Möglicher SPD-Kanzlerkandidat in Berlin About Schulz

Altkanzler Schröder sieht Martin Schulz' Zukunft in Brüssel, seine Biografin hält ihn für eine Art EU-Superman. Und was will Schulz? Der mögliche SPD-Kanzlerkandidat weiß es wohl selbst noch nicht genau.

Die Genossen Schröder, Schulz
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Die Genossen Schröder, Schulz

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Der Kanzler a.D. redet nicht lange drum herum. So wie man das von Gerhard Schröder kennt. Er ist an diesem Freitag ins Berliner Rote Rathaus gekommen, um eine Laudatio auf Martin Schulz zu halten. Und natürlich sind jetzt alle gespannt darauf, ob der frühere SPD-Regierungschef und -Vorsitzende etwas über die Ambitionen seines Genossen sagen wird, die dieser Tage Partei und Öffentlichkeit beschäftigen: Wird Schulz die SPD in die kommende Bundestagswahl führen?

Ja, Schröder kommt im prächtigen Rathaus-Wappensaal direkt auf die Ambitionen von Schulz zu sprechen. Aber nicht darauf, was dieser sich vielleicht in Berlin ausrechnet - sondern auf Schulz' weitere Perspektiven in Brüssel und Straßburg: "Alle Parteien wären gut beraten, wenn er das Amt über 2017 hinaus ausüben kann", sagt er. "Es gibt keinen Besseren."

Keinen besseren Präsidenten des Europaparlaments, meint Schröder. Schulz' Amtszeit als Chef der EU-Volksvertreter läuft Ende des Jahres aus, die Fortsetzung seiner Präsidentschaft ist offen.

Schulz und der Plan B

Kenner der EU-Szene sagen sogar, die Chancen auf eine weitere Amtszeit seien gering. Und dass Schulz deshalb nach einem Plan B als Spitzenpolitiker suche, der zunächst mal die SPD-Kanzlerkandidatur zum Ziel hat. Das kann er allerdings auch nur deshalb, weil Parteichef Sigmar Gabriel über seine weitere Karriereplanung noch nicht entschieden hat. Denn der Vizekanzler und Wirtschaftsminister hat den ersten Zugriff auf die Kanzlerkandidatur.

Aber wie gesagt, wenn es nach Gerhard Schröder geht, ist die Sache eh klar. Schröder hält unter dem mächtigen Kronleuchter im Wappensaal nicht so sehr eine Laudatio für den diesjährigen Träger des Heinrich-Albertz-Friedenspreises, gestiftet von der Arbeiterwohlfahrt, sondern ein flammendes Plädoyer für den Europapolitiker Schulz. Schröder skizziert eindrucksvoll die bedrohliche Lage auf dem Kontinent, die für ihn nur einen Schluss zulässt: Schulz ist auf seinem Posten unersetzlich. "Ich hoffe, dass das Europaparlament weiß, was es zu tun hat", sagt Schröder.

Dabei dürfte der letzte SPD-Kanzler ganz genau wissen, dass es so einfach eben nicht ist. Die Konservativen im Europa-Parlament pochen bisher auf die Zusage, ab 2017 den Parlamentspräsidenten stellen zu dürfen. Aber weil Schröder ja auch die Ungeduld und Disziplinlosigkeit seiner Partei kennt, ist es wohl dennoch klug von ihm, sich so aus der Affäre zu ziehen.

Wenn man ihn nach der Preisverleihung auf die Kanzlerkandidatenfrage anspricht, lächelt er nur spöttisch und kneift dann mit den Fingern Ober- und Unterlippe zusammen. "Schnauze halten", soll das heißen.

Aber ob seine Partei das beherzigt? Die Rufe nach Schulz als Kanzlerkandidat sind da, vor allem nach einer rascheren Entscheidung der K-Frage. In einer ersten Umfrage dazu schnitt Schulz deutlich besser ab als der Parteichef. Schröder befürwortet offenbar Gabriels Kandidatur, vor allem aber dürfte ihm klar sein, dass die SPD jetzt vor allem eines nicht braucht: Panik. Ansonsten könnte er am Ende wohl auch mit Schulz als Kanzlerkandidat leben oder dem Hamburger Regierungschef Olaf Scholz, den man bei einem Verzicht Gabriels weiterhin auf der Rechnung haben sollte.

Schulz-Biografie: "Vom Buchhändler zum Mann für Europa"

Aber ist Martin Schulz nicht doch ein bisschen enttäuscht, weil Schröder ihn bloß als EU-Mann gepriesen hat - nicht aber als möglichen Kanzlerkandidaten? Die Frage kann man ihm persönlich stellen, denn vom Roten Rathaus geht es an den Schiffbauerdamm zum Börsenverein des Deutschen Buchhandels, wo Schulz und seine Biografin am frühen Freitagnachmittag den Band "Martin Schulz - vom Buchhändler zum Mann für Europa" vorstellen. Also? "Dass Gerhard Schröder über meine europapolitischen Verdienste geredet hat bei der Verleihung eines Friedenspreises, hat eine gewisse Logik", so sieht das Schulz. Mehr will er dazu nicht sagen.

Seine Biografin Margaretha Kopeinig redet auch nur über den Parlamentspräsidenten Schulz. Sie ist Österreicherin und EU-Expertin, vielleicht ist ihr deshalb die deutsche Innenpolitik gleich. Kopeinig scheint außerdem ziemlich begeistert von Schulz zu sein, jedenfalls plaudert sie mit ihm über die Herausforderungen der Europäischen Union, als sitze da neben ihr der EU-Superman. Am Ende sagt Schulz: "Ich danke Ihnen."

Aber was ist denn nun mit der möglichen Kanzlerkandidatur? "Nö, im Familienrat haben wir darüber noch nicht gesprochen", sagt Schulz auf eine entsprechende Frage. Seine Chancen auf eine Verlängerung im Präsidentenamt will er nicht taxieren, da ist die Antwort nichtssagend. Aber gewappnet für Aufgaben in der deutschen Politik hält er sich dann wohl doch. "Ich bin, glaube ich, das aktuell dienstälteste Mitglied des SPD-Präsidiums", sagt er.

So geht das hin und her.

In Wahrheit weiß Martin Schulz wohl selbst noch nicht, was er will. Und es ist ja auch gar nicht klar, ob es für ihn überhaupt etwas zu entscheiden gibt. Am Ende könnte Gabriel sich für die Kanzlerkandidatur entscheiden - und Schulz' Präsidenten-Job ebenfalls futsch sein.

Aber Schulz ist Rheinländer, das hilft gegen Trübsinn. Und er war so tief unten, dass seine bisherige Karriere auch ihm selbst mitunter wie ein kleines Wunder erscheint: Schulz hat keinen Schulabschluss, nach einem Sportunfall war er dem Alkohol verfallen. "Ich bin schon stolz auf meinen Weg", sagt er. Mal sehen, was noch kommt.

insgesamt 44 Beiträge
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stranzjoseffrauss 14.10.2016
1. Lauterbach
sollte Kanzlerkandidat werden.
spiegelobild 14.10.2016
2. Wahlkampf hat begonnen
Jetzt wird Schulz in den Medien aufgebaut. Zwar hat er als Mr. Europa seinen Anteil daran, dass mit GB das zweiwichtigste Land die EU verlassen hat, aber was interessieren hier Fakten. Welche Kompetenzwerte er in der Bevölkerung erzielt, ist meines Wissens noch nicht ermittelt worden. Ist auch egal, wer die Wahlen für die SPD verliert
womo88 14.10.2016
3. Schukz kann nur verlileren ...
Soll er lieber den Dicken mal machen lassen. Der Dicke hat`s seit 3 Jahren versiebt; soll der auch die Niederlage einfahren und danach dann den Parteivorsitz räumen. Ich werde erstmals LINKS wählen mit 60 Jahren.
franz.v.trotta 14.10.2016
4.
Schröder ist ein intelligenter Mann, der weiß, was er sagt.
mijobi 14.10.2016
5. @ #1 Full ACK
Meine volle Zustimmung. Total uneitler, sympathischer und fachlich kompetenter Politiker. Einer der ganz wenigen. Ich bin mir nur nicht sicher ob er da dabei wäre.
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