Söder und Seehofer Vereinte Rivalen

Die Erzfeinde Markus Söder und Horst Seehofer sollen die CSU als Doppelspitze aus der Krise führen. Für einen gemeinsamen Auftritt reicht es am Tag der Entscheidung noch nicht.

Seehofer und Söder vor der CSU-Vorstandssitzung
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Seehofer und Söder vor der CSU-Vorstandssitzung

Von , München


Im Moment seines größten Erfolgs schaut Markus Söder immer wieder nach links, zum Fenster hinaus ins Münchner Schneetreiben. Er hält seine Mundwinkel unter Kontrolle, kaum sichtbar ist das Lächeln in seinem Gesicht. Söder, der Politprofi, war früher Redakteur beim Fernsehen, er weiß um die Macht der Bilder: Jetzt bloß nicht breit grinsen, auf keinen Fall triumphieren.

Es ist viertel vor zehn am Montagmorgen, Söder steht gemeinsam mit Thomas Kreuzer vor den Kameras und Mikrofonen. Der Fraktionschef verkündet, was sein Nebenmann wohl schon seit Wochen und Monaten zu hören erhoffte: Die Landtagsfraktion hat Staatsminister Söder zum Spitzenkandidaten für die kommende Landtagswahl erkoren.

Und zwar einstimmig, per Akklamation. Gegenkandidaten gab es nicht. Innenminister Joachim Herrmann hatte zuvor auf eine Kandidatur verzichtet, auch die Vorsitzende des mächtigen Bezirks Oberbayern, Ilse Aigner, bekundete, sie wolle Söder unterstützen.

Damit steht nach Monaten eines quälenden Machtkampfs das Personaltableau der Christsozialen in Grundzügen fest: Der bisherige Finanzminister Söder, 50, wird die CSU in die Landtagswahl im Herbst 2018 führen. Irgendwann an einem nicht näher definierten Termin im ersten Quartal des kommenden Jahres wird Seehofer den Stab übergeben, die Fraktion soll dann Söder wählen.

Seehofer wiederum will CSU-Chef bleiben, auf dem Parteitag Mitte Dezember stellt er sich zur Wiederwahl. Das beschloss der CSU-Vorstand am Nachmittag ebenfalls einstimmig per Akklamation, als Empfehlung an den Parteitag.

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Horst Seehofer: Rückzug auf Raten

Damit haben die zerstrittenen Christsozialen nun den ersehnten Burgfrieden zwischen ihren beiden mächtigsten Führungskräften herbeigeführt. Die Rivalen werden sich vorerst die Aufgaben teilen: Söder wird in Bayern versuchen, der CSU ihre absolute Mehrheit zu erhalten und abtrünnige Wähler von der AfD zurückzuholen. Seehofer wiederum wird in Berlin den fintenreichen Unterhändler und Realpolitiker geben.

Eine Doppelspitze also, so wie sie schon mehrfach in den vergangenen Wochen greifbar nahe schien, dann aber nicht zustande kam. Stattdessen erging sich die Partei in Intrigen und Indiskretionen. Doch der Erfolgsdruck wird nun ungleich verteilt sein, das war schon an diesem historischen Tag in München spürbar.

Dieser Tag der Entscheidung hatte - passend zur Doppelspitze - zwei Teile: Der Vormittag im Landtag gehörte Söder, der Nachmittag in der CSU-Zentrale dann Seehofer mit jeweils einer eigenen Pressekonferenz. Zu einem gemeinsamen Auftritt konnten die beiden sich nicht durchringen, aller bekundeten Harmonie zum Trotz.

Söder, sonst selten um einen Spruch verlegen, gab sich für seine Verhältnisse geradezu staatstragend. "Es geht um das wichtigste politische Amt, das wir in Bayern haben", sagte Söder. Er trete ein großes Erbe an, mit Vorgängern wie Strauß und eben Seehofer. "Ämter sind immer nur geliehen", sagte Söder. Er gehe die Aufgabe mit "Mut und Demut" an. Die Menschen erwarteten nun, dass die CSU wieder die Zeit finde, das Land zu regieren.

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Markus Söder: Der Seehofer-Shrek

Trotz routinierter Politikerphrasen war Söder auch der Respekt vor der neuen Aufgabe anzumerken. Von allen Seiten wird ihm nun vermittelt: Jetzt hat er, was er immer wollte, jetzt muss er liefern.

"Der Wechsel gehört zum Leben"

Anders die Tonlage bei Horst Seehofer, bei dem schon mehr als ein Hauch von Abschied mitschwang. "Der Wechsel gehört zum Leben", sagte Seehofer. "Dann muss man den Grundsatz auch akzeptieren, auch wenn man selbst betroffen ist." Es falle ihm "persönlich nicht leicht", auf sein Amt zu verzichten. "Ich habe den Weg geöffnet für die Erneuerung der Regierungsspitze in Bayern." Die CSU trete nun mit der Formation an, die "die höchste Erfolgswahrscheinlichkeit" verspreche.

Ob er selber Bundesminister in Berlin werden wolle? Dazu sagte Seehofer nichts: "Für mich muss sich nichts ergeben", sagte der CSU-Chef. "Ich bin ein sehr freier Mensch."

Seehofer stellte klar, dass er künftig Söder die Bühne bei großen Parteiauftritten überlassen will, etwa beim traditionellen Politischen Aschermittwoch. Er werde Personalentscheidungen mit seinem designierten Nachfolger besprechen, so wie die Wahl des Generalsekretärs Andreas Scheuer, den Seehofer beim Parteitag Mitte Dezember in Nürnberg wieder vorschlagen will.

Seehofer kündigte auch an, dass Söder anders als bei den Jamaika-Verhandlungen nun zur Delegation der CSU für mögliche Verhandlungen in Berlin gehören werde: "Er ist jetzt legitimiert", sagte Seehofer, und etwas freundlicher: "Der brennt für die Politik. Das kann man ja nicht bestreiten."

Die schwere Last, für die CSU in Bayern die absolute Mehrheit zu behaupten, die lastet nun vor allem auf Söder. Der Kandidat muss das Kunststück schaffen, nach einer Phase des Streits alle Parteigliederungen und Landesteile hinter sich zu bringen. Versemmelt er die Landtagswahl, dann können die neuen Kräfteverhältnisse ganz schnell wieder ins durcheinander geraten.

Denn andere Christsoziale haben ihre Ansprüche wohl nur vorläufig zurückgestellt, noch ist nicht klar, wo sie später in dem Gefüge ihren Platz haben: Joachim Herrmann etwa, der vorerst Innenminister in Bayern bleibt, Ilse Aigner, Alexander Dobrindt, der Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag, oder der Europapolitiker Manfred Weber.

Söder wich am Tag seiner Inthronisierung der Frage aus, ob die absolute Mehrheit für ihn die Messlatte ist. Auch Seehofer vermied es, ihm diese Bürde aufzuladen. Tatsächlich sehen Umfragen die CSU derzeit nur bei 37 Prozent.

"Wir müssen jeden Monat Zuwachs haben", mahnte der Parteivorsitzende zwar an. Aber nahm sich mit in die Pflicht: Eine Große Koalition im Bund sei erstrebenswert: "Wenn wir in Berlin versagen, dann werden wir in Bayern nicht siegen."

Im Video: Der Seehofer-Rückzug



insgesamt 20 Beiträge
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Beauregard 04.12.2017
1. schade...
mit Aigner wäre die CSU wählbar geblieben - mit Söder werde ich nicht mehr CSU wählen
mairhanss 04.12.2017
2.
Bayern bleibt auch nichts erspart. War Seehofer schon eine Katastrophe, aber Söder… um Gottes Willen..warum hat Bayern keine wirklichen Politiker??
mallangsam 04.12.2017
3. Beste Voraussetzungen ...
für bayrische Maximaforderungen in einer Bundesregierung. Für weitere Machtkämpfe mit der Schwesterpartei. Für keinen Koalitionspartner, ob Groko oder was immer, der Worstcase. Man kann der SPD nur raten, ausschliesslich mit der CDU zu verhandeln. Warum sollte die Union das ausschliessen dürfen. Statt dessen mit den Grünen. Da liesse sich vlt. eine Idee draus entwickeln.
Annabelle_ 04.12.2017
4.
mich würden die großen politischen Unterschiede zwischen Seehofer und Söder oder z.B. auch Aigner oder Scheuer interessieren, ich erkenne keine, liegt das an mir?
franz01 04.12.2017
5. Super Aufstellung:
Die CSU hat eher zu viele ambitionierte Leute in Wartestellung als zu wenige. Das Ergebnis von heute heißt Ämtertrennung. Das ist super: Jeder kriegt eine Aufgabe. Wer versagt, scheidet aus. Bis dahin bleibt Seehofer Schiedsrichter.
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