SPD-Kanzlerkandidat Schulz im Aufwind "Das ist ja kein Selbstbesäufnis"

Das Bohei um SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz ist kaum zu fassen. In der Union schwankt man zwischen Nervosität und demonstrativer Gelassenheit. Erfahrene Genossen spüren ein gewisses Unbehagen.

Von und , Saarlouis


Nur eine Frau schert an diesem Freitagnachmittag aus. "Ich muss zur Bank, das ist wichtiger", ruft sie ihrem Mann zu, als sich der Schulz-Pulk durch die Fußgängerzone von Saarlouis wälzt. Dutzende Menschen haben sich um den Kanzlerkandidaten der SPD versammelt: Sie klagen, dass sie nichts sehen können, drängen sich Richtung Mitte ("Ich will auch mal Hallo sagen") - und wer es geschafft hat, sagt, was Politiker selten zu hören bekommen: "Ich wünsche Ihnen alles Gute."

So geht das ja nun schon seit Tagen. Egal, wo Martin Schulz hinkommt - die Leute sind aus dem Häuschen. Schulz selbst hat neulich einen Vergleich mit Barack Obama gewagt, als er darauf hinwies, dass auch der ehemalige US-Präsident vor seiner Wahl ins Weiße Haus keine Regierungserfahrung vorzuweisen hatte. Das sollte ein Spaß sein, denn der Mann aus Würselen weiß ziemlich genau, was ihn von Obama unterscheidet.

Aber natürlich macht das etwas mit ihm, was da gerade passiert. 50 Prozent zu 34 Prozent in der Kanzlerfrage gegenüber Amtsinhaberin Angela Merkel, wie es die Meinungsforscher von Infratest dimap gerade gemessen haben - ein erstaunlicher Wert. Dazu in der Sonntagsfrage ein Plus von acht Prozentpunkten für die SPD. Gleichzeitig treten so viele Menschen in die SPD ein, wie lange nicht mehr: Allein online waren es seit der Ausrufung von Schulz als Kanzlerkandidat vor eineinhalb Wochen schon mehr als 3200, hinzu dürften Hunderte Neumitglieder in den Parteigliederungen kommen, die noch nicht zentral erfasst sind. Und dann ist da noch der Schulz-Hype im Internet.

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SPD-Kanzlerkandidat Schulz: Treue Genossen

Manchem erfahrenen Strategen im Willy-Brandt-Haus ist das inzwischen ein bisschen viel. Denn natürlich fühlen sich positive Nachrichten gut an für die Genossen. Aber bergauf geht es bisher eben nur gefühlt: Umfragen gewinnen keine Wahl - und bis zur tatsächlichen Bundestagswahl sind es noch knapp acht Monate.

Der Kanzlerkandidat persönlich hat anfangs der Woche dran erinnert, dass so ein Wahlkampf eher einem 10.000-Meter-Lauf ähnelt als einem Sprint. Zumal wenn die Gegnerin Angela Merkel heißt. Die bewegt sich nach bald zwölf Jahren im Kanzleramt eher im Modus einer Marathonläuferin.

"Ich bin skeptisch, dass die SPD diese Werte langfristig halten kann", sagt der Berliner Politikwissenschaftler Oskar Niedermayer. Inwieweit der positive Trend nachhaltig sei, könne man frühestens nach rund zwei Monaten sehen, sagte er der "Rheinischen Post".

Warum ist Schulz so populär?

Andererseits scheint an Schulz doch irgendetwas zu sein, das viele Bürger anspricht. Ist es das, was er anders macht als CDU-Chefin Merkel? Seine klarere Sprache, seine Volkstümeligkeit? Oder ist da bei den Leuten schlicht der Wunsch nach Veränderung?

So jedenfalls sieht es der erfahrene Wahlkampfstratege und SPD-Kenner Frank Stauss. "Die Zahlen zeigen schon, dass es offenbar die Sehnsucht nach etwas Neuem gibt." Merkel habe dem Land "viel gegeben, aber die Umfragen sprechen dafür, dass sie aus Sicht der Bürger nichts mehr zu bieten hat", sagte er dem SPIEGEL. "Das ist ja kein Selbstbesäufnis der SPD, sondern die Stimmung in der Bevölkerung." Stauss sagt: "Die Kanzlerin steht für Stabilität, Schulz für Aufbruch. Wenn sich die Aufbruchstimmung durchsetzen sollte, wird das schwer für sie."

IM VIDEO: Reportage aus Schulz' Heimatort Würselen

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Aber wird die aktuelle Stimmung anhalten? In der Union hoffen sie natürlich auf das Gegenteil. CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer sagt: "Der Kandidat Schulz hat noch überhaupt nichts Konkretes gesagt." Sobald sich das ändere, sagte Scheuer dem SPIEGEL, "wird auf den Rausch schnell ein ernüchternder Kater folgen". Auch sein CDU-Kollege Peter Tauber weist darauf hin, dass Schulz bisher eben inhaltlich noch keine Angriffsfläche biete, CDU-Präsidiumsmitglied Jens Spahn spricht sogar von "viel heißer Luft".

Das erinnert allerdings auch ein bisschen an den Grünen-Politiker und damaligen Außenminister Joschka Fischer, der im Bundestagswahlkampf 2005 der Oppositionschefin und Kanzlerkandidatin Merkel entgegenschleuderte, ihre Umfragen erinnerten ihn an "ein wunderbar anzuschauendes Soufflée im Ofen - werden wir mal sehen in den letzten drei Wochen". Zwar verlor Merkel tatsächlich noch einige Prozentpunkte, zur Kanzlerschaft reichte es am Ende aber dennoch.

Steinbrück und Steinmeier als Negativbeispiele

Und in der SPD erinnert man sich natürlich an die vorigen beiden Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier, die ebenfalls in prima Stimmung und mit sehr ordentlichen Umfragen in den Wahlkampf starteten - auch hier mit keinem gutem Ausgang für die Sozialdemokraten. Andererseits: Schulz ist kein so schlechter Wahlkämpfer wie Steinmeier, und er wird sich wohl keine Patzer wie Steinbrück erlauben. Zudem ist Merkels Position in der Union und der Bevölkerung längst nicht mehr so unangefochten wie 2009 und 2013.

CDU-Präsidiumsmitglied Spahn fordert deshalb Einigkeit von der Union: "Mit der Geschlossenheit kommt der Erfolg." Dazu passt, dass CSU-Chef Horst Seehofer seine Angriffe gegen Merkel eingestellt hat und sich wieder um ein einträchtigeres Bild der Unionsparteien bemüht: Am Montag soll die CDU-Vorsitzende in einer Präsidiumssitzung mit der CSU zur gemeinsamen Kanzlerkandidatin ausgerufen werden.

Die nächste Umfrage kann kommen.



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Methode "Deutschlandtrend"

  • Grundgesamtheit: Wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland ab 18 Jahren
  • Fallzahl: 1006 Befragte, Sonntagsfrage: 1506 Befragte
  • Erhebungszeitraum: 30.1. bis 31.1.2017, Sonntagsfrage 30.1. bis 1.2.2017
  • Erhebungsverfahren: Telefoninterviews (CATI)
  • Stichprobe: Repräsentative Zufallsauswahl/Dual Frame

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insgesamt 137 Beiträge
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radamriese 03.02.2017
1. das gibt sich. ER ist neu.Und kann gut reden
Programm?? Kein Wort davon. Mal sehen wie es in 2 Monaten aussieht
scrabyard 03.02.2017
2. Veränderung
Die Leute, gerade die jungen wollen Veränderung und bei diesen Leuten steht soziale Gerechtigkeit hoch im Kurs. Vielleicht kann die SPD mit Martin Schulz auf diesem Gebiet wieder Punkten. Für den inneren Frieden wäre es zu wünschen.
Bondurant 03.02.2017
3. Widerspruch
Seine klarere Sprache, seine Volkstümeligkeit? Volkstümlich mag er sprechen, klar ist aber was anderes.
SigismundRuestig 03.02.2017
4. Merkel abgewirtschaftet!
Im Gegensatz zu Schulz hat Merkel abgewirtschaftet. Und im übrigen hat die Union noch gar keinen Kanzlerkandidaten gekürt. Das scheinen manche Politiker (z.B. die unsägliche Frau Klöckner) und manche Medien ob ihres Furors bei ihrer Kritik über die einerseits angeblich quälend lange SPD-Kandidatenfindungsprozedur, andererseits über die angebliche Sturzgeburt ganz übersehen zu haben! Aus Sicht der fast sprachlosen Union: gemeines Drehbuch der SPD! Und im übrigen: nach der Wahl ist vor der Wahl: http://youtu.be/0zSclA_zqK4 Viel Spaß beim Anhören! Nebenbei bemerkt: Die Medien scheinen nicht nur über den peinlichen Kanzlerkandidatenfindungsprozess der Union gütig hinweg zu sehen, sondern auch über den Prozess der Nachfolgeregelung von Seehofer in der CSU. Dagegen war das bei der SPD fast so friedlich und geräuschlos wie eine Papstwahl. Und noch dazu für 5 Führungspositionen auf einmal! Chapeau, SPD! Und da möge nochmal jemand behaupten, die Medien ständen mehrheitlich links. Das Gegenteil ist der Fall, wie auch diese Beispiele wieder zeigen! Übrigens: Gabriel ist zurückgetreten, um dem Land und der Partei zu dienen. Die letzten Rücktritte von CDU- bzw. CSU-Ministern (Guttenberg, Schavan, Friedrich, Haderthauer) erfolgten wegen Skandalen und/oder Verfehlungen. Wie dieser Prozess in der CSU aussieht, kann man derzeit am Bayern-Ei-Skandal ablesen! PS: Und was man so hört, wird die CSU Frau Merkel zur Kanzler-Kandidatin auf (Obergrenzen-)Abruf küren! Und wenn einzelne Wadl-Beißer von der Union jetzt erschrocken kritisieren, dass Schulz inhaltlich noch gar nicht viel zum Besten gegeben habe (außer heißer Luft: aufpassen, Herr Spahn, dass Ihnen nicht zu warm wird!): im Vergleich zur Kanzlerin war Schulz bisher auch inhaltlich furios!
mps58 03.02.2017
5. Heißluftballon
Schulz kommt mir vor wie ein Heißluftballon, nur durch stetes Nachführen von heißer Luft gelingt es ihm, aufzusteigen. Heißluftballone haben verglichen mit anderen Fluggeräten allerdings auch eine geringe Reichweite.
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