SPD-Kanzlerkandidat im Osten Jenseits von Würselen

Der SPD-Kanzlerkandidat Schulz wird bei seinen Auftritten gefeiert - nur in den neuen Ländern machte er zuletzt andere Erfahrungen. Nun musste sich der Mann aus Würselen im Leipziger Kunstkraftwerk beweisen.

Schulz im Leipziger Kunstkraftwerk
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Schulz im Leipziger Kunstkraftwerk

Aus Leipzig berichtet


Dieses selbstgebastelte Plakat gefällt Martin Schulz besonders gut: "Würselen ist überall". Schulz lässt es sich nicht nehmen, den Spruch allen im Leipziger Kunstkraftwerk vorzulesen. Weil es aus seiner Sicht die beste Antwort ist an all jene, die ihm den Job nicht zutrauen.

Sonntagnachmittag, die SPD hat zur ersten großen Veranstaltung mit ihrem Kanzlerkandidaten in den neuen Ländern geladen. Das ehemalige Kraftwerk der Leipziger Straßenbahnen ist so proppevoll, dass schon eine halbe Stunde vor Schulz' Auftritt die Brezeln ausgegangen sind. Der "Schulzzug", wie die SPD den Hype um ihren Spitzenmann im Internet ironisch bezeichnet, hat auch die sächsische Metropole erreicht.

"Steht für die alte Bundesrepublik"

Aber ist Würselen wirklich überall? Ein Teil der Schulz-Kritiker, vor allem natürlich die politische Konkurrenz, wirft dem Sozialdemokraten ja vor, nicht das Zeug zum Bundeskanzler zu haben, weil er direkt aus dem Rathaus der rheinischen Provinzstadt in die Europapolitik gewechselt ist. Schulz hält das für eine Mischung aus Provinz- und EU-Verachtung.

Aber es gibt noch eine spannende Frage: Funktioniert der Mann aus Würselen, einem Ort am äußersten Westen der Republik, auch im Osten?

Mancher hat daran Zweifel. So schrieb die Journalistin Sabine Rennefanz, geboren 1974 und aufgewachsen in Eisenhüttenstadt, in der "Berliner Zeitung" vor wenigen Tagen: "Würselen steht für die alte Bundesrepublik. Aber Würselen ist in allem das Gegenteil von Ostdeutschland, von anderen ländlichen Gegenden, in denen es keinen Arzt, keinen Laden, keine Arbeit für die Jugend gibt." Rennefanz meint: "Mit den Ostdeutschen scheint der Kandidat bisher wenig mehr als die gängigen Klischees zu verbinden, abgehängt, unzufrieden und ein bisschen zu blöd für die Demokratie."

Wenn man die Reaktion der rund 800 Gäste im Leipziger Kunstkraftwerk als Maßstab nimmt, wäre Rennefanz widerlegt. Schulz wird hier bei seiner gut einstündigen Rede genauso gefeiert wie vor einer Woche bei einer ähnlichen Veranstaltung in Lübeck - und wie es eigentlich bei all seinen Auftritten in den vergangenen Wochen der Fall war.

Gefeierter Kanzlerkandidat
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Gefeierter Kanzlerkandidat

Nicht einmal die Bemerkung, dass er an diesem Sonntag als Fan des 1. FC Köln traurig hierher gefahren sei - Köln unterlag dem örtlichen Fußballverein RB am Vortag deutlich - schmälert die Begeisterung der Zuhörer. "Leipzig hat aber auch verdient gewonnen", sagt Schulz unter zustimmendem Gelächter.

Leipzig ist natürlich auch eine besondere Stadt in den neuen Ländern, vielleicht die untypischste: international dank ihrer Messetradition, relativ wohlhabend durch große Arbeitgeber wie Porsche, historisch wegen der friedlichen Revolution 1989 - mehr Liberalität wird man wohl kaum finden in den neuen Ländern.

"Arbeiterverräter"

Aber selbst Leipzig hat auch noch ein anderes Gesicht: Am Mittwoch war Schulz schon einmal hier gewesen, dabei wurde der SPD-Politiker am frühen Abend mitten in der Innenstadt von Bürgern angepöbelt und unter anderem als "Volksverräter" beschimpft.

Noch direkter wurde er am Tag darauf in der Nachbarstadt Halle in Sachsen-Anhalt angegangen: Da gelang es einem aktenkundigen Rechtsradikalen bei Schulz' Besuch im Universitätsklinikum, in den Sicherheitsbereich vorzudringen und den Kanzlerkandidaten aus nächster Nähe als "Arbeiterverräter" zu titulieren und ihm allerlei andere Unflätigkeiten an den Kopf zu werfen.

Der SPD-Politiker setzte sein Programm ungerührt fort und tat die Vorfälle später ab, indem er auf rechtsradikale Gruppierungen verwies, die es auch im Westen gebe. Nur: Ähnliche Vorfälle bei Schulz' Auftritten der vergangenen Wochen in den alten Ländern sind nicht bekannt.

Schulz in Leipzig
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Schulz in Leipzig

Dabei wird es eine entscheidende Rolle im Kampf um das Kanzleramt spielen, wie die SPD im Osten abschneidet. Der Erfolg von Gerhard Schröder bei den Wahlen 1998 und 2002 war nur möglich, weil er die Sozialdemokraten zu deutlich besseren Ergebnissen in Ostdeutschland führte als nach der Wende. Nach Schröder hat es kein SPD-Kanzlerkandidat mehr vermocht, dort ähnlich erfolgreich zu sein - auch deshalb ist Angela Merkel seit nun bald zwölf Jahren Regierungschefin.

Kanzlerkandidat Schulz glaubt, dass er auch in den neuen Ländern ankommt. Als Beleg wird in der SPD darauf verwiesen, dass in den ostdeutschen Landesverbänden seit seiner Nominierung im Verhältnis sogar mehr Menschen eingetreten seien als im Westen.

"Darauf kann man richtig stolz sein"

Dass Schulz zuletzt Korrekturen an der Agenda 2010 angekündigt hat, dürfte im Osten besonders gut ankommen, weil hier die Arbeitslosigkeit insgesamt und vor allem unter Älteren deutlich höher ist als in den alten Ländern. Und auch sein Mantra vom Respekt für die "hart Arbeitenden", die mit ihren Einkommen gerade so über die Runden kommen, könnte zwischen Rügen und dem Thüringer Wald besonders verfangen.

Der "Leipziger Volkszeitung" hat Schulz gerade gesagt: "Ich bewundere bis heute, mit wie viel Mut und Energie die Ostdeutschen die Diktatur überwunden haben und mit welcher enormen Lebensleistung die Menschen die Umbrüche bewältigt haben. Darauf kann man richtig stolz sein."

Er wird in den kommenden Wochen und Monaten viel unterwegs sein in den neuen Ländern. Um zu beweisen, dass Würselen eben doch überall ist.



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