Politiker, der durchaus polarisieren kann. Bayern ist ein recht erfolgreiches Land, da stehen der Regierung ausreichende Mittel zur politischen Gestaltung zur Verfügung. Man muss ihn nicht unbedingt mögen, aber er wird sein Ding zum Wohl der Mehrheit der Bajuwaren sicher machen.
womo88 22.06.2018
4. Söders klare Handschrift!
Söder, wie er leibt und lebt. Er war nie anders. Brachial und machtbewußt. Ist Merkel anders? Sie ist nicht anders, sie macht es nur geschickter. Auch wenn ich nicht CSU wähle, wünsche ich ihm als Machtmenschen (die ich nicht mag) alles Gute. Merkel muss weg!
syssifus 22.06.2018
5. The same procedure as every day
Täglich wird jetzt auf die CSU, statt auf die AfD eingedroschen.Seehofer und Söder,werden als Galionsfiguren besonders oft auf den medialen Prügelbock geschnallt.Egal ob TV oder Presse,die Macher von dem gesendeten Schnulli sind sich einig,dass diie Menschen mehrheitlich hinter Merkel und ihren Getreuen stehen.Leider kann ich das bei meinen Mitmenschen nicht feststellen,eventuell leben die "Meinungsforscher" ja in einem Paralleluniversum.Merkels Rundreise ( sicher mit dem Scheckbuch winkend),wird als Alibiveranstaltung nicht's bringen.
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