Debatte um Schulz' Abitur Die Eingebildeten

Vieles kann man Martin Schulz vorhalten - aber bitte nicht seine angeblich unzureichende Bildung. Wer meint, dass einer ohne Abitur nicht Kanzler werden darf, kündigt den demokratischen Konsens auf.

Martin Schulz (SPD)
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Martin Schulz (SPD)

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Es hat sich etwas verändert in Deutschland. 70 Jahre lang gab es das nicht. Die Journalisten Gabor Steingart und Jan Fleischhauer, der eine Herausgeber des "Handelsblatts", der andere SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist, wagen sich an ein Tabu heran.

Steingart und Fleischhauer sind empört. "Wir besaßen bisher auch keinen Regierungschef ohne Abitur", schrieb Steingart kürzlich auf der Seite eins seiner Zeitung. Und: "Wer gegen die promovierte Physikerin Merkel antritt, deren geistige Ausstattung man imposant nennen darf, muss eine Dachstube mit Innenausbau vorweisen können." Und Fleischhauer schob hinterher: "Schulz hat kein Abitur. Er hat, anders als Gerhard Schröder, auch nie versucht, es nachzuholen, nachdem er wegen schlechter Leistungen vom Gymnasium verwiesen wurde."

In den Blick genommen haben Steingart und Fleischhauer den Sozialdemokraten Martin Schulz, 61, den Nochpräsidenten des EU-Parlamentes. Schulz schickt sich an, auf die deutsche Bühne zu wechseln. Ob als Außenminister, als Kanzlerkandidat, ob im Doppelpack oder am Ende in keiner von beiden Funktionen, ist noch nicht entschieden.

Nicht, dass ein Tabubruch per se undenkbar wäre. Im Gegenteil, bisweilen muss die Grenzüberschreitung sein. Häufig genug hat gesellschaftlicher Fortschritt mit dem Bruch der Tradition begonnen. Doch hier vollzieht sich etwas anderes.

Es entspricht nicht unserem demokratisch-aufgeklärten Selbstverständnis, Menschen nach Rasse, Geschlecht, Einkommen oder ihrem Bildungsstand zu bewerten. Sondern nach ihrem Talent, ihrer künstlerischen Leistung, ihrem rhetorischen Vermögen, ihrer intellektuellen Qualität, egal, ob sie sich Können und Wissen als Autodidakten, in jahrelangem Training, in harten Studienkollegs oder in düsteren Bibliotheken angeeignet haben. Egal, ob sie auf dem Sportplatz, auf der Theaterbühne, im Job oder auch und gerade im Bundestag auftreten.

Erstmals gibt es nun Journalistenkollegen, die den formalen Bildungsabschluss zum Zulassungskriterium für ein politisches Spitzenamt ausrufen. Das hat sich in der demokratisch verfassten Bundesrepublik Deutschland noch keiner getraut.

Was ist da los?

Man kann, ja vielleicht muss man dem Europapolitiker Schulz einiges vorhalten. Der Machtanspruch, mit dem er seine Einflusszone stetig erweiterte - wenngleich ein solches Alpha-Gen in der politischen Welt zur Grundausstattung gehört. Man kann den engen Schulterschluss mit seinem Freund Jean-Claude Juncker kritisieren. Die Verhinderung eines Untersuchungsausschusses gegen eben diesen Freund. Man kann seine Hybris, eine zweite Amtsverlängerung anzustreben oder seine womöglich mangelnde Detailkenntnis deutscher Innenpolitik zum Thema machen.

Wollen wir tatsächlich die Rückkehr zum Ständestaat?

Aber einem deutschen Spitzenpolitiker einen fehlenden Bildungshintergrund zu attestieren, ist neu. Zwei Journalisten der gehobenen Klasse schwingen sich zu dem unverstellten Hinweis auf: Schuster, bleib bei deinem Leisten. Oder konkreter: Schulz, bleib in der mittelrheinischen Kleinstadt Würselen. Der Underdog, so die Botschaft, hat sich auf das zu begrenzen, was er kennt und was ihn vermeintlich ausmacht.

Wollen wir tatsächlich die Rückkehr zum Ständestaat, zu einem Gesellschaftsmodell, das seit der Französischen Revolution, seit der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten ausgedient hat? Wollen wir die Rückkehr zu Eliten, die nach Gutsherrenart darüber entscheiden, wem sie Zugang zu den Zirkeln der Macht gewähren und wem nicht?

Bildung ist weit mehr als das Absitzen von Schulstunden oder Studientagen, das Bestehen einer Reifeprüfung oder der Erwerb einer Promotion. Bildung ist ein Prozess, ein fortdauernder Erwerb von geistigen und kulturellen, aber auch von intellektuellen, persönlichen und sozialen Kompetenzen. Schul- und Studienabschlüsse bewerten Lernleistungen, ob sie auch Bildung im umfassenden Sinne messen, darf bezweifelt werden.

Es sind hochheikle Zeiten. Die Gesellschaften sind fragil geworden. Die Sehnsucht nach autoritären Gesellschaftsmodellen, die digitale Zeitenwende, die Wanderungsbewegungen haben Empfindlichkeiten ausgelöst und Ängste freigesetzt. Sie haben das Bedürfnis nach nationalen Antworten, nach Ab- und Ausgrenzung befeuert. In solchen Zeiten haben Medien und Journalisten eine besondere Verantwortung. Jedenfalls die, die an liberalen Demokratien unseres Zuschnitts festhalten wollen. Da sind elitäre Spielereien mit Ressentiments gefährlich, die scheinbar argumentativ unterfüttert daherkommen.

Die Frage, ob ein Spitzenpolitiker Abitur hat, stand noch nie zur Debatte

Er wolle gar nicht die Frage erörtern, ob Schulz ein geeigneter Kanzlerkandidat wäre, schreibt Fleischhauer in gespielter Naivität. Er finde es aber "bemerkenswert, welche Reaktionen eine Frage auslöst, die zu stellen noch vor Kurzem als selbstverständlich empfunden worden wäre". Welch ein bewusst eingestreuter, irreführender Hinweis!

Die Frage, ob ein Spitzenpolitiker Abitur hat oder nicht, war noch nie selbstverständlich. Sie stand gar nicht erst zur Debatte. Nicht bei Lothar Späth, nicht bei Johannes Rau, und auch nicht beim Müllermeister Michael Glos. Keiner von ihnen hat je einen akademischen Reifegrad erworben. Keiner hat je eine Hochschule von innen gesehen. Und doch wurden ihre politischen Fähigkeiten zu keinem Zeitpunkt in Frage gestellt. Mehr noch: Einer von ihnen wurde sogar zum Bundespräsidenten gewählt.

Jetzt darf man die Frage nach der schulischen oder universitären Vorbildung offenbar stellen.

Auch Bill Gates oder Steve Jobs haben ihr Studium nie abgeschlossen. Auf die Idee, es ihnen als Ausweis irgendeiner Art von Inkompetenz auszulegen, ist noch keiner gekommen.

Manchmal können die USA immer noch Vorbild sein.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Textes wurde auch Willy Brandt als Beispiel eines Politikers genannt, der kein Abitur hatte. Tatsächlich hat er 1932 die Hochschulreife erworben.



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Seite 1
thelinguist 09.12.2016
1. Die Frage, ob ein Spitzenpolitiker Abitur hat, stand noch nie zur Debatte...
...weil bisher noch jeder Spitzenpolitiker Abitur hatte. Aber ich glaube nicht, dass man Abi braucht um einen Staat zu lenken.
willibaldus 09.12.2016
2.
Bravo. Beste Antwort aller Zeiten.
manicmecanic 09.12.2016
3. Rückkehr zum Ständestaat ?
Guter Witz von den Wolkenkuckucksheimern,denn die BRD war nie etwas anderes,nur gut getarnt unter dem Deckmäntelchen jeder kanns hier schaffen.Das gilt sogar in den unteren Ligen der profanen Arbeitswelt,war vor 40 Jahren so und ist es immer noch.
bammy 09.12.2016
4.
Es gibt genügend erfolgreiche Unternehmer ohne Hochschulabschluß. Und genügend erfolglose Unternehmer mit Hochschulabschluß. Entscheident ist irgendwann die Erfahrung und die Integrität. Und Beides kann Herr Schulz vorweisen. Aber letztendlich entscheidet der Wähler.
muellerthomas 09.12.2016
5.
Zitat von thelinguist...weil bisher noch jeder Spitzenpolitiker Abitur hatte. Aber ich glaube nicht, dass man Abi braucht um einen Staat zu lenken.
Der im Artikel genannten Lothar Spät und Michael Glos z.B. nicht.
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