Erste Rede des SPD-Kanzlerkandidaten Die große Schulz-Show

Die Genossen liegen ihm zu Füßen, auch bei vielen Wählern kommt Martin Schulz offenbar an. Doch seine erste Rede als Kanzlerkandidat enthielt viel bekannte SPD-Rhetorik - aber nur wenig neue Akzente.

SPD-Kanzlerkandidat Schulz
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SPD-Kanzlerkandidat Schulz

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Das haben sie im Willy-Brandt-Haus dann doch nicht hinbekommen: Ein Tisch mit allerlei sozialdemokratischem Tand ist an diesem Sonntag im zweiten Stock der SPD-Zentrale aufgebaut - aber Bonbons, Streichholzschachteln oder Kugelschreiber mit dem Konterfei von Martin Schulz sind noch nicht im Angebot. Dafür hat die Zeit dann doch nicht gereicht seit der Ausrufung des Kanzlerkandidaten am Dienstag. Einen Stock tiefer wartet allerdings schon ein Pappaufsteller für "Dein Foto mit Martin Schulz". Und einen stilisierten Schulz-Kopf als Logo seiner Kampagne gibt es auch schon.

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Heft 5/2017
Der Machthunger des Kandidaten Schulz

"Sankt Martin" nennt ihn der SPIEGEL auf dem Titel seiner aktuellen Ausgabe, viele Genossen werden die Ironie möglicherweise nicht verstehen. Schulz soll die SPD aus dem Umfragekeller und im Herbst am besten direkt ins Kanzleramt führen. Nicht weniger als das.

Aber jetzt live rein in die Schulz-Festspiele, die allerdings mit ein bisschen Verzögerung beginnen, weil erst noch ein anderer sprechen muss: Noch-Parteichef Sigmar Gabriel, der angesichts der plötzlichen Euphorie in der SPD die letzten Zweifel über seine Entscheidung verloren haben dürfte, Schulz als Kanzlerkandidat den Vortritt zu überlassen und den Parteivorsitz gleich noch mit. Nach einer knappen Viertelstunde ist endlich Schulz dran.

"Es ist schön zu sehen, dass das Willy-Brandt-Haus so gut gefüllt ist und in so guter Stimmung den Wahlkampf beginnt", sagt er - und erntet damit nach seiner frenetischen Begrüßung gleich den nächsten Jubel. Das wird die kommende Stunde über so weiter gehen. Die vielen Hundert Zuhörer - Mitarbeiter, Mitglieder und Sympathisanten der SPD - sind offenbar ganz sicher, dass dieser Kanzlerkandidat wirklich der richtige ist.

Einer hat sogar ein das berühmte Barack-Obama-Plakat aus dem US-Präsidentschaftswahlkampf 2008 nachgebastelt - nur dass darauf nun das Gesicht von Martin Schulz zu sehen ist.

Schulz-Plakat
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Schulz-Plakat

Es läuft im Moment tatsächlich gut für den Mann aus dem rheinischen Würselen: Seit seiner Nominierung hat die SPD demoskopisch deutlich zugelegt, im direkten Vergleich liegt er nur knapp hinter Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel, weit über 1000 Bürger sind in den vergangenen Tagen neu in die Partei eingetreten. Passenderweise erklärte der frühere SPD-Vorsitzende und heutige Erzfeind Oskar Lafontaine am Sonntag in einem Interview mit dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland" die Bereitschaft seiner Partei, unter Schulz' Führung eine künftige Bundesregierung zu bilden. Fehlt eigentlich nur noch, dass Grünen-Oberrealo Winfried Kretschmann plötzlich zu einer rot-rot-grünen Koalition aufruft.

Schulz sagt im Willy-Brandt-Haus: "Ich trete mit dem Anspruch an, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland zu werden." Das gehört sich so als Kanzlerkandidat, seine Vorgänger Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier haben das auch getan - um dann jeweils krachend zu scheitern.

Mit Schulz soll alles besser werden

Doch diesmal soll ja alles anders werden, trotz des aktuell immer noch klaren Umfragen-Abstands zur Union, trotz der hohen Beliebtheit von Kanzlerin Merkel. Warum? Wegen Schulz.

Und der will nun zunächst ein paar inhaltliche Grundlinien aufzeigen. Erstmal aber lobt Schulz bei seinem Auftritt Gabriel und beteuert ihre Freundschaft. Und dann - folgt leider eine Art Vorsitzenden-Parteitagsrede. "Mehr Zeit für Gerechtigkeit" heißt ja bisher der Schulz-Slogan, weshalb es natürlich viel um das klassische SPD-Thema Gerechtigkeit geht. Und um moderne Familienpolitik, um besseren Umweltschutz, effektivere Sicherheitsbehörden. Der sozialdemokratische Baukasten. Zudem lobt er noch ungefähr jeden Landesvorsitzenden für seinen Einsatz - wie auf einem Parteitag.

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Martin Schulz: Vom Fußball in die Politik

Überzeugend wird Schulz da, wo es um die EU und allgemein um die Außenpolitik geht. Da ist er als ehemaliger Präsident des Europaparlaments in seinem Element. "Ich werde kein Europa-Bashing machen", sagt er. Denn in Brüssel und Straßburg würden Entscheidungen getroffen, von denen Deutschland enorm profitiere. Sollten sich manche EU-Staaten allerdings mit Blick auf die Flüchtlingspolitik weiterhin so unsolidarisch verhalten, werde das die von ihm geführte Bundesregierung in den EU-Haushaltsverhandlungen einbringen. Eine deutliche Warnung vor allem an Ungarn.

Klare Worte gegen Trump

Auch zum neuen US-Präsidenten Donald Trump findet Schulz klare Worte: Er spricht mit Blick auf dessen erste Woche im Amt von einem "Tabubruch, der unerträglich ist". Die USA müssten ein enger Partner Deutschlands bleiben, fordert er - und wünscht sich gleichzeitig mehr öffentlichen Widerspruch von europäischen Politikern gegenüber dem Mann im Weißen Haus. Das kann man auch als Spitze gegen die Kanzlerin verstehen, die nach einem Telefonat mit Trump am Vortag und einer anschließenden gemeinsamen Erklärung erst am Sonntag Kritik an dem Einreise-Bann gegen mehrere muslimische Staaten äußerte. Ansonsten hält sich Schulz mit Angriffen gegen die Kanzlerin zurück, ruft zu einem fairen Wahlkampf auf.

Noch überzeugender wirkt Schulz, wenn er persönlich wird und aus seinem anfangs sehr bewegten Leben erzählt: Dass es dieser Sozialdemokrat aus kleinsten Verhältnissen - ohne Abitur und Studium - so weit gebracht hat, könnte tatsächlich dabei helfen, Glaubwürdigkeit für die SPD zurückzugewinnen. "Ich schäme mich nicht für meine Herkunft", sagt Schulz.

Aber um die gute Stimmung in der SPD beizubehalten und der Kanzlerin ernsthaft Paroli zu bieten, braucht es noch ein bisschen mehr. In den kommenden Wochen wird Schulz viel durchs Land reisen, Interviews geben, seine Kampagne aufbauen. Und seine Leute werden an einem echten inhaltlichen Profil tüfteln.

"Jeder spürt, es geht ein Ruck durch die SPD", sagt Schulz am Ende seiner Rede. Das stimmt. Aber auch "ein Ruck durch das ganze Land", wie er behauptet?

Noch sind acht Monate Zeit.

Meinungskompass
insgesamt 182 Beiträge
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Seite 1
Pinon_Fijo 29.01.2017
1.
Ich habe die Rede zufällig im Fernsehen mitverfolgt und fand sie sehr gut - wenngleich sie inhaltlich auch von Angela Merkel oder fast jedem anderen Politiker hätte gehalten werden können. Die Austauschbarkeit der Parteien ist doch gerade das Dilemma.
busytraveller 29.01.2017
2. Was ist neu an dem Mann?
Schulz ist seit langem bekannt. Was ist neu an dem Mann? Was bringt er seiner Partei, gegebenenfalls unserem Land Neues? Wo sind die Inhalte? Ich erkenne keinen Unterschied zu Gabriel. Der war persönlich auch o.k., hat sich aber gegen die ideologiefeste Funktionärsebene seine Partei nicht durchgesetzt. Schulz dürfte dies vielleicht gar nicht wollen. Wenn die SPD Schulz - Festspiele veranstaltet, warum geht der Spiegel dann hin und isst 'ne Wurst und feiert den Neuen dafür auf dem Titelblatt? Sollte er sich nicht in kritischer Distanz aufhalten und auch so berichten?
freddygrant 29.01.2017
3. Langsam langsam ...
... den Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Ganz vorsichtig mein lieber Schulz. Die Medien warten auf Dich. Wenn Du denen einen Happen von hinwirfst zerlegen diese Dich alle Bestandteile. Das ist dann nur noch eine Frage der Zeit!
gersois 29.01.2017
4. Unverständlich
Schulz ist ein Eurokrat, der mit seinem Kumpel Juncker gekungelt hat und ohne mit der Wimper zu zucken mehr als 100T€ Spesen im Jahr kassiert hatte. Der soll nun der Retter der SPD sein? Die Ernüchterungsphase kommt bald und heftig.
St.Baphomet 29.01.2017
5. Momentan
um 19:13 h sehe ich gerade das Interview mit Schulz in der ZDF-Sendung "Was nun". Auffällig ist wie gekonnt Herr Schulz es trotz präziser zielgerichter Fragen zu diesen Begriffen scheut das Wort "Agenda 2010" oder "Hartz 4" nur einmal in den Mund zu nehmen. Kein Wort dazu, nur Themawechsel. Thema existiert für Schulz nicht, er redet darüber auch nicht. Thema Schulz für mich somit erledigt.
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