Martin Schulz im Tonstudio "Ja, Leute, habt ihr sie noch alle?"

Für einen Wahlkampfspot musste Martin Schulz als Kanzlerkandidat reden, wie er eigentlich nicht spricht - bis die Nerven blank lagen. Ein Auszug aus dem neuen Buch "Die Schulz-Story" von Markus Feldenkirchen.

Getty Images

Der Kandidat läuft durch die Räume der Slaughterhouse GmbH, einer Firma, die sich auf Nachbearbeitungen von Filmen und Videos spezialisiert hat. Es ist einer jener hippen Berlin-Mitte-Orte, die Martin Schulz kulturell eher fremd sind. Was an diesem 7. August nun folgt, ist, zumindest aus seiner Sicht, der unsinnigste Termin der gesamten Kampagne.

Es geht um seine beiden Wahlkampfspots, die bald im Fernsehen rauf und runter laufen werden. Schulz soll sie sich noch einmal anschauen. Im ersten Film sieht man die Aufnahmen vom Dreh an der Museumsinsel, am Ende sagt der Kandidat seinen Satz in die Kamera: "Mehr Gerechtigkeit, das ist es, was ich erreichen will. Eine Zukunft, auf die man sich freuen kann." Man habe nur den Himmel blauer gemacht, erklärt Agenturchef Karpinski. Und hinten ein wenig sonniger. "Sehr schön", sagt Schulz, als der Film gelaufen ist. "Ich find das toll."

Dann der zweite Spot, in dem niedliche Kinder herumtoben und zu dessen Beginn Schulz aus dem Off sagt: "Manche behaupten ja, Gerechtigkeit sei heute kein Thema mehr." Und dann weiter: "Wenn dem so ist, warum ist dann eines der ersten Dinge, die wir unseren Kindern beibringen, gerecht zu teilen?" So geht es weiter, es ist ein schöner, berührender Film geworden. "Schon sehr emotional", sagt Schulz, als er ihn gesehen hat. "Bärenstark!"

"Ein bisschen freundlicher vielleicht"

Dann erklärt ihm Karpinski, warum er noch einmal in die Räume der Produktionsfirma kommen sollte. Es geht um ein einziges Wort in diesem Spot. Das erste. Schulz habe es bei der Aufnahme vor vier Wochen leider rheinisch ausgesprochen: "mansche Menschen" statt "manche Menschen". Der Wunsch, das nun zu korrigieren, stammt nicht nur von Karpinski, sondern auch aus dem Willy-Brandt-Haus. Schulz hält das für Humbug, fügt sich aber und verschwindet im Tonstudio.

Er spricht den Satz, einmal, zweimal, dreimal, achtmal. Das "Manche" mag jetzt phonetisch korrekt sein, aber es klingt gekünstelt. Man merkt ihm an, dass er so nicht spricht.

"Ein bisschen freundlicher vielleicht", sagt Karpinski vor der Glasscheibe am Mischpult. Weiter geht's, wieder zehn Mal derselbe Satz.

"Da waren jetzt wieder ein paar ›'Mansche'‹ drin", mahnt Karpinski durch die Sprechanlage.

"Ja, kann ich ja nichts für", murrt Schulz.

"Sie können auch ›'einige'‹ sagen", bietet Karpinski an, aber Schulz will bei "manche" bleiben. Wieder zehn Versuche.

"Zu sachlich. Und etwas mehr Druck. Und was freundlicher", sagt Karpinski. "Da fehlt Druck. Mehr Selbstbewusstsein. Etwas lauter, druckvoller."

"Wisst ihr was, Leute", sagt Schulz aus seinem Tonstudio. "Lasst das mit dem '›Mansche‹'. Das interessiert da draußen keine Socke. Die alte Aufnahme war gut. Ich bin halt so. Ich sprech so."

Er möge ihnen noch eine Chance geben, bittet der Agenturchef. Vielleicht noch vier-, fünfmal hintereinander solle er den Satz sagen. Also weiter. "Da waren jetzt in der Mitte wieder zwei oder drei ›'Mansche'‹", korrigiert Karpinski, als Schulz weitere zehnmal seinen Satz gesagt hat. Alle sind latent genervt. Der Agenturchef, weil Schulz es nicht wie gewünscht hinbekommt, Schulz, weil er jetzt gefühlt hundertmal "manche" sagen musste. Der Techniker, weil er all das mitschneiden muss.

Der Kandidat verlässt das Tonstudio und kommt in die Regie. "Freunde, lasst doch den Text mit ›'mansche'‹. Das ist doch scheißegal!"

Nein, jetzt wolle er auch perfekt sein, widerspricht Karpinski. "Den Ehrgeiz hab ich nun mal."

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"Zur Perfektion gehört AUTHENTIZITÄT", ruft Schulz. Zum Glück komme in dem Text nicht auch noch das Wort "warte" vor, frotzelt einer aus seinem Team. "Du bist entlassen", kontert Schulz.

Dann scheint man eine gute Version gefunden zu haben. "Ja, was wollt ihr denn?", fragt Schulz. Aber dann fällt dem Tontechniker auf, dass Schulz' Stimme vor vier Wochen tiefer gewesen ist, vielleicht weil man die Aufnahme damals am Morgen gemacht habe. Es gebe Unterschiede zwischen einer Morgen- und einer Nachmittagsstimme. Er würde gerne noch mal aufnehmen.

Am Ende hat das neue "Manche" eine gute Stunde gekostet

"Also ich bin jetzt ehrlich gesagt bestürzt, warum wir wegen dieser einen Mini-Sache da…", sagt Schulz. "Ich mein, ich hab diese Sprachfärbung. Datt hört jeder." Er spricht jetzt bewusst sehr rheinisch. "Ich mein, watt habt ihr denn?"

"Können wir jetzt vielleicht noch zehnmal ›'manche'‹ sagen und ein paar ›'einige'‹"?, fragt Karpinski.

"Worin besteht das große Problem?", erwidert Schulz. "In diesem ›'Mansche‹'?" Karpinski nickt.

"Ja, Leute, habt ihr sie noch alle? Was glaubt ihr denn, wer da hinhört?"

"Das läuft jetzt schon ein paar Mal im Fernsehen."

"Ja und? Mir ist es nicht aufgefallen." Er läuft erneut ins Studio, schlägt die Tür hinter sich zu und probiert es noch ein paarmal. Dann wird geschnitten und gefummelt. Die Lösung besteht schließlich darin, dass ein neu aufgenommenes "Manche" in die "Morgenstimme" von vor vier Wochen geschnitten wird.

"Na bitte schön!", sagt Schulz, für seine Verhältnisse fast sarkastisch. "Haben wir das auch geschafft." Am Ende hat das neue "Manche" eine gute Stunde gekostet.

Ein paar Tage später muss er ein weiteres Mal ins Studio, diesmal wegen eines Grammatikfehlers. Der zweite Satz begann bislang mit: "Wenn dem so ist…", korrekt muss es aber heißen: "Wenn dem so wäre, warum ist dann eines der ersten Dinge, die wir unseren Kindern beibringen, gerecht zu teilen?" Aufgefallen war der Fehler nur Schulz' Experten für innere Sicherheit.

Um diesen Spot ging es:



insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
diewespe 28.03.2018
1. Er hat ja so wahr
388 Aufrufe des YouTube-Films unterstreichen die Relevanz.
angst+money 28.03.2018
2. Der Ärmste
Sein 'ch' wirkte doch eh immer so aufgesetzt - zumal es ihm oft auch rausrutschte wo eigentlich ein 'sch' hingehörte - dass wir ihn nur noch Chultz' nannten. Opfer einer Gattung, die ein paar Berliner mal so besangen: "We are the engineers, we call ourselves 'producers'..."
derruss 28.03.2018
3. Lag es wirklich an „mansche“?
Ich frage mich eher, wo die selbstgelobte soziale Gerechtigkeit in Schulz‘ Kampagne war.
mirage122 28.03.2018
4. Kaufen oder nicht?
Hat Herr Schulz uns wirklich etwas zu sagen? Sein Problem war vielleicht tatsächlich, dass er zu wenig schauspielerisches Talent hat - wie die scheinbar professionellen Sprachaufnahmen zeigen. Da sind andere Politiker wesentlich besser im Rennen - auch wenn sie gar nichts von sich geben. Aber interessieren tut mich das Buch schon, immerhin hat er doch eine Menge mit gemacht in dem einen Jahr!
drent 28.03.2018
5. Der schlichte Wähler
lernt daraus, wie ungemein gehaltvoll das Labern und Sichdarstellen der Politgrößen in Wirklichkeit ist. Drittklassiges Theater.
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