CSU-Parteitag in München Söder, hilf!

Nur noch vier Wochen bis zur Landtagswahl - und die Umfragewerte der CSU sind historisch schlecht. Auf dem Parteitag rüttelt Spitzenkandidat Markus Söder die Delegierten auf. Der Vorsitzende Horst Seehofer wird nur noch geduldet.

Markus Söder
Getty Images

Markus Söder

Aus München berichten und


Wer wissen will, wie es um Autorität und Popularität von CSU-Chef Horst Seehofer bestellt ist, muss während seiner Rede an diesem Samstagvormittag nur einen Blick ins Foyer des Münchner Postpalasts werfen. Dort gibt es Wurst und Weißbier, die Nachfrage ist rege, während sich drinnen Seehofer am Rednerpult müht.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 38/2018
Wie Horst Seehofer persönliche Krisen zu Regierungskrisen macht

CSU-Parteitag in München, vier Wochen vor einer Landtagswahl, die über die künftige Rolle der Partei entscheidet - und nicht wenige Delegierte trinken und essen lieber, als ihrem Vorsitzenden zu lauschen. Das ist die Lage Seehofers, der vor fünf Jahren noch gut 48 Prozent der Stimmen als Ministerpräsident holte und für seine Partei damit die absolute Mehrheit zurückeroberte.

Im aktuellen "Bayerntrend" des Bayerischen Rundfunks kommen die Christsozialen auf 35 Prozent. Ein unterirdischer Wert für die Partei. Viele in der CSU sehen die Schuld dafür vor allem bei Seehofer, auch wenn sich bislang kaum einer traut, das öffentlich zu sagen.

CDU TV / SPIEGEL ONLINE

Seehofer, der seit einem halben Jahr in Berlin das Bundesinnenministerium führt, habe schon viel gezündelt, sagt ein ehemaliger Delegierter am Stehtisch im Postpalast-Foyer. "Jetzt brauchen wir dringend ein Zeichen der Geschlossenheit." Während der Lärmpegel aus dem Foyer stetig anschwillt, versucht der Parteichef am Rednerpult, genau dieses Signal zu senden. "Der heutige Tag steht ganz im Zeichen unseres Ministerpräsidenten Markus Söder", sagt Seehofer unter der Kuppel des ehemaligen Postfuhramts, das an diesem Tag weiß-blau erstrahlt. Er lobt den "ungeheuren Einsatz" Söders: "Du hast dich von niemandem übertreffen lassen in deinem Einsatz für unser Land."

Die Sympathieverteilung bei den rund 800 Delegierten ist schon in den ersten Minuten des Parteitags klargeworden, als Generalsekretär Markus Blume namentlich die wichtigsten CSU-Politiker begrüßt: Seehofer ist als Vorsitzender der Erste - wie matt der Applaus für ihn ausfällt, wird vor allem deshalb deutlich, weil der anschließende Beifall für Söder schon beinahe euphorisch ist.

Söder soll es jetzt richten, das ist die Botschaft des Parteitags. Seehofer, das könnte man wiederum als Botschaft der Delegierten an ihn zusammenfassen, soll dabei, bitte schön, vor allem nicht mehr stören.

Seehofers Zeit war schon im Herbst vergangenen Jahres - nach dem miserablen CSU-Ergebnis bei der Bundestagswahl - abgelaufen. Damals räumte er schließlich die Staatskanzlei für den seit Jahren drängenden Söder, aber nur, um sein Vorsitzenden-Amt zu retten. Zudem brauchte die Partei den bundespolitisch erfahrenen Seehofer in den Monaten nach der Wahl bei der schwierigen Regierungsbildung in Berlin. Vielleicht hätte er damals souverän einen Schlussstrich ziehen können, als endlich die Koalition mit der SPD stand. Stattdessen baute sich Seehofer als Innenminister ein völlig überdimensioniertes Haus zusammen, in dem er seitdem von einer Krise zur nächsten taumelt.

Fast immer geht es dabei um das Thema Migration, wie auch in der aktuellen Debatte um Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen, dessen Vorgesetzter der Innenminister ist. Und immer wieder dominiert er die Schlagzeilen - aber eben auch nicht so, dass es auf das Konto der CSU einzahlen würde.

Horst Seehofer
DPA

Horst Seehofer

Jetzt soll es also Söder richten - und auch Seehofer will seinen Teil dazu beitragen. Die Strategie der beiden: Sie erklären die Landtagswahl am 14. Oktober zur Schicksalswahl für Bayern. Nach dem Motto "Wer nicht CSU wählt, versündigt sich am Land".

Das kann man für ziemlich großspurig und demokratietheoretisch zweifelhaft halten, aber möglicherweise ist das die einzige Chance, die vielen unentschlossenen Wähler zu gewinnen. "Ja zu Bayern heißt Ja zur CSU", so beendet Söder seine Rede. Er sagt: "Wir wollen eine stabile Demokratie. Dieses Land driftet nach links und rechts." Es brauche "einen, der ausgleicht und das große Ganze sieht. Wir sorgen uns um alle, und wir sind die letzte verbliebene Volkspartei".

Die geplante Verabschiedung des Wahlprogramms wird aus dramaturgischen Gründen kurzfristig gestrichen, dafür hetzt Söder durch die Liste seiner wichtigsten Anliegen. Die häusliche Pflege von Angehörigen müsse honoriert, die Mittelschicht gestärkt werden, natürlich darf das Bekenntnis zur "Leberkäs-Etage" nicht fehlen, also den sogenannten normalen Leuten.

Und auch seinen umstrittenen Kreuzerlass verteidigt der Ministerpräsident - passend dazu hängt an der Seitenwand der Halle ein großes extra angeleuchtetes Holzkreuz. Natürlich geht es auch um die Flüchtlingspolitik, die CSU stehe für Humanität und Ordnung, sagt Söder.

Von der AfD grenzt er sich wie zuletzt deutlich ab, mit den stärksten Beifall bekommt Söder für seine Replik auf das "Strauß würde AfD wählen"-Plakat der Rechtspopulisten. "Franz Josef Strauß würde diese AfD bekämpfen, und wir sollten es auch tun." Auch seine Attacken auf die etablierte politische Konkurrenz kommen gut an.

Söder redet zu lange, während der Sauerstoff im Postpalast knapp wird und die Temperatur steigt, er kommt selbst ordentlich ins Schwitzen, packt die Delegierten aber auch immer wieder, am Schluss feiern sie ihn mit langanhaltenden Standing Ovations. Die Partei ist jetzt in seiner Hand: Söder, hilf!

Söder und Seehofer bei der Abschlusskundgebung
DPA

Söder und Seehofer bei der Abschlusskundgebung

Bei Seehofer stehen sie am Ende auch - aber nur, weil er zuvor in den Saal gerufen hat: "Steht auf, wenn Ihr für Bayern seid."

Der Parteichef habe die flankierende Rolle gut angenommen, wird ihm später im Foyer attestiert. Die Einigkeit mit Söder hat er beschworen. "Markus, an unserer Geschlossenheit wird es nicht liegen", sagte Seehofer.

Reicht das, um die Stimmung noch mal zu drehen? Altministerpräsident Edmund Stoiber ist davon überzeugt, er sieht nach dem Parteitag eine "Jetzt-erst-recht-Stimmung", viele Delegierte geben sich beim Verlassen der Halle immerhin verhalten optimistisch.

Günther Beckstein, auch er war mal Ministerpräsident, sagt draußen vor der Halle: "Es wird deutlich nach oben gehen." Becksteins Prognose: "Nach meiner Schätzung wird in jedem Fall eine vier vorne stehen."

Als der Spitzenkandidat Beckstein bei der Landtagswahl 2008 gut 43 Prozent für die CSU holte, galt das als Desaster, bald war er sein Amt los.

So ändern sich die Zeiten.

insgesamt 80 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
thommy05 15.09.2018
1. heut schon mal gelesen
glaub, es war Karriere Spiegel oder so . Zum Vorwärtskommen ist "Hallo, hier bin Ich schreien " und netzwerken wichtiger als ehrliche Arbeit und. und Kompetenz im Job. Seehofer ist das beste Beispiel dafür, das es weder in der Politik noch in der Wirtschaft am besten ist den lautesten und kompetentesten Hallo- Schreier an die Spitze zu setzen. Irgendwann wird die Inkompetenz sichtbar. Dann können die verbundenen Netzwerker auch mit in die Tiefe gerissen werden.
wibo2 15.09.2018
2. Nichtwähler und Unentschlossene mobilisieren
Doktor Söder hat Recht. Es kommt jetzt darauf an die Nichtwähler und die Unentschlossenen zu mobilisieren. Der Wahl-O-Mat zur Landtagswahl in Bayern geht laut offiziellen Angaben am Donnerstag, 20. September online, also knapp dreieinhalb Wochen vor der Landtagswahl 2018. Diese findet am Sonntag, 14. Oktober 2018 statt. Der Wahl-O-Mat ist über www.wahlomat.de zu erreichen. Freie Wähler und FDP wollen jeweils 8 Prozent holen? 7 Parteien im Landtag? Sind die Zeiten, in denen die CSU das sogenannte bürgerliche Lager hinter sich vereinte, vorbei? Nur eine klare politische Botschaft für jede Wählerkohorte kann jetzt noch das Blatt für die CSU wenden. Mit zielgerichteter Werbung auf Plattformen wie Facebook oder Google lassen sich politische Botschaften auf kleine Zielgruppen zuschneiden. Das können die Roten und Grünen sicherlich besser und deshalb kann die Anti CSU Koalition siegen. Doktor Söders Werbung spricht viele Menschen einfach nicht an. Das politische Marketing der CSU braucht Verbesserung. So wird das wohl nichts werden. Katharina und Natascha können es einfach besser.
Tom63 15.09.2018
3. Warum Söder?
Derjenige, der in München Sozialwohnungen verschachert, damit daraus Luxuswohnungen entstehen hat eine Niederlage verdient. Auch setzt er sich gegen Bürgerentscheide (dritte Startbahn) hinweg. Es scheint mir so, als ob ihm oder der Partei das Volk egal wäre, Hauptsache die Lobby stimmt und ist zufrieden. So einer sollte einen Denkzettel bekommen und dürfte so ein Amt nicht ausüben. Warum vergisst der Mensch sowas immer? Meiner Meinung nach muss die CSU aus Bayern auch mal weichen und denen Platz machen, die es verdienen. Haha, davon gibt es aber auch keinen. Da muss sich die Politik nicht wundern, wenn die AFD stark wird. Ich würde aufrufen zur Wahl zu gehen und die Richtigen zu wählen, aber weder CSU noch FDP oder SPD kann man wählen. Grün oder Freie Wähler wäre in Bayern die Alternative, aber bitte niemals AFD!
BellUomo 15.09.2018
4. Wie immer...
Alle sehen die CSU im Keller. Aber es wird sein wie bei immer: Alle anderen Parteien werden mit hohen Prozentzahlen gehandelt - und die CSU gewinnt die Wahl. Cool down, Mr. Söder!
oldseaman1947 15.09.2018
5.
Söder hat eine sehr gute Rede auf dem Parteitag gehalten .Leider für uns nicht wählbar.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.