Martin Schulz im TV-Wahlkampf Geht da noch was?

Huch, ist etwa Wahlkampf? Die Kanzlerin meldet sich zurück aus dem Urlaub, ihr Herausforderer eröffnet den TV-Wettstreit. Martin Schulz zeigt dabei, wie er Angela Merkel noch gefährlich werden könnte.

  SPD-Kanzlerkandidat Schulz mit Rentnerin Betty Neumann (   in der Sendung "An einem Tisch mit Martin Schulz")
Foto: Andreas Friese/RTL/dpa

SPD-Kanzlerkandidat Schulz mit Rentnerin Betty Neumann ( in der Sendung "An einem Tisch mit Martin Schulz")

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Martin Schulz ist mit sich zufrieden. Das ist ja schon mal was in einer Zeit, in der sich der Kanzlerkandidat der SPD abrackert, ohne dass sich was bewegt.

Seit Wochen beobachtet Angela Merkel das Treiben ihres Herausforderers ungerührt vom Umfragethron, um die 16 Prozentpunkte liegt die Union bei allen Meinungsforschungsinstituten vor der SPD. An diesem Sonntag schöpft Schulz etwas Hoffnung. So wirkt es jedenfalls, als der SPD-Chef am Nachmittag das RTL-Hauptstadtstudio verlässt.

Nicht, dass sich irgendwo eine demoskopische Trendwende abzeichnen würde. Nein, Schulz hat gerade eine Fernsehaufzeichnung hinter sich, ein sogenanntes Townhall Meeting - "Am Tisch mit Martin Schulz", der Bürger auf Tuchfühlung mit dem Politiker. Die von SPIEGEL TV und RTL gemeinsam produzierte Sendung ist gut gelaufen für den Kandidaten. Mit den einfachen Leuten kann er, das wussten sie natürlich vorher im Schulz-Lager. Aber jetzt, wo die heiße Phase beginnt, wo mit dem Schulz-Auftritt auch der TV-Wahlkampf eröffnet ist, wollen sie fest daran glauben: Ihr Mann kann der Kanzlerin noch gefährlich werden.

Im Studio, umringt von ein paar Dutzend ausgewählten Bürgern, ist Schulz 60 Minuten im Kümmermodus. Der 85-jährigen Betty Neumann, die sich mit 758 Euro Rente durchschlägt und gerne mal in Hamburg ins Theater oder Musical gehen würde, verspricht er: "Ich red' mal mit ein paar Leuten." Dem 18-jährigen Afghanistan-Flüchtling Obaidullah Sultani droht die Abschiebung, obwohl er sich in Bayern vorbildlich um seine Integration bemüht. Schulz kündigt an, sich bei Ministerpräsident Horst Seehofer für den jungen Mann einzusetzen.

Die Einzelschicksale, die in der Sendung vorgestellt werden, sollen für die großen Herausforderungen in Deutschland stehen: Gesundheit und Pflege, soziale Gerechtigkeit, Integration und innere Sicherheit. Schulz findet für die Studiogäste stets verständnisvolle Worte, seine Empathie wirkt nicht aufgesetzt.

"Eins auf die Mappe"

Man ahnt, dass es der Kanzlerin, die in einer Woche im gleichen Format zu Gast sein wird, ungleich schwerer fallen dürfte, solche Wärme auszustrahlen. Unvergessen ist, wie Merkel einst während eines Bürgerdialogs unbeholfen versuchte, ein palästinensisches Flüchtlingsmädchen zu trösten. Und kurz vor der Sommerpause leitete sie bei einer Theaterveranstaltung mit der verschwurbelten Antwort auf eine Zuschauerfrage die Turbo-Abstimmung über die Ehe für alle ein.

Schwurbeln kommt für Schulz nicht in Frage, er will mit klarer Sprache punkten. Solche Typen "müssen mal richtig eins auf die Mappe bekommen, damit sie spüren, wer im Land das Sagen hat" - so fordert er das staatliche Gewaltmonopol ein, als die 73-jährige Dagmar Willms von Bandenkriegen in ihrer Straße in Leipzig berichtet. Noch so ein Spruch: "Es darf nicht sein, dass die Kriminellen Ferrari fahren, und die Polizei fährt auf dem Fahrrad hinterher." Die Botschaft hinter den markigen Worten: Soll keiner behaupten, die innere Sicherheit sei allein ein Unionsthema.

        Schulz im TV-Studio von RTL
AFP/RTL/Andreas Friese / Handout

Schulz im TV-Studio von RTL

Aber hat Schulz den Bürgern auch politische Lösungen anzubieten? Immer wieder muss er einräumen, dass er selbst als Kanzler auf die Schnelle wenig ausrichten könnte.

Mehr Polizisten und ein härteres Durchgreifen der Justiz werden nicht verhindern, dass sich ein Fall wie der von Andreas Responde, 38, wiederholt. Der Koch wurde schwer verletzt, als er auf einem Berliner S-Bahnhof bei einer Schlägerei dazwischengehen wollte. Die vierköpfige Doppelverdiener-Familie Hinz, die in der Hauptstadt keine größere, bezahlbare Wohnung mehr findet, glaubt nicht recht, dass die von Schulz angekündigte "radikal verschärfte" Mietpreisbremse und ein milliardenschweres Wohnungsbauprogramm ihre Not lindern würde. Und auch Altenpflegerin Andrea Hänsch, 29, wirkt nicht überzeugt, als der SPD-Chef mehr Geld für die Pflege verspricht.

Die Kunst der Autosuggestion

Aber darum geht es in diesem Moment wohl gar nicht. Sondern um den Eindruck: Da ist einer, der hört zu, der versteht mich, der kümmert sich. Schulz verzichtet am Sonntag sogar weitgehend auf direkte Attacken gegen Merkel, auch am Morgen als er zur Aufzeichnung des "Sommerinterviews" beim ZDF ist. "Ich werde Kanzler", gibt er dort den Unerschütterlichen, ein Wahlsieg würde ihn nicht überraschen.

Was soll Schulz auch sagen? Wahlkampf ist immer auch die Kunst der Autosuggestion. Aber der Auftakt des Fernsehwettstreits dürfte ihm in seiner fast aussichtslosen Lage tatsächlich ein wenig Mut gemacht haben. Mehrere Solo-Auftritte haben Amtsinhaberin und Herausforderer in den kommenden Wochen zu absolvieren, mittendrin, am 3. September als Höhepunkt das TV-Duell. Dann will Schulz Merkel, die am Samstag die erste Kundgebung nach ihrem Urlaub abhielt, inhaltlich stellen.

Tatsächlich erkennen sie in der Union im TV-Wahlkampf gewisse Restrisiken. Das Duell gehört nicht zu den Lieblingsdisziplinen der CDU-Chefin. Kein Wunder, dass es auf Drängen des Merkel-Lagers streng reglementiert wird. Aber auch die Bürgersprechstunden sind für die Kanzlerin nicht vollends zu kontrollieren.

Vielleicht nimmt Merkel vor ihrem ersten Auftritt ja noch ein bisschen Anschauungsunterricht. Er sei sich sicher, betont Schulz am Sonntag, dass seine Gegnerin am Sonntagabend genau hinschauen werde.

Was ist das Besondere an der Civey-Methodik?
Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen Verfahren. Zuerst werden alle Umfragen in einem Netzwerk aus mehr als 5000 Websites ausgespielt ("Riversampling"). Online kann jeder an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, unter anderem nach den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse nach weiteren Faktoren und Wertehaltungen gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern.
Warum ist eine Registrierung nötig?
Die Registrierung hilft dabei, die Antworten zu gewichten, und ermöglicht so ein Ergebnis für die Umfragen, das für die Wahlbevölkerung in Deutschland repräsentativ ist. Jeder Teilnehmer wird dabei nach seinem Geschlecht, Geburtsjahr und Wohnort gefragt. Danach kann jeder seine Meinung auch in weiteren Umfragen zu unterschiedlichen Themen abgeben.
Wie werden die Ergebnisse repräsentativ?
Die Antwort jedes Teilnehmers wird so gewichtet, dass das Resultat einer Umfrage für die Grundgesamtheit repräsentativ ist. Bei der Sonntagsfrage umfasst diese Grundgesamtheit die wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland. Die Gewichtung geschieht auf Basis der persönlichen Angaben bei der Registrierung sowie der Historie früherer Antworten eines Nutzers. Weitere Details zur Methodik stehen im Civey-Whitepaper.
Erreicht man online überhaupt genügend Teilnehmer?
Meinungsumfragen werden in der Regel telefonisch oder online durchgeführt. Für die Aussagekraft der Ergebnisse ist entscheidend, wie viele Menschen erreicht werden können und wie viele sich tatsächlich an einer Umfrage beteiligen, wenn sie angesprochen werden. Internetanschlüsse und Festnetzanschlüsse sind in Deutschland derzeit etwa gleich weit verbreitet - bei jeweils rund 90 Prozent der Haushalte, Mobiltelefone bei sogar 95 Prozent. Die Teilnahmebereitschaft liegt bei allen Methoden im einstelligen Prozentbereich, besonders niedrig schätzen Experten sie für Telefonumfragen ein.
Es gibt also bei beiden Methoden eine Gruppe von Personen, die nicht erreicht werden kann, weil sie entweder keinen Anschluss an das jeweilige Netz hat oder sich nicht an der Umfrage beteiligen möchte. Deshalb müssen für ein aussagekräftiges Ergebnis immer sehr viele Menschen angesprochen werden. Civey-Umfragen sind derzeit neben SPIEGEL ONLINE in mehr als 5000 andere Webseiten eingebunden, darunter auch unterschiedliche Medien. So wird gewährleistet, dass viele unterschiedliche Nutzer erreicht werden können.
Woran erkenne ich die Güte eines Ergebnisses?
Bis das Ergebnis einer Umfrage repräsentativ wird, müssen ausreichend viele unterschiedliche Menschen daran teilnehmen. Ob das bereits gelungen ist, macht Civey transparent, indem zu jedem Umfrageergebnis eine statistische Fehlerwahrscheinlichkeit angegeben wird. Auch die Zahl der Teilnehmer und die Befragungszeit werden für jede Umfrage veröffentlicht.
Was passiert mit meinen Daten?
Die persönlichen Daten der Nutzer werden verschlüsselt auf deutschen Servern gespeichert und bleiben geheim. Sie dienen allein dazu, die Antworten zu gewichten und sicherzustellen, dass die Umfragen nicht manipuliert werden. Um dies zu verhindern, nutzt Civey statistische wie auch technische Methoden.
Wer steckt hinter Civey?
Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Das Start-up arbeitet mit unterschiedlichen Partnern zusammen, darunter sind neben SPIEGEL ONLINE auch der "Tagesspiegel", "Cicero", der "Freitag" und Change.org. Civey wird durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.
insgesamt 236 Beiträge
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i.dietz 13.08.2017
1. Nein Herr Schulz
ich glaube lhnen nicht ein einziges Wort ! Genauso glaube ich Frau Merkel kein einziges Wort mehr ! Politik und Moral in einem Satz funktioniert eben doch nicht ! Und Vertrauen und Glaubwürdigkeit muß man sich erarbeiten !
rosenrot367 13.08.2017
2. Keine Alternative
Nein, mit diesem Kandidaten geht gar nichtsr. Verstehe ja, dass die Medien Herrn Schulz pushen - heute war er auf allen Kanälen, wie immer an Wochenenden. Aber ob ihm das Wählerstimmen bringt, bezweifle ich sehr. Die Menschen merken: Schulz ist lediglich ein Brüsseler Bürokrat, der keine Alternative zu Merkel bietet.
spicer011 13.08.2017
3. Omg
"Da ist einer, der hört zu, der versteht mich, der kümmert sich." Ja, sischer, sischer. Wer auf den Schwachfug reinfällt - selbst schuld(z). Der Schwachmat kann genauso nix wie Dicker Murksel. Können wir also einfach bei der Fachfrau für Physik bleiben. Es ändert nichts. Ich bleibe dabei - laßt uns Schulz an die EU zurück geben.
th.diebels 13.08.2017
4. Was fehlt
ist eine echte Alternative ! Ich will weder Schulz noch Frau Merkel auf dem Kanzlerstuhl sehen müssen ! Die Zeit ist längst überfällig, dass wegen der vielen Sesselklebern eine Amtszeitbegrenzung - wie in vielen andere demokratischen Ländern auch - eingeführt wird ! Die unheilvolle Nähe zu den Lobbyisten und des Großkapitals könnte sich dann auch nicht mehr so verselbstständigen und verhärten !
acculeer 13.08.2017
5. nein, da ging nie etwas
Schulz hat und hatte nie eine Chance. Der sogenannte "Schulzhype" hat nur in den Köpfen einiger linker Träumer existiert. Diesen gesichtslosen Eurokraten will hier Niemand. Ansonsten ist die Merkel- CDU heute linker als die SPD. Wer linke Ideale will, wählt heute CDU. Wer sich verarsc... kassen will, wählt FDP (die wollen an die Macht, um jeden Preis. Egal wie, Hauptsache die Grünen fallen unter die 5% Hürde, schon hat sich das spektakel Bundestagswahl gelohnt. Supi wär dann noch, wenn die AfD 2 stellig in den BT zieht (als Gegenpol zu den linken Blockparteien notwendig). Schauen wir mal.
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