Markus Söder über Heimat und Integration "Glockenläuten, Bratwurst, Lebkuchen"

"Wer sich integrieren will, der hat alle Chancen bei uns": CSU-Minister Markus Söder spricht über seinen Begriff von Heimat - und erklärt, welche Art von Zuwanderung er für wünschenswert hält.

CSU-Politiker Söder
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Ein Interview von und


Wo steht Deutschland: bei der Integration von Flüchtlingen, dem Umweltschutz, der sozialen Gerechtigkeit? Wir wollen es herausfinden - und berichten in sieben Themenwochen über Deutschland im Wahljahr 2017.
Einen Überblick finden Sie hier.

Markus Söder residiert in Nürnberg wie ein bayerischer Vizekönig. Seit drei Jahren ist die fränkische Stadt quasi Regierungsstandort, der Finanzminister Söder hat sich in seiner Heimatstadt einen zusätzlichen Dienstsitz eingerichtet: In direkter Nachbarschaft zur mächtigen Lorenzkirche arbeitet er ein paar Mal pro Woche im neuen Heimatministerium.

Hier wartet er auf die Macht im ganzen Freistaat. Auf den Tag, an dem Horst Seehofer die Staatskanzlei in München räumt und Söder übernehmen kann.

Wenn nichts dazwischenkommt.

Heimatminister - das hatte es zuvor in Deutschland nicht gegeben. Der frühere Polarisierer und Lautsprecher Söder inszeniert sich in der neuen Rolle als gottesfürchtig und konservativ. Im Untergeschoss des Nürnberger Ministeriums hat er einen Gebetsraum einrichten lassen.

Er war in der Flüchtlingskrise einer der schärfsten Kritiker der Kanzlerin und übertrumpfte in dieser Frage sogar noch Seehofer. Zugleich preist er Bayern für seine Liberalität, zeigt sich als Vertreter einer Großstadt und verteilt im ganzen Land Fördergelder für den Breitbandausbau.

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht Markus Söder über Flüchtlingskrise, Zuwanderung - und die integrationspolitischen Lehren, die man aus der Science-Fiction-Serie "Star Trek" ziehen kann.

SPIEGEL ONLINE: Herr Söder, Sie sind Deutschlands erster Heimatminister. Was ist Heimat?

Söder: Heimat ist mein Anker. Sie ist der Ort, an dem man sich wohlfühlt und zu dem man immer wieder zurückkehrt. Vertraute Umgebung, vertraute Geräusche, vertrauter Duft, all das.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das für Sie persönlich?

Söder: Glockenläuten, Bratwurst, Lebkuchen. Ich bin Nürnberger. Da gehöre ich hin, und da bleibe ich auch.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt - mit Verlaub - ein bisschen spießig.

Söder: Als junger Mensch hat man die Sehnsucht, seine Heimat zu verlassen. Raus aus dem Nest, die Welt sehen! Wird man älter, zieht es einen wieder zurück zu den eigenen Wurzeln. So wie die Meeresschildkröten immer wieder über Tausende Kilometer an ihren Geburtsstrand zurückkehren. Auch wir Menschen wollen uns ein Zuhause erhalten, unsere Heimat.

Zur Person
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    Markus Söder, geboren 1967 in Nürnberg, ist seit 2011 bayerischer Finanzminister und seit 2013 auch für "Landesentwicklung und Heimat" zuständig. Der CSU-Politiker machte sich als polarisierender Generalsekretär unter Edmund Stoiber einen Namen und gilt als Kronprinz von CSU-Chef und Ministerpräsident Horst Seehofer.

SPIEGEL ONLINE: Können Zuwanderer mitmachen bei dieser Heimat?

Söder: Jeder kann mitmachen.

SPIEGEL ONLINE: Jeder darf kommen?

Söder: Jeder, der einen rechtlichen Anspruch hat, in Deutschland zu sein und seinen Beitrag erbringen will für die Gesellschaft. Wer sich integrieren will, der hat alle Chancen bei uns. Bayern ist ein Land mit hoher Zuwanderung, aber auch mit klarem Integrationsanspruch. Viele, die hier sind, wollen gerne Bayern werden. Wir tun uns in Bayern leichter mit der Integration, weil wir gelebte Traditionen, klare Regeln und viele Arbeitsplätze haben. Arbeit ist der schnellste Weg zur Integration. Wer dagegen keine Arbeit findet, der wird mit der neuen Heimat eher fremdeln.

Markus Söder vor der Nürnberger Burg
DPA

Markus Söder vor der Nürnberger Burg

SPIEGEL ONLINE: Gibt es kulturelle Hindernisse für die Integration?

Söder: Klar. Deshalb gilt: Wer sich zu uns auf den Weg macht, der muss das in doppelter Hinsicht tun - geografisch und geistig-kulturell. Das eigene Land im fremden Land neu zu gründen, sowas geht nicht. Das haben deutsche Auswanderer auch nie gemacht. Diejenigen, die neu zu uns kommen, sollen sich unseren Werte, Sitten und Bräuchen anpassen.

SPIEGEL ONLINE: Deutsche Auswanderer haben in Amerika ihre Siedlungen nach deutschen Städten benannt.

Söder: Wir wollen keine Assimilation, sondern Integration. Natürlich darf jeder seine eigenen kulturellen Wurzeln behalten. Keiner wird verpflichtet, Lederhosen zu tragen oder zu jodeln. Unser Motto lautet: Leben und leben lassen. Und schauen Sie mal, wie gut wir Bayern die Flüchtlingskrise gemanagt haben. Das Land Berlin hatte ja schon Probleme mit den wenigen, die ihm zugewiesen wurden. Bei uns kamen nahezu alle Flüchtlinge an und wurden sofort medizinisch versorgt, bekamen Essen, und keiner musste draußen schlafen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das CSU-regierte Bayern das Musterland des Wir-schaffen-das?

Söder: Wir sind pragmatisch und lösen Probleme - aber naiv sind wir nicht. Wir haben die logistische Herausforderung angepackt, und gleichzeitig gewarnt, dass es nicht ewig so weitergehen kann. Nach den Terroranschlägen in Paris im November 2015 habe ich getwittert, dass unkontrollierte Zuwanderung unkontrollierte Gefahren bergen kann. Da war die Aufregung groß …...

SPIEGEL ONLINE: … ... weil Sie Terror und Zuwanderung in Verbindung gebracht haben, obwohl ja viele Flüchtlinge genau vor solchem Terror auf der Flucht sind. Das klang nach Generalverdacht.

Söder: Sorry, aber die letzten Monate haben doch bestätigt, dass mit einer unkontrollierten Zuwanderung auch Gefahren verbunden sind. Bis heute wissen wir nicht genau, wer im Land ist. Klar ist: Das Jahr 2015 darf sich nicht wiederholen. Hilfe für andere ist ein hohes Gut, aber Stabilität und Sicherheit für die einheimische Bevölkerung sind genauso wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Machen Zuwanderer Deutschland besser?

Söder: Kommt drauf an. Wer uns als Fachkraft, Handwerker, Künstler, Fußballspieler hier bereichert, der stärkt unsere Gesellschaft. Hinzu kommt dann Zuwanderung aus humanitären Gründen, etwa Kriegsflüchtlinge und politische Verfolgte. Aber bei jeder Zuwanderung ist am Ende entscheidend, wie viele Menschen neu nach Deutschland kommen. Jede Gesellschaft kann nur eine bestimmte Anzahl von Zuwanderern integrieren. Deshalb braucht es eine Obergrenze. Sind wir ehrlich: Es ist noch längst nicht entschieden, ob aus der gegenwärtigen Zuwanderung gelungene Integration werden wird.

SPIEGEL ONLINE: Worauf führen sie den Aufstieg der Rechtspopulisten in Deutschland zurück?

Söder: Die AfD ist eine Art Fieberthermometer und ein Weckruf für die etablierte Politik. Niemand in Deutschland wählt aus Überzeugung Petry oder Höcke. Potenzielle AfD-Wähler wollen der Politik vor allem zeigen, dass sich etwas ändern muss. Wir als CSU haben von Anfang an auf Grenzkontrollen, eine Begrenzung der Zuwanderung und verstärkte Abschiebungen gesetzt. Nach und nach konnte dies alles in Gesetzen erreicht werden. Leider hat die SPD zu lange blockiert und deswegen gerade in ihren Hochburgen wie Dortmund, Gelsenkirchen oder Wuppertal viele Stammwähler enttäuscht.

SPIEGEL ONLINE: Der öffentliche Diskurs hat sich nach rechts verschoben.

Söder: Nicht nach rechts, sondern zur Vernunft hin. Wir haben immer noch die Chance, die AfD bei der Bundestagswahl unter die Fünf-Prozent-Marke zu drücken. Viele der Ängste sind aufgegriffen und politisch abgearbeitet worden. Aus Fehlern ist gelernt und dem Kontrollverlust des Staates entgegengewirkt worden.

SPIEGEL ONLINE: Im Wahlprogramm der Unionsparteien steht der Satz: "Wir haben gelernt." Dieses "Wir" meint dann aber eigentlich nur die Kanzlerin, richtig?

Söder: Wir heißt wir.

SPIEGEL ONLINE: Der Westen hat über Jahrzehnte von der Globalisierung profitiert, ärmere Staaten und deren Bevölkerung haben gelitten. Sind die Flüchtlingsbewegungen jetzt nicht auch eine Konsequenz, mit der wir uns arrangieren müssen?

Söder: Als Christ habe ich großes Verständnis für den idealistischen Anspruch, den Wohlstand in dieser Welt gerechter zu verteilen. Aber wir müssen realistisch bleiben, was möglich ist und was nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was tun?

Söder: Fluchtursachen bekämpfen, Außengrenzen sichern und berechtigten Zuwanderern ein Integrationsangebot machen. Dieser Dreiklang ist viel besser, als einfach unsere Grenzen zu öffnen. Multikulti funktioniert nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie die Fluchtursachen bekämpfen, wenn Sie die globale Gerechtigkeitsfrage nicht stellen?

Söder: Wir haben einen Marshall-Plan für Afrika vorgeschlagen.

SPIEGEL ONLINE: Dafür sind Sie aber auf die Zusammenarbeit mit Diktatoren angewiesen.

Söder: Wir haben in Afrika viele Partner, die wenig vertrauenswürdig sind. Aber sollen wir deshalb aufgeben? Es ist eine Herkulesaufgabe.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihre Zukunftsvision für die deutsche Gesellschaft?

Söder: Alle müssen Deutsch sprechen können. Zudem braucht es einen verbindlichen Wertekanon, zum Beispiel sind Burka oder Niqab kein Beitrag zur Integration. Ich will auch nicht in einer Gesellschaft leben, in der Frauen nicht gleichberechtigt sind. Mich besorgt zudem, wie viele Deutschtürken Anhänger von Erdogan sind und gleichzeitig Deutschland kritisieren, obwohl sie hier ganz andere Freiheiten und Möglichkeiten als in der Türkei haben. Wir müssen den Doppelpass überdenken.

SPIEGEL ONLINE: Wäre denn Leitkulturkatalog ein Beitrag zur Integration?

Söder: Ja, wir müssen Prinzipien definieren. Jede Gesellschaft braucht Regeln. Toleranz endet dort, wo die Freiheit des anderen eingeschränkt wird. Die Grenzen der Freiheit müssen definiert sein, um Freiheit zu bewahren. Wenn der Staat ein Vakuum lässt, dann werden andere hineinstoßen. Und das macht den Menschen Angst.

SPIEGEL ONLINE: Wenn wir heute auf das Frauenbild in der bayerischen Gesellschaft der Fünfzigerjahre zurückblicken, sehen wir ebenfalls riesige Defizite - und doch hat sich am Ende das Land liberalisiert. Warum vertrauen Sie jetzt nicht wiederum auf solch einen Effekt?

Söder: Das hat mir vor vielen Jahren Claudia Roth auch schon gesagt: Sei optimistisch, alle sprechen irgendwann Deutsch und sind integriert. Daraus wurde aber leider nichts. Die Integrationspolitik der vergangenen Jahrzehnte ist kein durchschlagender Erfolg. In Städten wie Berlin oder Duisburg sind doch Parallelgesellschaften entstanden. Klar, es gibt gute Beispiele, aber auch viele Probleme.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre denn Ihr Weg zu einer besseren Integrationspolitik?

Söder: Anerkennen, dass es bei der Integration kein Schwarz-Weiß gibt, sondern nur ein Sowohl-als-auch. Heißt: Hoffnung behalten, aber gleichzeitig auf negative Entwicklungen achten und gegebenenfalls gegensteuern.

SPIEGEL ONLINE: Herr Söder, Sie gelten als Fan der Science-Fiction-Serie "Star Trek" ...

Söder: ... ich habe alle Folgen zu Hause.

SPIEGEL ONLINE: Ein Raumschiff draußen im Weltall, eigentlich das Gegenteil von Heimat. Was fasziniert Sie daran?

Söder: Es ist eine Hommage an die Menschlichkeit. Als Kollektiv bewältigen die Menschen in den Weiten des Universums die größten Herausforderungen. Und zwar nicht durch physische Kräfte, sondern durch die Grundtugend der Menschlichkeit. Das hat mich immer begeistert. "Star Trek" ist eine optimistische Serie: Egal, wer du bist und egal, woher du kommst, du kannst dein Glück machen. Aber selbst da ist eines klar: Die Regeln im Raumschiff wie Respekt und Toleranz gelten für alle gleichermaßen. Wer dagegen verstößt, wird auf ein anderes Schiff gebeamt.

SPIEGEL ONLINE: Quasi die Leitkultur der Föderation?

Söder: Die Oberste Direktive der Sternenflotte, so heißt das!

In einer früheren Version dieses Interviews hieß es, Markus Söder sei der erste und einzige Heimatminister in Deutschland. Tatsächlich gibt es seit kurzem auch in Nordrhein-Westfalen ein entsprechendes Ministerium.

insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
burlei 07.09.2017
1. "Viele, die hier sind, wollen gerne Bayern werden."
Bis dahin, dann habe ich abgebrochen. Es genügt nicht, Deutscher zu werden, man muss Bayer werden wollen, um anerkannt zu werden. Achwas, wollen. Sein muss man es, um von einem Söder anerkannt zu werden. Der Mnesch ist die Krone der Schöpfung, der Deutsche die Spitze der Krone und der Bayer ist dann der Heiligenschein. Oder wie?
schulz-fan 07.09.2017
2.
Der Söder ist ka ein ganz sympathischer Typ. Aber er macht halt einen schweren Denkfehler. Kultur ist keine Voraussetzung von Integration, im Gegenteil: Kultur stört bei der Integration. Viele Menschen gerade auch aus dem islamischen Kulturkreis könnten sich viel besser bei uns zurechtfinden, wenn sie nicht ständig mit diesem konservativen Kulturgedusel aus der Unionsecke genervt würden. Klar, die deutsche Sprache muß man lernen, damit man sich beim Einkaufen, auf der Arbeit oder dem Amt irgendwie verständlich machen kann. Vieles geht mit Zeichsprache, aber komplexere Sachverhalte lassen sich auf die verbale Art effektiver kommunizieren. Alles andere, was von den Kulturlederhosen der Unionsparteien ständig angeführt wird, ist dagegen völlig kontraproduktiv und letztlich nur dazu geeignet, bei den Einwanderern eine grundsätzliche Abwehrhaltung hervorzurufen.
spontanistin 07.09.2017
3. Lakmustest AfD in Bayern!
Heimat ist da, wo man sich heimisch fühlt. Also da, wo man verwachsen ist oder zumindest sich angenommen und akzeptiert, also aufgehoben fühlt. Wie können sich Flüchtlinge oder Eingewanderte sofort heimisch fühlen? Wenn die AfD in Bayern trotz angeblich. höchstem Akademiker-Anteil der Kandidaten unter 5 % bleibt und die Abwanderung von der SPD primär zur AfD erfolgt, dürfte das CSU-Konzept zum Nachdenken Anlass geben.
helmut.alt 07.09.2017
4. Die pure Vernunft,
die Herr Söder da von sich gibt und durch perfekte Beispiele belegt. Der Vergleich mit den USA hinkt, weil dieses Land von Anfang an als Schmelztiegel konzipiert war. Deutschland war dies nie und soll es auch nie werden.
wrkffm 07.09.2017
5. "Glockenläuten, Bratwurst, Lebkuchen"
"Weltmusik, Grünkernbratling, Studentenfutter" Interview mit Katrin Göring Eckardt zur Integration: "Egal, woher du kommst" ( Satire aus )
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