Kampf ums Kanzleramt Schulz gegen Merkel - der Kandidatencheck

Angela Merkel möchte Kanzlerin bleiben, Martin Schulz will das verhindern. Hat der SPD-Kandidat eine Chance? Wo liegen die Stärken des Herausforderers, wo die Schwächen der Amtsinhaberin? Der Check.

  Kanzlerin Angela Merkel, Herausforderer Martin Schulz
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Kanzlerin Angela Merkel, Herausforderer Martin Schulz

Von und


Sie kennen sich gut. Jahrelang hat Angela Merkel als europäische Krisenmanagerin eng mit Martin Schulz, dem einflussreichen Präsidenten des EU-Parlaments, zusammengearbeitet. Sie schreiben sich regelmäßig SMS, schätzen einander. Nun aber lernen sich die beiden noch einmal neu kennen. Auf einer ganz anderen Bühne.

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Heft 5/2017
Der Machthunger des Kandidaten Schulz

Schulz fordert Merkel heraus. Der 61-Jährige will für die SPD nach mehr als einem Jahrzehnt das Kanzleramt zurückerobern. Mit seinem Verzicht auf die Kanzlerkandidatur hat Noch-SPD-Chef Sigmar Gabriel auch die Amtsinhaberin überrascht. Aber hat Schulz tatsächlich die besseren Chancen, Merkel bei der Bundestagswahl am 24. September zu schlagen?

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Angela Merkel
Martin Schulz

Ausgangslage

Es ist nicht allzu lange her, da galt Angela Merkel als unschlagbar. Das ist vorbei. Der Vorsprung der Union in den Umfragen ist zwar immer noch gewaltig. Aber die Flüchtlingskrise hat Spuren hinterlassen: Die Kanzlerin hat bei den Bürgern an Vertrauen und Sympathie eingebüßt, ihre Politik hat die Gesellschaft polarisiert und die Schwesterparteien CDU und CSU auseinandergetrieben. In der eigenen Partei greift Merkel-Müdigkeit um sich - nach mehr als elf Jahren Kanzlerschaft und 16 Jahren Parteivorsitz.

Diese Erfahrung wiederum kann auch ein Trumpf sein. Zwischen all den Populisten und Autokraten gilt Merkel international als personifizierte Verlässlichkeit. Gut möglich, dass die Mehrheit der Bürger in unsicheren Zeiten am Ende Halt beim Bewährten suchen.

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Der Rückstand ist groß: Bis zu 17 Prozentpunkte liegt die SPD in den Umfragen hinter der Union. Aber immerhin: Eine ganz frische Erhebung des ARD-"Deutschlandtrends" sieht Schulz im direkten Vergleich sogar gleichauf mit der Kanzlerin. Das gibt Selbstbewusstsein. Dass eine andere aktuelle Umfrage (Insa für "Bild") den SPD-Politiker weit hinter Merkel sieht, wird bei den Genossen lieber ausgeblendet.

Der Kanzlerkandidat Schulz scheint der Partei schon jetzt einen Motivations- und Mobilisierungsschub zu geben, von Hunderten Neumitgliedschaften wird berichtet. Hält die Euphorie an, könnte er die SPD endlich auch ein Stück aus dem Umfragekeller ziehen. Problem: Ein Stück reicht nicht, um eine echte, belastbare Machtoption zu haben. 2013 holten die Genossen 25,7 Prozent. Selbst davon ist man in den Umfragen derzeit noch ein paar Punkte entfernt.

Überhaupt ist ungewiss, wie nachhaltig ein möglicher Aufschwung wäre. Verpufft das Überraschungsmoment schnell wieder, werden sich auch die sozialdemokratischen Zweifler schnell wieder zu Wort melden. Eine Hausmacht in der SPD hat Schulz nicht - das könnte in diesem Fall zu einem echten Problem werden.

Vorteil Merkel

Erfahrung

Wo soll man anfangen? Angela Merkel hat eine gelähmte Partei wieder auf Vordermann gebracht, anfangs als Übergangslösung verspottet, bringt sie es inzwischen auf 16 Jahre an der CDU-Spitze. Sie hat Kontrahenten ausgestochen, sich unersetzbar gemacht.

Seit 2005 ist sie Kanzlerin. Sie hat mal mit der SPD, mal mit der FDP regiert - und beide zusammengeschrumpft. Finanz-, Euro- und Flüchtlingskrise haben sie genauso gestählt wie der Umgang mit den Putins und Erdogans dieser Welt. Das US-Wirtschaftsmagazin "Forbes" kürt sie seit Jahren in schöner Regelmäßigkeit zur "mächtigsten Frau der Welt".

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Schulz ist ein alter Hase im Geschäft - und doch ein Neuling. Elf Jahre war er Bürgermeister seiner Heimatstadt Würselen, mehr als 20 Jahre hat er Politik in Brüssel gemacht. Aber jetzt kommt Berlin. Und bundespolitisch hat Schulz bisher keine Rolle gespielt.

Das kann ein Pluspunkt sein für den Wahlkampf. In der SPD hofft man, dass die Wähler in ihm ein unverbrauchtes Gesicht sehen. Aber: Er wird sich tief in Themen wie Rente, Haushalt und Länderfinanzausgleich eingraben müssen, um gegen einen erfahrenen, detailversessenen Profi wie Merkel im direkten Duell bestehen zu können.

Vorteil Merkel

Überzeugungen

Wofür steht Angela Merkel eigentlich? Diese Frage haben sich auch Parteifreunde schon häufiger gestellt. Einst trat sie als Radikalreformerin an, heute ist Merkels Pragmatismus gefürchtet. Sie hat die CDU modernisiert, ihre konservativen Kritiker sagen: entkernt. Fakt ist: Ihre Beweglichkeit hat der Partei Erfolg gebracht.

In der Flüchtlingskrise erlebten die Menschen eine neue Seite der Kanzlerin. Sie ließ Tausende Flüchtlinge, die in Ungarn festsaßen, einreisen, verteidigte ihre Entscheidung als "humanitären Imperativ". Der Satz "Wir schaffen das" wurde zu ihrem Leitmotiv - und zur Provokation für ihre Kritiker.

Auch wenn sich Merkel inzwischen von dem Drei-Wort-Slogan verabschiedet und die Flüchtlingspolitik nach und nach verschärft hat - viele Beobachter haben den Eindruck, dass Merkel in jenen Herbstmonaten 2015 zum ersten Mal aus einer tiefen, inneren Überzeugung handelte.

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Schulz ist "Mister Europa" - ein leidenschaftlicher Kämpfer für das europäische Friedenswerk. Die EU bleibt ein Thema, aber ein Wahlkampfschlager ist sie sicher nicht. Also was noch?

In der SPD gehört Schulz zu den Pragmatikern. Bei seinen ersten Auftritten betonte er, die soziale Gerechtigkeit zu einem zentralen Thema machen zu wollen. Das aber ist Pflichtprogramm für Sozialdemokraten. Stärker wirkt seine Kampfansage an Rechtspopulisten und Rechtsradikale. Schon in Brüssel fand Schulz stets klare Worte gegen die Feinde der Demokratie, warf auch mal einen Rassisten aus dem Parlament. Angesichts der polarisierten Gesellschaft und einer starken AfD wird er als Kanzlerkandidat ausreichend Gelegenheit haben, Klartext zu reden.

Wobei Schulz aufpassen muss, nicht zu überdrehen: Schließlich hat die AfD auch in der SPD-Wählerschaft gewildert, und die abtrünnigen Wähler könnte man dort gut gebrauchen.

Unentschieden

Persönlichkeit

Merkels Erfolg ist bekanntermaßen nicht auf ausgeprägtes Charisma oder furiose Reden zurückzuführen. Sie steht für Bescheidenheit, Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit, kommt niemals polternd daher, sondern stets abwägend. Gerade weil sie so unaufgeregt regierte, haben die Wähler ihr in der Vergangenheit vertraut. Dieses Vertrauen aber hat Merkel in den Augen mancher in der Flüchtlingskrise zumindest teilweise verspielt.

Der Glamour-Faktor beschränkt sich bei der Kanzlerin auf den Gang über den roten Teppich bei den Bayreuther Festspielen. Da wird sie dann auch von ihrem Ehemann Joachim Sauer begleitet, der die Bühne ansonsten tunlichst meidet. Merkel lässt nur ungern Einblicke in ihr Privatleben zu - es sei denn, es ist Wahlkampf. Dann erfährt man auch mal, dass sie daheim beim Kuchenbacken mit den Streuseln knausert.

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Auch aus Schulz wird kein Barack Obama mehr. Wie die Kanzlerin strahlt er keinen Glanz aus, sondern eine Bodenständigkeit, die seine Biografie spiegelt. Rheinländer, Schulabbrecher, Fußballnarr, Buchhändler, offen spricht er heute über seine einstige Alkoholsucht.

Aber: Aus dem Mann aus Würselen ist eine Art Weltbürger geworden, er spricht fünf Sprachen, hat aus seiner Zeit in Brüssel Kontakte in alle Ecken der Erde. Und vor allem: Schulz hat Leidenschaft, er brennt für die Politik, für den Streit. Und er kommt viel weniger spröde daher als Merkel.

Um sich als Alternative zur Amtsinhaberin zu positionieren, mag das ein Vorteil sein. Aber haben die Menschen auf so einen wie Schulz gewartet? Auch Gabriel attestierte man schließlich Kampfesmut - genutzt hat es nicht.

Vorteil Schulz

Wahlkampf

Wie dargelegt: Merkel ist nicht als Menschenfängerin bekannt. Wer unter Bluthochdruck leidet, dem sei zur Therapie der Besuch einer Kanzlerinnen-Kundgebung empfohlen.

Aber es hat bei drei Wahlen ja funktioniert. Die Menschen erwarten von Merkel keine rhetorischen Wunderwerke. Ein bisschen mehr Leidenschaft ist in diesem Jahr aber angebracht, die Einlulltaktik der vergangenen Jahre dürfte diesmal nicht verfangen. Die CDU-Chefin hat das selbst schon erkannt, ihre Strategen im Adenauer-Haus versprechen für den Wahlkampf Herz und Härte.

Die Frage ist nur: Kann Merkel das?

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Er kann Wahlkampf, daran zweifelt niemand. Seine Angriffslust wird er hier voll ausspielen - wobei er genau weiß, wann er zurückschalten muss. Schulz beherrscht auch die leisen Töne. Fettnapf-Alarm wie bei Peer Steinbrück ist unwahrscheinlich.

Gabriel erklärte seinen Verzicht auch damit, dass Schulz nicht für die Große Koalition stehe. Tatsächlich muss der Kandidat persönlich wenig Rücksicht auf den Partner nehmen - auch wenn die Union für alles, was Schulz sagt, die SPD als Ganzes in Haftung nehmen wird. Schulz ist nicht in die Kabinettsdisziplin eingebunden, sitzt aber auch nicht im Bundestag - die direkte Konfrontation mit der Amtsinhaberin kann er dort also nicht suchen.

Und: Schulz muss erst einmal Fuß fassen auf dem Berliner Parkett (siehe: Erfahrung). Er muss sich einarbeiten, er braucht ein Team, er braucht den Rückhalt von Partei und Fraktion.

Vorteil Schulz

 

Meinungskompass

Fazit

Schulz gegen Merkel. Das kann ein spannendes Duell werden. Die Ausgangslage spricht eindeutig für die Kanzlerin, da hilft auch die sozialdemokratische Erleichterung nach Gabriels Befreiungsschlag nicht. Angela Merkel verfällt nicht in Angststarre, weil die SPD im Umfragekeller einen Kanzlerkandidaten benennt. Egal, wie er heißt.

Aber Schulz kann ein unbequemerer, ein unberechenbarerer Gegner sein als Gabriel. Wenn es dem Kämpfer Schulz gelingt, die Anfangseuphorie beizubehalten und unfallfrei durch die ersten Wochen und Monate seiner Kandidatur zu kommen, dann könnte er der Kanzlerin gefährlich werden. Holt die SPD langsam aber sicher in den Umfragen auf, wird das die Union nervös machen.

Nur: Mal eben die deutsche Sozialdemokratie zu retten, ist eine gewaltige Aufgabe. Zumal er ja Anfang März auf einem Sonderparteitag auch noch zum Vorsitzenden gewählt werden soll. Und bis zum Herbst stehen noch drei Landtagswahlen an, Misserfolge werden dann beim neuen Parteichef abgeladen.

Die Erwartungen an Schulz in der SPD sind groß - das Risiko zu scheitern ist es auch.

Im Video: Martin Schulz in Zahlen

REUTERS

Fotos: dpa, Getty Images



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 207 Beiträge
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Seite 1
khwherrsching 26.01.2017
1. Keiner
der beiden Kandidaten ist ernsthaft in der Lage, Deutschland in schwierigen Zeiten erfolgreich in die Zukunft zu führen.
dhanz 26.01.2017
2. Frage
Müsste das nicht eher "der Kandidatenschreck" heißen?
Semmelbroesel 26.01.2017
3. Die Kandidaten...
...sind doch eigentlich wurscht. Das Wahlprogramm sollte im Vordergrund stehen. Obwohl ich weder Union,noch SPD wählen würde, denke ich schon, dass die SPD hier einen Vorteil haben wird.
eigene_meinung 26.01.2017
4.
Ich könnte auf beide gerne verzichten.
paula_f 26.01.2017
5. ganz einfach - das Programm der SPD
sollte sich gegen: Geheimverhandlungen, private Schiedsgerichte in allen wichtigen Lebensbereiche - also gegen TTIP TISA und CETA wenden, für mehr Energiewende mehr Unabhängigkeit von Öl und Gasimporten , keine Waffen in Krisengebiete, fairer Handel mit Afrika, weniger Macht für internationale Konzerne, mehr Geld für Schulen und Ausbildung, mehr Geld für junge Familien, gerechtere Steuern für Familien - nur so unterscheidet sich die SPD von der CDU und nur so wird sie wieder mehr Wähler haben.
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